Zur Finanzkrise in Indonesien

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Familienwerte, inverse Logik und ein herzkranker Patient
von Hendra Pasuhuk, freier Journalist

Der indonesischen Wirtschaft geht es schlecht, und es wird noch schlimmer kommen. Schon jetzt müssen viele Betriebe schließen. Hunderttausende verlieren ihren Job. Und das bei einer Arbeitsmarktssituation, wo jährlich zwei bis drei Mio. neue Jobsuchende auf den Markt drängen. Die Welle von Firmenstillegungen und Entlassungen dauert noch an. Laut neuesten Prognosen wird das Wirtschaftswachstum von bisher über sieben Prozent auf fünf Prozent sinken, pessimistische Schätzungen gehen sogar von nur noch drei bis vier Prozent Wachstum aus. Die Inflation erreichte im letztem Monat den höchsten Stand seit zehn Jahren. Der Aktienindex an der Jakarta-Börse erreichte gleichzeitig den tiefsten Stand seit Anfang des Jahres.

Für viele indonesische Wirtschaftsexperten kommt die Entwicklung nicht überraschend. Schon seit Jahren warnen sie unermüdlich, jedoch ohne Gehör zu finden, vor einem Wirtschaftskollaps angesichts der immer höheren Verschuldung des Landes und des immer größeren Leistungsbilanzdefizits. Das Land verbraucht mehr als das, was es an Gütern und Leistungen produzieren und verkaufen kann und braucht daher immer mehr Anleihen aus dem Ausland. Da Indonesien auf seinen natürlichen Ressourcenreichtum als Bürgschaft verweisen kann, fließen die Kredite jedoch weiterhin.

Und die Weltbank, der IWF und die westlichen Industrienationen verdienen dabei nicht schlecht. Seit 31 Jahren bezahlt Indonesien die Zinsen und Tilgungen fleißig und pünktlich. Wenn ausländische Wirtschafts-
vertreter und Politiker immer wieder Indonesien ein »gutes« Verhalten
bescheinigen, dann meinen sie vor allem die 200 Mio. Menschen, den natürlichen Reichtum des Landes und die »traumhaften« Wachstumsraten.

Doch das Wachstum fußt nicht auf solidem Fundament. So ist z.B. in den letzten zehn Jahren die Industrie zwar jährlich um mehr als zehn Prozent gewachsen, doch ihr Anteil am Bruttosozialprodukt wuchs um weniger als ein Prozent im Jahr. Die riesigen Fabriken sind oft nur ein großer »Bastelplatz«: In vielen Fällen werden die Einzelteile noch bis zu 90 % importiert. Der Staat kann die Devisenkasse nur durch massive Ausbeutung der natürlichen Ressourcen sowie durch Kredite aus dem Ausland.

