| Eine andere Sicht des "Putsches" in Kambodscha |
Michael Vickery
Der Verfasser ist Professor für die Geschichte Asiens an der University Sains in Penang, Malaysia. Er ist seit vielen Jahren Khmer-Wissenschaftler und spricht fließend Khmer.
1993 hieß es, die Journalisten seien nach Phnom Penh gekommen, um Blut zu sehen und waren enttäuscht wieder abgezogen. Jetzt haben sie Blut gesehen, und natürlich wissen sie, was sie damit zu tun haben - ihr eigenes Vietnam-Syndrom zu nähren, indem sie einer kambodschanischen Regierung einen Tritt verpassen, die sich - wie Vietnam - geweigert hatte, klein beizugeben.
Der starke Mann Hun Sen, sagen sie, wollte seine politischen Gegner ausradieren, weil er die Ergebnisse der Wahlen im nächsten Jahr fürchte. Die zwei Milliarden von UNTAC wären verschwendet, weil man damit nicht das, was der Westen in Kambodscha wollte, erkaufen konnte. Die Leute von FUNCINPEC, die sich für Hun Sen statt für Ranariddh entschieden hatten, seien Kollaborateure, obwohl sie bei ihrer Rückkehr nach Kambodscha 1991 als die besten Elemente in FUNCINPEC gepriesen worden waren - was sie zweifellos sind.
Völlig ignoriert wird die Vorgeschichte der Ereignisse des 5./6. Julis. Obwohl Journalisten nicht immer Historiker und Soziologen sein können, müssen sie doch aufpassen, sonst führt sie ihre etwas einfältige Berichterstattung der Tatsachen (die immer nur Teile zeigen kann, weil ausgewählt werden muß, und deshalb unausweichlich Partei ergreift) zu groben Fehlinterpretationen, um nicht zu sagen Fehlinformationen.
Zweifellos sind die achtziger Jahre für Journalisten so sehr alte Geschichte, daß sie nicht der Einseitigkeit beschuldigt werden können, wenn sie sie vergessen. Alle in Kambodscha in Politik involvierten Personen wissen allerdings, daß der ganze sogenannte Friedensprozeß darauf gerichtet war, die CPP loszuwerden. Dabei wurde sogar in Kauf genommen, die Khmer Rouge (KR) unter Umständen an der Regierung zu beteiligen. Die Übereinkunft von Paris und die Wahlen von 1993 kamen nur zustande, weil die PRK/SOC unfertigere Pläne zu Fall brachte. Und trotz zwei Milliarden US-Dollar und einer schnatternder Schar Experten war das Verhalten beim Stimmenzählen so nachlässig, daß die CPP Betrug behaupten konnte.
Fehlinformationen
Es ist allerdings eine klare Fehlinformation, zu sagen, daß Ranariddh gesiegt habe, und Hun Sen sich geweigert habe, von der Bühne abzutreten. Die Parteien waren der Anzahl ihrer Stimmen nach vertreten und die Koalition war von Paris und der UNCTAD in Bezug auf die neue Verfassung bevollmächtigt. Die Umstände, unter denen die Koalition zustande kam, waren natürlich nicht parlamentarisch, aber die Stellung der CPP stimmte mit der Anzahl ihrer Stimmen überein: 38 Prozent gegenüber 45. Das ist das Minimum an Hintergrund.
Es war Fehlinformation, nicht wenigstens am Rand zu erwähnen, daß Ranariddh noch vor Wochen verkündet hatte, daß er Verbündete aus den Reihen der KR dazu benutzen werde, seine Politik voranzutreiben, besonders und das ist am gefährlichsten, gegen Vietnam. Es war Fehlinformation, nicht wahrzunehmen, daß die Royalisten seit 1993 geplant hatten, Hun Sen zu hintergehen, genauso wie er zweifellos intrigiert hatte, um vor ihnen zu bleiben. Die Teilung nach der Wahl fand unter Ranariddhs Bruder Chakrapong statt, der gerade von der CPP abgeschoben worden war, und war direkt angestiftet von einer höherrangigen Person nicht aus der CPP. Hun Sen gewann gegen sie und bekam Anerkennung für die Niederschlagung der Teilung. Das ganze Jahr 1994 gab es Pläne der Royalisten, die CPP zu hintergehen, indem die KR über die Hintertür in die Regierung gebracht werden sollten; und im Juli desselben Jahres wurde ein Staatsstreich der Royalisten nur knapp im Keim erstickt.
