| Machtrochaden in
Manila ... und ein neuer Präsident ohne Gottes Segen |
Ein Markenzeichen ist die Zigarre, die er lässig von einem Mundwinkel zum anderen schiebt, aber nicht raucht. Als er jünger war, machte er sich ein Vergnügen daraus, gar mit einem Zigarrenstummel im Mund per Fallschirm vom Himmel herabzuschweben. Als bodenständiger Offizier hat Fidel V. Ramos eine Karriere gemacht, von der er vor Jahren nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Mehrfach war ihm die Geschichte hold: Nun hat er die besten Chancen, in deren Annalen nicht nur als achter Präsident der seit Sommer 1946 unabhängigen Republik der Philippinen, sondern auch als erfolgreicher Politmacho und Friedensbroker einzugehen.Rainer Werning
Geschäftsführer der "Stiftung für Kinder"
Der Aufstieg des General Ramos
Als Absolvent der renommierten US-amerikanischen Militärakademie West Point und während des Korea- und Vietnamkrieges in psychologischer Kriegführung geschult, hat sich Ramos beharrlich zum Eliteoffizier hochgedient. Als Kommandeur der später im In- wie Ausland wegen ihrer notorischen Menschenrechtsverletzungen heftig attackierten Philippine Constabulary/Integrated National Police, der Vorläuferin der heutigen Nationalpolizei, bildete er gemeinsam mit dem damaligen Verteidigungsminister Juan Ponce Enrile die Korsettstange der Marcos-Diktatur. Als seine Laufbahn eigentlich mit dem Posten des Generalstabschefs hätte gekrönt werden sollen, erklomm diesen Posten allerdings ein entfernter Cousin von Marcos, Fabian C. Ver. Das ließ Ramos verbittert auf Distanz zu seinem früheren Gönner gehen, bis er ein Wende-General par excellence sich im entscheidenden Moment der Machterosion des Marcos-Regimes zusammen mit Enrile auf die Seite von Aquino schlug. Ein in zweierlei Hinsicht vorteilhafter Schachzug: Neben seinem eigenen Machterhalt erst Generalstabschef, dann Verteidigungsminister und schließlich als Aquino-Protegé im Sommer 1992 mit gerade mal 23 Prozent der Stimmen zu deren Nachfolger gewählt wurde das Militär über Nacht reingewaschen, seine früheren Schandtaten schlicht »vergessen« und es nunmehr mit der Gloriole der Königinmacher umhüllt.
Das Erbe des Generals
Erst kürzlich noch in einem Gespräch mit der Welt am Sonntag (15.2.98) gefragt, warum eigentlich den Philippinen nicht ein seinen Anrainern vergleichbarer wirtschaftlicher Erfolg beschieden worden sei, hatte Ramos die Chuzpe, dem Interviewer zu bescheiden: »Sie dürfen nicht vergessen, daß die Philippinen beinahe 20 Jahre unter einer Diktatur standen. (...) Nachdem wir aber so lange unter der Herrschaft eines starken Mannes gelitten hatten, konnten wir unsere Wirtschaft nicht sofort in Gang bringen. Selbst während der sechs Jahre meiner ausgezeichneten Vorgängerin (...) war das Wirtschaftswachstum nicht beständig. Wir befanden uns in einem Kreislauf zwischen Boom und ernsthafter Krise. Während meiner Zeit haben wir das alles aber sehr schnell korrigiert. (...) Deshalb sage ich voraus, daß wir auch noch Mitte 1998 in guter Verfassung sein werden.«
Im Gegensatz zu seinen Vorläufern machte Präsident Ramos weniger die Lösung der Land- und Agrarfrage als vielmehr den Anschluß an die zumindest zeitweilig erfolgreichen Tigerökonomien Südost- und Ostasiens zum Kernpunkt seines Regierungsprogramms »Philippinen 2000«. Großangelegte Infrastrukturprojekte wie der Auf- und Ausbau von See- und Flughäfen und die zügige Sanierung des maroden Energiesektors ließen den von seinen Kumpanen liebevoll »Steady Eddy« genannten Ex-General in der Gunst seiner Landsleute steigen. (In der Endphase der Aquino-Administration waren selbst in der Metropole Manila Stromausfälle bis zu acht Stunden an der Tagesordnung.) Überdies floß im Vorfeld des Abzugs der Briten aus Hongkong Auslandskapital aus Taiwan und Hongkong in beträchtlichem Umfang ins Land, vorrangig in den Immobiliensektor. Die einstigen US-Militärstützpunkte Clark Air Base und Subic Naval Base, immerhin einst die größten US-Basen außerhalb Nordamerikas, wurden schrittweise in besondere Exportförderungs- bzw. Freihandelszonen verwandelt, um nach dem »Fall« Hongkongs als Ersatz einen gleichsam blühenden Finanz- und Handelsknotenpunkt in der Region entstehen zu lassen.
