Asienhaus-Rundbrief 20/2003, 20.6.2003

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In Kürze:
1.) Malaysia: Sechs politische Gefangene in Freiheit
2.) 9. 7., 19.30, Essen: Politischer Salon zur politischen Lage und zur Menschenrechtssituation
      in Malaysia
3.) SARS - Ein Kommentar aus Hongkong
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ad 1) Malaysia: Sechs politische Gefangene in Freiheit
Kontakt: klaus.fritsche@asienhaus.de

Anfang Mai hatten wir um Ihre Unterstützung der Kampagne  für die Freilassung von sechs gewaltlosen politischen Häftlingen in Malaysia gebeten. Alle sechs Personen sind inzwischen aus der ISA-Haft entlassen worden:

Tian Chua
Hishamuddin Rais
Saari Sungib
Mohd. Ezam Mohd Nor
Dr. Badrul Amin Baharon
Lokman Noor Adam

Dies ist ein großer Erfolg. Mohd. Ezam Mohd Nor muss jedoch noch eine zweijährige Haftstrafe wegen einer Verurteilung nach dem Official Secrets Act verbüssen. Gegen einige der Freigelassenen laufen zudem weitere Verfahren u.a. wegen illegaler Versammlungen. Auch diese Verfahren sind politisch motiviert. Wir setzen uns weiterhin für die Freilassung von Mohd. Ezam Mohd Nor und die Aufhebung der anderen Anklagen ein. Weitere Informationen finden Sie unter <http://web.amnesty.org/pages/mys-200503-action-eng>

ad 2) 9. Juli, 19.30: Politischer Salon zur politischen Lage und zur Menschenrechtssituation in  Malaysia
Asienhaus, Bullmannaue 11, 4527 Essen
ReferentInnen:
Dr. Farish Noor (Malaysiakini, Zentrum Moderner Orient, Berlin), Dr. Claudia Derichs (Duisburg-Essen) und Dr. Alexander Horstmann 

Im Rahmen des politischen Salons gibt es die Möglichkeit, mit den ReferentInnen über die politische Situation und Menschenrechtslage in Malaysia zu diskutieren. Dabei wird de Arbeit von demokratschen Organisationen und Menschenrechtsorgansationen genauso zur Sprache kommen wie die Situaton politischer Gefangener. Im Zusammenhang mit der Zukunft der politischen Entwicklung und des Rücktritts des malaysischen Premierministers, Mahathir bin Mohammed, soll auch die Poltitik und Kultur der Islamisierung sowie die Beziehungen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen in Malaysia angesprochen werden

ad 3) SARS - Ein Kommentar aus Hongkong
von Greg Nigh (Mediziner)

Vor wenigen Tagen hat die Weltgesundheitsorganisation SARS als besiegt erklärt. Viele Fragen jedoch, die mit dem Entstehen, der Verbreitung und der öffentlichen Behandlung dieses Themas entstanden sind, bleiben dennoch offen. Der folgende Kommentar stellt SARS in einen umfassenderen gesundheits- und sozialpolitischen Zusammenhang. Feedback an den Autor bitte in englischer Sprache über klaus.fritsche@asienhaus.de

SARS - Einige Daten

SARS ist gerade mal ein bisschen älter als sechs Monate und schon ist es schwierig, etwas Neues über diese Krankheit zu berichten. Medizinische Forscher stürzten sich in Rekordzeit auf die Sache, und die Medien sind allzeit an ihrer Seite, staunend über die in der ganzen Welt koordinierte Arbeit und um die beängstigenden Details zu melden.

Vor zwei Monaten ist der erste SARS-Fall in der westlichen Welt aufgetaucht. Zu dieser Zeit war der Coronavirus bereits identifiziert und genetisch entschlüsselt, Zellrezeptoren waren gefunden, Antikörper gegen den Virus waren entdeckt, immunologische Abwehrreaktionen waren analysiert und die Pharmaunternehmen befanden sich bereits in einem legalen Kampf um Patente auf den Virus und auf Tests um ihn zu identifizieren.

Kanadische Forscher haben diesen Virus in nur 40% ihrer SARS Patienten und in 14% der gesunden Menschen die sie getestet haben, gefunden. Eine skeptische medizinische Gemeinschaft und Öffentlichkeit würde eine Erklärung für diese Befunde fordern. Sie würde zwingende Antworten fordern, warum der Coronavirus, obwohl er bei über der Hälfte der SARS Patienten nicht vorhanden ist, immer noch als Ursache der Krankheit angesehen wird. Trotz allem berichten die Medien einstimmig von dem Coronavirus als „den SARS Virus“.