Die Royalisten scheinen überdies erreicht zu haben, was sie verlangt hatte. Wie es in der CPP-Untersuchung heißt, die von einem US-Rechtsexperten erstellt wurde, und wie es in Mike Fowlers Version des Falles unterstützt wird (PPP 12-24, Juli 1997 S.11), hatten die Royalisten - anscheinend völlig überzeugt vom Erfolg - versucht, solch einen Zwischenfall zu provozieren, und Hun Sen hatte einen guten Rechtsfall gegen sie, wenn er sich nur an die Gerichte gewendet hätte statt Gewalt anzuwenden. Ich frage mich nur, welche Gerichte er hätte anrufen sollen. Die Ausländergemeinde und die internationale Presse haben die kambodschanischen Gerichte als Gehilfen der Regierung verurteilt, und so würde jedes Urteil zugunsten Hun Sens von vorne herein als parteiisch gelten; und möglicherweise hätte kein internationales Gericht den Fall angenommen.
Übrigens, unter seriösen Diplomaten wurden die Inhalte der Untersuchung während meines letzten Aufenthaltes in Phnom Penh im Dezember 1996 weitgehend vertreten.
Pseudojournalismus
Natürlich sollten wir uns alle über den Sturz Pol Pots von Nate Thayer und am Auftritt der Khmer Rouge - wiedergeboren als liberale Demokraten - freuen. Nate, ein freiwilliger PR-Mann für die Khmer Rouge spätestens seit seinem Artikel "Cambodia: Misperceptions and Peace" (Washington Quaterly 2/1991 S. 179-191), hat sich selbst übertroffen mit "Cambodia's Peace was just a Day away" (Washington Post v. 17.8.1997), der weit über die gewöhnliche PR hinausgeht. Es ist das abwegigste und unredlichste Stück Pseudojournalismus, das ich seit langem gesehen habe.
Um die Szene als "entscheidenden Wendepunkt" zu präsentieren, der Frieden für "die gefolterte Geschichte dieses Landes" (ein unter Schreiberlingen übliches Klischee, um die Folterer zu entschuldigen) bedeutet hätte, spricht Nate von der KR, "die ihren Krieg gegen Kambodschas Regierung" aufgeben und "einer formellen Kapitulationszeremonie zustimmen würden, in der ihre Streitkräfte sich der kambodschanischen Armee anschließen". Das ist echte Nate Thayersche Scheinheiligkeit. Weiter unten in dem Artikel erscheinen die KR selber ehrlicher.
In seinem FEER-Spezial vom 7.8.97 war Nate weniger abwegig: "Die Khmer Rouge machten ihre Allianz mit Ranariddhs FUNCINPEC am 4. Juli endgültig", nach Verhandlungen zwischen Ta Mok und FUNCINPEC-General Nyek Bun Chhay, in denen die KR "zustimmten, sich der Allianz [mit FUNCINPEC, Anm. d. Verf.] im Grundsatz anzuschließen."
In der Washington Post gab Nate der Geschichte eine andere Wendung: "Die Guerillas stimmten schließlich zu, ihre Truppen in die Armee zu integrieren und die Regierung anzuerkennen." Nate schrieb irrtümlich "die Regierung" für "FUNCINPEC" und ersetzte deren bewaffnete Fraktion durch "Armee".
Dennoch schreibt Nate weiter im Text, die KR seien kategorisch dagegen, mit Hun Sen zusammen zu arbeiten, den sie ständig als Puppe bezeichnen, und wozu sie zustimmten, war nicht, sich in die Streitkräfte zu integrieren und der Regierung anzuschließen, sondern nur, daß sich "die Militäreinheiten Regierungsuniformen anziehen und dem König Treue versprechen würden, genauso wie der Regierung und der Verfassung, daß sie aber nicht gezwungen würden, ihr Gebiet zu verlassen". Sie würden ihre eigene strategische Basis in Anlong Ven behalten. In ähnlicher Weise kam man darin überein, nicht, daß die KR sich an der Regierung beteiligen würden, sondern daß sie "der Vereinigung der National United Front der Anti-Hun-Sen-Oppositionsparteien beitreten könne".
Das ist genau das, was Hun Sen behauptete, eine Koalition der FUNCINPEC mit den KR gegen ihn, zusammen mit der Lieferung von Waffen und Munition von FUNCINPEC an die KR.
Es ist also ungeheuerlich, zu sagen, daß erst jetzt, nach Hun Sens Staatsstreich, "die Ranariddh ergebenen Streitkräfte begonnen haben, eine militärische Koalition mit früheren Khmer-Rouge-Kämpfern zu bilden". Das war es, was am 4. Juli vereinbart wurde.
