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U Kyi Win
Assistant Professor für Afro-American Studies an der Cample University, Philadelphia"Colourful Burma" - das war der Titel von Erzählungen der bedeutenden Autorin Khin Myo Chit aus dem Jahr 1978. Und schon damals schrieb sie über das traditionelle Medium Burmas, das Marionetten-Theater, resignierend: "Heute hat das burmesische Marionetten-Theater viel von seiner Kunst und seiner Beliebtheit verloren. Es ist dekadent geworden und stirbt aus. Diese soziale Form von organisierter Unterhaltung ist gerade im städtischen Bereich nicht mehr populär." Das war einmal völlig anders. Traditionelle Medien und ihre Kommunikation wie Tanz, Theater und Marionetten-Theater waren gerade in Burma von immenser Wichtigkeit.
Unter König Bagyidaw (1819-37) war das Marionetten-Theater so wichtig, dass es sogar einen eigenen Minister für Marionetten gab. Minister Thabin Wun erließ genaue Regeln für das Spiel. Die Zahl der Puppen war genauso festgelegt wie das Holz, aus dem sie geschnitzt werden durften. Puppen konnten tun, was Menschen nicht tun durften. So war das traditionelle Marionetten-Theater eine Mischung aus königlicher Anstandspropaganda und clownesker Kritik und Wahrheit. Im Übrigen: Wer Thabin Wuns Regeln nicht befolgte, wurde auf das Schwerste bestraft.
Was für das Marionetten-Theater unter König Bagyidaw galt, gilt heute für alle Massenmedien im militär-kapitalistischen Burma mit dem starken Mann Generalleutnant Khin Nyunt, Erster Staatssekretär im so genannten Staatlichen Komitee für Frieden und Entwicklung. Burmas Massenmedien werden wie in kaum einem anderen Land der Erde geknebelt, reguliert und zensiert.
Laut Angaben des Weltverbandes der Zeitungen wurden in Burma 1999 zwei Journalisten ermordet, sitzen acht Journalisten im Gefängnis. Unter ihnen ist auch U Win Tin, ehemaliger Herausgeber der Zeitung "Hanthawati", stellvertretender Vorsitzender des Schriftstellerverbandes und Mitbegründer der Nationalen Liga für Demokratie (NLD). Zensursysteme wie die in Burma sind ihrer Natur nach absurd, weil willkürlich. Obwohl die burmesische Verfassung von 1947 die Meinungsfreiheit garantiert, gibt es zahlreiche Zensurgesetze, insbesondere das Gesetz zur Registrierung von Druckereien und Verlagen von 1962 oder das Gesetz über die Entwicklung der Computer-Wissenschaft von 1996, das darauf hinausläuft, dass kein Burmese Internet oder E-Mail nutzen darf. Wer als Poet oder Journalist im berüchtigten Insein-Gefängnis in Rangun oder in den Kerkern auf den Coco-Inseln weit draußen im Ozean, in der Nähe der indischen Andamanen-Inselgruppe, einsitzt, überlebt oft nur gelähmt oder anders verkrüppelt.
"Unsere Zensurleute sind brutal und dumm", sagt ein resignierter Journalist. "Alles, was ihnen nicht paßt, ist verboten. Das gilt für die Übersetzungen von Günther Grass genauso wie für das kleine Wort Sonnenuntergang. Da in Burma die Sonne scheint, darf sie in einem Gedicht auch nicht untergehen. Sonnenuntergang ist aus der Sicht der Militärs eben defätistisch." Auch Märchen können verboten werden, z.B. das über einen Mönch und den Gründer eines buddhistischen Klosters. Die Pointe in diesem Märchen liegt darin, dass der Reiche, der dem Mönch ein Kloster bauen lässt und dieses ihm schenkt, zum Schluss eine moralische Absolution dafür haben will, dass er neben seiner Ehefrau auch noch eine Mätresse hat. Fühlten sich die Militärs bei diesem Märchen in ihren eigenen sexuellen Phantasien gestört?
Bücherverbrennungen während der katholischen Inquisition und bei den Nazis: Nun trifft es Videofilme und andere High-Tech-Dinge in Burma. Am 7. April 2000 verbrannten Militärs in Rangun während des Thingyan-Festes - das traditionelle Neujahrs-, das Wasserfest - 14.305 Videokassetten, 21 Laser-Disketten, 36.132 Video-CD-Roms und 1.065 modische Kleidungsstücke im Wert von 90 Millionen Kyat. Dazu Oberst Than Tun: "Diese unzensierten Medien hätten unsere nationale Kultur zerstören können."
