Asienhaus-Rundbrief 2/2005, 22.1.2005

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In Kürze:
1) Walden Bello und andere philippinische AktivistInnen fürchten um ihr Leben
2) Südostasien 4/2004: Kunst in Südostasien

3) Die Flutwelle: Hintergründe auf der Homepage des Asienhauses

4)
Asien 94 (Januar 2005) jetzt erhältlich
5) Auswegsstrategie aus dem nepalischen Morast
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ad 1) Walden Bello und andere philippinische AktivistInnen fürchten um ihr Leben
Kontakt: philippinenbuero@asienhaus.de 

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Der bekannte Globalisierungskritiker Walden Bello - Direktor von Focus on the Global South - ist in der neuesten Ausgabe von Ang Bayan - der Zeitung der Kommunistischen Partei der Philippinen (CPP) - als "Klassenfeind" und "Konterrevolutionär" bezeichnet worden. Nun fürchtet Walden Bello ( wie u.a auch Lidy Nacpil - einer Schlüsselfigur der internationalen Entschuldungbewegung - , die ebenfalls dort genannt wird ), dass die gleichbedeutend mit einem Todesurteil sei.

Die von Bello geleitete Organisation "Focus on the Global South" nimmt die  Drohung sehr ernst und versucht nun, Bello durch internationale  Aufmerksamkeit zu schützen. In den vergangen Jahren sind bereits drei führende Persönlichkeiten aus dem linken Spektrum ermordet worden - Popoy Lagman, Arturo Tabara und Rolly Kintanar. Zu den Morden an Kintanar und Tabara hat sich der bewaffnete Arm der CPP - die NPA - ausdrücklich bekannt. Eine weitere führende Persönlichkeit - Ric Reyes - ist untergetaucht, weil er mit gutem Grund erwartet, der Nächste auf der Todesliste (Hit List) zu sein.

Für Hintergründe im Folgenden einige Dokumente. Hintergründe erfahren sie aus einem Zeitungsartikel vom 26.12.2004: COMMUNIST PARTY 'HIT LIST' DENOUNCED AKBAYAN LEADERS FEAR FOR THEIR LIVES. Die größte philippinische Tageszeitung Philippine Daily Inquirer, hat am 16. Januar beide Seiten gebten, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Es haben zum einen die radikaldemokratische Parteiliste AKBAYAN (link), zum anderen der de-facto-Vorsitzende der CPP. Jose Maria Sison geantwortet. 

Viele Organisationen haben bereits erklärt, dass Mord und Gewalt keinen Platz in der Zivilgesellschaft haben darf. Dies ist auch für das Asienhaus eine Selbstverständlichkeit. In einen unserer nächsten Ausgaben werden wir einen ausführlichen Hintergrundbericht veröffentlichen.

ad 2) Südostasien 4/2004: Kunst in Südostasien
Kontakt: soainfo@asienhaus.de 

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Die Ausgabe 4/2004 der Zeitschrift "Südostasien" zum Thema Kunst in Asien ist erschienen. Sie hat einen Umfang von 92 Seiten und ist zum Preis von 5 Euro (plus Versandkosten) zu beziehen.

Das Inhaltsverzeichnis und ausgewählte Artikel zum Download (pdf) sind jetzt auf der Webseite des Asienhauses erhältlich. Klicken Sie hier!

ad 3) Die Flutwelle: Hintergründe auf der Webseite des Asienhauses
Kontakt: niklas.reese@asienhaus.de  

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Die der Flut folgende Solidaritätswelle hat den Blick vieler Menschen auf Asien gelenkt. Wir haben bereits im letzten Asienhaus-Rundbrief einen Hintergrundartikel veröffentlicht. Das Asienhaus wird sich in der kommenden Zeit vertieft mit den Folgen der Katastrophe befassen und dabei insbesondere entwicklungspolitische und ökologische Themen in den Brennpunkt stellen. Als ersten Schritt stellen wir dazu Links auf unserer Homepage zur Verfügung, die sie unter www.asienhaus.de/flut finden.

Dieses Informationsangebot wird in den nächsten Wochen schrittweise ausgebaut werden. Über Hinweise von Ihrer Seite freuen wir uns.

ad 4) ASIEN 94 (Januar 2005) erschienen
Bestellung: post@asienkunde.de, zum Inhaltsverzeichnis  

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Die ASIEN-Ausgabe 94 (Januar 2005) hat diesmal den thematischen Schwerpunkt Südasien. Die referierten wissenschaftlichen Artikel befassen sich mit "Frieden in Sri Lanka: The same procedure as every year?" sowie "Thrift and Credit Groups and Community Development: the Hope Project in New Delhi/India" und in der Rubrik "Asien aktuell" wird untersucht, "What the Indian Election Results Could Mean for Germany".

