Asienhaus-Rundbrief 15/2003, 25.4.2003

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In Kürze:
1.) 8.5., Berlin: Buddhismus und Politik in Birma
2.) 9.5., Köln, Krieg gegen Moslems in den Südphilippinen
3.) Südostasien 1/2003 zum Thema "Fairer Handel und Verbraucherschutz" erschienen
4.) Irak-Krieg (4): Pakistan: Hat der Irak-Krieg uns vereint? Ein Kommentar von Khaled Ahmed

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ad 1) 8.5., 19.30, Die Herrlichkeit und die Macht: Buddhismus und Politik in Burma
Vortrag, Lichtbilder und Diskussion mit Dr. Hans-Bernd Zöllner
Ort: Werkstatt der Kulturen, Berlin, Wissmannstraße 32 (U-Bahn Hermann-Platz), 
Kontakt: ulrike.bey@asienhaus.de

Birmas Pagoden faszinieren die Besucher des Landes. Die Shwedagon Pagode in der Hauptstadt Rangun ist eines der größten und zugleich schönsten buddhistischen Heiligtümer der Welt. In Mandalay, der letzten Residenz eines birmanischen Königs für drei Jahrzehnte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, entstand eine beeindruckende Vielfalt buddhistischer Heiligtümer. Pagan schließlich, die erste Metropole eines birmanischen Reiches, bietet dem Besucher ein Meer von Pagoden-Überresten, die von einer religiösen Bauwut der Bewohner in der Blütezeit der Stadt und des Staates zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert zeugen.

Der herrlich anzuschauende goldene Glanz der Shewadagon-Pagode wird seit Jahrzehnten unter Anleitung von militärischen Machthabern in regelmäßigen Abständen erneuert. Die Thronbesteigung des letzten Königs in Mandalay war von der Hinrichtung von etwa 70 Angehörigen der königlichen Familie begleitet. Und Pagans Aufstieg begann mit einem Zweikampf zweier Brüder mit tödlichem Ausgang.

Wie verhalten sich die goldene Herrlichkeit der Pagoden und die oft blutig ausgeübte Macht der Herrschenden in Birma zueinander? Wie lassen sich die Friedlichkeit der buddhistischen Religion und die Brutalitäten, sie sich durch die Geschichte des Landes hindurchziehen, unter einen Hut bringen? Welche Rolle spielt die Religion in dem seit über 10 Jahren andauernden Kampf zwischen einer Militärjunta und der Opposition unter Führung von Aung San Suu Kyi? Und welche Rolle spielen die anderen Religionen im Lande?

Einige Antworten auf diese Fragen werden im Vortrag am 8. Mai angeboten. Die drei Teile des Vortrages werden jeweils von einigen Dias aus den drei Hauptstädten Birmas eingeleitet. Zuerst wird die religiöse Dimension der gegenwärtigen Lage Birmas beleuchtet. Im Rückblick auf das Ende und den Anfang der birmanischen Königreiche werden dann einige Muster des Verhältnisses von Staat und Buddhismus erläutert. Zum Schluss wird eine Vermutung über die Hintergründe der seit anderthalb Jahren dauernden Kontakte zwischen dem Militär und der Opposition geäußert. Im Anschluss an den Vortrag gibt es Gelegenheit zum Gespräch.

Dr. Hans-Bernd Zöllner kennt Birma aus eigener Erfahrung seit 1984. Er hat über ein Thema im Zusammenhang mit den deutsch-birmanischen Beziehungen promoviert und bietet an der Universität Hamburg Veranstaltungen zur neueren Geschichte des Landes und zu Fragen des Buddhismus an.

ad 2) 9.5., 20.00 Uhr, Köln, Krieg gegen Moslems in den Südphilippinen mit amerikanischer Unterstützung
Ort: Allerweltshaus, Körner Straße 77, Köln-Ehrenfeld
Kontakt: Niklas.Reese@asienhaus.de

Eine Veranstaltung mit mit Frau Daisy Valerio und Frau Loreine dela Cruz

Beide Frauen arbeiten in der Organisation BALAY, die sich um Binnenflüchtlinge v.a. im Rahmen des Mindanao-Konfliktes kümmert - aber auch um Opfer von "demolitions", d.h. Zerstörungen der Unterkünfte in den Slums von Manila, um "Entwicklungs"projekten Platz zu machen. Hilfe in Form von direkten Hilfeleistungen, aber auch in Form von psychosozialer Unterstützung.
Die Beiden werden über die Hintergründe des Mindanao-Konflikts berichten und über ihre Anstrengungen, den Opfern der Vertreibungen psychosoziale und materielle Unterstützung zu gewähren. Sie werden auch ein Video über die jüngsten Folgen des Krieges auf Mindanao zeigen.

