China-Informationen 4/2005, 2.6.2005
www.asienhaus.de/china

--------------------------------------------------------------------------------------
In Kürze:
1) Erinnerung: 18.6., Bonn: Tagesseminar zur ländlichen Entwicklung in China 
2) Bericht: Bildungsmigration chinesischer Studierender 
--------------------------------------------------------------------------------------
Sie möchten die Arbeit der China-Arbeitsgruppe unterstützen?
Eine online-Spendenmöglichkeit finden Sie hier!
--------------------------------------------------------------------------------------

ad 1) 18.6., 11.00 -17.00, Bonn: Tagesseminar zur ländlichen Entwicklung in China
Kontakt:
kristin.kupfer@asienhaus.de, Programm und Anmeldung

Zurück


Wir möchten Sie hiermit an den Workshop über ländliche Entwicklung in China informieren, der am 18.6. in Bonn stattfinden wird. Wir bitten um möglichst baldige Anmeldung.

Ländliche Entwicklung in China - Themen und Trends
Haus der Kirche, 53113 Bonn, Konrad-Adenauer-Allee 37, Teilnehmerbeitrag 15 Euro (Mittagessen und Getränke eingeschlossen)

Es referieren: Christian Göbel (Institut für Ostasienwissenschaften, Universität Duisburg-Essen), Dr. Günter Schucher (Institut für Asienkunde, Hamburg), Astrid Lipinsky (terre des femmes, Bonn), Dr. Thomas Uhlemann (AOK, Bonn)

 

ad 2) Bildungsmigration chinesischer Studierender 
von Manuela Volkmann, Kontakt: manue_volkmann@yahoo.de 

Zurück

In ihrer Diplomarbeit befaßt sich Manuela Volkmann (Ludwig-Maximilians-Universität München, Department für Geo- und Umweltwissenschaften, Seminar für Sozialwissenschaftliche Geographie)mit der Bildungsmigration chinesischer Studierender – Eine Untersuchung zur Lebenssituation und den Bewältigungs- und Eingliederungsstrategien chinesischer Hochschulstudierender in München. Im folgenden finden Sie eine Zusammenfassung dieser Arbeit.

Das Auslandsstudium hat weltweit eine lange Tradition und die Wissenschaft lebt von Internationalität und dem dazu gehörenden Personen- und Meinungsaustausch. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges wächst die Zahl ausländischer Studierender in Deutschland kontinuierlich, wobei sich vor dem Hintergrund weltweiter Globalisierungsprozesse mit Beginn der 1990er Jahre eine Wende abzeichnet. Es kommt zu einem verstärkten Wachstum und in den Jahren von 1990 bis 2002 verdoppelte sich der Anteil der ausländischen Studierenden an allen Studierenden in Deutschland von sechs auf knapp zwölf Prozent. Dabei ist eine Neuverteilung der Nationen zu beobachten, mit einer Dominanz Studierender aus mittel- und osteuropäischen Staaten und der Volksrepublik China. Letztere entsendet weltweit die meisten Studierenden und die Chinesen bilden in Deutschland die größte und in München die zweitgrößte Bildungsausländergruppe1.

Lange Zeit herrschte von Seiten der Volksrepublik China bezüglich des Studiums von Chinesen im Ausland eine technokratisch-utilitaristische Auffassung vor und es galt westliche Kenntnisse zu erlangen, mit denen der eigene Staat gestärkt werden kann. Es wurde eine starke Reglementierung und Kontrolle praktiziert und während der intellektuellenfeindlichen Politik Mao Zedongs in den 1950er bis 1970er Jahren wurden die Tore ins Ausland zeitweise fast völlig verschlossen. Erst mit der Modernisierungspolitik, den wirtschaftspolitischen Reformen und der zunehmenden Öffnung Chinas gegenüber dem Westen unter Deng Xiaoping seit Ende der 1970er Jahre, strömen zunächst wenige und dann immer mehr chinesische Studierende ins Ausland. Mit dem zweiten Reformschub im Jahre 1992 und der konsequenten Durchsetzung einer `Marktwirtschaft unter sozialistischer Führung´ explodieren die Wachstumsraten schließlich seit Mitte der 1990er Jahre und chinesische Studierende sind aus der internationalen und auch deutschen Hochschullandschaft nicht mehr wegzudenken.

Ihm Rahmen dieser Diplomarbeit wird deswegen der Fokus auf diese rasant wachsende Gruppe gerichtet und es sollen tiefere Einblicke in den komplexen Prozess der temporären Bildungsmigration und der Eingliederung chinesischer Studierender in München gewonnen werden. Dabei stellt sich zunächst die Frage, was die chinesischen Studierenden zu einem Auslandsstudium in München veranlasst. Daraufhin wird beleuchtet, wie der einzelne Studierende den komplexen Prozess einer temporären Bildungsmigration und die damit einhergehende veränderte Lebenssituation bewältigt und in welchem Rahmen er sich in der für ihn fremden Kultur eingliedert. In diesem Zusammenhang wird ein besonderes Augenmerk auf die Rolle ethnischer Gemeinschaften gelegt. Eine qualitative Vorgehensweise erweist sich am besten geeignet diese Fragestellungen zu beantworten und in der Folge werden mit 23 chinesischen Studierenden problemzentrierte Interviews geführt.

