Asienhaus-Rundbrief 1/2005, 7.1.2005

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In Kürze:
1) Gedanken zur Flutkatastrophe
2) Erlassjahr.de: Tragfähige Lösung für Indonesiens Schuldenprobleme gefordert
3) Südasien - Ausgabe 2-3/04 zu (Natur-)Katastrophen 
4) Uni Bonn: Stellenausschreibung Südostasienwissenschaften
5) Südostasien und der 10. ASEAN-Gipfel
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ad 1) Gedanken zur Flutkatastrophe
siehe ausführlich als pdf-Datei: Niklas Reese - Entwicklungspolitische Gedanken zur Flutkatastrophe

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Das große Seebeben und die darauf folgende Flutkatastrophe in verschiedenen Ländern beherrscht nicht nur die Medien und die internationale Politik, sondern hat auch viel Mitgefühl und Hilfsbereitschaft mit den Opfern dieser Katastrophe hervorgebracht, mit den fast 200.000 Toten und fast zwei Millionen von Menschen, deren Lebensgrundlage zerstört worden ist. Was wir sehen ist so schockierend und bewegend zugleich. Umso wichtiger wird es sein, dass die jetzt zur Verfügung stehenden Geldmittel so eingesetzt werden, dass sie die Betroffenen erreichen, das Nothilfe geleistet vor allem aber langfristige Wiederaufbauprogramme in Gang gesetzt werden. 

Das Asienhaus in der kommenden Zeit die Entwicklung kontinuierlich verfolgen und in Zusammenarbeit mit ihren Partnerorganisationen in den betroffenen Ländern Informationen bereitstellen. Auch hoffen wir, dass die tragischen Ereignisse dazu beitragen werden, insgesamt die Bekämpfung von Armut und sozialer Sicherheit stärker im Bewusstsein der Menschen verankert wird.

ad 2) Erlassjahr.de: Über das Moratorium hinaus eine trägfähige Lösung für Indonesiens Schuldenprobleme
Kontakt: j.kaiser@erlassjahr.de 

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Nachdem am 6.1. in Jakarta ein Special ASEAN-Leaders Meeting stattfand (Volltext der Erklärung finden Sie hier), tagt am Wochenende der Pariser Club, um über Fragen eines Moratoriums bzw. Entschuldung der von der Flutkatastrophe betroffenen Länder zu diskutieren. Erlassjahr.de  fordert zusammen mit seiner indonesischen Partnerorganisation INFID (International Forum for Indonesian Development) über ein Moratorium hinaus eine tragfähige Lösung für Indonesiens Schuldenprobleme.  Im folgenden dokumentieren wir diese Erklärung.

Die deutsche Bundesregierung hat als Reaktion auf die verheerende Flutkatastrophe in Südasien ein Schuldenmoratorium für einige Länder vorgeschlagen. Zusammen mit unserer Indonesischen Partnerorganisation INFID (International Forum for Indonesian Development) begrüßt erlassjahr.de diese Initiative der Bundesregierung. erlassjahr.de appelliert an die übrigen Gläubiger-Regierungen, sich der Initiative des Bundesregierung anzuschließen. INFID erwartet von der Indonesischen Regierung, dass sie dieses Angebot eines wichtigen Gläubigers annimmt.

Ein Moratorium ist ein angemessener erster Schritt zur Bewahrung der finanziellen und wirtschaftlichen Handlungsfähigkeit der Regierungen. Voraussetzung ist allerdings, dass das Moratorium sich

Das Moratorium bedeutet nicht mehr und nicht weniger als eine nun dringend notwendige Atempause. Der mancherlei geäußerten Befürchtungen, eine zwischenzeitliche Zahlungseinstellung würde das Rating Indonesiens gefährden und damit Kredite teurer machen, wurde aus berufenem Munde von Standard & Poor widersprochen: Selbstverständlich hätte sie keinen Einfluss auf die Kreditkonditionen des Landes.  Es muss genutzt werden, um zu einer dauerhaften Lösung des indonesischen Schuldenproblems zu kommen. Dabei müssen sich die Gläubiger auch auf einen möglichen Erlass von Altforderungen einstellen.