ASIEN 94 beginnt mit den referierten wissenschaftlichen Artikeln zu den Themen "Reforming Authoritarianism in Contemporary China. Reflections on Pan Wei's Consultative Rule of Law Regime" und "Der Weg in die Hungersnot: Erinnerungen chinesischer Intellektueller an den ländlichen "Großen Sprung nach vorne" (1958-1961)". Konferenzberichte und Rezensionen runden die Ausgabe ab und Sie finden den Jahresindex 2004 ebenfalls in ASIEN 94. Die Inhaltsverzeichnisse und Abstracts der Zeitschrift ASIEN (1981-2005) sind inzwischen komplett online gestellt. Unter http://www.asienkunde.de/asienzeitschrift/index.html  finden Sie die Möglichkeit der Online-Nachbestellung. Ein Einzelheft kostet 12,50 € zzgl. Porto. E-Mail der Deutschen Gesellschaft für Asienkunde e.V. (DGA): post@asienkunde.de 

ad 5) Auswegstrategie aus dem nepalischen Morast
von Kanak Mani Dixit

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Der folgende Artikel aus der Katmundu Post vom 29. und 30.10.2004 analysiert die gegenwärtige Situation in Nepal und die Rolle der verschiedenen politischen Kräfte und gibt einen Ausblick auf die Lösungsmöglichkeiten. Wir danken der Deutsch-Nepalesischen Gesellschaft für die Bereitstellung dieses Artikels, der in der neuesten Ausgabe der Nepal-Informationen erscheint. 

Das unmittelbare Bedürfnis des Volkes ist Frieden durch Lösung der maoistischen Gewalt, aber der militärische Kurs, den sowohl die Rebellen als auch der Staat bevorzugen, führt auf ein sehr gefährliches Terrain. In dieser Richtung liegen weiteres Blutvergießen, die Tötung von noch mehr unschuldigen Menschen, das Auftauchen habgieriger Mittelsmänner, die Unterjochung der Bürokratie und der letzte Sargnagel für die „Entwicklung“ des Landes. Der Versuch einer Lösung mit Waffengewalt wird darüber hinaus dem Palast und König Gyanendra eine Macht übergeben, die jenseits von deren erwiesenen Fähigkeiten and Verpflichtungen liegt. Parallel zu einem radikal militarisierten Nepal wird sich die Zentrierung auf das Kathmandutal in allen Bereichen beschleunigen; Nepal wird noch weiter geschwächt im Vergleich zu seinem Nachbarn Indien. Die maoistischen Führer besitzen nicht den Mut, die Kriegsfurien zurückzuhalten, die sie selbst losgelassen haben. Auf der staatlichen Seite ist es dem Palast gelungen, die Parteien zu spalten und die CPN (UML) zu gewinnen. Der Palast hat die Bewegung gegen die Regression, wie man nun ohne Anführungszeichen sagen kann, zerschmettert. Die Grundlagen der Demokratie, die in den zwölf Jahren nach 1990 geschaffen worden waren, werden untergraben durch einen raschen Abstieg in eine Herrschaft per Verordnungen. Eine ungereimte Furcht vor der Macht des Narayanhiti-Palastes führt ironischerweise dazu, daß der Palast die Bedeutung erhält, die er so sehr begehrt. Bei diesem Prozeß verliert das Image des Monarchen auf tragische Weise an Wert. Es entwickelt sich zu einer Karikatur des korrupten, ineffizienten und autoritären Panchayat-Systems, das sich einst als Demokratie ausgab.

Die Unsicherheit der nepalischen Bürger ist gewachsen, seit der König im Oktober 2002 die Macht übernommen hat, indem er den amtierenden Premierminister unter Anwendung der „traditionell bei uns [Pluralis Majestatis, Anm. d. Übers.] liegenden Macht“ des Amtes enthob. Die Maoisten sind heute viel stärker und weiter verbreitet, das Militär noch mehr verschanzt, die Bürokratie weiter entmutigt, die Wirtschaft in einem tieferen Chaos und die Parteien und Politiker auf gefährliche Weise Außenstehende. Unterdessen verliert sich das, was als zivile Gesellschaft bezeichnet wird, in der Finanzierung von Programmen und sagt wenig, was für das Volk Sinn macht.