Die Entscheidung für eine Bildungsmigration lässt sich nicht monokausal erklären, sondern zahlreiche, oft auch miteinander verknüpfte und sich gegenseitig bedingende Faktoren spielen eine wichtige Rolle. Die von den chinesischen Studierenden genannten Wanderungsmotive lassen sich in drei Gruppen unterteilen. So finden sich erstens strukturelle, nicht in der Person liegende Gründe. Dabei dominieren Pullfaktoren, wie zum Beispiel die Tatsache, dass in Deutschland keine Studiengebühren fällig werden oder leicht ein Visum zu erhalten ist. Zweitens ist der Einfluss des sozialen Umfelds zu erwähnen, welches im Sinne von so genannten `Informationskanälen´ Wanderungsströme begünstigt oder auslöst. Studierende kommen nach Deutschland oder München, weil Bekannte oder Verwandte, die selbst bereits in Deutschland sind oder in der Vergangenheit waren, Ratschläge und Empfehlungen aussprechen. Drittens sind persönliche Gründe und subjektive Annahmen der Gesprächspartner als Entscheidungsdimension zu erwähnen. Letztere werden häufig handlungsleitend, ungeachtet der tatsächlichen strukturellen Vorteile eines bestimmten Studienstandortes. Beispielsweise dominiert die Hoffnung auf eine bessere berufliche Zukunft durch ein Studium in Deutschland, ohne dass objektiv Hinweise darauf bestehen.

Betrachtet man die bisherige Ausbildung der Interviewpartner so fällt auf, dass alle vor Aufnahme des Studiums in Deutschland bereits in China für einige Jahre die Universität besuchten beziehungsweise die Mehrheit sogar schon ein Hochschulstudium (Bachelor-Grad) abgeschlossen hat. Davon arbeiten neun bereits einige Jahre in China bevor sie sich entschließen, nochmals zu studieren und den Schritt nach Deutschland zu wagen. Zwar lassen sich aufgrund der fehlenden Repräsentativität bei der Stichprobenziehung keine Schlüsse für die gesamte chinesische Studentenschaft ziehen, doch es scheint sich eine Tendenz des Auslandsstudiums als zusätzliche Qualifizierung abzuzeichnen.

Interessant ist auch die regionale Herkunft der interviewten chinesischen Studierenden, die fast alle aus Chinas Küstenregionen stammen. Dort zeichnet sich vor allem seit 1979 mit dem `Gesetz über chinesisch-ausländische Gemeinschaftsunternehmen´ ein verstärktes wirtschaftliches Wachstum ab. Dementsprechend sind die Herkunftsregionen der chinesischen Studierenden, mit einigen wenigen Ausnahmen, die wirtschaftlich stärksten in China. Gleichzeitig handelt es sich bei diesen Regionen um Entwicklungszonen, von denen, vor allem entlang großer Flussläufe, eine kontinuierliche wirtschaftliche Entwicklung ins Landesinnere ausgelöst werden soll. Die Dichotomie zwischen Ost und West, Küste und Landesinnerem, welche in China bereits eine lange Geschichte hat, spiegelt sich also auch in der Herkunft der interviewten chinesischen Studierenden wider.

Das Auslandsstudium ist ein temporärer Migrationsprozess, was in der rechtlichen Situation begründet liegt, sich aber auch in den Aussagen der chinesischen Studie-renden zeigt. Denn entgegen bisheriger Erfahrungen zeichnen sich bei den befragten Chinesen keine `Brain Drain´-Prozesse ab. Weil die meisten einen Rückkehrwunsch hegen, bleiben die Handlungen der Gesprächspartner stark auf ihre Heimat orientiert und die zahlreichen (in-)direkten und nicht greifbaren symbolischen Verflechtungen, wie beispielsweise soziale Kontakte, Sprache oder kulturelle Zugehörigkeit, werden im Zuge der Wanderung nicht aufgelöst. So kann ein `transnationaler Raum´ ent-stehen, welcher sich durch die alltäglichen, kulturellen oder wirtschaftlichen Praktiken der Studierenden über zwei Nationalstaaten zugleich erstreckt. Die Lebenssituation und Handlungsorientierung lässt sich also nicht mehr in einem starren `Hier´ und `Da´ verorten, sondern es spannt sich ein `Dazwischen´ auf. Aber auch mit einer Rückkehr der Studierenden nach China wird der bereits entstandene transnationale Raum nicht zwangsläufig obsolet. Denn ein Großteil der Gesprächspartner sieht seine Zukunft in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und China und es ist damit zu rechnen, dass die während des Auslandsstudiums in Deutschland aufgebauten Verbindungen bei der Rückkehr in die Heimat ebenfalls nicht abgebrochen werden.