Es bleibt nicht mehr viel Zeit für Zweifel in der medizinischen Forschung Angesichts einer bevorstehenden Epidemie und einer potentiellen Goldmine für Patente ist besonders die Forschung in halsbrecherischem Tempo vorangeschritten.

Die Sterbefälle von SARS Patienten sind, abhängig von der untersuchten Bevölkerung und der untersuchten Stadt, steigend, gleichbleibend oder fallend. Am 8. Mai hat die Welt Gesundheits Organisation (WHO) bekannt gegeben, dass SARS für Menschen über 65 in mehr als 50% der Fälle tödlich endet. Im Alter von 24 und jünger liegt die Sterberate dagegen nur bei unter einem Prozent. Menschen mit einer bevorstehenden Diabetes sind über sechs mal mehr gefährdet an der Erkrankung zu sterben, und andere ernsthafte gesundheitliche Probleme machen die Krankheit doppelt so tödlich. Geographisch sind die SARS Todesfälle gleichermaßen unterschiedlich, mit dramatisch mehr Todesfällen in Hong Kong, Singapur und Peking als im Westen. Niemand ist bis jetzt in den Vereinigten Staaten an SARS gestorben. Im Gegensatz dazu sterben in den USA jährlich 20.000 Menschen an Grippe, welche eine Sterbeziffer von 13% hat.

Die FDA (US Food and Drug Administration) hat die Medikamente und Impfstoffe die gegen SARS entwickelt wurden auf die „Schnellspur“ der Zulassung für Arzneimittel gesetzt, die schon für die AIDS Medikamente geschaffen wurde. Das bedeutet wenig Zeit um potentielle Risiken abzuschätzen und es bedeutet zehn oder sogar hunderte Millionen Dollars, die die Unternehmen einsparen, indem sie die Arzneimittelprüfung kürzen und die Forschung beschleunigen können.

Gesundheit, technische Medizin und Impfstoffe

Es gibt sehr wenig Neues über SARS zu sagen, nur, wie tragisch es ist, das unsere Reaktion auf infektiöse Krankheiten so ausfällt. Wenn eine neue Krankheit auftaucht, erzeugt das Fehlen von Medikamenten und Impfstoffen ein Gefühl der Panik. Wir sind zu dem Glauben gekommen, dass Medikamente und Impfstoffe nicht nur unsere letzte, sondern unsere einzige Hoffnung sind. Der größte Triumph der modernen Medizin ist die öffentliche Akzeptanz einer simplen Idee: Ohne den Schutz der Ärzte und ihrer Werkzeuge sind wir völlig hilflos gegen Krankheiten.

Die medizinischen Aktivitäten sind durch und durch zu technischen Prozessen geworden und haben nur noch sehr wenig mit Menschen zu tun. Vielmehr sind sie zu Schlachtfeldern geworden, auf denen die Kämpfe um Medikamente oder Impfstoffe ausgetragen werden. Flüssigkeiten der Kranken werden in Laboratorien untersucht, weit entfernt von den Körpern, die darum kämpfen sich von der Krankheit zu befreien, weit entfernt von der Umwelt, in der die gesunden Menschen infiziert und krank wurden und ebenso weit entfernt von dem Berg an Variablen, die die Immunabwehr jedes einzelnen Menschen beeinflussen. Anstatt sich auf die Frage zu konzentrieren, warum einige Menschen sterben und andere nicht, fokussiert sich die medizinische Forschung gänzlich auf die Erfindung von Medikamenten, Impfstoffen und sogar von genetischen Kniffen, die den neuen bösen Virus zähmen könnten. Die erstgenannten Variablen, sind sie nun zufällig oder nicht, sind die einzigen in unserem persönlichen Einflußbereich.

Ältere Menschen sind typischerweise am meisten von infektiösen Krankheiten betroffen, SARS ist da keine Ausnahme. Der Rest von uns wird gerne in dem Glauben gelassen, der Laune des Glücks ausgesetzt zu sein. Wenn wir ein infiziertes Niesen oder Husten einatmen, hoffen wir einfach, dass wir nicht zu der kleinen Prozentzahl gehören, die davon sterben werden.

