Der Charme ist echt: "Visit Laos Year 1999-2000"

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Sabine Miehlau
Laoistin und Politologin, die zur Zeit an der FU Berlin mit einer Arbeit über den "Einfluß des Buddhismus auf die Entwicklung der laotischen Gesellschaft nach 1975" promoviert.

In zwei Monaten ist es soweit. Das "Visit Laos Year 1999-2000" wird das Organisations- und Improvisationstalent der Laoten auf eine harte Probe stellen, denn erstmalig wird ein derartig umfangreiches und vor allem medienwirksames Projekt, das von unzähligen Veranstaltungen und Highlights begleitet wird, über einen Zeitraum von zwei Jahren realisiert. Und das in einem der nach wie vor ärmsten Länder der Welt.

Die asiatische Krise hinterläßt auch in diesem Land ihre Spuren, das noch vor kurzer Zeit für Individualtouristen so gut wie unzugänglich war und sich vorsichtig dem Rest der Welt öffnet. Sich bereits zu diesem Zeitpunkt den Ansprüchen eines verwöhnten Publikums im Bereich des Tourismus zu stellen ist eine durchaus verlockende Aufgabe. Sie läßt allerdings die Frage aufkommen, inwieweit die Voraussetzungen für eine Art Massentourismus gegeben sind, insbesondere welche Auswirkungen dieser auf die laotische Bevölkerung und ihr ruhig dahinfließendes, traditionell und durch unterschiedlichste religiösen Einflüsse geprägtes Lebensgefühl haben werden. Positive sowie auch die negativen Einwirkungen eines unkontrollierten Massentourismus kann Laos live an seinen Nachbarn, allen voran Thailand, studieren.

Gewiß, das Land hatte in seiner Geschichte immer mit »Invasionen« von Ausländern zu tun, die sich allerdings immer zu einem »selbstlosen« Zweck im Lande aufhielten, nämlich in irgendeiner Form Entwicklungshilfe zu leisten. Allerdings beschränkten sich diese Invasionen bisher meist auf die Hauptstadt Vientiane, die ehemalige Königsstadt Luang Prabang und die Hauptstädte der Provinzen. Mit der fortschreitenden Öffnung des Landes wurden auch die Zugangsmöglichkeiten für diese »offiziellen« Ausländer wesentlich erweitert, denn nun findet man auch in sehr abgeschiedenen Gebieten des Landes Entwicklungshilfeprojekte. Das bedeutet eigentlich nur, daß die Laoten nicht unbedingt von einem Kulturschock durch plötzlich zuhauf einfallende Fremde heimgesucht werden. Im Gegenteil, die größte Faszination, die das Land eigentlich derzeit auf Ausländer ausübt, ist die bedingungslose Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft seiner Bewohner, die neugierig auf alles Neue sind, aber trotzdem auch, die Individualität des »Fremden« akzeptierend, einen Charme haben, der auf die Fremden nicht nur unverfälscht und natürlich wirkt, sondern es wirklich ist.

Dennoch war der Tourismus für Laos bisher kein ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor, denn die Einreise scheiterte in den häufigsten Fällen bereits an den Einreisebestimmungen. Individualtouristen hatten lange Zeit gar keine Chance problemlos nach Laos einzureisen, eine Einladung war Bedingung für die Ausstellung eines Visums. Im Zuge der Öffnung wurden auch die Einreisebestimmungen des Landes gelockert. Hintergrund hierfür ist neben den politischen Veränderungen auch knallhartes wirtschaftliches Kalkül und Notwendigkeit. Will Laos seine derzeitige Wirtschaftspolitik weiter in diesem Tempo durchsetzen, dann ist das Land gezwungen, alle möglichen verfügbaren Ressourcen voll auszuschöpfen. Wachstumsraten in der Tourismusbranche könnten zweistellig sein, die Nachfrage ist enorm. Es ist nunmehr Aufgabe der jeweiligen Behörden, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß das Land nicht nur als dreitägiger Zwischenstop auf einer Indochina-Reise gebucht und abgehandelt wird, sondern Touristen die Möglichkeit bietet, sich länger im Land aufhalten zu dürfen und die wirklichen Reize des Landes ergründen zu können.

1999 als Chance

Dafür könnte die Werbekampagne »Visit Laos Year 1999–2000« ein erfolgreicher Ausgangspunkt sein, wenn die Verantwortlichen diese Chance wirklich zu nutzen verstehen. Im Zuge des »Visit Laos Year 1999–2000« erwartet das laotische Fremdenverkehrsamt (NTA) rund 976.000 Besucher, was einer Steigerung von 50 % zum Vorjahr entsprechen würde. Sollten sich diese Erwartungen erfüllen, könnte Laos mit Einnahmen von rund 128 Millionen US-Dollar rechnen, räsoniert Sounh Manivong, Leiter der Statistischen Planungs- und Marketingabteilung des NTA. Hauptaugenmerk im Rahmen der Vorbereitung der Marketingkampagne will Sounh auf qualifizierte Ausbildung und Training von Angestellten im Servicebereich legen, denn »mit gutem Service und freundlichen Angestellten legt man den Grundstein dafür, daß Touristen auch wiederkommen«.