Das Leben in der deutschen Kultur stellt alle chinesischen Studierenden vor neue Herausforderungen. Jeder geht damit aber anders um und entwickelt individuelle Bewältigungsstrategien für die auftretenden Schwierigkeiten. Anhand einiger Fallbei-spiele werden in der Arbeit exemplarische Wege nach München aufgezeigt und die erste Zeit beschrieben, bevor allgemeine Aspekte fallübergreifend diskutiert werden.

Bezüglich der sozialen Kontakte der Gesprächspartner ist eine Tendenz hin zu Freundschafts- und Netzwerkbeziehungen entlang ethnischer Grenzen auszuma-chen. Gerade in der ersten Zeit, in der oft eine starke Desorientierung vorherrscht, bilden inner-ethnische Kontakte eine wichtige Stütze. Innerhalb dieser ethnischen Gemeinschaft werden funktionale, emotionale und kognitive Hilfestellungen ausge-tauscht. Um Hilfeleistungen zu erhalten reicht es aus, Chinese zu sein und man muss nicht zwangsläufig Teil des engeren, persönlichen Freundeskreises einer be-stimmten Person sein. Denn unter den chinesischen Studierenden ist ein ethnisches Zusammengehörigkeitsgefühl vorhanden, welches ohne besonderes Zutun wirkt, auf dem Glauben an eine gemeinsame Abstammung fußt und Loyalitäten schafft. Als sicht- oder greifbares Merkmal der ethnischen Gruppe dienen primär Äußerlichkei-ten, die Sprache und die chinesische Nationalität. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die chinesischen Studierenden trotzdem keine homogene Gruppe darstellen und intern weitere Differenzierungen, meist nach der Herkunftsregion, von ihnen selbst vorgenommen werden. Analog zu den Hinweisen in der Literatur zeigt sich aber auch die Gefahr, dass sich die transitorische Funktion ethnischer Gemeinschaften in das Gegenteil umkehren und ein Teufelskreis der Isolation, welcher eine Eingliederung erschwert oder völlig verhindert, entstehen kann. So kann die ethnische Gemein-schaft von einer Hilfe zum Hindernis werden.

In Bezug auf das Kontaktverhalten gegenüber Deutschen ergeben sich große quanti-tative und vor allem qualitative Unterschiede und das Spektrum reicht von oberfläch-lichen, zwangsläufigen Kontakten zu Studienkollegen bis hin zu interkulturellen Part-nerschaften. Insbesondere kulturelle Unterschiede werden als hinderlich für intensive chinesisch-deutsche Kontakte benannt. Diese werden oft als so grundlegend empfunden, dass sie auch trotz Annäherung, Offenheit und interkultureller Ausein-andersetzung nur schwer zu überwinden sind. Damit die Kommunikation erfolgreich verlaufen kann muss im Prinzip ein völlig anderes Kontaktverhalten als mit Lands-leuten angewandt werden. Dessen Regeln und Bedingungen müssen aber zuerst erlernt werden. In den Augen der Gesprächspartner ist eine gewisse Anpassungs-leistung von ihrer Seite für eine erfolgreiche interkulturelle Kommunikation von Nöten.

Betrachtet man die Ausführungen der Gesprächspartner zum Leben in einer fremden Kultur, zu den von ihnen beobachteten Veränderungen und zu ihrer Eingliederung, so dominieren temporäre und partielle Eingliederungsstrategien. Innerhalb derer bleibt das Spektrum möglicher Verläufe aber weiterhin groß und es lassen sich kaum allgemeine Muster herausfiltern. Zu eng ist der Eingliederungsprozess mit den indivi-duellen Erfahrungen und Migrationsverläufen verknüpft. Es wird jedoch deutlich, dass kulturelle Grenzen nicht nur zwischen Staaten, Regionen oder Individuen ge-dacht werden sollten, sondern durchaus auch innerhalb eines Individuums verlaufen können. Diese müssen aber nicht zwangsläufig ein Hindernis darstellen, sondern können, wenn sie absichtsvoll eingesetzt werden, als strategische Eingliederungs-strategie bezeichnet werden. So springen einige der Gesprächspartner flexibel zwi-schen den verschiedenen Handlungsroutinen und kulturellen Deutungsschemata, um sich für die Zeit des Auslandsstudiums in die gastgebende Gesellschaft einzuglie-dern, gleichzeitig aber die Rückkehrfähigkeit aufrecht zu erhalten.

Anmerkungen:

1 Bildungsausländer haben ihre Hochschulzugangsberechtigung nicht in Deutschland erworben.

--------------------------------------------------------------------------------
Asienstiftung Essen/Asienhaus Essen, Bullmannaue 11, D-45327 Essen,
Tel.: +49-201-8303838, Fax: +49-201-8303830

Koreaverband: koreaverband@asienhaus.de
Philippinenbüro: philippinenbuero@asienhaus.de
SOA-Infostelle: soainfo@asienhaus.de
Burma.Initiative: burma@asienhaus.de

China-Projekt: chinaag@asienhaus.de 
Sozialprojekt: sozialprojekt@asienhaus.de 

Spendenkonto des Asienhauses: 8204102, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00
----------------------------------------------------------------------