Trotz guter Wachstumsraten in den vergangenen Jahren ist die indonesische Volkswirtschaft für einen externen Schock wie den Tsunami deshalb besonders anfällig, weil die inländischen und die ausländischen Schulden des indonesischen Staates und der indonesischen Volkswirtschaft seit der Asienkrise 1998 einen untragbar hohen Anteil der jährlichen Deviseneinnahmen verschlingen. Indonesien zahlt anhaltend 25-30% seiner jährlichen Exporteinnahmen in Form von Zinsen und Tilgungen an seine ausländischen Gläubiger. Nach den Kriterien der Multilateralen Entschuldungsinitiative (HIPC-II), in deren Genuss u.a. auch Länder mit höheren pro-Kopf-Einkommen und geringeren Schuldendienstquoten kommen, ist eine solche Belastung untragbar und würde zu weit reichenden Schuldenreduzierungen berechtigen. Dazu kommt eine kritische Verschuldung des Staates im Innern, welche auf die Rekapitalisierung der privaten Banken nach der Asienkrise zurückgeht.

INFID und erlassjahr.de sehen im Pariser Club nicht dasjenige Gremium, in dem eine dauerhafte Lösung sinnvoll vereinbart werden kann. Dies liegt in erster Linie an der beschränkten Reichweite des Clubs, dem nur ein Teil der wichtigen Gläubiger Indonesiens überhaupt angehört. Private, aber auch Multilaterale Gläubiger werden in die Verhandlungen dort nicht mit einbezogen. Überdies funktioniert der Club als Gläubigerkartell. Das heißt: die Gläubigerregierungen verständigen sich dort untereinander auf eine ihren Interessen entsprechende Lösung, welche das Land nur annehmen oder ablehnen kann. Indonesien hat seit 1998 zwei mal Umschuldungen im Pariser Club erhalten, welche die Schuldendienstindikatoren nicht unter eine kritische Marke gedrückt haben.

Sinnvoll und dringend geboten wäre demgegenüber eine umfassende Schuldenkonferenz. Diese musste auf Initiative der Indonesischen Regierung einberufen werden. Sie muss alle Forderungsinhaber gegenüber Indonesien einbeziehen. Sie muss unter einer unabhängigen Leitung stehen  etwa des UNO-Generalsekretärs. Sie muss sich auf die Ergebnisse einer unabhängigen Begutachtung der wirtschaftlichen Situation Indonesiens, seiner Auslandsverschuldung und der finanziellen Erfordernisse des Wiederaufbaus und der Erreichung der international vereinbarten Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs) orientieren. Die traditionell interessengeleiteten Expertisen der Gläubigerorganisationen Weltbank und IWF haben in der Vergangenheit häufig zu Fehleinschätzungen im internationalen Schuldenmanagement geführt. Deshalb könnte auch hier statt dessen die UNO in die Pflicht genommen werden  etwa im Rahmen eines vom Entwicklungsprogramm der UNO (UNDP) geplanten Projekts zur Bestimmung von Schuldentragfähigkeit unter Berücksichtigung der MDGs. Die Parteien könnten sich aber auch auf einen privaten Konsulenten oder Nichtregierungsorganisationen mit einschlägiger Expertise für diese Aufgabe verständigen.

Indonesien selbst ist ein Beispiel dafür, dass eine umfassende Regelung  aller Forderungen unter der Verhandlungsführung eines unabhängigen Vermittlers zu einer langfristig tragfähigen Situation führen kann:

1970 schaltete der Pariser Club den deutschen Bankier Herman-Josef Abs als Vermittler ein, um die als untragbar eingeschätzten Schulden beim Pariser Club sowie bei der Sowjetunion und ihren verbündeten umfassend zu regeln. Abs’ Vermittlungsvorschlag wurde von allen Parteien akzeptiert und führte zu einer Streichung von rund 50% der Zahlungsverpflichtungen. Bis zur Asienkrise knapp dreissig Jahre später war Indonesien danach in der Lage, seine Auslandsverbindlichkeiten zu bedienen.

Der Wiederaufbau nach der verheerenden Katastrophe und die Erfüllung der von allen Regierungen im September 2000 feierlich verkündeten Entwicklungsziele sollte den Gläubigern nicht weniger entschlossene Maßnahmen wert sein, als die damals vom westen betriebene wirtschaftliche Stabilisierung der indonesischen Militärdiktatur.
Jürgen Kaiser, erlassjahr.de 7.1.05

ad 3) Südasien: Ausgabe 2-3/04 zu (Natur-)Katastrophen
Kontakt und Bestellung: suedasienbuero@suedasien.de  

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Die neueste Ausgabe der Zeitschrift "Südasien" befaßt sich mit dem Schwerpunktthema (Natur-)Katastrophen. Anlass des Themenschwerpunktes war "die nicht enden wollende Berichterstattung zu Überschwemmungen im Nordosten des Subkontinents im Sommer 2004 - sowie die nahezu vergessenen Dürrefälle des selben Sommers" (aus dem Vorwort der Redaktion). Das Thema des Heftes hat durch die Flutkatastrophe eine beklemmende Aktualität gewonnen - und zeigt viele Probleme auf, vor denen jetzt auch die Aufbauhilfe in Süd- und Südostasien stehen wird.