Burma (englisch), Burma (deutsch) oder Myanmar - wie es die Militärs genannt haben - ist ein ungeheuer wildes und schönes, aber immer schon ein sehr eigenwilliges Land gewesen. 1945 erkämpfte Aung San die Unabhängigkeit von den Briten. Es folgte eine Phase der aktiven Politik der Blockfreien Bewegung unter U Nu, und ein U Thant Thant wurde sogar Generalsekretär der Vereinten Nationen. Zahlreiche verworrene interne Bürgerkriege führten Burma unter General Ne Win Anfang der sechziger Jahre in die Hände der Militärs. Obwohl die Militärs bei einer Wahl 1990 eine vernichtende Niederlage gegen die NLD einstecken mussten, gaben sie die Macht nicht ab, stellten vielmehr die Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi unter Hausarrest. Für ihren unbeugsamen Widerstand gegen die Militärs erhielt Aung San Suu Kyi 1991 den Friedensnobelpreis - dafür rächten sich die Militärs u.a. damit, dass sie den inzwischen inflationär entwerteten 1 Kyat-Geldschein mit dem Bild ihres Vaters, des anti-kolonialen Helden von 1945, aus dem Verkehr zogen. Aung San wurde durch einen Drachen ersetzt.
Burma war und ist ein buddhistisches Land, und im Theravada-Buddhismus burmesischer Provenienz ist das geschriebene und gedruckte Wort nahezu etwas Heiliges. Nach Japan weist dieses fast ärmste aller Länder die höchste Alphabetenquote in Südostasien auf. Schon 1836 erschienen die ersten beiden Zeitungen in Burma, der "Moulmein Chronicle" in Englisch und der "Morning Star" in der Sprache der Karen. 1919 wurde die Zeitung "New Light of Burma" gegründet - die Militärs nannten diese nun offizielle Regierungszeitung um in "The New Light of Myanmar".
Die wichtigsten drei Zeitungen sind in staatlichem Besitz. Der "Myanmar Alin Daily" (burmesisch) hat eine tägliche Auflage von 200.000; das Gleiche gilt für den "Kyemon Daily"(burmesisch). "The New Light of Myanmar" (englisch) kommt auf 23.000 Exemplare pro Tag. Mit dieser Zeitungsproduktion im Jahr 2000 liegt Burma weit unter seinem eigenen Niveau von 1987, als die Zeitungsproduktion fast doppelt so groß war. Allerdings hatten die Militärs in den beiden Hauptunruhejahren 1989 und 1990 die Zeitungsproduktion sogar auf die Hälfte der gegenwärtigen Produktion herunterfahren lassen. Ausländische Zeitungen sind in Burma nirgendwo erhältlich. Aber kleine Jungen bieten seit einiger Zeit an den Ampeln im Ranguner Verkehrsstau verbilligte und ein bis zwei Tage alte Ausgaben der "Bangkok Post" aus Thailand und "The Straits Times" aus Singapur zum Verkauf an.
Burma hat rund 500 Buchverlage; mehr als 90 Prozent dieser meist kleinen Familienbetriebe sind in Rangun. Gegenwärtig erscheinen rund 3.000 Titel pro Jahr mit einer Durchschnittsauflage von 2.000 Stück. An erster Stelle der Buchproduktion steht die erzählende Gebrauchsliteratur, die überall verkauft und überall gelesen wird. Kontinuierlich und seit langem folgen auf Platz zwei der Buchproduktion religiöse und theologische Bücher: Burma, das Land der goldenen Buddhas und Pagoden. Galten die buddhistischen Mönche als "Hüter der Lehre" im alten Burma mehr oder weniger als sakrosankt und wagte auch ein despotischer König nicht, sich an ihnen zu vergreifen, so veränderte sich deren Rolle unter General Ne Win drastisch. Durch Verwaltungsreformen wurde die neu gegründete Organisation der Nationalen Buddhistischen Äbte zum Befriedungsinstrument der Regierung. Buddhistische Mönche wurden entpolitisiert und verängstigt. Nun sind die burmesischen Massenmedien voll mit Bildern, auf denen Generäle und Äbte gemeinsam religiöse Zeremonien feiern.