Im Rahmen dieser Tourismuskampagne sollen in der Hauptstadt des Landes und in den Hauptstädten der Provinzen des Landes zumindest die größeren Straßen in den Städten endlich in den Genuß von Straßennamen kommen, eine wunderbare Entscheidung, denn derzeit kann man sich nur mit guter Ortskenntnis fortbewegen. So gelangt man zum That Dam nur, wenn man weiß, daß sich dieses in der Nähe der Amerikanischen Botschaft befindet. Plakate und Fahnen sollen auch im Straßenbild Vientianes auf das »Visit Laos Year 1999–2000« aufmerksam machen und nicht zuletzt einheimische Geschäftsleute in die Werbekampagne einbeziehen. »Das laotische Fremdenverkehrsamt plant eine intensive Zusammenarbeit mit allen betroffenen Wirtschaftszweigen, um im Servicebereich den Wünschen der Besucher zu entsprechen.

Die meisten Touristen werden entweder über den Wattay-Flughafen oder über die Khua Mittaphap, die »Freundschaftsbrücke«, einreisen. An den genannten Grenzübergängen wird mit Beginn des nächsten Jahres bei Einreise ein 15-Tage-Touristenvisum für 50 US-Dollar ausgestellt. Aus den Visagebühren erhofft man sich beträchtliche Einnahmen, die wiederum dem Devisenhaushalt des Landes zugute kommen. Der Tourist kann im Gegenzug mit einer erheblich vereinfachten Einreiseprozedur rechnen.

Das Reisen in abgelegenere oder früher unzugängliche Gebiete war nicht nur teuer sondern bedurfte auch einer Reiseerlaubnis, die, wenn sie erteilt wurde, vom laotischen Immigration Office ausgestellt werden mußte. Eine sehr zeitaufwendige Angelegenheit, die im übrigen Kenntnisse im Umgang mit der Sprache und mit korrupten Beamten erforderte. Jetzt wird auch diese Hürde im laotischen Reisedschungel genommen, eine solche Reiseerlaubnis wird nun wesentlich schneller zu erschwinglichen Preisen ausgestellt. Das NTA plant den Druck von Reiseführern, Broschüren und Stadtplänen für ausländische Touristen.

Zur Gewährleistung der allgemeinen Sicherheit der Touristen arbeitet das laotische Fremdenverkehrsamt mit dem Innen- und dem Verteidigungsministerium zusammen. Das laotische Telekommunikationssystem zählt mittlerweile zu den modernsten in der südostasiatischen Region, eine wichtige Voraussetzung, um den involvierten Behörden das notwendige Rüstzeug zu geben. Man plant den Einsatz einer Englisch sprechenden Touristenpolizei. Transportmöglichkeiten sollen verbessert werden, der Norden wie auch der Süden sollen per Flugzeug und per Boot erreichbar sein. Hier plant man, das Liniennetz zu verdichten, mehr Flüge und Boote in die Provinz anzubieten. Vor allem in den Provinzen Champassak, Luang Prabang Bokeo, Khammouane und Savannakhet werden Touristen erwartet.

Sounh ergänzt seine Aussagen: »Wir werden Touristen über die Vielfalt der in Laos lebenden ethnischen Minderheiten informieren, die ein Teil der laotischen Geschichte und Tradition ausmachen. Wenn wir die Tourismusbranche weiterentwickeln wollen, müssen wir uns auf den Ausbau des Servicesektors konzentrieren. Es bleibt zu wünschen, daß die Laoten sich selbst mehr involvieren und die Kampagne tragen, in dem Wissen, daß Einnahmen aus der Tourismusbranche dem krisengeschüttelten Land zugute kommen. Unser Reichtum, den wir anderen Völkern näher bringen können, ist unsere Kultur, unsere Kunst und unsere Tradition.«

Bei aller Planung — das Gesamtkonzept fehlt

Dennoch kann diese groß angelegte Tourismusmarketingkampagne nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Regierung über kein Gesamtkonzept für die Entwicklung der Branche, die in Laos in den Kinderschuhen steckt, verfügt. Als außenstehender Beobachter hat man das Gefühl, daß den Regierenden der Tourist am liebsten ist, der für seine Reise in einer Gruppe viel Geld bezahlt und brav die Sehenswürdigkeiten des Landes besucht. Zugute halten muß man diesem Konzept, wenn es dann ein solches ist, das Laos überhaupt nicht auf Rucksacktouristen eingestellt ist, die sich ihre eigenen Pfade durch das Land bahnen und in abgelegenen Dörfern von der Gastfreundlichkeit der Dorfbewohner zehren. Allerdings birgt das Fehlen von Konzepten im Zusammenhang mit der großen Kampagne die Gefahr in sich, daß Laos den daraus resultierenden negativen Einflüssen, die ein nicht gelenkter Massentourismus mit sich bringt, machtlos gegenüber steht. Nachbar Thailand zeigt deutlich, wie schwierig es ist, dem nunmehr von Flugzeugladungen voller sexhungriger und abenteuerwilliger Pädophiler geprägten Image, zu begegnen.