Der Pfad aus diesem Morast heraus muß im Umfeld von Pluralismus, Demokratie und Repräsentation des Volkes gefunden werden. Die Lösung liegt bei Individuen und Institutionen innerhalb des Landes und muß durch eine Betrachtung unserer eigenen Fehler und Schwächen geschaffen werden, anstatt antinepalische Verschwörungen in New Delhi, Washington DC oder Jharkhand zu suchen.

Die Maoisten

Die Ausbreitung der Maoisten über das ganze Land wurde begleitet von ihrer zunehmenden Brutalität und einem nachlassenden politischen Gehalt. Die Forderung nach einer Republik wurde durch eine solche nach einer verfassunggebenden Versammlung ersetzt, aber ihr Ziel ist unweigerlich die zentrale Macht in Nepal und das um jeden Preis. Die Kämpfer haben Gewehrpulver gerochen und die Genossen an der Spitze sind nicht in der Lage, die totalitäre Ideologie zu verwerfen, mit der sie ihren Krieg aufgebaut haben. Sowohl in den Dorfkomitees als auch im zentralen Plenum herrschen die Krieger über die politischen Aktivisten. Mit der Macht des Gewehrs wird das Territorium gehalten und die Bevölkerung unterdrückt. Es mag sein, daß Pushpa Kamal Dahal bereits erkannt hat, wie sehr er sein Land geschwächt und die Zukunft des Volkes verzögert hat, als er eine bewaffnete anstatt eine soziale Revolution entfachte, aber er hat diese Erkenntnis jedenfalls noch nicht zugegeben.

König Gyanendra

Der König, dem die Krone in seinen späten mittleren Jahren zufiel, unterscheidet sich in seinem opportunistischen Mißtrauen gegenüber den politischen Parteien in keiner Weise von dem alten Geld-Establishment, das die Politiker der Nach-1990-Phase als Eindringlinge auffaßt. Ohne die Erfahrungen seines Bruders in der Staatskunst offenbart König Gyanendra nicht den Glauben, daß die Bürger die Quelle der souveränen Macht sind. Im Gespäch neigt der König dazu, von „der Nation“ anstatt vom „Volk“ zu sprechen. Die Aktion vom Oktober 2002 mag ja noch wohlmeinend gewesen sein, aber die Agenda des Palastes hat sich dazu entwickelt, die maoistische Lücke auszunutzen, um Tatsachen zu schaffen und einer zukünftigen zentralen Rolle der Monarchie den Weg zu ebnen.

Sicherlich versteht der Palast, daß ein Monarch ein Symbol der Nation sein kann, aber niemals ein Repräsentant des Volkes. Doch die Ankündigung König Gyanendras, daß ein Monarch des 21. Jahrhunderts „nicht nur gesehen sondern auch gehört werden sollte“, ist eine merkwürdige Interpretation, die nur von wenigen geteilt wird. Auch die Possen des Kronprinzen oder des königlichen Schwiegersohns erwecken wenig Vertrauen in die zukünftige Institution der Monarchie. Was auch immer in der näheren Zukunft passieren wird, Nepals Königtum wird nicht überleben, wenn es nicht auf eine zeremonielle Rolle in der Politik beschränkt bleibt mit einer ganz streng definierten Restmacht, wenn überhaupt.

Königlich-Nepalische Armee (RNA)

Nachdem sie fünf Jahre lang den Himmel angestarrt hatte, wurde die königlich-nepalische Armee von den Maoisten im November 2002 nach dem Debakel von Dang aus den Kasernen gezerrt. Seither hat sich der Aufstand wie ein Lauffeuer ausgebreitet und die Soldaten haben sich als ungeschickte und zögerliche Kämpfer erwiesen. Die früher rein zeremonielle Armee hat sich nicht mit Ruhm bekleckert; ihre Reputation hat gelitten unter der Mach’-keine-Gefangenen-Politik und der steigenden Zahl der Getöteten. Die RNA war nicht in der Lage, Nachrichtenmaterial zu sammeln und zu nutzen oder von einer defensiven zu einer offensiven Stellung zu wechseln. Das Fehlen einer parlamentarischen Kontrolle wurde zum Anhäufen von Waffen und Material sowie zum Vervierfachens der personellen Stärke genutzt. Als eigentlicher Verwalter des Landes verfügt die RNA über eine Macht wie nie zuvor in der gesamten modernen Geschichte. Wie schwierig wird es da für die Generäle sein, wieder zurückzustecken?

