| Wenn Golfplätze
wieder Reisfelder werden - Tourismuskrise in Südostasien |
Rüdiger Siebert
Leiter des indonesischen Programms der Deutschen Welle, Köln
Auch hochrangige asiatische Diplomaten geben sich jetzt alle Mühe, abendländisches Fernweh zu wecken. Jüngst warb der indonesische Botschafter Izhar Ibrahim bei einer öffentlichen Veranstaltung in Köln für Sonne, Strand und den einträglichen Umtauschkurs an den Gestaden seiner Heimat: »Ich möchte Sie bei dieser Gelegenheit informieren, daß wir seit Mitte 1998 das Programm Lets Go Indonesia eingeführt haben, um den indonesischen Tourismus zu fördern. Ein Programm speziell für ausländische Besucher, Touristen, Unternehmer, Experten, Schüler und Studenten. Mit diesem Programm bieten wir Erleichterungen an, beispielsweise preiswerte Flug- und Hoteltarife. Das Programm wurde bisher von vielen in Anspruch genommen. Gerade jetzt, wo der Rupiahkurs für Sie sehr günstig ist...«.
Das offizielle Indonesien gibt sich derzeit besonders gastfreundlich, um aus einem Dilemma herauszukommen. Die innenpolitischen Spannungen nach dem Sturz des Präsidenten Suharto am 21. Mai 1998 haben nicht nur das Vertrauen der ausländischen Investoren in die indonesische Regierung schwer erschüttert; die Fernsehbilder von demonstrierenden Studenten und schießenden Soldaten fegten auch das über Jahrzehnte gepflegte und gehegte Image vom Paradies und ewig lächelnden, sanftmütigen Indonesiern hinweg. Balis Reputation als sonnenverwöhnte Insel der Götter und Dämonen, das Eiland der tanzenden Frauen und schnitzenden Männer lockte jährlich mehr als drei Millionen Touristen an. Die Werbung hatte leichtes Spiel. Das Klischee der heilen, touristisch bestens organisierten Ferienwelt überstrahlte stets die andere Seite der indonesischen Machtverhältnisse. Vielen Touristen, die das Paradies als Package-Tour buchten, war kaum bewußt, daß Bali nicht irgendeine Insel der Seligen war, sondern Teil eines diktatorisch beherrschten Staates.
Noch sind Balis Strände keineswegs verwaist, viele Hotels gut besucht, Souvenirgeschäfte weiterhin frequentiert. Bali wurde bisher tatsächlich aus dem politischen Trubel Indonesiens herausgehalten. Doch die Zahl von Einreisen und Übernachtungen ist rückläufig. Bei genauerem Hinsehen ist zu erkennen, daß sich zwar Individualreisende kaum von den Spannungen im Staate abhalten lassen, daß aber die Zahl der organisierten Gruppen, die über die Reiseagenturen kommen, deutlich weniger geworden ist. Die Folgen der wirtschaftspolitischen Turbulenzen und der politischen Unwägbarkeiten sind regional unterschiedlich zu erkennen.
Tourismuswerbung versucht zu retten, was zu retten istWährend in Bali noch Touristen auf der Suche nach dem verlorenen Paradies sind, bleiben Jakartas Luxus-Hotels ziemlich leer. Die Nobelherbergen waren in den Glanzjahren der guten Geschäfte beliebte Adressen für Investoren und Geschäftsfreunde im weitverzweigten Business-Imperium des gestürzten Präsidenten und seines Clans. Die aufwendigen Dienstleistungen wurden auf Spesen und im großzügig verdeckten Bereich der Korruption bezahlt. Nun hält sich solche Klientel mangels lukrativer Abschlüsse und verläßlicher Partner zurück. Gerade Jakarta ist zum gewaltvollen Schauplatz der innenpolitischen Machtkämpfe Indonesiens geworden. Schlechte Zeiten für Spesenritter. Mit Sonderaktionen versucht die Tourismuswerbung zu retten, was zu retten ist. Im Juli wurden die einfliegenden Ausländer in Jakarta mit einem »Happy Day« überrascht. Einen Tag lang war Indonesien für sie gewissermaßen gratis zu haben. Die privaten und staatlichen Veranstalter boten Freiflüge und Übernachtung zum Nulltarif an. Der August wurde als »Magic Month« propagiert.