Ein Wachstum von annähernd sechs Prozent des Bruttosozialprodukts im Jahr 1996 bedeuteten für die jahrelang stetig heruntergewirtschafteten Inseln einen Durchbruch. Zeitweilig hatte es den Anschein, als glückte Ramos die Einlösung seines Versprechens, im Rahmen des Plans »Philippinen 2000« die Armutsrate zu halbieren und das jährliche Prokopfeinkommen auf umgerechnet 1.000 US-Dollar steigen zu lassen. Seinen potentiellen KritikerInnen begegnete er mit der flankierenden Social Reform Agenda, die vormaligen Squattern in den urbanen Zentren sowie Pächtern und Kleinbauern auf Reis- und Maisland wenigstens den Erwerb von Grund und Boden in Aussicht stellte. Doch über deren Fortschritte wird heute allenfalls hinter vorgehaltener Hand geredet. Aufgrund des Kurssturzes des Pesos seit Sommer 1997 büßte er über 40 Prozent seines (Außenhandels-) Werts ein und mit Kreditzinsen von 30 und mehr Prozent ist für solchen Sozialklimbim nichts mehr drin. Von Wachstum ganz zu schweigen.
Die Inflation bewegt sich wieder auf eine zweistellige Höhe zu. Ausländische Investitionen sind in einem Maße zurückgegangen, daß selbst in der nahe Manila gelegenen Sonderwirtschaftszone Cavite zu Beginn des Jahres ein Dutzend der dort 230 ansässigen Firmen ihre Pforten schließen mußten. Entgegen allem zur Schau gestellten Zweckoptimismus der Regierung bleibt der IWF präsent, anstatt sich nach über 30jähriger aktiver Rolle aus den Inseln zurückzuziehen. Zusätzlich zu den bis zum Ende des ersten Quartals zugesicherten 630 Mio. US-Dollar erhält Manila weitere 1,6 Mrd. Dollar, um seine schrumpfenden Devisenreserven aufzustocken. Nicht abzusehen ist das ganze Ausmaß vorzeitiger Aufkündigungen von Arbeitsverträgen zehntausender ArbeitsmigrantInnen in Hongkong, Malaysia, Singapur und im Nahen und Mittleren Osten. Allein deren Überweisungen waren in den vergangenen Jahren der mit Abstand größte Devisenbringer laut Zentralbank umgerechnet fünf Mrd. US-Dollar. Ein etwa gleich hoher Betrag dürfte über andere als Bankkanäle ins Land fließen.
Illustre KandidatInnenshow mehr Schotter als Goldstaub
Der brodelnde Moloch Manila, von dem niemand weiß, ob dort zehn oder 12 Millionen Menschen leben, hatte für seine ständig in Staus steckenden und nun zusätzlich von lähmenden Hitzewellen gebeutelten BewohnerInnen El Niño läßt grüßen zusätzliche Ablenkungen parat. Wahlplakate und Poster allerorten: Die abgebildeten KandidatInnen schienen sich allesamt einem Lächel-Wettbewerb gestellt zu haben, um die Gunst der WählerInnen zu erheischen.
Passé sind die Zeiten, da die Nacionalista Party (NP) und Liberal Party (LP) das politische Geschehen dominierten und deren Führungspersönlichkeiten sich abwechselnd für eine Amtszeit im Malacañang-Palast einnisteten. Gehässige Zungen nannten das die Wahl zwischen Pepsi und Coca-Cola eine herbe Enttäuschung für Wein-Aficionados.