Eine Verbindung der KR mit Ranariddh würde nicht nur keinen Frieden für Kambodscha bringen, dadurch würde auch Vietnam hineingezogen, denn Berichte des Rundfunksenders der KR zeigen, daß sich nichts an ihrer traditionellen Politik geändert hat. Der Haß gegen Vietnam als Erzfeind bleibt; und vor einigen Wochen prahlte Ranariddh, er würde desertierte KR für seine Pläne gegen Vietnam einsetzen.
Khmer Rouge erobern Herzen der westlichen Presse
Der Schauprozeß für Pol Pot zeigt, daß die KR, wie ich 1991 geschrieben habe (Indochina Issues), wieder dabei sind, die Herzen der westlichen Presse zu erobern. Wie Thayer geschrieben hat: Tep Kunnal, ein neuer Frontmann der KR, "kennt sich in der US-Politik gut aus". Die Schau hat einige Erfolgsaussicht, denn alle Gegner der DK haben ihre Erinnerungen mit dem Namen Pol Pot verbunden, indem sie ignorierten, daß das, was 1975-79 geschehen ist, nicht das Werk eines einzelnen Mannes gewesen sein konnte, sondern von Kambodschas Geschichte und der Struktur seiner Gesellschaft beeinflußt war.
Für Vietnam und den neuen PRK-Staat war das 1979 der einfachste Weg, schnell sicherzugehen, daß seine Feinde dämonisiert wurden; für andere Kambodschaner war es ein Weg, die Beschäftigung mit der Vergangenheit der eigenen Gesellschaft zu umgehen; für betroffene westliche Regierungen war es ein Weg, sich der eigenen Verantwortung für die Zerstörung Kambodschas zu entziehen; und für Wissenschaftler - besonders aus dem englischsprachigen Raum - war die Konzentration auf Personen statt auf Strukturen einer Gesellschaft eine eingefleischte Angewohnheit. Bei der kambodschanischen Bevölkerung genauso wie für westliche Beobachter ersetzte der "Pol-Potismus", die Verirrung eines einzelnen Mannes, "Demokratisches Kambodscha", das als unglückliche Episode in Kambodschas Integration in der modernen Welt hätte betrachtet werden sollen, die genau untersucht und in ihrer Gesamtheit erklärt werden müßte.
Im Gegensatz zu Thayer sahen eine Anzahl Personen, Kambodschaner und Ausländer, Pol Pot in Thayers Film nicht bußfertig und den Tränen nahe; am Ende wurde Pol Pot beträchtliche Ehrerbietung von Seiten seiner "Ankläger" entgegengebracht. Zuschauer waren vor allem Frauen und Kinder, die Parolen skandierten; Hauptführer - Ta Mok, Khieu Samphan oder Nuon Chea - waren nicht anwesend; Thayer konnte Pol Pot keine Fragen stellen (ob aus sprachlichen oder politischen Gründen, ist unklar), und er wiederholte einfach, was ihm von der Organisatoren der Schau über die angeblichen Spaltungen in den KR vorgegeben worden war. Auch da ist klar, daß nicht viel neu ist. Ihre Bauernideologie und Nationalismus sind immer noch die Themen der KR, wie es schon immer war, und jetzt behaupten sie, für liberale Demokratie und freien Markt zu sein.
Khmer Rouge hat sich nicht geändert
So könnte man fragen - und in der Tat wollen sie, das wir das fragen: was ist so falsch an einer Allianz von Royalisten und KR, gegründet auf Bauernwohlstand, Nationalismus und freiem Markt?
Zum Ersten haben wir viel davon schon einmal gesehen. Immer war ihre Politik im Grundsatz für die Bauern, und doch schädigten sie die Bauern schwer. Jetzt, mit einer kleinen von ihnen abhängigen Bevölkerung, und mit dem ungeheuren Reichtum aus den Holzverkäufen, ist es leicht, sich mehr Popularität bei den Bauern zu erkaufen. Daraus läßt sich nicht schließen, was sie unternehmen würden, wenn sie wieder die Macht hätten, und ob sie aus den Erfahrungen gelernt haben. Bisher hat für sie "freier Markt" bedeutet, die staatseigenen Wälder zu stehlen und sie über die Grenze zu verkaufen - falls es das ist, was Kambodscha von ihnen zu erwarten hätte, könnte das Land auch bei seinen jetzigen Herrschern bleiben. Was ihre Einstellung zur freien Marktwirtschaft angeht, sollten wir eher skeptisch sein, denke ich.
Zum anderen wirken in einem armen Land mit einer überwältigenden Mehrheit armer Bauern in seiner Bevölkerung freie Marktwirtschaft und liberale Demokratie dem Wohlstand der Bauern eher entgegen, wie man an mehreren Beispielen in der Welt sehen kann.
