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Bettina Beer
Ethnologin, die in Hamburg lebt und arbeitet.Die Kolonialgeschichte hat auf den Philippinen wie in vielen anderen Ländern ihre Spuren hinterlassen. Dazu gehören auch Minderwertigkeitsgefühle aufgrund westlicher rassistischer Ideologien, die mit Wissenschaft, Kolonialverwaltung und Medien in die Kultur integriert wurden. Sie stießen auf indigene Vorstellungen, in denen in interethnischen Beziehungen häufig ebenfalls biologisierende Annahmen von Unterschieden eine Rolle spielten, etwa im Umgang mit ethnischen Minderheiten.
Es gibt verschiedene politische Strategien, auf rassistische Vorstellungen zu reagieren. Diese schließen sich nicht aus, sondern können nebeneinander bestehen. Innerhalb des Landes könnten multikulturelle Utopien entworfen werden, die häufig zu neuen Schwierigkeiten, nämlich der schärferen Abgrenzung und Bestätigung von Unterschieden führen: Minderheiten werden dann zu Darstellern einer bunten Multikultur, die sich kostümieren, Tänze aufführen und Traditionen beleben oder erfinden. Das ist eine Tendenz, die sich auf den Philippinen vor allem dort findet, wo es darum geht, den Tourismus anzukurbeln. Eine andere Möglichkeit besteht darin, nationale Einheit zu konstruieren, zu stärken und damit nach außen ein erhöhtes Selbstbewußtsein zur Schau zu stellen. Auch solche Versuche finden sich auf den Philippinen. Als Beispiel für deren Folgen soll hier die Vermittlung eines nationalen philippinischen Selbstbewußtseins durch Schulbücher an einem Textbeispiel gezeigt werden.
In philippinischen Lesebüchern für den Tagalog-Unterricht der dritten Klasse, die in den nicht-Tagalog-sprachigen Gebieten eingesetzt werden, findet sich eine spezielle Variante der Schöpfungsgeschichte:
»Ihr könnt fragen: Warum ist die Farbe der Filipinos weder Schwarz noch Weiß? Wir sind anders als weiße Amerikaner, Chinesen und Japaner. Wir können auch nicht sagen, daß wir schwarz sind wie Neger oder Afrikaner. Es gibt eine gute Geschichte, wie wir Filipinos unsere Farbe bekommen haben.
Einst, nachdem Gott die Welt erschaffen hatte, bemerkte er, daß die Gegend sehr traurig war. Er dachte sich, er solle Menschen erschaffen, die dort leben. Er nahm einen Klumpen Erde und schuf die Form des Menschen. Er legte ihn in den Ofen, dann ging er spazieren. Später roch er etwas Verbranntes. Gott beeilte sich danach zu sehen, was er in den Ofen getan hatte, aber er kam zu spät. Was er geschaffen hatte, war bereits verbrannt. Er gab diesem Menschen Leben und das war der Ursprung der Neger.
Er war vorsichtig, als er den nächsten erschuf. Er ließ das, was er brannte, nicht lange im Ofen. Er war besorgt, daß es wieder verbrannte. Sehr schnell holte er es aus dem Ofen. Das Ergebnis war ganz weiß. Das war der Ursprung der Rasse der Amerikaner, Chinesen und Japaner und vom Rest der weißen Rasse. Aber Gott war nicht zufrieden. Er machte eine andere Menschengestalt aus einem Klumpen Erde und legte sie wieder in den Ofen. Er war vorsichtig und bewachte, was er in den Ofen gelegt hatte. Das Ergebnis war ganz genau richtig bei diesem letzten Versuch. Das Ergebnis war weder schwarz noch weiß. Die Farbe war genau richtig. Das war der Ursprung der philippinischen Rasse. Die Farbe wird kayumanggi genannt und ist das Zeichen von uns Filipinos. Sie war nicht schwarz und nicht weiß.«
Zunächst konstruiert diese Geschichte eine »philippinische Hautfarbe«, für die es auf Tagalog allerdings nicht auf Visaya und in anderen philippinischen Sprachen tatsächlich eine spezielle Vokabel gibt. Neben der Sprache werden also noch weitergehende Vorstellungen transportiert. Was hier der nationalen Einheit und der Aufwertung des philippinischen Selbstbewußtseins dienen soll, führt letztlich dort zu Problemen, wo die Nation weniger homogen ist als vorausgesetzt und erwünscht.