Die ausführliche Einladung finden Sie im Internet unter www.asienhaus.de/angebote/9-5-2003.pdf

ad 3) Ausgabe 1/2003 Südostasien zum Thema "Fairer Handel und Verbraucherschutz" erschienen
92 Seiten, 5 Euro, Bestellung an vertrieb@asienhaus.de

Die neue Ausgabe der Zeitschrift "Südostasien" befaßt sich mit dem Thema "Fairer Handel und Verbraucherschutz". Das Inhaltsverzeichnis dieser Ausgabe finden Sie im Internet unter www.asienhaus.de/publikat/soa/soa1_03/soa1_03.htm. Artikel zu folgenden Themen stehen als Leseprobe kostenlos zur Verfügung und können als pdf-Datei heruntergeladen werden.

Die kommende Ausgabe von Südostasien wird sich mit Fragen der Sexualität befassen und sich dabei auch dem Thema der Homosexualität widmen. Wer Interesse an Mitarbeit an, wende sich bitte an Saskia Busch, soainfo@asienhaus.de

ad 4) Irak Krieg (4): Pakistan: Hat der Irak-Krieg uns vereint?
von Kahled Ahmed, The Friday Times (Lahore), 11. April 2003 (mit freundlicher Genehmigung des Autors), übersetzt von Irina Nicolay
(Der Asienhaus-Rundbrief 12 enthielt einen Beitrag zu den Reaktionen in Korea, Nr. 13 einen Überblick über die Reaktionen in Südostasien, Nr. 14 einen Überblick über Reaktionen in Indonesien)

In Pakistan herrscht ein grosses emotionales Aufwallen gegen die amerikanische Invasion in den Irak. Es scheint, als hätten sich sämtliche Teile der pakistanischen Gesellschaft, von Liberalen bis Fundamentalisten, auf einer Plattform vereint, die Differenzen untereinander und die Angst voreinander vergessend. In den Strassen von Karachi, Peshawar und Lahore erscheint das pakistanische Volk wie eine intellektuell integrierte Gemeinschaft, die gemeinsam nach einer Zukunft für Pakistan sucht. Es scheint, als wäre jeder durch seine Kritik an und der Ablehnung gegenüber den USA bestätigt worden. Die Regierung hat nach Bestätigung gesucht, in dem sie den religiösen Parteien erlaubt hat, ihrem Ärger auf der Strasse Luft zu machen. Die religiösen Parteien haben nach Bestätigung gesucht, in dem sie riesige Demonstrationen in den Provinzen veranstaltet haben, in denen sie bei den Wahlen 2002 schlecht abgeschnitten haben. Die Liberalen und die Menschenrechtsaktivisten haben sich sebst bestätigt, in dem sie von der Bevölkerung nicht länger für fremde Spione gehalten wurden. Es scheint, als habe der Irakkrieg jedermann begünstigt.

 MMA erntet die Früchte:

Die am meisten Begünstigsten waren die religiösen Parteien, die  unter dem Banner der MMA (Muttahida Majalis Amal) antreten. Sie nahmen den einsamen Kampf gegen General Musharrafs Politik nach dem 11. September auf, die eine Kooperation mit den USA gegen den Terrorismus beinhaltete. Dies war eine zur Verzweiflung bringende Aufgabe. Denn ein Volk, das vorher von der Heiligkeit der Taliban überzeugt war, war jetzt irgendwie davon überzeugt worden, dass das Fallenlassen der Taliban gut für Pakistan sei. Die religiösen Parteien mit Verbindung zu den jehadi-Milizen versuchten Unterstützung gegen General Musharraf zu sammeln, jedoch ohne Erfolg. Desweiteren protestierten sie gegen die Arrestierung von Al-Kaida Maulwürfen in Pakistan und erklärten es als regelwidrig, als sie verhaftet und ohne vorher einem pakistanischen Gerichtshof vorgeführt worden zu sein nach Guantanamo verbracht wurden. Sie konnten es nicht ertragen, dass General Musharraf ihre jehadi-Milizen dezimierte, die terroristischen Aktivitäten nachgingen und von Arabern gutes Geld erhielten. Sie predigten gegen diesen Verrat an der islamischen Sache in Aghanistan und Kashmir, fanden aber keinen Zuspruch in der Bevölkerung. Die Menschen wollten sich einfach nicht gegen die Regierung und ihr Oberhaupt, General Musharraf, erheben.