Spätestens seit dem Amtsantritt von Präsidentin Aquino im Frühjahr 1986 entstand, was Ex-Senatspräsident Jovito Salonga einmal trefflich als »Elite-Demokratie pur« bezeichnete. Es sprossen Parteien wie Pilze nach einem warmen Regenguß aus dem Boden. Ihr gemeinsamer Nenner: Statt eines Programms zeichnete sie lediglich die Fähigkeit aus, möglichst aus verschiedenen Landesteilen und sei es nur temporär Seilschaften, gruppiert um eine Führungspersönlichkeit, zu bilden und durch »utang na loob«, Dankbarkeitsschuld, bei der Stange und bei Laune zu halten. Ein enges Netz aus persönlichen, beharrlich gepflegten Beziehungen, der Einsatz und die gezielte Verwendung staatlicher Gelder, um auf regionaler wie lokaler Ebene Günstlinge zu gewinnen beziehungsweise an sich zu binden (»pork-barrel politics«), und schließlich, vor allem zu Wahlzeiten, die Akquirierung von Sonderfonds bildeten die Sesam-öffne-Dich-Formel, um überhaupt ernsthafte Chancen auf irgendeinen politischen Posten zu wahren. Heute, so gibt ein Insider, der Businessman und frühere Handels- und Industrieminister unter Aquino, José Concepcion, unumwunden zu, »sind mindestens eine Milliarde Pesos (umgerechnet zirka 25 Millionen US-Dollar; R.W.) nötig, um ernsthaft Präsidentschaftsaspirationen zu wahren.«
Concepcion ist Chef der »RFM Group of Corporations« und Ko-Vorsitzender der Nationalen Bürgerbewegung für freie Wahlen (Namfrel), einer von betuchten Privatpersonen geförderten Organisation, die sich dafür einsetzt, daß beim Urnengang alles rechtens verläuft. Er selbst hat reichlich acht Millionen Pesos während der Senatswahlen im Jahre 1992 aufgewandt und dennoch verloren. »Selbst wenn ein Kandidat nicht vorhat, sich mit Stimmenkauf oder Betrügerein den Sieg zu erkaufen, braucht er Geld, viel Geld, um Leute einzustellen, die nur das Wahlprozedere und die ordnungsgemäße Auszählung der Stimmen beobachten.« Genau das sei sein größtes Problem gewesen, erläutert Concepcion seine damalige Niederlage: »Dabei sind sie eigentlich auf die Partei angewiesen. Doch in meinem Fall wurden die WahlbeobachterInnen von den jeweiligen Bürgermeistern ernannt, die sich einen Dreck darum scheren, SenatskandidatInnen zu unterstützen. Deren eigenes politisches Überleben steht auf dem Spiel und genießt Vorrang. Da ich weder Bürgermeistern noch Kongreßabgeordneten Gelder zukommen ließ, stand ich letztlich ohne watchdogs da.«
Die KandidatInnen
Ursprünglich hatten für den 11. Mai über 80 KandidatInnen ihre Ambitionen auf das Präsidentenamt bekundet. Doch selbst die staatliche Wahlkommission (Comelec) in dem überwiegend christlichen Land mochte sich nicht dazu durchringen, illustre Vögel wie selbstgestylte Nachfahren von Jesus Christus und Wunderheiler überhaupt erst antreten zu lassen. So blieben elf als würdig befundene KandidatInnen übrig, darunter nebst Enrile die trotz gegen sie losgetretener Prozeßlawinen nach wie vor umtriebige Marcos-Witwe und Kongreßabgeordnete ihrer Heimatprovinz Leyte, Imelda Romualdez, als makabrer Restposten des Ancien régime. Ernsthafte Siegeschancen konnten sich allenfalls drei Kandidaten ausrechnen.
Lakas-NUCD-UMDP-Kampi, ein buntscheckiger Mix sich christdemokratisch verstehender Parteigruppierungen aus dem nördlichen Luzon und der Südinsel Mindanao, genoß mit dem Spitzenkandidaten José de Venecia die Rückendeckung von Ramos, mithin den Vorteil, vom Regierungsapparat unterstützt zu werden. Venecia gilt als »Trapo«, traditioneller Politiker, der nach einer Diplomatenkarriere und einem hochdotierten Job in der Ölbranche die Ramos-Regierung bildenden Seilschaften zusammengeführt und vor allem zusammengehalten hat. Dieses gewiefte Austarieren von Macht ließ ihn nicht nur zum Sprecher des Abgeordnetenhauses in dem nach US-amerikanischen Vorbild geschaffenen bikameralen Systems aufsteigen. Aus Dankbarkeit warf Ramos sein Gewicht für Venecia in die Waagschale, anstatt wie zunächst allgemein erwartet seinen Offizierskollegen und Nachfolger als Verteidigungsminister, General Renato de Villa, zu unterstützen. Am letzten Aprilsonntag verspürte de Venecia beträchtlichen Aufwind, als in Manilas Rizal-Park weit über eine Millionen AnhängerInnen der sich großer Sympathien erfreuenden charismatischen Jesus is Lord-Bewegung zusammenströmten. Es war ein gott- und kandidatennahes Ereignis, das da zelebriert wurde. Gemäß landesüblich geschätzter Akronyme und immer wieder verblüffender Abkürzungen geriet das Spektakel zu einer pompösen Inszenierung für den Regierungskandidaten. »JDV«, die gebräuchliche, doch allzu profane Abkürzung für José de Venecia, stand nunmehr für »Jesus Declaration for Victory«. Ob dieses Fingerzeigs des Herrn präsentierte sich denn selbst der hartgesottene Trapo und Mann mit den großen Ohren sichtlich gerührt.
