Der Dandy im Pappmaché-Land

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Patrice Ladwig    

Student. Überblick über den Inhalt der
Zeitschrift südostasien 4/2000

Buchbesprechung: Christian Kracht: Der gelbe Bleistift, Kiepenheuer&Witsch, 2000, 196 Seiten, 16,90 DM

Wie auch immer man die Begriffe en vogue oder mainstream definieren mag, dieses Buch passt auf jeden Fall in eine dieser Kategorien. Der gelbe Bleistift geht seit seinem Erscheinen im Frühjahr in die vierte Auflage, und Kracht zählt neben Benjamin von Stuckrad-Barre zu den gefeiertsten Exponenten der neuen deutschen „Pop-Literatur. Entsprechend auch das Leser-Klientel - vor allem Leute um die 25 verschlingen es (häufigster Kommentar: "cool"), darunter nicht gerade wenige Studenten.

Obwohl das Buch von fast allen seriösen Zeitungen und auch von der Klatschpresse rezensiert wurde, fällt auf, dass die Schauplätze dieser kurzen Reisereportagen - 15 der 20 Miniaturen spielen in Südostasien, der Rest in Indien oder auf dem Kaukasus - so gut wie unbeachtet blieben. Fast alle der fragmentarischen Reiseskizzen sind vorher in der Welt am Sonntag erschienen und sind eher lose, ohne thematische Gliederung, aneinandergereiht.

Warum diese touristischen Schnappschüsse vorher allesamt in der sonst weniger aufregenden Welt am Sonntag erschienen, bleibt zumindest teilweise ein Mysterium oder ist vielleicht auch gerade bezeichnend.

Aber der 35 -jährige Kracht ist kein Gelegenheitsreisender. Er war Auslandskorrespondent für den Spiegel in Indien, lebt seit mehreren Jahren in Bangkok. Doch das Attribut „Asienkenner„ trifft, wie so oft, nur im beschränkten Sinne zu. Wer aber erfahren möchte, wie viel eine Nacht im Bangkok Oriental kostet oder wo man stilgerecht eine Flasche Entre deux mers in Phnom Penh konsumieren kann, ist bei Kracht an der richtigen Adresse.

Der gelbe Bleistift bietet uns Momentaufnahmen von Südostasien aus der Perspektive des westlichen Konsumenten, der die feinen Unterschiede zu schätzen weiß und Pierre Bourdieu’s gleichnamigen Buchtitel zur Lebensmaxime erhoben hat. Kracht ist ein moderner Dandy, der sich in Bangkok, Vientiane oder Phnom Penh so aufführt, wie er es wohl auch im Robinson Club an jedem anderen beliebigen Ort der Welt tun würde. Wie es sich für einen Popper, der schon alles gesehen hat und nur das Exklusive sucht, so gehört, bleibt alles leicht, locker und flockig. Wir spazieren durch homogene südostasiatische Kulissen, die den Hintergrund für Krachts permanent egomanische Posen liefern und eigentlich fast nichts über das Land und die Leute verraten.

Vietnamesen, Laoten unter anderem und andere blinzeln zwischen den Zeilen zuweilen als Pappkameraden vor und werden dann in windigen Phrasen über Mentalitäten schnell im Vorbeifahren charakterisiert: "Anderntags fuhren wir durch Malaysia. Die Menschen hier schienen unglücklicher zu sein als in Thailand. Die Männer trugen Schnauzbärte, und sie wirkten piratenartig und böse. Das Land und seine Bewohner schienen mir erdrückt und geduckt und schrecklich unattraktiv". Aha, das ist also Malaysia.

Aber trotzdem: Der gelbe Bleistift kann Spaß machen! Wenn der Leser die Spannung des Paradoxen aushalten kann, wird er sich amüsieren. Diese literarischen Polaroidphotos zeichnen skurrile und absurde Situationen nach, die jeder Reisende in der einen oder anderen Form kennt. Obwohl - oder gerade weil - Krachts Pose immer auf Coolness bedacht ist, kann man sich beim Lesen einige Lacher nicht ersparen. Seine Arroganz und Unbefangenheit sind einfach maßlos, und wenn er sich zum Beispiel über das Goethe-Institut in Bangkok oder Drogentouristen auf Ko Samui auslässt, kann snobistische Dekadenz richtig erheiternd wirken.

Dabei bleibt der Autor seinem vorangestellten Motto des Malers David Hockney treu: "Surface is an illusion, but so is depth". Und das Iinteressante ist, dass er selbst von seiner oberflächlichen Pose weiß und dies auch offen zugibt. Zu einer Demonstration in Phnom Penh schreibt Kracht: "Was uns vor einigen Stunden in Berlin noch als herrlich subversive Tat vorgekommen war, nämlich das wahllose Mitmarschieren bei unsinnigen Demonstrationen, hielt uns hier mit einem lastwagengroßen Spiegel unser wahres Gesicht vor. Wir waren feige Popper. Und wir erkannten: Hier in Kambodscha hört die Popkultur auf. Es gibt hier keinen ironischen Bruch zwischen dem, was ist und dem, was sein sollte ..."

Politisch korrekte Eine-Welt-Aktivisten sollten das Buch nur lesen, um sich mal wieder so richtig aufzuregen oder um mit ihren eventuell missratenen Kindern diskutieren zu können. Leute, die noch nicht in Südostasien waren und sich ein Bild machen wollen, sollten die Finger davon lassen. Lifestylefetischisten und konsumgeile Gelegenheitstraveller haben es sowieso schon gelesen, und alle anderen, die ein kurzes, witzig-absurdes, aber teilweise ekelhaft dekadentes Lesevergnügen haben wollen, sollten es sich es schnell besorgen.

 

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Stand: 14. Mai 2001, © Asienhaus Essen / Asia House Essen
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