Das Radio kam mit zwanzigjährigem Verzug nach Burma, als "Voice of Burma" erblickte es am 15. Februar 1946 das Licht der Welt. Als "Bama Athan" strahlt es heute seine burmesischen und englischen Sendungen aus: Nachrichten, Musik, Propaganda, lustlos, unbedeutend, technisch hoffnungslos veraltet. Die absichtliche Nicht-Entwicklung dieses Mediums hatte und hat seinen spezifischen Grund. Die burmesische Medienpolitik hat sich aus ideologischen Gründen nie als eine Politik der Massenmedien verstanden, sondern stets als eine Politik, die erstens nur die eigene Elite erreichen will und die zweitens das Radio und später das Fernsehen und andere elektronische Medien nur als ein Mittel von Reinforcement für die Botschaften in den gedruckten Medien verstanden hat.
Die Abwesenheit einer eigenen, landesweiten und gut funktionierenden Radio-Infrastruktur rächt sich inzwischen. Es ist die immense innere Repression in Burma, die dem Auslandshörfunk dort eine Bedeutung gegeben hat wie in kaum einem anderen asiatischen Land. Während des Aufstands von 1988 waren die BBC, die "Voice of America" und "All India Radio" Hauptakteure. Inzwischen ist das burmesische Programm des amerikanischen Auslandsradios "Radio Free Asia" (RFA) dazugekommen und die in Norwegen beheimatete "Democratic Voice of Burma" (DVB) - die die Regierung Kohl nicht in Deutschland zulassen wollte.
Die konservative BBC wird gerne von der älteren Generation gehört, und nach wie vor erhält das BBC-Headquarter in London seine meisten Zuhörerbriefe aus Burma. DVB und RFA haben unter ihren Journalisten zahlreiche prominente Exil-Burmesen. Ihre Programme werden besonders gerne von der jüngeren Generation gehört. Gerade RFA verfügt auch über gute Kontakte im Landesinneren. Bei militärischen Überfällen auf Dörfer werden schon ein bis zwei Tage später über RFA die Namen von Opfern und Tätern genannt.
Doch auch hier gilt es in einem armen Land wie Burma zu relativieren: "Oft fällt der Strom aus, und nachts brennen auch in Rangun die meisten Straßenlaternen nicht. Zur Zeit sind sogar alle Transistorradios ausverkauft, und es gibt keine Batterien mehr." Dieser Beschreibung der Elektrizitätssituation in Burma fügt der Inhaber eines Elektrowarengeschäfts hinzu: "Ähnliches gilt natürlich für das Fernsehen. Auf den Dörfern findet man TV nur an einem Generator oder an alten Autobatterien. Fernsehen gleicht dort einem 'Mini-Outdoor Cinema'".
"Leap Frogging", also Bockspringen, nennt man in Entwicklungsländern das Überspringen von alten in völlig neue Technologiestrukturen. So war das am 3. Juni 1980 mit dem Fernsehen in Burma. Es begann an diesem Tag nämlich sofort mit bunten Programmen, ein Schwarz-Weiß-TV gab es in Burma nie.
Das Fernsehen in Burma ist staatlich organisiert. Es gibt zwei Kanäle respektive Interessensgruppen. 1. Das "Myanmar Radio & Television" (MRTV) untersteht als eigenständige Abteilung dem Informationsministerium der burmesischen Zentralregierung. 2. Daneben gibt es seit nicht allzu langer Zeit den TV-Kanal der Militärs, MAHA oder MWD. 3. Einen weiteren, dritten Kanal gibt es bislang nur als Absichtserklärung, nämlich durch das "Rangun City Development Committee". Alle Kanäle sind zwar irgendwie staatlicher Natur, aber alle arbeiten sie auf kommerzieller Basis. MRTV ist hierbei am bürokratischsten - das Stadtentwicklungskomitee von Rangun ist eher mit einem großen Konzern mit vielfältigen Geschäftsaktivitäten vergleichbar. Es ähnelt mit seinen Richtung MTV schielenden TV-Plänen ein wenig HTV, dem TV-Sender der Stadtverwaltung von Hanoi in Vietnam. Immerhin hat das "Rangun City Development Committee" schon seine Fühler zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Deutschland ausgestreckt.
