Burma: Die Wiederkehr der Gleichen - Historische Reflexion zum 10. Jahrestag der Machtübernahme von SLORC

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Hans-Bernd Zöllner

Pastor in Hamburg. Lebte von 1983 bis 1990 in Thailand. Soeben hat er seine Dissertation über die Wahrnehmung der internationalen Welt durch die burmesischen Unabhängigkeitsbewegungen zwischen 1920 und 1948 eingereicht.

 

Nicht selten wird die Geschichte gleich von denen gefälscht, die sie machen.

Wieslaw Brudzinski,
polnischer Satiriker

 

Das Biest und die Schöne

Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben, heißt es. Hinzuzufügen ist: Die Besiegten von gestern warten darauf, die Sieger von morgen zu sein. Sie bereiten sich darauf vor, selbst Geschichte zu machen.

In Burma firmieren die Sieger von heute seit dem November vorigen Jahres unter dem Kürzel SPDC, »Staatsrat für Frieden und Entwicklung«. Davor hieß das oberste Gremium im Staat SLORC, »Staatsrat zur Wiederherstellung von Gesetz und Ordnung«. Mit dem SLORC übernahm das Militär am 18. September 1988 die Macht von einem anderen Militär, dem Ex-General Ne Win, der in Burma seit dem 2. März 1962 ununterbrochen geherrscht hatte.

Für die Sieger von morgen steht der Name Aung San Suu Kyi. Sie ist die Tochter des Unabhängigkeitshelden Burmas, Aung San. Sie repräsentiert die NLD, die Nationale Liga für Demokratie. 1990 gewann die Partei die Wahlen im Lande. Aung San Suu Kyi bekam 1991 den Friedensnobelpreis. Von 1989 bis 1995 stand sie unter Hausarrest. Auch heute wird sie an einer freien Ausübung ihrer politischen Tätigkeit gehindert. Jüngst verbrachte sie zweimal einige Tage in einem Auto, als ihr nicht gestattet wurde, politische Freunde außerhalb Ranguns zu besuchen. Ihr gehört ganz eindeutig unsere Sympathie.

Selten scheinen böse und gut so klar verteilt zu sein wie im Burma von 1998. Und so scheint auch ganz klar zu sein, wie die neuere Geschichte Burmas aussieht, die Geschichte der Sieger von morgen. Sie wird seit Jahren wiederholt und bestimmt das Burma-Bild der Medien und der Politik.

Die Bewohner des schönen und reichen Landes Burma erkämpften sich nach dem 2. Weltkrieg unter Führung eines jungen Freiheitskämpfers namens Aung San die Unabhängigkeit von den Briten. Der Freiheitsheld allerdings erlebte tragischerweise den 1. Unabhängigkeitstag des Landes am 4. Januar 1948 nicht. Er wurde ein halbes Jahr vorher mitsamt seinem halben Kabinett von einem politischen Rivalen ermordet.

Einer seiner Gefolgsleute, Sozialist, frommer Buddhist und Demokrat zugleich, wurde zum ersten Ministerpräsidenten des Landes gewählt und mehrmals demokratisch wiedergewählt. Dieser U Nu führte Burma durch die ersten schwierigen Jahre der Unabhängigkeit. Da putschte das Militär am 2. März 1962. General Ne Win übernahm die Macht. Er führte den »Burmanischen Weg zum Sozialismus« ein und führte das Land damit während seiner 26 Jahre lang dauernden Einparteienherrschaft in die internationale Isolation und in den wirtschaftlichen Ruin.

Im Sommer 1988 lehnten sich die Bewohner des Landes, angeführt von den Studenten und unterstützt von Aung San Suu Kyi, gegen Ungerechtigkeit und wirtschaftliches Elend auf und forderten Demokratie. Ne Win trat zurück. Das Militär schoß auf die gewaltlos Demonstrierenden. Tausende wurden getötet. SLORC übernahm die Macht, versprach die Einführung eines Mehrparteiensystems und veranstaltete im Mai 1990 freie und faire Wahlen. Ihr Ergebnis, eine vernichtende Niederlage für die Partei des Militärs und ein Sieg für die Partei Aung San Suu Kyis, wurde nicht respektiert. Es gab keine Machtübergabe.