Im privaten Gespräch geben die Offiziere der RNA zu, daß dieser Krieg niemals militärisch gewonnen werden kann, und dennoch liefern die höchsten Offiziere mit ihrer Sicht der Politiker und Parteien dem „Supreme Commander-in-Chief“ [d. h. dem König, Anm. d. Übers.] die Rechtfertigung für königlichen Aktivismus. Es fehlt an Führungsspitze, während das Unvermögen der Offiziere im Feld eine schwache Vorstellung und Rechtsmißbrauch zur Folge hat. Weil die RNA keinen auswärtigen Eindringling bekämpft, ist die öffentliche Unterstützung verhalten, was wiederum die Moral der Soldaten beeinflußt. Auch heute werden die Soldaten immer noch aufgefordert, für „die Nation und die Krone“ zu kämpfen, obgleich sie eigentlich für „die Demokratie und das Volk“ ihr Leben einsetzen sollten.

Die Parteien

Die Glaubwürdigkeit der politischen Parteien ist erschöpft, weil inter- und intraparteiliche Zankereien die Politiker davon abhalten, sich zusammenzutun, um Rebellen und Palast zu trotzen. Zwar schlossen sich die Parteien in einer zweijährigen Bewegung gegen die königliche Regression zusammen, was in einer zweimonatigen Straßenagitation gipfelte, doch endete dies in einem Flop. Man stritt darüber, wer Premierminister werden sollte und gab dem Narayanhiti-Palast die Chance, die Schwäche der individuellen Führer auszunutzen. Heute ist die eine große Partei nicht in der Lage, die Massen zu elektrisieren, während die andere sich auf einen Kompromiß eingelassen und an der königlichen Koalitionsregierung beteiligt hat. Die Mitarbeiter beider Parteien hocken in den Distrikthauptorten und großen Städten, während nur die kleine Samyukta Jana Morcha (United People’s Front) den nötigen Kampfgeist zeigt, um die Maoisten herauszufordern.

Trotz all ihrer offensichtlichen Schwächen erscheint die Leistung der politischen Parteien in den ersten zwölf Jahren nach 1990 deutlich weniger matt, seit das Land unter den sukzessiven Regierungen von Königs Gnaden leidet. Ob der Palast, die Schmiergeld-Kaufleute oder die NGOs, die an eine Entwicklung ohne Demokratie glauben, es nun mögen oder nicht, die Grundlagen der Demokratie und die Rechtsordnung wurden von den politischen Parteien auf der Basis der Verfassung von 1990 geschaffen. Und bei ihnen liegt auch die Zukunft des Volkes.

In dieser Zeit, wenn der Pluralismus sowohl vom Dschungel als auch vom Palast bedroht wird, liegt der Ausweg darin, die Führer des Nepali Congress und der CPN (UML) zu zwingen, in den beiden Angelegenheiten zusammenzuarbeiten, die von kritischer Bedeutung für die Wiederherstellung unseres demokratischen Staates sind. Sie müssen sich zusammentun, um den Ambitionen des Königs Einhalt zu gebieten und die Maoisten davon abhalten, den Pluralismus weiter zu beschränken.

Eine militärische Lösung der maoistischen Herausforderung wäre eine längerfristige Angelegenheit. In dieser Zeit würden zu viele Unschuldige sterben und die soziokulturelle Landschaft des Landes würde sich verändern. Die königlich-nepalische Armee würde in ihrer neuen Rolle innerhalb des Staates verwurzelt werden. Demokratie und Pluralismus würden unter einem aktivistischen Palast entsprechend König Gyanendras Neigung geschwächt werden. Falls die Lösung nicht unrepräsentativen Institutionen überlassen werden soll, muß die Antwort in dem Prozeß liegen, der seit der Ausbreitung der Maoisten und dem Abenteurertum des Palastes außer Kraft gesetzt wurde. Unglücklicherweise dreht sich die Diskussion des politischen Prozesses in den Salons der zivilen Gesellschaft Kathmandus um Begriffe, die eine überladene Bedeutung erhalten haben wie „verfassunggebende Versammlung“, „Waffenstillstand“ oder sogar „Gespräche“ und „Wahlen“. Gutgemeinte Aufrufe zu Gesprächen werden gemacht, ohne zu erwägen, ob der Narayanhiti-Palast dem Singha Darbar erlauben wird, sich mit den Rebellen einzulassen, oder ob die aufständischen Kämpfer ihren Führern das gleiche zugestehen werden. Fast jeder, der seine Stimme erhebt, möchte eine verfassunggebende Versammlung, macht sich aber nicht die Mühe, ihre Konturen öffentlich darzulegen. Andere halten Wahlen für das Allheilmittel, egal wie trübe die Aussichten auf freie und faire Wahlen sind.