Vetternwirtschaft, Korruption und persönliche Bereicherung

Dazu kommt, daß sich die Wirtschaft des Landes schon seit langem in einem höchst ungesunden Kreislauf befindet. Denn gute Geschäfte lassen sich hier nicht mit Effizienz und Produktivitätssteigerung machen, nicht mit Ideenvielfalt und Innovation, sondern fast ausschließlich durch gute Beziehung zu Ministern und vor allem zum Präsidentenpalast. Die Nutznießer sprechen gern von »indonesischen Werten«, von der »Stärke der Großfamilie«, von Pancasila-Wirtschaft, während sich das Land zum korruptesten und meistverschuldeten Land der Erde entwickelt. Mit blindem Nationalismus läßt sich Skrupellosigkeit gut verdecken. Kontrolle ist im Pancasila-Land nach offiziellem Sprachgebrauch »unethisch« — man wirbt mit Vertrauen in die »Weisheit« der politischen Führung. Jede Kritik wird mit eiserner Hand begegnet. So wuchern Geld- und Spekulationsgeschäfte, Korruption und Vetternwirtschaft ungezügelt weiter. Es entstehen teure, irrwitzige »Traumprojekte«, von deren Milliardensummen bekanntlich 30 Prozent in die eigene Tasche wandern. Da bekommt ein Industrieller von staatlichen Banken Kredite in Höhe von umgerechnet 650 Mio. US-Dollar, nur weil er ein Empfehlungsschreiben eines Ministers vorlegen kann. Ein Kabinettmitglied überweist umgerechnet 25 Mio.US-Dollar Staatsgelder »aus Versehen« auf sein Privatkonto. Da bekommt der Lieblingssohn des Präsidenten den Zuschlag für die Entwicklung eines nationalen Auto, obwohl seine Erfahrung im Autogeschäft nur darin besteht, daß er als leidenschaftlicher Rennfahrer den Mehrheitsanteil der Firma Lamborghini erworben hat. Staatliche Banken werden nun angewiesen, das als Nationalstolz deklarierte Projekt reichlich mit Milliardenkrediten zu decken. Die anderen Königskinder streiten sich um ein lukratives Verkehrsbauprojekt in Jakarta: Der Bruder legt sein Konzept über den Bau einer U-Bahn vor, die Schwester bevorzugt dreistöckige Autobahnen. Um den Familienzwist zu verhindern, wird das Projekt nun geteilt: die Hälfte der Strecke U-Bahn, die andere Hälfte dreistöckige Autobahnen. Ein »Superminister« und begeisterter Flieger träumt von einem Nationalflugzeug und gründet eine »Aktiengesellschaft« mit dem Präsidenten als Aufsichtsratsvorsitzender. Da weder Produkt, noch Fabriken, noch Kalkulationen existieren, dürfen die »Aktien« nicht an der Börse gehandelt werden. Und so werden die »Aktienpakete« nun direkt an Beamten und Lehrer, Staatsbetriebe und Gemeinden verkauft: Wenn nur jede Gemeinde in Indonesien von den Bewohnern Geld sammelt und ein Aktienpaket kauft, werden die Gelder schon zusammenkommen, so die Vorstellung. Indonesiens »Traum vom Fliegen« im direct marketing. Und während das Land in eine der schwierigsten Wirtschaftskrisen in den letzten 30 Jahren steuert, debattieren die Mitglieder des Volkskongresses über den Reinheitsgehalt eines Goldringes, den das Hohe Haus ausscheidenden Kollegen als Andenken schenken will: Sie fühlen sich von der Goldfirma betrogen, da der Ring nur aus 14- statt versprochenem 22- karätigen Gold besteht.

Das Vertrauen ist verloren

Die jetzige Finanzkrise ist das Ergebnis langjährigen Mißmanagements. Seit der Umstrukturierung des Bankensektors Ende der 80er sind Hunderte neuer Banken entstanden. Doch die herrschenden Monopol- und Lizenzpraktiken begünstigen nur einen engen Kreis von Privilegierten. Altgeneräle, Großindustrielle und Ministerfamilien versuchen ihr Glück als Bankier. Mit 30- bis 40prozentigen Zinsen werden ahnungslose Sparer angelockt. Die gesammelten Gelder fließen dann in die eigene Unternehmengruppe, als Eigenkapital oder als Kredite zur Finanzierung von Prestigeprojekten. Da gibt es Banken, die schon seit 1990 gar keine Bilanzen mehr vorlegen. Die Menschen haben das Vertrauen in die Politik und die Politiker schon längst verloren. Es gibt nicht wenige, die nichts mehr glauben, außer an Gott und ihren eigenen Augen und Ohren. So reagieren sie mehr auf Gerüchte als auf offizielle Erklärungen. Mehr noch, sie interpretieren offizielle Erklärungen immer in umgekehrter Weise. Die Soziologen nennen es »inverse Logik« ( verdrehte Logik) : Wenn zum Beispiel ein Minister erkläre, der Zuckerpreis bliebe stabil, dann würden sicher viele Menschen anfangen, Zucker zu hamstern (was dazu führen könnte, daß der Zuckerpreis tatsächlich steigt). In den letzten Wochen wurden die Märkte mehrmals durch Gerüchte in Panik versetzt. Einmal hieß es, der Finanzminister sei gestorben, und an der Jakarta-Börse purzeln die Aktienpreise. Das andere Mal hieß es, Liem Soi Liong, der mächtigste Taipan Indonesiens, läge im Krankenhaus. Innerhalb von zwei Tagen heben von Panik getriebene Kunden umgerechnet mehr als 15 Mio. US- Dollar von ihren Konten bei der zur Liem Gruppe gehörenden Bank Central Asia ab.