Das Heft umfaßt 123 Seiten und ist zum Preis von Euro 6,50 zu beziehen. 
Südasienbüro, Adenauerallee 23, 53111 Bonn, 0228-9125605

ad 4) Uni Bonn: Stellenausschreibung Südostasienwissenschaften
siehe www.suedostasien.uni-bonn.de 

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An der Abteilung für Südostasienwissenschaft ist zum 1. Mai 2005 eine Stelle als wiss. Mitarbeiterin/Mitarbeiter (BAT IIa) zu besetzen.

Der/die BewerberIn sollte über ein abgeschlossenes Hochschulstudium (PROMOTION) in Südostasienwissenschaft, oder einer sozialwissenschaftlichen Disziplin verfügen und eine südostasiatische Sprache beherrschen. 

Folgende Anforderungen werden an den/die BewerberIn gestellt:
- Lehre: 4 SWS im BA Studiengang "Asienwissenschaften" und/oder im MA Studiengang "Süostasienwissenschaft". Die Lehrveranstaltungen werden in deutscher und englischer Sprache durchgeführt.
- Forschung: Mitarbeit im interdisziplinären Forschungsprojekt "Governance of Cultural and Bio-Diversity in Souteast Asia"
- Verwaltung: Mitarbeit in der Selbstverwaltung

Bei gleicher Qualifikation werden Frauen und BewerberInnen mit Behinderungen vorgezogen.
Bewerbung mit Lebenslauf bis zum 28.2. 2005 an:
Prof. Dr. Solvay Gerke, Abteilung für Südostasienwissenschaft, Nassestr. 2, 53113 Bonn

ad 5) Südostasien und der 10. ASEAN-Gipfel
von Axel Andrè Weber 

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Der folgende Artikel faßt die wichtigsten Ergebnisse des 10. ASEAN-Gipfels zusammen, der am 29.-30. November in Vientiane (Laos) stattgefunden hat und analysiert die Entwicklungsprobleme und -perspektiven dieser südostasiatischen Staatengemeinschaft. Zum Hintergrund und der Geschichte der ASEAN finden Sie weitere Informationen unter www.aseansec.org

Südostasien als Freihandelszone

Die 1992 gegründete ASEAN Free Trade AREA (ASEAN Freihandelszone, AFTA) benötigte eine lange Anlaufzeit: über zehn Jahre dauerte es, bis die Mitgliedsstaaten die formellen Kriterien umsetzten. Dies war am 1. Januar 2003 erfüllt – jedoch inhaltslos, da sich die Mitgliedsstaaten bislang nicht hatten auf wirtschaftliche Sektoren einigen können, welche die AFTA beinhalten sollte. Die grundlegenden Entscheidungen hierzu sind beim 9. ASEAN-Gipfel im Oktober 2003 auf Bali gefallen und wurden dieses Jahr auf dem 10. ASEAN-Gipfel im November in Vientiane präzisiert. Im Lichte der immensen Unterschiede der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsstufen der Mitgliedsländer – den Einwohnern Singapurs stehen jährlich im Schnitt knapp 23.000 US-Dollar Einkommen pro Kopf zur Verfügung, jedem Burmesen jedoch lediglich 140 US-Dollar – ist die Kooperation problematisch, und dennoch aussichtsreich – wenn auch konkrete Ergebnisse noch auf sich warten lassen. Denn seit den 1970er Jahren ist der Binnenhandel – also der Handel zwischen den ASEAN-Staaten – von 12 auf gerade einmal knapp 25 Prozent des gesamten Handelsvolumens angestiegen (zum Vergleich: der EU-Binnenhandel macht mehr als 75 Prozent des gesamten EU-Handels aus). Dies liegt vor allem daran, dass die meisten Mitgliedsländer mit anderen Handelspartnern – vor allem Japan, die USA und die EU sind hier zu nennen, aber immer mehr auch die V.R. China und Indien – den meisten Handelsumsatz auf bilateraler Ebene bestreiten, und oftmals darin miteinander in Konkurrenz stehen. 