Auf einer Insel der Zentral-Visayas in einer Familie von Ati, die man zu den sogenannten »Negritos« rechnet, lebte und forschte ich als Ethnologin wiederholt für mehrere Monate. Die Kinder erzählten mir, daß auch sie, als sie in der dritten Klasse waren, diese Schulbuch-Geschichte gelesen hatten. Ihre Mitschüler hätten sie daraufhin geärgert, sie seien »verbrannt« oder »Abfall«, da ihre Haut viel dunkler sei als die der anderen Kinder. In einer Gesellschaft, in der ethnische Unterschiede bestehen, und die sehr stark an Äußerlichkeiten orientiert ist, ist eine solche Darstellung für ethnische Minderheiten wie die Ati nicht sehr günstig und unterstützt vorhandene Stereotype und Vorurteile.
Diese Schöpfungsgeschichte ist jedoch für Diskussionen über angenommene »rassische« Unterschiede auf den Philippinen charakteristisch. Auch im Alltagsdiskurs führt man diverse negative Eigenschaften der jeweils anderen (etwa der Ati) auf und fügt dann meist milde hinzu: »Sie können ja nichts dafür: sie sind wie Gott sie erschaffen hat.« Das Unveränderliche und Statische der Herkunft, des Erbes, wird hier als biologische Vorstellung durch die religiöse noch unterstützt. Vermutlich sollte der Text eher dazu dienen, das Selbstbewußtsein der Filipinos zu stärken, und nicht die Ati abzuwerten, was er dennoch tut. Auch die Weißen werden als mißlungen dargestellt. Dies stößt durchaus auf Vorstellungen, die ohnehin in der Bevölkerung vorhanden sind.
Es gibt mehrere Wertsysteme, die nebeneinander existieren und je nach Situation und individuellen Einstellungen aktiviert werden. Zum einen gibt es einen Kult um weiße Haut, weiße Menschen, hellhäutige Kinder etc. Weiß sei schön und Schwarz häßlich. Auf der anderen Seite gibt es aber auch ein Wertsystem, in dem »Weiße« sehr viel schlechter wegkommen: Sie seien moralisch degeneriert, schwächlich, zu fett, stinken, haben gerötete Haut, die keine Sonne verträgt, Glatze und Bartstoppeln, sie seien häßlich und sexuell unattraktiv. Dunkelhäutige (philippinische) Männer werden verschiedentlich als sehr anziehend und sexy beschrieben, animalisch, potent, zeugungsfähig, etc. im Gegensatz zu weißen (Sex-)Touristen, von denen außer ihrer wirtschaftlichen Potenz nicht viel Positives zu berichten ist.
Hier bestehen zum Teil sich widersprechende Stereotype problemlos nebeneinander und zeugen von dem angespannten Verhältnis: einerseits Wunsch der Teilhabe an wirtschaftlichem Wohlstand und Höherbewertung der »reichen Weißen«, andererseits Verachtung der Fremden und Unzufriedenheit mit der eigenen Situation. Einigkeit besteht allerdings darin, daß Afrikaner und Afro-Amerikaner häßlich, bösartig und überhaupt nicht attraktiv sind.
Die national geprägte Schöpfungsgeschichte und ihre Rezeption unter den Schülern einer ländlichen Grundschulklasse zeigt ein wichtiges Problem rassistischer Ideologien: der Versuch sie abzuwehren, kann neue erzeugen. Biologisierende Abwertungen werden so verschoben und nicht aufgehoben, sie werden nicht bewußt gemacht, sondern bestehen neben den ohnehin schon vorhandenen fort.
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Stand: 20. Dezember 1999, © Asienhaus Essen / Asia
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