Das destruktivste Element der Politik der DK und Grund für die meisten der vom Staat verordneten Exekutionen war der Nationalismus, der für die KR vor allem tiefen Haß gegenüber Vietnam bedeutet. Die Diplomaten in Phnom Penh, die letzten Dezember ihre Sorge zum Ausdruck darüber zum Ausdruck gebracht hatten, daß im darauffolgenden Jahr eine unselige Allianz von Ranariddh, Rainsy und der KR, die mit ihrem Anti-Vietnam-Chauvinismus bei den Wahlen Erfolg haben könnten, entstehen würde, hatten Recht, und wenn Hun Sen das verhindert hat, sollten wir uns freuen.
Nate Thayer hat allerdings Dinge geschrieben, die Beachtung verdienen. Im Unterschied zu den Journalisten, die nur nach Kambodscha kommen, um Blut zu sehen und die ihre schlimmsten Schmähungen nicht für die echten KR sondern für Hun Sen aufbewahren, und zwar deshalb, weil er vor 1977 einmal bei den KR gewesen war, und im Unterschied zu westlichen Staatsmännern, die die KR in den Achtzigern öffentlich verurteilten, während sie sie über die Grenze zu Thailand mit Nachschub versorgten, glaubt Thayer daran, was er veröffentlicht. Er sieht, daß der größte Teil von Kambodschas Bevölkerung, die arme Bauern sind, im Elend leben, ignoriert von den meisten ihrer politischen und wirtschaftlichen Herrscher. Und Thayer glaubt, daß die, die er als die neue, veränderte KR ansieht, Antworten haben könnte.
1975 kann wiederkommen
Die Regierung in Phnom Penh und die beteiligten internationalen Organisationen sollten zumindest ernsthaft ihre Aufmerksamkeit auf die sozialen Probleme von großen, verarmten Teilen der kambodschanischen Bevölkerung richten, einschließlich der Bauern, der städtischen Massen und der Soldaten. Innerhalb der Vorgänge vom 5./6. Juli erinnerte vieles erschreckend an den April 1975. Wie Robin McDowell am 7. Juli berichtet hat, "sagten die Ärzte eines Krankenhauses, Patienten würden frühzeitig nach Hause entlassen, um ihr Hab und Gut zu sichern. In einem andern schickten die Ärzte, von Artilleriefeuer erschreckt, die Patienten heim. Alle Matratzen, Möbel und Ausrüstung des Krankenhauses sind geplündert worden." Laßt uns nicht vergessen, daß einer der Gründe für die Auflösung der Krankenhäuser durch die siegreichen KR war, daß über die Hälfte der Ärzte vor dem 17. April außer Landes geflohen war.
Die Plünderungen, die den Staatsstreich begleiteten, waren nicht eine Belohnung für die Truppen. Offensichtlich konnten sie nicht unter Kontrolle gebracht werden, und Zivilisten beteiligten sich ebenso begeistert wie Soldaten daran. Diese Ereignisse zeigen den tiefen Haß der Armen, Soldaten und Zivilen gegen den kleinen priviligierten Teil der Bevölkerung, der seit 1991 auf unredliche Art reich geworden ist.
Die Khmer Rouge gewannen 1975, weil sie die Unterstützung dieser armen Teile Kambodschas hatten, und Phnom Penh als Stadt verdiente, abgesehen vom Schicksal einzelner Personen, was im April 1975 geschah. Die Ereignisse vom 5./6. Juli zeigen, daß das alles noch einmal geschehen könnte, ob Pol Pot entfernt worden ist oder nicht, und ob die Khmer Rouge neugebildet worden sind oder nicht. Falls in der Tat eine KR-Royalisten-Allianz die Wahl gewinnen würde, und die liberale Demokratie und der freie Markt, den sie jetzt so anpreisen, verwirklichen würden, könnten sie am Ende selbst Opfer des Volkszornes werden. Nach dem Anti-Vietnam-Chauvinismus , der zuzunehmen scheint, macht mir am meisten Sorgen, daß alle Parteien, die KR, die Royalisten, die CPP und der prominente Dissident Pen Sovan die gleichen wirtschaftlichen Lehren verlockend fanden, die in der früheren Sowjetunion zur Verwirklichung der alten Klischees aus dem kalten Krieg von Regimen, die gegen ihr eigenes Volk Krieg führen, geführt haben.
Übersetzung von Lothar Schreiner, redaktionelle Überarbeitung von Christian Metz
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Stand: 11. January 1998, © Asienhaus
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