Seitdem gibt es in Burma den Kampf zwischen Militärdiktatur und Demokratiebewegung. Viele Studenten und andere Oppositionelle gingen in den Dschungel und schlossen sich dort mit den Freiheitskämpfern der ethnischen Gruppen zusammen, die schon lange gegen die burmanische Militärdiktatur kämpften. Diese demokratische Front aller Völker trägt die Hoffnung auf den Sieg jener Kräfte, die ein neues, freies Burma schaffen werden.

So etwa sieht das Geschichtsbild aus, das seit 1988 von der im Ausland lebenden burmanischen Opposition und den Burma-Solidaritätsgruppen propagiert wird und das Grundlage der westlichen Politik Burma gegenüber ist. Es fordert die Achtung demokratischer Grundprinzipien und die Achtung der Menschenrechte ein und ist von Sympathie mit einem unterdrückten Volk freiheitsliebender Menschen, das von einer starken, mutigen und schönen Frau vertreten wird, begleitet.

 

Blind machende Sympathie

Erst seit 1988 gibt es in Burma eine Opposition, von der eine breitere Öffentlichkeit Notiz nimmt. Dasselbe gilt für im Ausland agierende Solidaritätsgruppen, die auf einen Umschwung in Burma hinarbeiten. Sympathie für das Land und seine Menschen gab es unter den wenigen, die sich vor SLORCs Machtübernahme für das Land interessierten, aber schon immer. Svantje Strieder schrieb 1982 in einem langen Bericht über den »Sozialismus des burmesischen Generals Ne Win« im Spiegel:

Westliche Entwicklung, amerikanische Lebensart, Nachtleben und Prostitution wie im 600 km entfernten Bangkok? Nein, danke. Was in Burma zählt, sind gute Reisernten, Buddhas Weisheit und der kuriose Sozialismus des Generals Ne Win. Dieser Sozialismus ist hausgemacht, einmalig und nicht nachahmbar.

Unabhängig von Weltwirtschafts- und Energiekrisen, eingesponnen in die eigene alte Kultur, steht Burma heute besser da als Dutzende von Entwicklungsländern. Für manche Entwicklungsstrategen, die heute wieder dem Grundsatz »Small is beautiful« das Wort reden, ist Burma so etwas wie ein Drittweltmodell, ein Wunschgarten für Grüne und Alternative. Elendsviertel sind in Burma unbekannt.

Daß Burma als Ganzes fortbesteht, kein Vietnam wurde und niemals in die Mühlen der Supermächte geriet, grenzt an ein Wunder, das die Generäle wohl selbst kaum verstehen. Es gelang, weil der sonst so starrsinnige Ne Win ein guter Taktiker war, ...

Der Bericht enthält darüber hinaus auch kritische Anmerkungen. Es gibt den Hinweis auf die diktatorische Herrschaftsform und anderes. Der Grundton aber, ist der einer tiefen Sympathie für diesen Versuch, die »Seele eines Landes« zu bewahren.

Das ist typisch für das deutsche Burma-Bild vor 1988. Es waren durchaus nicht nur die »Alternativen«, die nach dem »Dritten Weg« zwischen Kapitalismus und Kommunismus Ausschau hielten. Sympathisanten Burmas waren auch alle deutschen Parteien, alle Regierungen und natürlich auch die Wirtschaft. Vor 1988 war Deutschland nach Japan der zweitgrößte Geber von Entwicklungshilfe und zugleich der zweitgrößte Wirtschaftspartner Burmas. Eine Fülle deutscher Delegationen kam ins Land, noch 1986 Bundespräsident Richard von Weizsäcker, und alle ließen sich von einem »Goldenen Burma« bezaubern.

Sympathie und Liebe können auch blind machen. Das ist eine Erklärung für das Phänomen, daß sich die Meinung über die Ne Win-Epoche der burmanischen Nachkriegsgeschichte mit den Ereignissen des Jahres 1988 so radikal geändert hat. Man sah vor 1988 überwiegend nur das schöne Burma, dessen Menschen in Würde arm waren, und die keine existentielle Not litten. Man sah ein Burma, das sich seine Unschuld bewahrt hatte. Ne Win, vor 1988 der strenge und skurrile Beschützer dieser schönen Unschuld, wurde danach zum bösen Unhold, der das arme Mädchen Burma 26 Jahre lang vergewaltigt hatte. Die Empörung über die Ereignisse und der Umstand, daß die westlichen Freunde Burmas sie nicht vorausgesehen hatten, ließen keinen Raum für die Frage, was man denn selbst dazu beigetragen hatte, daß Burma ins Unglück stürzte. Die Haltung des Westens Burma gegenüber ist ein Fall von unbewältigter eigener Vergangenheit. Es ist bisher nicht gelungen, das schöne und das schreckliche Burma zusammen zu sehen.