Indonesiens Tourismus-Industrie lockte mit 40prozentigen Discounts, Sonderangeboten und Extratouren. Seine Majestät, der Tourist, wird umworben wie nie zuvor. Die indonesische Wirtschaft hat allen Grund dazu. Der Tourismus war zur viertwichtigsten Einnahmequelle des Staatshaushaltes geworden. Die Prognosen sagten dem Wirtschaftszweig ein stetig wachsendes Plus voraus. Dementsprechend wurde in Hotels, Fluggesellschaften sowie die Infrastruktur investiert. Das touristische Gewerbe verschaffte 1,4 Millionen Indonesiern einen Job. Das Geschäft schien grenzenlos zu sein. 1986 verzeichnete Indonesien 825.000 Einreisen, 1994 waren es bereits vier Millionen Touristen, Geschäftsleute und sonstige ausländische Gäste, die indonesischen Boden betraten. Sie gaben im Lande während der Boomzeiten im Jahr bis zu 4,7 Mrd. Dollar aus. Für das 21. Jahrhundert sahen Indonesiens Wirtschaftsplaner den Tourismus als Devisenbringer Nummer 1 an.
Die neue Mittelschicht bleibt zu HauseErst vor diesem Höhenflug des touristischen Geschäfts ist der seit Monaten zu registrierende Absturz in seinen Ausmaßen zu verstehen. Im ersten Halbahr 1998 verzeichnete Indonesien ein Einreise-Minus von mehr als 20 Prozent, Tendenz weiter rückläufig. Auch in diesem Wirtschaftszweig stimmt keine Prognose mehr. Nichts ist kalkulierbar. Am Beispiel des Tourismus zeigt sich die Zwickmühle, in der die gesamte indonesische Wirtschaft steckt: Die Staatskassen sind so leer, daß kein Geld mehr für Werbekampagnen zur Verfügung steht. Das indonesische Fremdenverkehrsbüro in Frankfurt am Main als das europäische Schaufenster des Inselstaates mußte geschlossen werden. Auf der ITB, der größten Tourismusmesse der Welt in Berlin, war Indonesien in diesem Jahr nur noch mit wenigen kleineren Veranstaltern vertreten.
Solche Nicht-Präsenz hat langfristige Folgen, zumal sich eine baldige Lösung der wirtschaftlichen und politischen Probleme Indonesiens nicht abzeichnet. Und jedermann weiß: Gutwillige Diplomaten können die ausbleibende professionelle PR-Arbeit auf dem hart umkämpften Tourismussektor nicht mit schönen Sprüchen ersetzen. Die heile Urlaubswelt läßt sich nicht herbeireden. Das machten bereits die katastrophalen Waldbrände auf Borneo und Sumatra im Jahre 1997 klar.
Monatelang waren die Rauchwolken offiziell nicht zur Kenntnis genommen oder verharmlost worden. Die malaysische Regierung untersagte einheimischen Wissenschaftlern sogar, sich öffentlich über Ursachen und Folgen der lodernen tropischen Regenwälder zu äußern. Die Reisebranche indes reagierte schnell und empfindsam. Touristen blieben massenhaft aus oder buchten um. Indonesien ist von den Einbrüchen beim Tourismus besonders betroffen, steht aber mit solchem Defizit in Asien nicht allein da. Die allgemeine Unsicherheit schlägt zu Buche. In den zurückliegenden Monaten sank die Zahl der Einreisen auch in Hongkong um mehr als 20 Prozent, in Singapur um etwa 17 Prozent, in Malaysia um 13 Prozent. Die Philippinen konnten sich mit knapp zwei Prozent minus als Reiseland etwa behaupten. Die Volksrepublik China, Südkorea, Taiwan und Thailand verzeichneten sogar ein Plus an ausländischen Besuchern und gelten als Gewinner auf dem asiatischen Verschiebebahnhof des Tourismus. Ob sie diese Position halten können, ist fraglich. Die Einbrüche im touristischen Gewerbe zeigen strukturelle Zwänge auf, die weit über das Freizeitverhalten der Menschen hinausreichen. In früheren Generationen waren die Menschen Asiens auf Reisen gegangen, um zu einem Wallfahrtsort zu pilgern, um Verwandte zu besuchen und um in die Städte abzuwandern. Die Reise als Urlaub just for fun! , war bis in die jüngere Vergangenheit weithin unbekannt und fast ausschließlich das Vergnügen der Europäer, Australier und Amerikaner gewesen. Deren Reislust machte Schule. In den vielgepriesenen Tigerländern hatte sich während der vergangenen Jahrzehnte eine konsumorientierte Mittelschicht entwickeln können.