MRTV strahlt zur Zeit 4.280 Minuten Programmaterial pro Woche aus. Die Regierung behauptet, dass MRTV in 82 Prozent aller Städte in Burma zu empfangen sei - Kritiker halten dem entgegen, dass es per definitionem aber kaum Städte gebe und TV deswegen bei der überwiegend agrarischen Bevölkerung unbekannt sei. MRTV hat zu wenig Ressourcen für ein 24-Stunden-Programm; es strahlt seine Sendungen nur morgens zwei und nachmittags bis 22.30 Uhr weitere fünfeinhalb Stunden aus. Über den AsiaSat1-Satelliten ist MRTV ebenfalls zu empfangen. Alle Programme des thailändischen Satelliten ThaiCom1 sind ihrerseits gut in Burma zu empfangen. Satelliten TV ist in Burma gesetzlich zugelassen, vorausgesetzt, man hat eine Lizenz erhalten. Andererseits ist den Militärs ausländisches Fernsehen nach wie vor ein Dorn im Auge, und so kann es durchaus passieren, dass ein Trupp Soldaten die wenigen in Rangun vorhandenen Satelliten-TV-Antennen demonstrativ und mit viel Aufmerksamkeit abreißt. In den großen Touristenhotels in Rangun ist ausländisches Fernsehen zu empfangen (MTV, BBC, CNN, TV5 aus Frankreich oder NHK aus Japan), die einheimischen Kanäle freilich nicht. TV-Programmillustrierte gibt es überhaupt nicht, so dass man die Programmankündigungen nur täglich in der Zeitung erfahren kann.
Das Programm von MRTV setzt sich zu jeweils 30 Prozent aus Information und Erziehung und zu 40 Prozent aus Unterhaltung zusammen. Gibt es aufgrund der immensen innenpolitischen Repression in Burma und aufgrund des Schicksals der unter Hausarrest stehenden Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi in Europa inzwischen ein gesteigertes mediales Interesse an diesem Land, so spiegelt sich diese Aufmerksamkeit hier u.a. auch in exzellenten Spielfilmen wider, vor allem in John Bormans Film "Beyond Rangun" (1995). Demgegenüber ist die Unterhaltung in MRTV ärmlich und dürftig, technisch schlecht und langweilig. Da laufen Spielfilme mit sowohl chinesischer als auch burmesischer Untertitelung, so dass der mit Schriftzeichen volle Bildschirm gar keinen Blick auf Bilder mehr zulässt. Da gibt es Kostümfeste, Folklore, Aufmärsche, Appelle, Massengymnastik, Fahnenhissen und Hände schüttelnde Militärs. Hier ein Chor der Marine, dort ein Aufklärungsfilm über AIDS; traditionelle burmesische Musik, von Männern (nicht: europäisierten girlies!) in ihren typischen Longyis (kittelartige Tücher) vorgeführt, wechselt mit Sängern, die die Kamera minutenlang, starr und monoton nur mit Mikro in Großaufnahme zeigt.
Befragt, was denn für Spielfilme bei MRTV laufen, sagt jedermann: "Chinesische, Kung-fu und so Sachen." Auf die Frage nach ihrem TV-Lieblingsfilm antwortet die Schneiderin Ma Saw Htay: "Natürlich ein chinesischer. Und zwar neulich der, in dem ein reicher Mann einer armen Magd ein Kind machte, sie dann verließ, wie diese Frau aber schließlich dennoch eine erfolgreiche Unternehmerin wurde." Und Ma Khaing Khaing Win, eine 23 Jahre alte Studentin, antwortet auf die gleiche Frage mit einer ähnlichen Antwort: "Ich liebe chinesische Filme. Da lerne ich viel über das volkreichste Land der Erde. Schließlich ist China unser Nachbar, und ich möchte mehr über die Menschen dort, die Kultur und die Zukunft dieses Landes erfahren."
Chinesisches ist in Burma nicht nur als Content im Fernsehen präsent (Im Kino dominiert übrigens der indische Spielfilm.), sondern auch anderweitig. Als Reaktion auf den Handelsboykott durch die USA und die EU seit 1997 wandte sich Burma immer mehr China zu. China ist gegenwärtig Burmas wichtigster strategischer Partner, die chinesische Community in Singapur ist Burmas wichtigster ausländischer Markt, und der Einfluss der 2 Prozent chinesischen Bevölkerung innerhalb von Burma ist enorm angestiegen. In der Regierungspresse Burmas stammen ein gutes Drittel aller Nachrichten von der chinesischen Agentur Xinhua, und es existiert inzwischen sogar eine eigene chinesische Tageszeitung in Rangun für die dort lebenden Chinesen.