 

Die neue Bedrohung durch die alten Imperialisten

Ne Win und sein »skurriler« Sozialismus hatten sich die Zuneigung aus den verschiedenen Lagern und von Seiten der internationalen Experten gefallen lassen. Eine Ermutigung zu dieser Zuneigung hatte es nicht gegeben. Touristen durften lange Zeit gar nicht, dann nur für sieben Tage ins Land. Wirtschaftlich und politisch wurde alles vermieden, was die eigene Unabhängigkeit hätte beschädigen können.

Man wollte die eigene Geschichte ganz alleine schreiben, ohne daß die Imperialisten aus dem Westen, dem Osten und aus Asien ihre Hand mit im Spiel hatten. Man hatte hart genug um die Unabhängigkeit kämpfen müssen — gegen die Briten, gegen die Japaner, dann wieder gegen die Briten. Nach der Unabhängigkeit war der Kampf dann weiter gegangen: gegen die kommunistischen Agenten Moskaus und Pekings und gegen Aufständische aus den nicht-burmanischen Völkern im eigenen Land.

Die inneren Feinde hatte man bis 1988 bekämpft, ohne sie besiegen zu können. Die »Äußeren Mächte hatte man durch eine radikale Neutralitätspolitik auf Distanz gehalten. Dieses Gleichgewicht zerbrach 1988. Die aufrührerischen Demonstranten formulierten ihren Protest gegen das Regime Ne Wins, indem sie DEMOKRATIE auf ihre Fahnen schrieben, einen Begriff, den Aung San und seine Freunde als Instrument des britischen Imperialismus bekämpft hatten. Fast gleichzeitig verschwanden die kommunistischen Regierungen Osteuropas und die Kommunistische Partei Burmas von der politischen Bildfläche. Was blieb, war eine doppelte Bedrohung durch den »demokratischen Westen«. Da war einmal Aung San Suu Kyi, die Symbolfigur des Aufstandes im Inneren. Sie hatte seit ihrer Kindheit im Ausland gelebt und war mit einem Briten verheiratet. Zum anderen waren da die Aufständischen der nicht-burmanischen Nationalitäten an den Grenzen. Diese Nationalitäten waren von den Briten besonders protegiert worden, und deren ›Teile-und-herrsche-Politik‹ war einer der wesentlichen Gründe dafür gewesen, daß das wieder unabhängig gewordene Burma es so schwer mit seiner Einheit hatte.

SLORC begegnete der doppelten Gefahr mit einer doppelten Strategie: Die Aufständischen an den Grenzen wurden militärisch und politisch energischer bekämpft als je zuvor. Im Inneren begann eine Propaganda-Kampagne. Es wurde behauptet, es habe den Versuch eines Staatsstreichs von »rechts« gegeben, an dem auch westliche Botschaften beteiligt waren.

Eine solche Kampagne konnte auf eine Fülle von Material aus der Kolonialgeschichte Burmas zurückgreifen. Da war etwa die Resolution der von über 1000 Repräsentanten der internationalen Kaufmannsgemeinschaft — darunter auch zahlreiche Deutsche, denn Deutschland war schon vor 1914 nach dem Empire der größte Handelspartner Burmas — des schon britischen Rangun an die britische Regierung aus dem Jahre 1884. Mit ihr begann die Eingliederung des letzten Restes des von König Thibaw regierten unabhängigen Burma ins britische Weltreich. Die Resolution stellte fest:

Daß die Mißregierung in Ober-Burma unter König Thibaw, die in den jüngsten Massakern gipfelte, Elend und Not für die Bewohner des Landes zur Folge hat.

Daß das sofortige Eingreifen der Regierung ihrer Majestät absolut notwendig sei, da die Ruhe und das Wohlergehen von Britisch-Burma und Ober-Burma untrennbar miteinander verbunden sind.

