Asienhaus-Rundbrief 25/2003, 15.8.2003

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In Kürze:
1.) Du-Yul Sung: Nordkorea: Eine verlorene Dekade? Wirtschaftskrisen und Reformversuche
2.) Link zu aktuellen Informationen über Nordkorea
Vorschau: Eine Wahlbeobachterin über die Wahlen in Kambodscha

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ad 1) Nordkorea: Eine verlorene Dekade? Wirtschaftskrisen und Reformversuche  
Kontakt: Prof. Du-Yul Song (Universität Münster)

Es handelt sich um die gekürzte Fassung eines Textes, der auf dem vom Korea-Verband. e.V. organisierten Internationalen Symposium Wohin steuert Nordkorea?  Soziale Verhältnisse, Entwicklungstendenzen & Perspektiven (Berlin, 25. Juni 2003) vorgetragen wurde.

Die Gründe für die Wirtschaftskrise in Nordkorea, dessen wirtschaftliche Lage  im Vergleich auch mit der in Südkorea bis zum Anfang der 70en Jahre nicht schlecht war, sind vielschichtig. Die dissoziative Entwicklungsstrategie von „Dschu-Tsche“ (etwa: Vertrauen auf sich selbst) war in der Phase der sozialistischen Umgestaltung und des Wiederaufbaus nach dem Korea-Krieg sehr effektiv in der Vollmobilisierung der menschlichen und natürlichen Ressourcen. Nordkorea, das ebenfalls nicht zum System der sowjetzentrischen sozialistischen Wirtschaftskooperation (RGW) gehörte, konnte zwar dem direkten Sog des Zusammenbruchs des Sozialismus in der Sowjetunion und Osteuropa entweichen, aber es musste allmählich die schweren Folgen des weltpolitischen Transformationsprozesses tief spüren. Jedenfalls forderte die neue Strukturierung der Weltwirtschaft nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes ein neues Bezugssystem auch im Denken und Handeln heraus. Angesichts solcher neuen Herausforderungen war die Ausgangskonstellation für Nordkorea wesentlich ungünstiger als etwa für China, wo die erste Phase der Reformprozesse bereits vorbei war, oder für Vietnam, das politisch zu diesem Zeitpunkt schon wiedervereint war.

Ebenfalls kann man eine gewisse epistemologische Basisdifferenz zwischen dem „Dschu-Tsche“ und der „Reform“ sehen, die bis vor kurzem in Nordkorea nicht gern in den Mund genommen wurde. Die gängige unilineare Subjekt-Objekt-Beziehung, in der das „Dschu-Tsche“ als ein „Subjekt“ und die „Umwelt“ etwa als ein dinghaftes „Objekt“ vorgestellt wird, setzt die „Reform“ die Systemtheorien als ihre erkenntnistheoretische Basis voraus, wo die Idee eines azentrischen und polyzentrischen „Netzwerkes“ die Hauptrolle spielt. Auch in Nordkorea sind zunehmend die Vorteile dieses systemtheoretischen Denkens vor allem im wirtschaftlichen Bereich betont worden. Mit der Losung, dass die Wirtschaft eine Art der Mathematik sei, sind nun die Wirtschaftskader herausgefordert worden, mehr als bis jetzt z. B. mit dem „operation research“ vertraut zu sein. 

China als Vorbild?

Auf das allgemeine Plädoyer für den „Sozialismus mit chinesischen Charakteristika“, der auch für Nordkorea angewandt werden könnte, antwortet die Führung Nordkoreas noch mit dem „Sozialismus unserer Art“ zurück. Einige Gründe für die beschränkte Anwendbarkeit des chinesischen Reformgedankens auf Nordkorea sind jedoch eindeutig, wenn man selbst das ideologische Argument der Nordkoreaner gegen einen solchen Reformweg ausklammert. Nordkorea ist ein kleines, überschaubares Land mit 23 Mio. Einwohnern, während China ein riesiges Reich mit 1. 3 Mrd. Einwohnern darstellt. Als China seine Reformen startete, war es noch ein mit stark regionalen Disparitäten ausgeprägtes Agrarland. Dagegen ist Nordkorea immerhin ein relativ hoch industrialisiertes Land auf Basis der Autarkie, obwohl dessen Industriesystem in den letzten beiden Dekaden zunehmend in eine Krise geraten ist. Neben diesen Strukturmerkmalen sieht das nordkoreanische System seinen Entscheidungs- und Handlungsspielraum von Anfang an sehr begrenzt, weil es inzwischen einen unvergleichbar starken Konkurrenten im Süden hat.