Es gibt noch einen anderen Weg die Situation zu betrachten. Wir können anerkennen, was seit über einem Jahrhundert bekannt ist: Die Anfälligkeit für infektiöse Krankheiten ist abhängig von der Gesundheit einer Person zum Zeitpunkt des Kontaktes mit der Krankheit. Der Zustand des Immunsystems ist hochgradig von der Ernährung und dem Stress abhängig, ebenso von Kontakten zur Umwelt, genetischen Eigenheiten und Betätigungsgewohnheiten. Er wird auch von der Zahl sozialer Kontakte einer Person zu Familie, Freunden und Mitarbeitern beeinflusst, und extrovertierte Menschen scheinen weniger anfällig für Infektionen zu sein als introvertierte Menschen.

All diese Faktoren, und noch viele weitere, bestimmen zusammen in einer komplexen Form die Anfälligkeit zu jedem beliebigen Zeitpunkt. Nicht jeder Kontakt endet in einer Infektion, und nicht jede Infektion endet in einer Krankheit. Das trifft auf alles zu, von der gewöhnlichen Erkältung bis hin zu HIV / AIDS. Und natürlich auch auf SARS. Wir alle befinden uns irgendwo in einem Kontinuum zwischen hochgradig resistent gegen Infektionen und hochgradig anfällig für sie. Wir haben keine totale Kontrolle innerhalb dieses Kontinuums, aber unser Platz dort ist auch nicht nur dem Zufall überlassen.

Unser kollektives Interesse fokussiert sich zu oft auf die Schlagzeilen, die von neuen, kommenden Medikamenten oder Impfstoffen berichten. Vielleicht fordern Aktivisten dass mehr Geld in die SARS Forschung investiert wird. Wir vertrauen den Wissenschaftlern, die uns erzählen, dass dieser Virus neu ist, dass er anders ist, das SARS „Mutter Natur zum ultimativen Terroristen“ gemacht hat., wie es in einem Editorial in der Zeitschrift Nature formuliert wurde.

Schwächung der Immunsysteme des Menschen durch industrielle Produktionsweise

Dabei ist eine einfache Wahrheit verloren gegangen: Der schrittweise Niedergang der Immunkompetenz auf der Welt durch die Produkte der kapitalistischen Produktion verursacht worden, die in unsere Körper und Lebensräume eingedrungen sind. Wir konsumieren inzwischen eine riesige Menge von Chemikalien – einige Pfunde pro Jahr –, die vor einigen Jahrzehnten nicht in unsere Körper gelangt sind. Wir schmieren noch mehr dieser Chemikalien auf unsere Körper, ein sehr effizienter Weg, um sie in unsere Körper zu lassen. Wir atmen sie mit jedem Atemzug ein und nehmen sie mit dem meisten Wasser auf. Unser Leben ist voller Stress: Arbeit, Finanzen, Imagepflege, Beziehungen, Terrorismus und Sicherheit, etc.

Kurz gesagt, wir schaffen eine Welt, in der nur zu leben, das Immunsystem schwächt. Als eine Gesellschaft sind wir für viele Dinge anfälliger. Bazillen sind gefährlicher für Körper, die weniger fähig sind sie zu bekämpfen oder zu kontrollieren. Es ist keine Überraschung, das die medizinische Forschung uns viele Gründe nennt, warum wir die neuen Bakterien fürchten sollten: sie sind mutiert, oder sie sind gegen Medikamente resistent, oder unsere Antikörper arbeiten nicht gegen sie.

Industrielle Medizin ist zu einem System geworden, das profitable Heilmittel für mikroskopische Fälle sucht. „Behandelt“ sein, heißt unsere Wunden zusammengeflickt haben, damit wir ein minimal funktionales Level aufrecht erhalten und unsere Konsumgelage fortsetzen können.

Natürlich wird dieses medizinische System sagen, dass die Bazillen gefährlicher sind anstatt zu sagen, dass wir alle einfach wesentlich anfälliger sind. Unser medizinisches System und das gesamte System der angewendeten Therapien sind ein Service für die Forderungen des Kapitalismus. Es verbirgt sich weder eine Verschwörung dahinter, noch ein Erfordernis für eine. Ein Blick auf institutionelle Beschränkungen und Interessen macht es schwer alles zu ignorieren, obwohl es uns auch nicht gut fühlen lässt es, als zu erkennen.

Stärkung der Gesundheit durch nachhaltige und partizipatorische Produktionsweise

Darauf folgt eine wichtige Frage: Wie würden wir in nachhaltigen und partizipatorischen Gemeinschaften über Reaktionen auf infektiöse Epidemien denken? An erster Stelle würde in einer wirklich partizipatorischen Gemeinschaft die Gesundheit eines jeden einzelnen von der bloßen Natur der sozialen Beziehungen profitieren. Zum Beispiel würde Nahrung überwiegend lokal erzeugt und konsumiert werden.