Innerasiatischer Tourismus als Ausdruck von »Lifestyle«
In fast alle asiatischen Sprachen wurde das Wort »Lifestyle« übernommen. Vom Auto bis zum westlichen Zuschnitt der Kleidung, von der Fernsehschüssel bis zur Schweizer Markenuhr reichten die Begehrlichkeiten. Dazu gehörten Shopping und Statussymbole. Die Urlaubsreise erfreute sich in diesem Zusammenhang wachsender Beliebtheit. Die neue Mittelschicht ging auf große Fahrt. Nicht Fernweh und Sonnensehnsucht der Abendländer, sondern vielmehr der innerasiatische Tourismus trug zu den beträchtlichen Wachtstumsraten der Branche bei. Allen Asiaten voran machten sich Japaner, Südkoreaner und Taiwanesen auf, die Nachbarländer touristisch zu entdecken. An Tempelstätten wie dem Borobudur im zentralen Java waren die europäischen »Neckermänner« längst in der Minderheit. Asiaten schwärmten in großen Scharen aus. Die Schulklassen, die Belegschaften von Behörden, die Betriebsausflüge rollten in Omnibuskarawanen an. Mittendrin im Gewühl folgten die japanischen, südkoreanischen und taiwanesischen Gruppen brav den Fähnchen ihrer Führer. Die Asiaten waren dabei, die Deutschen und Amerikaner als Reiseweltmeister zu überholen. Dem asiatischen Tourismusmarkt wurden Zuwächse von 20 Prozent vorausgesagt.
Schätzungsweise 200 Millionen Menschen des neuen Mittelstandes von Thailand bis Japan galten als umworbene Kunden für Flüge, Hotels und Ortswechsel. Nun zeigt sich, daß die Asien-Krise keinesfalls schnell zu überwinden und von kurzfristiger Dauer ist, sondern tiefgreifende Strukturprobleme offenlegt und globale Auswirkungen hat. Mit der Rezession in den Tigerländern haben sich die Prioritäten wieder verschoben. Die drastischen Währungsverluste von 40 und mehr Prozent machen Auslandsreisen auch für bislang wohlhabende Indonesier, Südkoreaner und Japaner unerschwinglich. Die Reise, vor allem die in ein anderes Land, steht nicht mehr oben auf der erfüllbaren Wunschliste. Das tägliche Überleben ist vordringlich geworden; und der mühevolle Versuch, den bisherigen Lebensstandard in heimischer Umgebung halbwegs zu erhalten, bestimmt die Anstrengungen.