Daß Ober-Burma annektiert werden solle, oder — falls das nicht gelänge —, daß ein Protektorat eingerichtet werden solle, mit einem Prinzen auf dem Thron, der keinesfalls der jetzige Herrscher sein darf.

Die »jüngsten Massaker«, die hier erwähnt werden, lagen schon einige Jahre zurück. Anfang 1879, ein halbes Jahr nach der Thronbesteigung des Königs, waren in Mandalay eine Reihe von möglichen Anwärtern auf den Thron hingerichtet worden. Weitere Hinrichtungen folgten später. Unter den Opfer waren auch Personen, die freundschaftliche Beziehungen zu den Briten hatten. Sogar der britische Gesandte in Mandalay, so ein Gerücht, sei umgebracht worden.

Auf diese und andere Geschichten berief und beruft sich SLORC/SPDC bis heute und untermauert damit seine rüden Attacken auf die Konkurrentin um die Macht. Die Geschichtsschreibung wird ein Instrument in der aktuellen politischen Auseinandersetzung — und das nicht nur in Burma. Die Diskussion um die sogenannten asiatischen Werte zeigt, daß es in Asien eine Reihe von Versuchen gibt, die vermutete westliche Hegemonie auf dem Gebiet der die Geschichtsbetrachtung leitenden Werte zu bezweifeln.

 

Das Dilemma des abendländischen Betrachters

Die Propaganda gegen Aung San Suu Kyi und ihre angeblichen Helfershelfer aus dem westlichen Lager ist mehr als durchsichtig. Das Tückische an dieser Propaganda ist: Sie verweist auf die Balken im Auge des abendländischen Betrachters und macht seine Verstrickung in diese Geschichte deutlich. Ein weiterer Blick auf die Quellen, aus denen sich das Bild der Geschichte Burmas bei uns speist, hilft die Balken im eigenen Auge wahrzunehmen. Da zeigt sich, daß es schon immer eine ganz große Koalition gab, was die Beurteilung Burmas anging.

Friedrich Engels schrieb 1858 für ein amerikanisches Lexikon einen Artikel über Burma. Darin listete er das wirtschaftliche Potential Burmas auf und wies auf die despotische Regierungsform und das Fehlen jedes »Antriebs zum Fortschritt« im Lande hin. Der aus Bayern stammende Missionar Anton Mayr beschrieb für die Leser des monatlich erscheinenden Blattes seiner Mission mit Genugtuung das Ende des letzten »königlichen Despoten« Burmas und notierte, daß es durch die darauf folgenden Unruhen für die deutschen Kaufleute Ranguns »des Schadens viel« gegeben habe. Die Unterstützer der baptistischen Mission in den Vereinigten Staaten erhielten schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts regelmäßige Berichte aus Burma. Sie erfuhren nach der Absetzung das Königs, wie segensreich die Arbeit der Missionare unter dem Volk der Karen im Südosten Burmas war. Sie konnten über Angehörige dieses Volkes, die bei der Bekämpfung der von Missionar Mayr erwähnten Unruhen mitwirkten, aus der Feder des Missionars Vinon dies erfahren:

Nie sah ich die Karen so bestrebt zu kämpfen. Dies bedeutet, die Karen zu einer Nation zusammenzuschweißen — anstelle einer Anhäufung von Klans. Die heidnischen Karen versammelten sich wie ein Mann unter der Führung der Christen. Die ganze Sache tut den Karen gut. Es wird Mannhaftigkeit in unser Christentum bringen. Von einer losen Anhäufung von Klans werden sie jetzt zu einer Nation zusammenschweißen.

Dies Zitat verdeutlicht das Dilemma der abendländischen Mission in Burma und anderswo, die immer zugleich materielle und weltanschauliche Ziele hatte. Es ging darum, eine Nation im westlichen Sinne zu schaffen. Dieses Bewußtsein entwickelte sich aber nur bei einer kleinen Gruppe anglisierter ethnischer Burmanen und bei Völkern wie jenen Karen, die nicht vom Buddhismus geprägt waren.

Denen tat es gut, daß sie durch die Missionare ein eigenes Selbstbewußtsein bekamen, das ihnen half, sich im Konzert der Nationen Gehör zu verschaffen. Die Missionare verhalfen ihnen zu einer Schriftsprache; zu einer religiösen und auch nationalen Identität. Aber diese Identität entwickelte sich im Gegensatz, in der Feindschaft zur burmanisch-buddhstischen Nation.