Dann widersetzte sich Amerika dem UN Sicherheitsrat und griff den Irak an. Die Welt wendete sich gegen die USA und begann gegen das Abenteuertum von Präsudent Bush zu demonstrieren. Dies setzte die aufgestauten Gefühle einer ganzen Gemeinschaft frei, die unter den vielen Widersprüchen leiden, die das neue „liberale“´ Pakistan bedrängen, das aus dem Rauch des 11. September hervorgegangen ist. Die Liberalen dachten, dass Pakistan eine Talibanisierung durch Mulla Umar vermieden hätten. Die linken Intelektuellen waren nicht länger verwirrt: die Amerikaner haben wie gewohnt ihre unmoralischen Ziele verfolgt und können nun nicht länger gegen den globalen Terrorismus unterstützt werden. Die Liberalen, verletzt durch die Anschuldigung Amerikafreundlich gestimmt zu sein und abseits der Nation zu stehen, bekamen die Gelegenheit, ihren intelektuellen Status in der Nation wiederzuerlangen. Die NGOs, meist links orientiert, auch beschuldigt pro-amerikanisch eingestellt zu sein, bekamen die Gelegenheit, ihrer anti-amerikanischen Einstellung wieder Glaubhaftigkeit zu verleihen und klar zu machen, dass sie den Fundamentalismus der Globalisierung vorziehen würden. Jeder konnte nun dieser emotionsgeladenen Orgie beiwohnen. Die Nation war endlich vereint.

Uneinigkeit bei den „Demonstrationen“:

Ist diese nationale Einheit wirklich echt oder hat der Irakkrieg in Wirklichkeit die unterschiedlichen Meinungsgruppen nur neu geordnet? In den „Märschen der Millionen“ weisen die von den Menschen getragenen Plakate auf die unterschiedlichen Agendas hin, die in ihrem Land verfolgt werden. 

Die religiösen Parteien und ihre umgenannten Milizen tragen Banner mit Texten wie „werdet das FBI los“, „schließt die amerikanischen Basen“ und „verratet nicht den Befreiungskrieg in Kashmir“. Auf der Demonstration in Karachi trugen die Sindhi-Nationalisten Plakate mit Texten wie „Nieder mit dem Greater Thal Canal“, was ihre anti-Punjabi Einstellung ausdrückt. Auf dem Rawalpindi-Marsch attackierten die Transparente die Offensive LFO und forderten General Musharraf auf, seine Uniform abzulegen oder nach Hause zu gehen. Anwälte in Lahore forderten die Richter auf, die Verlängerung ihrer Amtszeit zu verweigern und Doktoren protestierten gegen die Privatisierung von Krankenhäusern und Hochschulen. Das Jamaat Islami in Lahore profitierte von der aggressiven anti-amerikanische Stimmung bei der Bekämpfung der Übergäbe des des FC Colleges an die American Presbyterian Church, in dem sie die verschwörerischen Aspekte dieser Privatisierung in den Vordergrund stellte. 

Wenn die Regierung geglaubt hat, Akzeptanz der Bevölkerung durch das Erlauben und das indirekte Unterstützen der Märsche der Millionen zu erlangen, hat sie sich schmerzlich geirrt. Die Agitation untergräbt ihre Legitimation immer mehr, in dem sie ihre außenpolitische Aufrichtigkeit unterminiert.

Als der Krieg im UN Sicherheitsrat debattiert wurde, suchte General Musharraf unter den Zeitungsherausgebern Unterstützung für Pakistans Politik der Stimmenenthaltung. Er bekam eine seltsame Antwort. Die Herausgeber unterstützten die Enthaltung, aber sie würden dagegen schreiben, wenn die Regierung keine ablehnende Stimme abgeben würde. Die Zeitungen beobachteten ihre Auflagenhöhe während sie anti-amerikanische Einwürfe in ihre Artikel einbauen. Die Urdu-Presse machte ihre anti-amerikanische Haltung in riesigen Überschriften deutlich und ihre Kolumnenschreiber brachen alle Rekorde. Die Uneinigkeit wurde deutlich, als einige Kolumnisten die liberalen Schreiber tadelten, dass sie die Menschen in der Vergangenheit verraten hätten. Ein Herausgeber eines „non-paper“ (Herausgeber mit hohem Profil, Zeitung mit niedrigem Profil) hielt ein erfolgreiches Seminar in Islamabad ab, in welchem er die Teilnehmer aufforderte,  zu kommentieren, warum die englischsprachige Presse in Pakistan immer noch als einzige pro-amerikanisch wäre, obwohl doch das ganze Land anti-amerikanisch eingestellt sei. Dies passierte zu einem Zeitpunkt, als die englischsprachige Presse in Pakistan allen objektiven Maßstäben zu folge ihre historischen Höhepunkt des Anti-Amerikanismus erreicht hatte. TV-Kanäle haben pensionierte Offiziere aus dem Nichts geholt, deren Forderungen und Verschwörungstheorien in der Vergangenheit nicht zu ertragen gewesen waren. Jedermann wurde als mit einer Stimme von Gewalt und Revolte sprechend gezeichnet. Die westlichen Medien wurden wegen ihrer pro-amerikanischen Neigung abgelehnt, und eine neue Medienkampagne wurde in Gang gesetzt um das Ungleichgewicht zu korrigieren. Das Resultat war eine parallele Verzerrung der Wahrheit.