Buchungsrückgang führt zu Bruchlandungen bei den Airlines
Bei den Buchungen der asiatischen Luftfahrtgesellschaften ist die gebremste Reiselust deutlich zu erkennen. Die Wirtschaftsflaute dämpft natürlich auch die Geschäftsreisen, so daß mit den gesunkenen Tourismusbuchungen die Passagierzahlen insgesamt etwa ein Drittel zurückgegangen sind. Ob die staatliche Fluggesellschaft Garuda in Indonesien, ob das Hongkonger Unternehmen Cathay Pacific, ob MAS in Malaysia oder Singapore Airlines alle verzeichnen Verluste. Philippines Airlines machte zwischendurch sogar eine geschäftliche Bruchlandung und kam nur dank staatlicher Förderung und der Streichung von Flügen zu neuerlichem Take-Off. Die inner-indonesische Gesellschaft Sempati wurde völlig aufgelöst. Ein Newcomer unter den asiatischen Reiseländern ist Vietnam. Allmählich wandelte sich sein Bild in der Weltöffentlichkeit vom einstigen Kriegsschauplatz zu einem reizvollen Ferienziel. Vietnam Airlines profitierte. Bis 1997 konnte die staatseigene Luftfahrtgesellschaft ein um 30 Prozent wachsendes Passagiervolumen registrieren. Seither befindet sich auch Vietnam Airlines wieder auf dem Sinkflug. Der Umsatzverlust geht in die Dollar-Millionen. 1998 schrumpften die Buchungen um mehr als sechs Prozent. Zwei Drittel der Tickets im Luftraum Vietnam wurden von Ausländern geordert, die meisten aus asiatischen Staaten, die nun von der Wirtschaftskrise gebeutelt werden. Vietnam Airlines reduzierte das Flugangebot und stellte Flüge, beispielsweise nach Manila, ganz ein.
Die wirtschaftliche Entwicklung gerät ins Stottern
Die Folgen bekommen auch die Flugzeughersteller in USA und Europa zu spüren. Um zu überleben, verkleinern asiatische Gesellschaften ihre Flotte. Boeing wird nach eigenen Angaben in den nächsten fünf Jahren 150 Flugzeuge weniger nach Asien verkaufen. Da werden Verträge auf Eis gelegt, Optionen zurückgezogen, ältere Maschinen länger als geplant in Dienst gestellt. Es ist ein Teufelskreis. Der Tourismus als ein Motor der wirtschaftlichen Entwicklung ist ins Stottern geraten.
Arbeitsplätze gehen verloren. Alternativen sind nicht in Sicht. Vor Jahren äußerten Kritiker ihre Bedenken über die verderblichen Folgen des Massentourismus auf die heimische Kultur, das zwischenmenschliche Verhalten, die Umwelt. Die zerstörerische Wirkung des Tourismus wurde beklagt, der Vorwurf erhoben, nur wenige profitierten wirklich von den Einkünften; und die Mehrzahl der Menschen in den touristischen Zentren werde zu Handlangern der Fremden degradiert. Berechtigte Vorwürfe.
Doch nun zeigt sich Tourismus in seinen geschäftlichen Dimensionen von einer weiteren fragwürdigen Seite. Ganze Küsten und Regionen, die sich auf den expandierenden Ansturm der Gäste eingestellt haben, sind vom Ruin bedroht. Freizeitanlagen, Hotelkomplexe, Urlauberkolonien zwischen Bangkok und Manila werden verrotten. Betriebsmittel zur Erhaltung fehlen. Es wird sich zeigen, ob letztlich der Schaden des ausbleibenden Tourismus nicht sogar größer und nachhaltiger sein wird, als der Schaden des florierenden Tourismus. Doch es gibt auch Lichtblicke am tristen Reisehimmel Asiens. Indonesische Reisbauern sehen sich durch die Tourismusflaute ermutigt. An verschiedenen Orten auf Java und Bali sind in den vergangenen Jahren fruchtbare Felder zwangsenteignet worden, weil das Land in Golfplätze umgewandelt wurde.
Als Präsident Suharto und seine Günstlinge noch fest im Sattel saßen und an solchen Projekten einträglich beteiligt waren, hatte Bürgerprotest der kleinen Leute keine Chance. Mit Gewalt wurden die Dörfler von ihrem Grund und Boden vertrieben. Nun fordern sie ihre Felder zurück. Nach dem Präsidentenwechsel in Jakarta ist manches in Bewegung geraten auch die Bewegung der übervorteilten Bauern von ganz unten. Aus Golfplätzen werden wieder Reisfelder.
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Stand: 14. Dezember 1998, © Asienhaus Essen / Asia
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