Das Thema Kinderprostitution zum Beispiel, das in der Region eine große Rolle spielt, wird erstmalig auch in der laotischen Öffentlichkeit angesprochen. Anlaß bot der Besuch der Repräsentantin der UNO-Menschenrechtskommission, Frau Ofelia Cacetas-Santos, in Vientiane kurz vor Beginn der Tourismusmarketingkampagne. Eine Studie der UNO geht davon aus, daß Kinderprostitution in Laos im Moment noch kein so schwerwiegendes Problem ist wie in den Nachbarstaaten von Laos. Aber dennoch sollte gerade in einer solchen Kampagne dieses Thema nicht unbeachtet gelassen werden, forderte Frau Ofelia Cacetas-Santos auf einer Pressekonferenz am 25. September 1998 in Vientiane. Die Delegation, die sich auf Einladung der laotischen Regierung in Laos aufhielt, wollte vor allem auf die Belange der Kinder aufmerksam machen: auf Kindesmißbrauch, d.h. in Prostitution und Pornographie involvierte Kinder. Sie will der laotischen Regierung vor dem Start der Tourismuskampagne Ratschläge zur Vermeidung derartiger Auswüchse des Tourismus geben. Frau Cacetas-Santos betonte, daß ihr Besuch vorrangig der Bekämpfung des Mißbrauchs jeglicher Art von Kindern gilt. »Laos macht enorme Fortschritte bei der Verbesserung der Infrastruktur und im Tourismusbereich, und gerade deshalb ist es außerordentlich wichtig, daß dieser Fortschritt nicht zur Ausbeutung von Kindern führt oder zu Lasten der Kinder erfolgt.«

Nicht jede Fürsorge ist ehrlich gemeint

Frau Cacetas-Santos verwies auf die kommerzielle Ausbeutung von Kindern in sämtlichen Bereichen, in Industrie und auch vor allem im Tourismussektor. Das Interesse an Kindern ist nicht immer wohlwollend. Gerade die negativen Beispiele sollte man sich in Laos vor Augen halten, denn nach Ansicht von Frau Cacetas-Santos ist eine solche Entwicklung in Laos noch vermeidbar. Während ihres Besuches zweier abgelegener Dörfer in der Provinz Savannakhet erzählten ihr die Dorfbewohner von Männern, die in den Dörfern versucht haben, Kinder ins Ausland zu locken. Ein Zeichen dafür, daß es Kinder in Laos durchaus zu schützen gilt. Es gibt allerdings keine gesicherten Zahlen über Kinderprostitution und andere Formen des Mißbrauchs in Laos, vor allem, weil sie hier noch wesentlich versteckter stattfindet als in den umliegenden Staaten. Keine Zahlen bedeuten aber auch nicht, daß es keine Kinderprostitution oder Mißbrauch gibt.

Not und Armut von Kindern wird vor allem von Schleppern ausgenutzt, die wiederum die Bordelle für Touristen »auffüllen«. Man kann davon ausgehen, daß Dealer aus den an Laos angrenzenden Nachbarstaaten an dieser »ungenutzten Ressource« besonders interessiert sind, da diese Kinder oder auch junge Frauen besonders »einfach« mit Versprechungen jedweder Art zu rekrutieren sind. Bleibt für Laos und seine Kinder zu hoffen, daß das Land nicht von solchen Entwicklungen wie im Norden oder Nordosten von Thailand heimgesucht wird, wo es heutzutage als besonders günstig gilt, wenn Mädchen geboren werden. Traditionell stand zwar auch hier eigentlich ein Sohn an oberster Stelle, aber mittlerweile sind Mädchen ein Wirtschaftsfaktor, durch deren Verkauf an Schlepper ganze Dörfer zu Geld gekommen sind und so ihre Armut überwunden haben.

Es wird gerade aufgrund der Armut in den ländlichen Gebieten für die laotische Regierung schwierig, ihre in die Tourismusbranche gesetzten Hoffnungen so umzusetzen, daß bestimmte negative Entwicklungen und Fehler vermieden werden. Aber gerade weil das Land Negativbeispiele vor der Tür hat und eigentlich über gute Startbedingungen und Voraussetzungen verfügt, bleibt zu hoffen, daß aus dem »Visit Laos Year 1999 — 2000« auch eine Menge Erfahrungen für neue, umfassende Konzepte im Tourismusbereich gesammelt werden können. Konzepte, die den Bedingungen und den Voraussetzungen des Landes und seiner Bewohner entsprechen und nutzbringend für sie sind. Nur dann wird der Tourist auch in zehn Jahren noch Land und Leute in Laos wegen ihrer Natürlichkeit und Offenheit schätzen.

 

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Stand: 14. Dezember 1998, © Asienhaus Essen / Asia House Essen
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