Stabilität unter den Muslimischen Staaten begünstigt die Amerikaner:

Sich sonst einige Menschen stritten immer öfter über politische Optionen. Wenn Pakistan über den Verrat der USA wütend ist, welche staatliche Politik soll es wählen? Die Menschen stritten, ob es für die Regierung ausreichend sei, sich für eine Enthaltung im Sicherheitsrat zu entscheiden. Jamaats Liaquat Baloch forderte PML-Qs Humayun Akhtar Abdur Rehman heraus, in dem er sagte, dass die Jamali-Regierung Amerika hätte verdammen und verurteilen sollen anstatt nur demütig zu sagen, sie könne Amerikas Invasion im Irak nicht unterstützen. 

Das Fernsehprogramm, das diese Debatte übertrug, zeigte zwei sich einige Politiker, die über die Frage nach der richtigen politischen Alternative stritten. Liaquat Boloch versuchte Humayun Akhar Abdur Rehman als einen Förderer der USA zu entlarven. Bei einem Meeting der Lahore Kammer für Industrie und Verkehr, gerieten Vizepräsident und Präsident in einen Streit, weil Letzterer Pakistan im Beisein eines ausländischen Diplomaten kritisiert hat. Der Streit brach aus, als sie sich gerade über den Widerstand gegen die USA einig waren. Die eine Stimme der Mäßigung in Pakistan, General (retd.) Talat Masood, wurde in einer TV-Diskussion laut bekämpft, als er auf die „Unordnung“ hinwies, die in der islamischen Welt vor dem Ereignis des 11. September vorherrschte. Einigkeit unter Muslimen begünstigt Amerika, also müssen wir Uneinigkeit unter uns schaffen.

 Was wollen die verschiedenen „vereinten“ Elemente in Pakistan jetzt machen, wo sie zusammengekommen sind in ihrer Opposition gegen die USA? Die MMA fordert General Musharraf nach ihren erfolgreichen Demonstrationen auf, nach Hause zu gehen. Ausserdem trachtet sie danach, dass die Jamali-Regierung ihre dünne Mehrheit im Parlament verliert. Diese Meinung wird auch von der PPP(P) und der PML(N) geteilt – auf der Basis ihrer eigenen Mißstände. Keiner in Pakistan möchte nach dem Irakkrieg eine stabile Ordnung. Denn eine stabile Ordnung würde die Amerikaner begünstigen. Nur eine Revolution sei nach einer so großen globalen Erhebung eine Lösung. Die religiösen Elemente wollen die Liberalen und die NGOs loswerden, da diese Ambivalenzen zum Westen und ungenügende Loyalität gegenüber der islamischen Ordnung in Pakistan zeigen würden. Der Urdu Journalist würde gerne die Schräglage der englischsprachigen Presse verändern, bis sich beide in Schrift und Bild gleichen. Diejenigen, die eine Einigung mit Indien befürworten, sind still geworden und halten aus Angst davor den Atem an, dass General Musharraf durch die neue Lage von den jehadi-Milizen dazu gewungen werden könnte, ein weiteres mal auf Pakistans halbtote Zivilgesellschaft loszugehen. 

Die anti-amerikanische Einigkeit ist oberflächlich. Die Invasion des Iraks hat Pakistan aufgetaut und es extrem unstabil gemacht. Die Amerikaner werden im Laufe der Zeit nach Hause gehen, von ihrem Fehltritt im mittleren Osten kaum geschädigt. Aber Pakistan wird es schwierig finden, das Einigkeitsgefühl zu überleben, das durch die Anti-Invasions-Ausschreitungen hervorgerufen wurde.

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