Als Venecias Stellvertreterin und Anwärterin auf die Vize-Präsidentschaft empfahl sich Gloria Macapagal-Arroyo, die Tochter des in der ersten Hälfe der sechziger Jahre amtierenden Präsidenten und Marcos-Vorgängers Diosdado Macapagal. Auf allgegenwärtigen Postern war sie als strahlendes Bauernmädel mit Reisähren in den Händen und Strohhut abgebildet. Ein lächelnd-lächerliches Konterfei; die in den USA ausgebildete, redegewandte Ökonomin ist wohlvertraut mit allem, was das pulsierende urbane Leben zu bieten hat, dürfte aber ein Reisfeld allenfalls zum Posieren für geneigte Photographen betreten haben.
Weit vorn in der Gunst der WählerInnen lag von Anfang
an der oppositionelle Kandidat der Laban ng Makabayang Masang Pilipino (LAMMP: Kampf der
nationalgesinnten philippinischen Massen), Vizepräsident Joseph »Erap« Estrada. Erap,
das soviel wie Kumpel bedeutet, ist der Sunnyboy philippinischer Politik. Aus einfachen
Verhältnissen stammend, reüssierte der vorzeitige Schulabbrecher als Schauspieler
entgegen dem ausdrücklichen Willen seiner Familie. Denn in den fünfziger Jahren galt es
vor allem in den gehobenen Schichten als unschicklich, in der Filmindustrie tätig zu
sein. Mit richtigem Namen Jose Marcelo Ejercito, legte sich Erap kurzerhand den
Künstlernamen »Joseph Estrada« zu und verkörperte fortan bevorzugt die Rolle des
kleinen Straßenhelden mit großem Herzen. Ein tropengerechter Robin Hood-Verschnitt, der
die Phantasien seiner zahlreichen armen Landsleute beflügelt, ihnen willkommene
Identifikationsmöglichkeiten bietet und sie mit der erlebbaren Nähe eines Helden aus
ihrer Mit-
te über den tristen Alltag hinwegtröstet.
Estradas Auftritte waren landesweit gut besuchte Happenings. Weitaus weniger als seine KonkurrentInnen war er dabei auf den Einsatz exaltierter Go-Go-Girls und Musikbands angewiesen, wenngleich ihm die kleine, frühere Getränkeverkäuferin Nora Aunor, der unbestritten große Darling der philippinischen Schlager- und Filmszene, wichtige Schützenhilfe leistete. Die Massen jubelten ihm zu, während die säkularen und kirchlichen »Trapos« nicht müde wurden, dem untersetzten und von ihnen als Trunkenbold und draufgängerischen Frauenheld öffentlich gescholtenen Erap eins auszuwischen.
Eine eigene Witzgattung
Obgleich er sechs Jahre lang dem Präsidenten eng zur Seite stand, ihm Popularität verschaffte und gleichzeitig als höchster Verbrechensbekämpfer geschätzt wurde, hat Ramos in den vergangenen Wochen keine Gelegenheit ausgelassen, seinem Vize, dessen mangelnde Eloquenz und Englischkenntnisse reichlich Stoff für eine eigene Witzgattung bot, öffentlich unter die Gürtellinie zu schlagen. Mr. Estrada, erklärte Ramos wenige Tage vor dem Londoner Asien-Europa-Treffen ASEM (Anfang April) im Fernsehen, mangele es an Gewandtheit und Intellekt, die Philippinen dort angemessen zu vertreten; Ramos entsandte statt dessen den Senatspräsidenten de Venecia in die britische Hauptstadt.
Flankenschutz erhielt der protestantische Präsident in diesem Falle ausnahmsweise vom cherubinischen Erzbischof Manilas, Jaime Kardinal Sin, der Politik und Religion Zeit seines Lebens stets gern vermengte und daraus auch keinen Hehl macht. In Pastoralschreiben drängte Sin mehrfach darauf, keinem »unqualifizierten Kandidaten die Stimme zu geben und strikt dem Gewissen zu folgen. Ein deutlicher Seitenhieb auf Estrada, über den sich der chinesischstämmige, wegen seiner China-Connections geschätzte und mitunter gar als potentieller Nachfolger des Wojtyla-Papstes gehandelte Sin in Interviews noch deutlicher ausdrückte. Der Financial Times sagte er, »der wahrscheinlichste Gewinner wird der höchstwahrscheinlich desaströseste für unser Land sein«.