Unter einer für Außenstehende nicht sichtbaren Oberfläche von vereinheitlichten Staatsmedien verbergen sich in Burma drei Medien- und Machtgruppen. Die erste und kleinste Gruppe ist die der Chinesen, die aber durchaus auch über viele werbeträchtige Zeitschriften verfügt. Die zweite und immer stärker werdende Mediengruppe ist die der Militärs selbst. Mit dem TV-Kanal "Myawady Television" schenkten sie sich zum Goldenen Jubiläumstag der Streitkräfte am 27. März 1995 eine eigene Fernsehstation (MAHA oder MWD). Wenn ein fiktiver kleiner Junge in einer Kurzgeschichte unter dem Titel "A fine soldier son" in "The New Light of Myanmar" vom 27. März 2000 davon träumt, dass auch er gerne zur Armee gehen würde, dann bringt er diesen am Tag der Streitkräfte geträumten Wunsch mit seinem eigenen Fernseherlebnis zusammen. Im Fernsehen würden die Soldaten so schöne Lieder singen, bei Naturkatastrophen und den Bauern bei der Feldarbeit helfen.
MWD bringt wie MRTV oder die Zeitung "The New Light of Myanmar" pausenlos militärische Eitelkeiten und Narzismen. Generäle, Offiziere und Soldaten eröffnen Kanäle, Brücken und Fabriken, halten andauernd Reden ans Volk, klatschen bei Ansprachen ihren militärischen Vorgesetzten zu, marschieren über den Bildschirm, tauchen sogar als Kulisse bei einem Werbespot für einen Softdrink auf.
Während solche Audiovisionen der Erwartungshaltung an einen Militär-TV-Kanal entgegenkommen und niemand weiter verwundert ist, ist MWD aus einem anderen Grund spannend. Im Gegensatz zum hausbackenen Regierungsfernsehen ist das Militärfernsehen moderner und offener. Hier gibt es zwar nicht den "Duft der großen", wohl aber den der "kleinen Welt". MWD bringt durchaus auch soften westlichen Pop, hier singen nicht nur Männer, sondern auch Frauen; MWD bringt sogar Spielfilme, die bei MRTV ideologisch keine Chance haben. Und: MWD bringt bei weitem mehr Werbung als MRTV. Das burmesische Militär-TV hat ganz offensichtlich eine doppelte Funktion. Über die ausgedehnten Werbezeiten ist es zum einen eine willkommene, zusätzliche Einnahmequelle für nicht weiter recherchierbare Militärcliquen, zum anderen aber erweist sich das Militär möglicherweise als relativ weltoffene Modernisierungskraft trotz eigener Verhaftung in brutale Menschenrechtsverletzungen. (Und in der Geschichte der Dritten Welt wäre es nicht das erste Mal, dass Menschenrechte verachtende Militärs effektive Modernisierung betrieben hätten.)
Seit dem Handelsboykott der westlichen Länder gilt Burma politisch als "Schurkenstaat" (in der Nähe von Nord-Korea und Libyen); ökonomisch ist es fast ein geschlossener Markt. Das wirkt sich insbesondere auf die Szene der Werbeagenturen aus. Frohlockten Werbeexperten noch Mitte der neunziger Jahre mit dem Slogan "Der Markt ist zwar nur klein, aber man muss als Erster drin sein", so kann gegenwärtig davon keine Rede sein. Der Werbemarkt dümpelt vor sich hin. Zwar gibt es nach Expertenmeinung rund 100 Werbeagenturen, meistens Familienbetriebe; von ihnen haben aber nur knapp 10 eine Anbindung an gestandene westliche Agenturen wie z.B. McCann-Erickson oder Bates Advertising. Viele dieser westlichen Anbindungen sind außerdem nur kleine Außenstellen von voll ausgebauten Niederlassungen in Bangkok oder Singapur. Investitionskontrollen oder andere Hemmnisse gibt es für ausländische Agenturen nicht. Wegen des Boykotts interessiert sich aber kaum jemand für den burmesischen Markt.
Die Gesamtlänge der Werbezeit im Regierungssender MRTV beträgt 1 Stunde und 50 Minuten, reichlich lang, gemessen an insgesamt nur siebeneinhalb Stunden TV-Programm pro Tag. Die Werbepreise pro Spot sind alles andere als billig, müssen sie doch von ausländischen Herstellern in harter Währung bezahlt werden. Zigarettenwerbung wird außerdem mit einem Zuschlag von einigen hundert Dollars pro Spot für die gesetzlich vorgeschriebene Montage mit einem Gesundheitshinweis versehen. Zwar betreibt die Ranguner Niederlassung von Bates Advertising ein wenig Markt- und Zuschauerforschung, doch werden die Spotpreise im dafür zuständigen Informationsministerium eher ausgewürfelt, als dass sie das Ergebnis von Marktgeschehen sind. Seit der Übertragung von MRTV via AsiaSat1 fangen Werbeagenturen in Bangkok jedoch an, den staatlichen Werberegulierern in Burma auf die Finger zu gucken. Und noch etwas ist spannend bei der TV-Werbung in Burma. Die Einnahmen durch die Werbung sind derartig hoch, dass die Regierung für ihren staatlichen TV-Sender so gut wie keine Ausgaben hat.