Seit dem 1. Juli 2002 hat Nordkorea durch die Einführung neuer Maßnahmen versucht, die Binnenstruktur der Wirtschaft zu reformieren. Neben einer neuen Preispolitik, die auch den realen Getreidepreis auf dem Weltmarkt berücksichtigt, ist eine neue Organisationsform von Produktion und Verteilung im Agrarsektor eingeführt worden, die wir aus der ersten Reformphase in China kennen. Um die materiellen Anreize für die Bauern zu erhöhen, ist die bisherige Produktions- und Rechnungseinheit auf noch kleinere Arbeitsgruppen (bun-zo) reduziert worden, die in der Regel aus 10-20 Arbeitskräften bestehen. Nach dem Abzug der „Bodenbenutzungssteuer“ in Höhe von 15%  sowie der Ausgaben für einen gemeinsamen Fond können die Arbeitsgruppen die Ergebnisse nach Quantität und Qualität der Gruppenmitglieder unter sich verteilen. Sie können sogar ihre Produkte auf dem „Bauernmarkt“ verkaufen, auf dessen Angebotspalette neuerdings auch handwerkliche Produkte zugelassen sind. Die neue Preispolitik ist gegenwärtig mit dem Problem der Inflation konfrontiert, weil das Angebot aufgrund der „Warenknappheit“(defizitnij) die Nachfrage nicht decken kann.

Krise als Chance

Die Rahmenbedingungen, die die jüngste Atomkrise ausgelöst haben, scheinen offensichtlich  noch kontraproduktiver und bedrohlicher für das System Nordkoreas als vor einer Dekade zu sein, weil die post-irakische Logik in der Weltpolitik auf eine andere Qualität der Konfliktlösung hindeutet. Die Forderung nach der „Systemgarantie“, die Nordkorea gegenüber der Bush-Administration ununterbrochen gestellt hat, ist ein deutlicher Beleg dafür.   Eine der drei wichtigsten Säulen der „Gemeinsamen Erklärung Süd- und Nordkoreas vom 15. Juni“, das Ergebnis des historischen innerkoreanischen Gipfeltreffens im Sommer 2000, beinhaltet die Klausel, dass sich Nord- und Südkorea durch die forcierten Kooperationen im wirtschaftlichen Bereich den Aufbau einer„nationalen Wirtschaftsgemeinschaft“ anstrengen sollten, deren Gestalt uns am 14. Juni 2003 symbolisch durch die Wiederherstellung von zwei seit der Teilung des Landes abgeschnittenen  Eisenbahnlinien vermittelt wurde.

 In einer Situation der „doppelten Kontingenz“, in der die USA und Nordkorea ein zirkulären Argument „Ich tue, Was Du willst, wenn Du tust, was ich will“ führen, gibt es kein Mittel für das Zerhauen des gordischen Knotens. Es ist an der Zeit, dass die USA und Nordkorea den gegenseitigen Forderungen gleichzeitig mittels Dialogen nachkommen, um den seit dem innerkoreanischen Gipfeltreffen vor drei Jahren eingeleiteten Friedensprozess auf der koreanischen Halbinsel zu beschleunigen und zu befestigen. Ein buddhistisches Wort „Sang-Saeng“(Konkreszenz) scheint ein wichtiger Begriff für das Zeitalter der Globalisierung zu sein, das uns gerade eine neue Denkform herausfordert, dass alle Akteure in der Welt im Grunde aufeinander angewiesen sind.

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ad 2) Link zu aktuellen Informationen über Entwicklungen in und um Nordkorea

Regelmäßige Informationen zu sicherheitspolitischen Entwicklungen in Nordostasien im Allgemeinen und auf der koreanischen Halbinsel im Besonderen stellt das "Northeast Asia Peace and Security Network" (NAPSNET) zu Verfügung. Die Informationen können auch durch einen täglichen Newsletter bezogen werden.

Informationen, ältere Dokumente und die Bestellmöglichkeit für den Newsletter finden Sie auf http://www.nautilus.org/napsnet/index.html  .

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