Das Treffen der ASEAN-Länder in Vientiane stellte den bisherigen „Gipfel aller Gipfel“ dar, auf dem 35 Dokumente verabschiedet wurden. Die Bedeutung dieses Treffens für die ASEAN hat zwei Gründe. Zum einen wurde die ASEAN Community, welche bereits im Jahre 2003 auf Bali beschlossen wurde, im Bereich der Wirtschaftsgemeinschaft spezifiziert. Die ASEAN Community umfasst drei Säulen. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Wirtschaftsgemeinschaft, welche die Hauptverantwortung für die regionale Kooperation trägt. Unterstützt wird sie dabei von der Sicherheitsgemeinschaft und der soziokulturellen Gemeinschaft. Erste baut im Grunde die Prinzipien der friedlichen Konfliktbeilegung und der uneingeschränkten Gültigkeit des Völkerrechts weiter aus, und damit auch das Prinzip der Nichteinmischung in interne Angelegenheiten; neu ist hier allerdings der Begriff des „demokratischen Friedens“. So ist das Schlussdokument von Bali das erste ASEAN-Dokument, in dem der Begriff „Demokratie“ auftaucht. Die soziokulturelle Gemeinschaft soll die Kooperation in Umweltfragen und bei der Bekämpfung von ansteckenden Krankheiten verbessern. Auch die besondere Rolle der Frau in den Gesellschaften Südostasiens findet Erwähnung. 

Für den Bereich der Wirtschaftsgemeinschaft haben nun die zehn Staats- und Regierungschefs in Vientiane elf Sektoren festgelegt, für die alle Zölle und Handelsbarrieren abgebaut werden sollen. Für die älteren Mitgliedsländer soll dieser gemeinsame Markt, in dem beinahe 50 Prozent des inner-ASEAN Handels abgewickelt werden, in den Bereichen Landwirtschaft, Automobilindustrie, Informationstechnologie, Elektroprodukte, Fischerei, Gesundheitsbedarf, Textilien und Zubehör, Tourismus und auf Holz und Gummi basierenden Produkten sowie Luftverkehr ab 2007 realisiert werden. Für Kambodscha, Laos, Myanmar und Vietnam gilt diese Regelung ab 2012. Beide Zeitgrenzen wurden um jeweils drei Jahre vorgezogen. Negativ ist dabei, dass diese Regelung von vorneherein wieder von Ausnahmen durchlöchert wird. So hat Malaysia durchgesetzt, dass ASEANs größter Automobilbauer, die im staatlichen Besitz befindliche Proton, von allen zutreffenden Regelungen ausgenommen ist. 

Hat man bislang in der ASEAN Streitigkeiten bilateral und informell – getreu des „ASEAN Way“ – beigelegt, so hat man sich nun auch dazu durchgerungen, einen neuen Streitbeilegungsmechanismus (SBM) ins Leben zu rufen. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob dieses Gremium in der Tat konsultiert werden wird, denn die ASEAN hat eine lange Tradition der informellen Diplomatie, in der „schmutzige Wäsche nicht in der Öffentlichkeit gewaschen wird.“ So wurden bislang Streitigkeiten eher an den Internationalen Gerichtshof verwiesen als multilateral innerhalb der Gemeinschaft beigelegt. Der im Freundschaftsvertrag (TAC) von 1976 erdachte SBM ist bis heute kein einziges Mal zusammengetreten – obwohl es genügend Okkasionen dafür gegeben hätte. Die Achillessehne ist, dass die ASEAN keine juristische Person ist. Wirtschaftspolitisch kann sie somit nicht verklagt werden. Daher hat es die Organisation auch nicht geschafft, Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen oder einen Sitz in der Welthandelsorganisation zu erhalten – Schritte, die der Organisation in Zukunft international mehr Gewicht verleihen werden, denn auf dem 11. ASEAN-Gipfel 2005 in Kuala Lumpur soll die ASEAN Charter verabschiedet werden, mit welcher die Organisation zur juristischen Person wird. 