Der Diskurs der zivilen Gesellschaft ist oberflächlich und wirklichkeitsfremd geworden. Die Klarheit schwindet, sobald wir in die Phase der Konfliktlösung eintreten mit ihren begleitenden Workshops, Konferenzen und allen Arten von internationalen und nationalen Mitspielern, die ihre Friedensformeln vorschlagen. Die Diskussion ist politisch korrekt, aber im Gegensatz zu all dem Schnaufen und Pusten von potenten Gesprächspartnern und Möchtegern-Weltverbesserern scheinen die häufig beschimpften Politiker am umsichtigsten zu sein. Sie bleiben jedenfalls dem Volk gegenüber mehr verantwortlich als jede andere Kategorie. 

Eine verfassunggebende Versammlung ist der bestmögliche Weg für die Öffentlichkeit, zu entscheiden, wie sie regiert werden soll. Ein solches Vorgehen wurde beim Übergang von der Rana-Herrschaft im Jahre 1950 versprochen. Inmitten einer uns so bekannt vorkommenden scharfen Kontroverse zwischen Palast und Politikern ist es nie dazu gekommen. Inzwischen erwartet man von uns allen, daß wir an das pluralistische Bekenntnis von stalinistischen Revolutionären glauben, wenn sie eine verfassunggebende Versammlung einfordern. Wir brauchen nicht über die erste Frage hinauszugehen: Werden die Rebellen für Wahlen zu einer verfassunggebenden Versammlung die Waffen niederlegen? Wo liegen die schwerwiegenden Fehler der Verfassung von 1990, daß es notwendig ist, sie mit dem Badewasser wegzukippen. Die Öffentlichkeit ist noch mehr verwirrt, wenn die Parteien sich auf zynische Weise der Forderung nach einer verfassunggebenden Versammlung anschließen. Aber dies geschieht nicht aus Überzeugung, sondern es ist eine Einschüchterungstaktik gegenüber König Gyanendra, doch der hat ihnen den Gefallen nicht getan.

Die Richtlinien des Palastes für Premierminister Deuba beinhalten die Planung von Wahlen bis April 2005. Dies wäre möglich, wenn es innerhalb der nächsten Monate zu einem unerwarteten Zusammenbruch der Rebellen käme, beispielsweise wegen interner Spaltungen, einer Massenflucht der Maoisten angesichts von Armeeaktionen oder geheimen Gesprächen, die zu einem Niederlegen der Waffen führten. Die Alternative wären Wahlen, bei denen die Rebellen den ländlichen Raum kontrollieren und die Wahlurnen lediglich in den Distriktzentren aufgestellt und von einer Armee bewacht würden, die sich mit dem König identifiziert.

Überwachung durch Gesetzgeber

In diesen traumhaften Zeiten wird die einfachste und einleuchtendste Lösung von den nationalen Kommentatoren, die sich nur mit Kalkulationen beschäftigen, die das Volk ausschließen, vernachlässigt. Die Wiederbelebung des dritten Parlaments, das im Mai 2002 vom damaligen Premierminister Deuba aufgelöst wurde, würde den politischen Prozeß mit einem Schlag wiederbeleben und der heimgesuchten Bevölkerung wieder zu einer Beteiligung verhelfen. Die Wiedereinsetzung des Unterhauses würde die Konventionen schaffen, durch die das Verhältnis zwischen den Parteien definiert ist. Es würde wieder Strukturen und Mechanismen geben, welche die Regierung zur Verantwortung zögen. Die Überwachung von Wirtschaft, Planung, Entwicklung, der Armee, dem königlichen Palast und allen anderen Dingen würde wiederhergestellt.

Die Verflüchtigung der Politik nach einem Dutzend Jahren gesunden demokratischen Experiments war schmerzhaft. Die Wiedereinsetzung des Parlaments würde die politische Aktivität in den meisten der 205 landesweiten Wahlbezirke wiederbeleben. Das wiedereingesetzte Parlament würde zu einer korrekten Erfassung der Stärke der Rebellen in den ländlichen Regionen beitragen. Es könnte diese in einer Art herausfordern, zu welcher der König niemals in der Lage wäre. Ja, selbst der Kampf der RNA würde vereinfacht, weil die politischen Fronten endlich aufgebrochen würden.