Diese eine Veränderung würde die Gesundheit aller Menschen enorm verbessern. Lokale Nahrung heißt größtenteils unberarbeitete Nahrung. Eine Ernährungsumstellung auf vollwertige Nahung würde auf einem langen Weg zu dazu führen, Krankheiten zu reduzieren und der Gemeinschaft eine andere Ernährungskompetenz beizubringen. Besonders zutreffend ist dieses in einer Gesellschaft, in der ungefähr 20-66 % aller Patienten in den Krankenhäusern Anzeichen von Unterernährung aufweisen. Die Prozentzahl variiert mit dem Alter.

Die Arbeitsbedingungen wären in einer solchen Gemeinschaft ebenfalls komplett anders, was ebenfalls die Gesundheit der Gemeinschaft verbessern würde. Alte und neue Forschungen zeigen immer wieder die hochgradige Immununterdrückung, die eine Folge von Stress ist, besonders von chronischem Stress. In der kapitalistischen Arbeitswelt ist ein solcher Stress allgegenwärtig.

In einer nachhaltigen und partizipatorischen Gemeinschaft sind keine Fabriken, die mit ihrem Gift die Nachbarschaft vergiften und die Industrien verschmutzen nicht das Grundwasser der Gemeinden. Die Gesundheit eines jeden Individuums würde signifikant verbessert.

Was bedeutet dies alles für infektiöse Krankheitsepidemien? Als Erstes würde eine reduzierte Anfälligkeit bedeuten, dass Epidemien weniger häufig werden, da sie es schwerer haben zu verbreiten. Jeder Körper, den der Virus berührt, bietet eine stärkere Resistenz auf die Infektion als er es zur Zeit tut. Krankenhäuser wären nicht länger Gebäude, in denen medizinische Technologien passiven Empfängern überliefert werden. Stattdessen würden alle bereits bekannten Variablen zur Verbesserung des Immunsystems und der Heilung einer Krankheit in die Behandlung einbezogen.

Menschen in einer Gesellschaft, die an ernsthaften Infektionskrankheiten leiden (SARS oder andere), müssen ihren Kontakt zu Risikogruppen einschränken. Gleichzeitig müssen sie den Kontakt zu vorsorgenden Menschen verstärken, zu Experten in der Gesundheitsvorsorge, die nicht nur unterstützende Pflege bieten, sondern auch menschlichen Kontakt anbieten und so eine Beziehung unterstützen, die selbst heilend und entscheidend für die Steigerung der Lebenskraft eines schwachen Individuums ist. Mikronutrimente können genauso eingesetzt werden wie Pharmazeutika, denn wir wissen ja bereits, dass einige Nahrungsmittel anti-infektiös und  anti-bakteriell wirken und den Heilungsprozess erheblich beschleunigen können. Die Mahlzeiten in Krankenhäusern wären keine industriellen Produkte mehr, sondern gewissenhaft zubereitete Mahlzeiten, die alle benötigten Nährstoffe liefern,  lebenswichtigen Öle wie qualitativ hochwertige Kalorien,  von denen wir wissen, dass sie den kurz- und langzeitigen Heilungsprozess fördern. 

Die Instrumente der konventionellen Medizin würden weiterhin ihren Platz haben: CT Untersuchungen, MRIs, Röntgenbilder und viele andere Technologien bringen die konventionelle Notaufnahme-Medizin auf den Stand der neuesten Technik. Aber die Notaufnahme-Medizin macht nur etwa 4 % der medizinischen Gesamtausgaben in den Vereinigten Staaten aus.

Moderne industrielle Medizin ist nicht die letzte und beste Hoffnung auf Gesundheit. Krankheitsresistenz ist genauso ein soziales Bestreben wie ein individuelles, und die benötigten Ressourcen können öffentlich und zugänglich sein, nicht privat und subjektivviert. Wir profitieren alle von der Erweiterung der allgemeinen Gesundheit der Gemeinschaft, mehr als davon, Körper zu behandlen, nachdem sie infiziert wurden.

Das ist eine Lektion, die sich nicht als Bestseller oder nach Hollywood Hit über die nächste virale Bedrohung verkaufen läßt. Aber sie erinnert uns daran, das unsere Krankheiten eine Welt wiederspiegeln, die wir uns selbst geschaffen haben.

Übersetzung: Irina Nicolay

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