Das alles zeigt, daß die jetzige Krise viel mehr ist als nur eine »Finanzkrise«. Und da helfen die Milliardenkredite vom IWF auch nicht viel weiter. Vertrauen kann man eben nicht mit Geld kaufen. Vertrauen beruht auf Gegenseitigkeit. Bisher hat die Regierung dem Volk nur mißtraut. So behält sie z.B. immer noch an das Informationsmonopol: Sie bestimmt, was die Presse melden darf und was nicht. Sie entscheidet, welche Photos gedruckt werden dürfen und welche nicht. Viele Pressekonferenzen werden vorher durchgespielt: Es wird festgelegt, wer Fragen stellen darf und wer nicht. Rundfunknachrichten dürfen nur von der Regierung produziert werden, alle Live-Sendungen des Fernsehens bedürfen einer Genehmigung. Darüber hinaus hat sie auch das Interpretationsmonopol: Sie bestimmt, wie Gesetze ausgelegt und verstanden werden soll. Studenten, Beamten, Schüler, Männer und Frauen werden zur Pancasila-Schulung verpflichtet. Je höher die Stellung, desto mehr Kurse müssen belegt und nachgewiesen werden.

Hilft nur eine Radikalkur?

Für die Bezeichnung der jetzigen Situation verwenden indonesische Ökonomen, die normalerweise gerne Fremdwörter benutzen, zunehmend Begriffe aus dem gesundheitlichen Bereich. Die Wirtschaft ist »krank« sagen sie, und braucht eine »Radikalkur«. Das »Ärzte-Team« vom IWF, das den Patienten nun auf Herz und Nieren prüft, sagt eigentlich auch nichts anderes als das, was die indonesischen Experten schon seit zehn Jahren fordern: Mehr Transparenz, striktere Kontrollen der Banken und Verzicht auf wirtschaftlich fragwürdige Prestigeprojekte. Sie fordern aber auch mehr Rechtssicherheit und soziale Gerechtigkeit, mehr Pressefreiheit und Demokratie. Denn »die Großfamilie« zeigt immer mehr Risse: Soziale Unruhen, ethnische und religiöse Konflikte sowie Arbeiterproteste. Um die Stabilität zu gewährleisten, müssen zunehmend teurere Waffen und bessere Überwachungsgeräte eingekauft werden. Und nun, mit dem IWF-Dollar im Rücken, wirbt die Regierung wieder für Vertrauen. Doch das viele Geld ist nur ein teures Aspirin für einen herzkranken Patienten. Das Medikament dient zur Beruhigung, nicht zur Genesung. Eine gut funktionierende Wirtschaft braucht nicht nur Geld, sondern auch einen gesunden Geist. Bei Herzproblemen hat sich der Präsident bisher — trotz allem Nationalstolz — mehr auf das Urteil ausländischer Ärzte verlassen. Auch diesmal wäre er in Bad Oeynhausen sicherlich in guten Händen. Denn es wird noch mehr Herzklopfen geben. Aber in dieser schwierigen Zeit braucht das Land viel mehr als ein altes Herz.

[Quelle: südostasien, Dezember 1997, S. 53-54]