Dies Dilemma ist bis heute nicht gelöst. Wer Aung San Suu Kyi oder die ethnischen Minderheiten Burmas unterstützt, wer »Burma« statt »Myanmar« sagt, knüpft an die kolonialen Traditionen an und liefert den Propagandisten der Junta Material für ihren Vorwurf, daß hinter den Schlagworten »Einhaltung von Menschenrechten« und »Demokratie« wieder einmal nur die Absicht steht, Burma wirtschaftlich auszubeuten und seine Unabhängigkeit zu beschneiden.

 

Unversöhnte Politik — unversöhnte Geschichte

Geschichtsschreibung legitimiert Herrschaft. In dem Bewußtsein, daß solche Legitimation nötig sei, veröffentlichte SLORC im Janu-
ar 1991 eine zweibändige »Knappe Geschichte der Geschichte von Myanmar und der Rolle der Tatmadaw (1948-1988)«. »Tatmadaw« ist
der auf die Königszeit zurückgehender Ehrenname für die burmani-
schen Streitkräfte. Die 1991 geschriebene Geschichte steht dem Geschichtsentwurf der Opposition gegenüber. Auch diese Sicht der Dinge ist in den letzten Jahren beinahe gebetsmühlenartig wiederholt worden. In einer Kurzfassung lautet sie so:

Es begann mit den »30 Kameraden« unter Führung von General Aung San und seinem Vertrauten Ne Win, die während des 2. Weltkrieges im südlichen China militärisch trainiert wurden, um die Befreiung des Landes vom britischen Joch zu erreichen. Die von ihnen gegründete Armee befreite mit den Japanern Myanmar von der britischen Herrschaft, wandte sich dann gegen die japanischen Faschisten und befreite Myanmar ein zweites Mal an der Seite der Alliierten. Das führte zur Unabhängigkeit des Landes am 4.1.1948. Im darauf folgenden von Kommunisten und Separatisten angezettelten Bürgerkrieg rettete Tatmadaw diese Unabhängigkeit und die Einheit des Landes.

Die burmanischen Politiker führten das Land in weitere Krisen. 1958 und 1962 gab es wieder die Gefahr des Zerfalls der Union. Tatmadaw übernahm beide Male die Verantwortung für die Leitung des Staates.

Da das Volk von der von den Briten eingeführten Demokratie die Nase voll hatte, begann Tatmadaw am 30.4.1962 mit dem »Burmanischen Weg zum Sozialismus«.

Als der Sozialismus in aller Welt zusammenbrach, kam auch der burmanische Weg zum Sozialismus in Schwierigkeiten. Weder kapitalistische noch sozialistische Länder halfen. Die Masse der Bevölkerung favorisierte das Einparteiensystem nicht mehr. Forderungen nach einer Mehrpartendemokratie führten zu Unruhen, Gesetzlosigkeit und Gewalt. Ausländische Einflüsse drangen ein und drohten zur totalen Desintegration des Landes zu führen. So war es unvermeidlich, daß Tatmadaw ein weiteres Mal eingreifen mußte. Das geschah am 18.9.1988.

Die Einheitspartei wurde abgeschafft und der Weg für ein Vielparteiensystem bereitet. Unverantwortliche Elemente bedrohen diesen Weg. Es ist also Zeit zur Konsolidierung nötig. Der Namenswechsel von SLORC zu SPDC symbolisiert den Erfolg der ersten Etappe dieser Konsolidierung.

Diese Geschichte der Sieger von 1988-1998 ist durchaus korrekt. Sie ist nur ebenso unvollständig
wie die Geschichte der Sieger von morgen. Beide Darstellungen ste-
hen sich im Lande und weltweit
unversöhnt und scheinbar unversöhnlich gegenüber. Es gibt bisher keinen verheißungsvollen Dialog zwischen dem SPDC und der NLD. Es gibt auch keine Dialoge zwischen den Kaufleuten, die in Burma Handel treiben wollen und denen, die sich mit der burmanischen Opposition solidarisieren. Eine »unabhängige« Haltung zu Burma ist beinahe unmöglich.