König Gyanendra würde mit der Restauration des Unterhauses nur verlieren, wenn er selbst in der heutigen Zeit noch an eine aktive Monarchie glaubte. Eine Gesellschaft, die mehr als ein Jahrzehnt lang Demokratie erfahren hat, würde dies niemals akzeptieren. Ein wiederbelebtes Parlament würde Nepals Monarchie sicher auf das konstitutionelle Regal zurückstellen und die Fortdauer der Dynastie sichern.

Ausrichtung nach vorn

Freie und faire allgemeine Wahlen wären natürlich der bevorzugte Weg zur Wiederherstellung von Konstitutionalismus und Rechtsstaatlichkeit. Aber würden Wahlen, die vom Militär überwacht würden und ohne Besiegung bzw. Kapitulation der Maoisten stattfänden, die Demokratie zurückbringen, die der Verfassung von 1990 vorschwebt? Formelle Wahlen ohne Substanz wären ein politisches Desaster.

Die Dynamik eines Wahlkampfs würde die Parteien gegeneinander ausspielen zu einer Zeit, in der es einer geeinten Front bedarf, um der Gewalt der Maoisten zu widerstehen. Selbst der König hat in seiner Dashain-Botschaft dazu aufgerufen, daß „alle demokratischen Kräfte“ sich zusammenschließen sollten. Inzwischen heißt es, die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes vom August 2002 schließe eine Wiederbelebung des Parlaments aus, aber in Wirklichkeit betraf jene Entscheidung lediglich das Recht des Premierministers, das Parlament aufzulösen; zu den Möglichkeiten einer Wiedereinsetzung wurde nichts gesagt.

Unter dem Druck der aktiven Medien, Wissenschaftskreise und zivilen Gesellschaft könnte das wiederbelebte Parlament die maoistische Herausforderung politisch anpacken, während die Muskelkraft der RNA in den Händen der Regierung bliebe. Die Gesetzgeber könnten die allgemeinen Wahlen vorbereiten und die Verfassung von 1990 revidieren, um die darin liegenden Schwächen zu beheben. Hierzu müßten Dinge gehören wie die Einbeziehung jener Bevölkerungsgruppen, denen die Bürgerrechte vorenthalten wurden, die Tilgung des Begriffs „Hindu“ aus der Staatsdefinition oder ein Säkularismus, der dem nationalen Kontext angepaßt wäre. Von größter Bedeutung wäre, daß eine verfassunggebende Versammlung gewählter Gesetzgeber eine wesentlich größere Legitimation besäße als waffenschleppende Rebellen im Busch.

Wie gesagt, die demokratische Kultur, die unter großen Mühen innerhalb von einem Dutzend Jahren durch Vertreter des Volkes entwickelt wurde, wird verplempert, nur weil eine feudokratische Front nach dem Geschmack der Mächtigen geschaffen wurde. Jede rückwärts orientierte Ausrichtung der nepalischen Politik der letzten fünf Jahre hatte die Mißachtung der Öffentlichkeit und des politischen Prozesses zum Inhalt. Jeder Schritt vorwärts macht es erforderlich, daß die Parteien zusammenrücken, um einen rechtsgerichteten Wechsel der Politik und die „konstruktiven“ Tendenzen des Palastes unter Kontrolle zu halten.

Es sind die Parteien, die Demokratie und Pluralismus wiederbeleben müssen, wobei eine Unterstützung durch die zivile Gesellschaft erforderlich ist. Zu einer Zeit, in der Meinungsumfragen einen Abwärtstrend der politischen Parteien zum Ausdruck bringen, müssen sie dazu gebracht werden, gemeinsam für die Demokratie zu kämpfen, u. z. an beiden Fronten, sowohl gegen die gewaltsame maoistische Agenda in den Distrikten als auch gegen die aufkommenden antidemokratischen Tendenzen in der Hauptstadt. Die Formel für die innere und äußere Einigung der Parteien liegt in der Wiederbelebung des Unterhauses, ein Schritt, der das ganze Land politisch elektrisieren könnte. Er würde die zerrissene nationale Empfindlichkeit beruhigen und hinführen zu einer Woge gesellschaftlicher Mobilisierung im Land. Wir müssen die Wiedereinsetzung nur so dringend wie möglich wollen.

(Quelle: The Kathmandu Post, 29. u. 30.10.2004), (Übers. khk)

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