Die mangelnde Gottesnähe macht Estrada durch Volksnähe und das Einbeziehen sachkompetenter Leute in sein Team wett. Zu seinem Vizekandidaten hatte er den erfahrenen Juristen Edgardo Angara auserkoren, den einstigen Präsidenten der renommierten staatlichen University of the Philippines. Als Redenschreiber und Souffleure assistieren Erap überdies einst namhafte Mitglieder des Untergrundbündnisses der Nationalen Demokratischen Front (NDFP), die darauf spekulieren, daß Geist und Geld sich einmal kongenial und gewinnbringend entsprechen mögen.
Dem Gusto des Kardinals und der Ex-Präsidentin Aquino entsprach indes Manilas Bürgermeister Alfredo Lim von der Liberal Party. Als ehemaliger Cop und Chef des Western Police District in Manila ist Lim mit populistischen Parolen hervorgetreten. In Rambo-Manier ließ er zahlreiche zweifelhafte Etablissements in Manilas Rotlichtdistrikt Ermita schließen und sich dafür von einer ordnungsliebenden, sicherheitsbewußten Ober- und Mittelschicht als Crimebuster auf den Schild heben. Daß die rasch dichtgemachten Schuppen in Ermita ebenso hurtig andernorts, diesmal im Stadtteil Pasay, wieder operierten und auf Kundenfang gingen, war dann kaum noch einer Notiz wert und ist von Lims PR-Strategen unter den Teppich gekehrt worden.
Als Lims Aspirant auf die Vizepräsidentschaft ging Serge Osmena III. ins Rennen. Auch er ein Sproß einer mächtigen Geschäftsfamilie und Trapo-Dynastie eines Ex-Präsidenten aus der nach Manila zweitwichtigsten Finanz- und Handelscity Cebu. Die Osmenas beherrschen seit Jahrzehnten das politische Geschehen auf der mittleren Visayas-Insel Cebu, die der Londoner Economist noch vor Beginn der sogenannten Asienkrise wegen ihres ungestümen Wachstums als »Ceboom« bezeichnet hatte.
Sieger und Verlierer
Estrada und Macapagal-Arroyo sind unangefochten als die klaren Sieger aus den Wahlen hervorgegangen. Als Sieger können sich ebenfalls die Demoskopen fühlen, die diesmal sehr gut gelegen haben.
Als größter Verlierer steht de Venecia dar, dem die geballte Finanzkraft der Regierungsmaschinerie am Ende doch nichts genützt hat. Verloren haben mit ihm auch Ramos und Kardinal Sin, deren gewichtige Worte zugunsten de Venecias bzw. Lims nichts fruchteten ein Indiz dafür, daß ex cathedra-Empfehlungen nicht länger für bare Münze genommen werden. Mit deren Niederlage einher geht ein gewisser Schwund des »Trapo«-Systems; selbst die neu zu besetzende SenatorInnenliste wird eindrucksvoll von der Stegreif-Kandidatin, der TV-Persönlichkeit Loren Legarda-Leviste, angeführt. Sollte sich ein solcher Trend in den nächsten Jahren verstärken, bedeutete dies, daß die Unterhaltungsbranche weitaus größere Faszination als das Politgerangel ausstrahlt. Ob damit letztlich ein geschärftes, kritisches Bewußtsein für programmatisch ausgewiesene Politik befördert wird, bleibt fraglich.
Jedenfalls wappnet sich ein zum Clinch bereiter Estrada (»Eh, di bakbakan na lang kung bakbakan« »Kommts zur Schlägerei, dann solls halt so sein«) für die bevorstehende Auseinandersetzung mit all jenen Kongreßmitgliedern, die die geschmierte »Pork Barrel«-Politik unangetastet wissen wollen. Vorläufiges Fazit: Philippinische Politik wird, wenn nicht zwangsläufig besser, so doch unterhaltsamer und spannender. Nicht wenig in einem Land, wo in etlichen Regionen noch immer lange Schatten der Marcos-Diktatur nicht weichen wollen.
(Quelle: südostasien 2-98, S. 67-70)
![]()
Stand: 10. August 1998, © Asienhaus
Essen / Asia House Essen
Webspace and technical support provided by Asia Point Network