 

Die verschiedenen Sichtweisen des Elefanten

Das Problem der unversöhnt nebeneinander bestehenden Bilder von Burmas Geschichte und Gegenwart ist nicht neu. Der burmanische Historiker Htin Aung versuchte es in seiner 1967 erschienenen Geschichte Burmas so zu lösen:

Die meisten Fakten, die ich in dieser Geschichte Burmas vorstelle, sind den gelehrten Fachleuten und Studenten der burmanischen Geschichte schon bekannt. In der Darstellung dieser Fakten bin ich jedoch bestrebt, sie in einer bestimmten Art und Weise zu interpretieren. Ich möchte damit zeigen, daß ein bestimmtes Muster hinter ihnen liegt. Obwohl ich so objektiv und zurückhaltend wie möglich zu sein versuche, bin ich doch ein Burmane, und meine Sicht der Geschichte meines Landes ist die burmanische Sicht. Der Leser wird zweifellos finden, daß meine Interpretationen völlig verschieden von [denen westlicher Forscher] sind. Wie die »Sechs Männer aus Hindustan«, die die verschiedenen Teile des Elefanten beschreiben, haben vielleicht alle von uns in ihren verschiedenen Sichten der burmanischen Geschichte recht — und gleichermaßen unrecht.

Fast dreißig Jahre nach diesem salomonischen Vorschlag haben sich die Dinge eher noch kompliziert. Der Blick auf den »ganzen Elefanten« wird durch immer neue Darstellungen seiner Füße, seines Rüssels, seines Schwanzes und anderer Körperteile verstellt, die vorgeben, das »wahre Bild« der Situation Burmas zu beschreiben. In der Geschichte von den sechs Männern gab es einen weisen König, der den törichten Advokaten der Teilwahrheiten die Augen öffnete. Ein solcher König fehlt heute. Und so spricht alles dafür, daß sich Burmas Geschichte wiederholt. Der Zyklus vom Aufstieg eines guten Königs, der das Land vom Chaos erlöste, und der Verfall seiner Dynastie ist das Grundmuster der burmanischen Geschichte. Friedrich Nietzsche, der mit seiner Idee vom »Übermenschen« Burmas radikalste und erfolgreichste Unabhängigkeitsbewegung beeinflußte, liefert dazu mit dem Schlagwort von der ewigen Wiederkehr des Gleichen ein ebenso zeitgemäßes, buddhistisch klingendes und mißverständliches Motto.

Es gibt nur Sieger, so die Logik dieses Zwangs zur Wiederholung, Sieger, die Geschichte schreiben, und Verlierer, die versuchen, die Sieger von morgen zu sein. Und so wird es immer weiter gehen, auch wenn Aung San Suu Kyi und ihre Anhänger wunderbarerweise an die Macht kommen sollten. Brudzinskis Aphorismus gilt grundsätzlich für alle am Konflikt beteiligten Seiten. Burma hat nur dann eine friedliche Zukunft, wenn es Frieden mit seiner Geschichte schließen kann.

Im Märchen ist es so, daß die Schöne das Biest erlöst und damit Siege und die Fälschung der Geschichte unnötig werden. Damit ein solches Märchen in Burma in die Nähe der Realität kommen kann, müßte die starke schöne Frau in Rangun wirklich frei sein. Sie ist nicht nur eine Gefangene der — biestigen und verbiesterten — militärischen Machthaber im Lande, sondern auch der Erwartungen ihrer Anhänger im Inland wie im Ausland.

Schließlich ist sie eine Gefangene der westlichen Geschichte, in der es im Blick auf Burma wirtschaftliche Interessen ebenso gab wie romantische Projektionen. Sie ist auch eine Gefangene der Unwissenheit vieler ihrer Sympathisanten, für die die Beschäftigung mit der Geschichte Burmas erst am 18. September 1988 begann. Um diese Befreiung ins Werk zu setzen, ist auf unserer Seite ein wenig von jener Weisheit nötig, ohne die jede Demokratie so verkommen kann wie eine unweise Königsherrschaft und eine Diktatur. Diese Weisheit wird nicht auf Erlösung zielen können, sondern auf Versöhnung der streitenden Parteien. Die Reflexion der eigenen Rolle in diesem Streit ist dafür ein Anfang.

(Quelle: südostasien 3-98, S.21-25)

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Stand: 09. Oktober 1998, © Asienhaus Essen / Asia House Essen
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