Von der ASEAN Community zum gefragten internationalen Partner

Auf der anderen Seite hat die ASEAN immense Fortschritte in Handelsfragen mit ihren Dialogpartnern gemacht. Freihandelszonen (FTAs) sind geplant mit China, Indien, Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland. Am weitesten fortgeschritten sind dabei die Konsultationen mit Beijing. Eine ASEAN-China Freihandelszone wird knapp zwei Milliarden Menschen umfassen und ein wirtschaftliches Volumen von 2,5 Trillionen US-Dollar bis 2010 erwirtschaften. In den ersten neun Monaten dieses Jahres lag der Handel zwischen den ASEAN-Staaten und der Volksrepublik bei 84 Milliarden US-Dollar; das ist ein Zuwachs im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 35 Prozent. Dem gegenüber lag im Kalenderjahr 2003 das Handelsvolumen der ASEAN mit den USA bei 120 Milliarden US-Dollar. Wenn 2011 der Dienstleistungssektor freigegeben wird, könnte China die USA als Handelspartner der ASEAN überholt haben – vielleicht, und das ist nicht auszuschließen, auch schon eher.

Eine geringere aber wachsende Dimension hat die FTA mit Indien. Schließlich sehen die ASEAN-Staaten in China den größten Konkurrenten. Der enorme wirtschaftliche Hunger des chinesischen Drachen verschlingt nämlich das Gros der ausländischen Direktinvestitionen (FDI), bevor die heranwachsenden Tiger Südostasiens überhaupt zum Fraß ansetzen können. FDI ist dringend nötig für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung und einen gesunden Innovationsfluss: 2003 wurden weltweit 575 Milliarden US-Dollar in Form von FDI investiert. Davon gingen alleine in die Region Shanghai 21 Milliarden US-Dollar, nach Guangdong im boomenden Pearl River Delta weitere 7,8 Milliarden US-Dollar. Alle zehn südostasiatischen Länder zusammen konnten hingegen nur 20,3 Milliarden US-Dollar FDI verzeichnen, was einem Zuwachs von 48 Prozent im Vergleich zu 2002 darstellt. Im Vergleich zu Chinas Absorptionspotential wirkt sie jedoch gering. Umso mehr hofft die ASEAN auf Indien als strategischem Balancier. Zwar betrug der Handel zwischen der ASEAN und Indien 2003 nur 13 Milliarden US-Dollar. Dies stellt jedoch eine Zuwachsrate von 450 Prozent innerhalb von zehn Jahren dar, und der Handel soll 2007 bei 30 Milliarden US-Dollar liegen. Vorteilhaft für die ASEAN ist, dass auch Indien einen strategischen Partner sucht, um gegen den nimmer satten Drachen wettbewerbsfähig zu bleiben. Als Manmohan Singh, Indiens Premierminister, Ende November eine ASEAN-Indien Autoralley auf den Weg schickte, wurde von der indischen Regierung verlautet: „Wir versuchen wirtschaftliche hardcore Verbindungen über alte Verbindungen unserer Zivilisationen herzustellen.“ Ganz klar versucht man in Neu Delhi die kulturelle Brücke vom Subkontinent Indien nach Hinterindien wirtschaftlich zu nützen. 

Auch Japan ist für die ASEAN überaus bedeutsam. So macht der Handel mit der zweitgrößten Volkswirtschaft jährlich knapp 100 Milliarden US-Dollar aus – oder 15 Prozent des gesamten Handelsvolumens. Das zögerliche Wachstum der japanischen Wirtschaft und die Finanzkrise von 1997 sind allerdings dafür verantwortlich, dass die heutige Handelsbilanz unter der Spitze von 1995 mit 122 Milliarden US-Dollar liegt. Im Jahr 2005 sollen daher sowohl mit Tokio als auch mit Seoul die Gespräche über FTAs beginnen. Auch Australien und Neuseeland haben Interesse und Bereitschaft zu Gesprächen gezeigt. 

„Jedes System stirbt an seinen eigenen Übertreibungen“

Seit Gründung der ASEAN ist es zu keinen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den souveränen Nationalstaaten innerhalb der Organisation gekommen. Die ASEAN ist erfolgreich, da sich die Mitgliedsländer auf die sie verbindenden Gemeinsamkeiten und Herausforderungen konzentrieren – Grund für Streitigkeiten gäbe es genug. Bislang hat die ASEAN nicht versucht, den „Leviathan“ der internationalen Politik durch die Abgabe nationalstaatlicher Rechte an eine supranationale Behörde zu institutionalisieren. In gewisser Weise ist die ASEAN daher ein Zusammenschluss von „black boxes“ – der Inhalt der jeweiligen anderen Kiste hat die Besitzer der anderen Kisten nicht zu interessieren; insofern ist die ASEAN keine idealpolitische Organisation, sondern sie funktioniert auf Notwendigkeit und Druck von Außen hin, wie das die sicherheitspolitische Kooperation und der wirtschaftliche Einigungsprozess zeigen. 

Die öffentliche Kritik, oder gar der Ausschluss eines Mitgliedslandes auf Grund innenpolitischer Verhältnisse, ist daher kein Punkt, der die Kooperation vor dem Hintergrund geopolitischer Veränderungen und der Globalisierung verbessern würde. Die ASEAN baut mit dem Freundschaftsvertrag (TAC) von 1976 explizit und beinahe wortgleich auf die Charta der Vereinten Nationen und damit das Prinzip der Souveränität und der Nichteinmischung in interne Angelegenheiten auf. Von der ASEAN zu verlangen, Myanmar öffentlich für menschenrechtliche Missstände zu kritisieren, geht daher nicht nur über den rechtlichen Rahmen der völkerrechtlich verbindlichen Verträge der ASEAN hinaus, sondern es verstößt auch gegen den „ASEAN Way“, die politische Kultur Südostasiens, die mit den indonesischen Begriffen Mufakat und Musjawarah – also Konsens und Konsultation – alle Positionen der Beteiligten berücksichtigt und niemanden von relevanten Prozessen ausschließt. Konsens heißt hier nicht Mehrheitsentscheidung, sondern der kleinste gemeinsame Nenner aller Beteiligten, und das ist manchmal eben sehr wenig. Jedes andere Prinzip hätte ein Auseinanderbrechen der Organisation auf Grund der Heterogenität der zehn Mitglieder zur Folge. Das ist im Wesentlichen die Aussage des ASEAN-Generalsekretärs, Herr Ong Keng Yong, als dieser Ende Oktober auf Einladung der Hanns-Seidel-Stiftung in München auf die Frage „ASEAN und Myanmar“ antwortete. Dem ist noch hinzuzufügen, dass die Investitionssumme der restlichen ASEAN-Staaten in Myanmar verschwindend gering ist. Realen wirtschaftlichen Druck können nur die beiden Hauptinvestoren in Myanmar ausüben: China und Indien. Ob Beijing, das gerade versucht, mit immenser Unterstützung aus Paris und Berlin, sein eigenes Waffenembargo, welches auf Grund des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens von 1989 verhängt wurde, zu liften, Interesse daran hat, Yangoon auf Grund von mangelnder politischer Meinungsfreiheit zu kritisieren, ist mehr als nur unwahrscheinlich. 

Auch Neu Delhi wird sich angesichts seiner Strategieplanung hüten, das isolierte Yangoon noch weiter in die Klauen des chinesischen Drachen zu stoßen. Kurzfristig ist daher ein erfolgreicher Druck auf Myanmar von Außen nicht zu erwarten. Es bleibt zu hoffen, dass sich der politische und zivilgesellschaftliche Druck aus den anderen ASEAN-Staaten auf Myanmar bis 2006 erhöht, denn dann wird Myanmar turnusgemäß den ASEAN-Vorsitz für ein Jahr übernehmen und in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit rücken. 

Zum Schluss sei jedoch auf einen anderen Erfolg der ASEAN zu verweisen. Die ASEAN hat ihr Prinzip der im Freundschaftsvertrag niedergeschriebenen friedlichen Konfliktbeilegung erfolgreich über die Region hinaus ausgedehnt. So sind seit letztem Oktober die Nuklearmächte China, Russland, Indien, Pakistan sowie Japan und Südkorea dem Freundschaftsvertrag beigetreten. Lediglich Australien stieß die Zehner-Gruppe vor den Kopf, als Australiens Premierminister John Howard seiner Äußerung von möglichen militärischen Präventivschlägen gegen australische Nachbarn im Falle von wahrgenommener terroristischer Bedrohung gegen australische Interessen auch noch die Weigerung, dem Freundschaftsvertrag beizutreten, folgen ließ. Nachdem Howards Besuch des zehnten ASEAN-Gipfels der erste und wohl nicht letzte eines australischen Regierungschefs war, hat die ASEAN noch Zeit, an ihrer Überzeugungskraft in Canberra zu arbeiten.

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