Selbstverständlich werden alle Werbespots auch von der staatlichen Zensurbehörde überprüft. 60 Prozent aller Spots werden im Land selbst oder im Nachbarland Thailand gedreht; meistens handelt es sich dabei um Außenaufnahmen mit einer als malerisch empfundenen Landschaft im Hintergrund. Burma kennt zur Zeit vier große und besonders populäre Schauspielerinnen. Eine von ihnen ist in fast jedem Werbespot vertreten. Htet Htet Moe Oe, die berühmteste von ihnen, wirbt allein für 25 verschiedene Konsumgüter-Produkte. Maung Aung Ko Latt, ein Marketing-Experte: "Immer wenn ich TV-Werbung gucke, fühle ich mich nachher frischer und aktiver als vorher. Die Werbespots sind besser als die Spielfilme. Jeder weiß, dass Htet Htet Moe Oe als TV-Werbemodell anfing, aber jetzt die gesamte Werbewelt beherrscht. Einige Spots sind lustig und komisch, einige erzählen von Sachen, die ich bislang nicht wusste."
Konsumgüter-Werbung in einem armen Entwicklungsland ist eine heikle Angelegenheit. Einerseits kann sie dazu beitragen, einen nationalen Wirtschaftskreislauf zu dynamisieren, und insofern wäre sie für einen wachsenden Wohlstand wichtig. Andererseits fühlt man sich an folgenden Ausspruch einer der berühmten Kommunikationsexpertinnen für Lateinamerika erinnert, nämlich Elizabeth Fox de Cardona: "Medienimperialismus liegt dann vor, wenn TV für Colgate wirbt, der Zuschauer aber kein Geld hat, sich eine Zahnbürste zu kaufen." Was kann man schon kaufen, wenn man wie in Burma nur über folgende monatliche Gehälter verfügt: pensionierter Offizier 3 US$, Ingenieur 6 US$, Sekretärin in einem großen Hotel 10 US$? Folgt man dem offiziellen Umtauschkurs von 6 Kyat = 1 US$, dann müsste die Hotelsekretärin fast fünf Monate ihres monatlichen Einkommens ansparen, um sich dann davon 1 Heft eines chicen einheimischen Modemagazins kaufen zu können. Doch selbst wenn man den (verbotenen) Schwarzmarktkurs von 325 Kyat = 1 US$ zugrunde legen würde, müsste diese Sekretärin fast zwei volle Tagesgehälter für den Kauf des Modemagazins ausgeben.
Die Branchen-Rangliste im burmesischen Werbefernsehen weist auf Platz fünf "verschiedene Branchen" mit Jahreseinkünften in Höhe von 250.000 US$ aus. Experten versichern, dass sich hinter dieser Summe eigentlich Platz eins im Werbefernsehen verbirgt, nämlich die Schmuck- und Edelsteinbranche. Nach wie vor gilt für Burma das, was ein italienischer Kaufmann auf seinem Besuch bereits 1505 notierte: "Die einzige Handelsware dieser Menschen sind Juwelen." Der Handel mit Rubinen und Jade, Saphiren, Aquamarinen und Smaragden ist immer noch lukrativ und ist in den Händen militärischer Konzerne. Sowohl das Werbefernsehen als auch durch Rangun fahrende Laster, auf denen riesige Steinbrocken liegen, die von Soldaten mit MPs bewacht werden, erinnern daran, dass die burmesischen Rubingruben zum ökonomischen Rückgrat des Militärregimes gehören. Immerhin exportieren die burmesischen Militärs jährlich Juwelen und Schmuck im Wert von mehr als 100 Millionen Kyat.
"Fashion Image", das chice Modemagazin, dessen Stückpreis mit 280 Kyat eine burmesische Sekretärin sich eben nicht leisten kann, führt schließlich auf die Spur einer dritten Medien- und Machtgruppe in Burma, nämlich den "Drug Lords", den mächtigen Opium- und Rauschgifthändlern. 1996 versöhnte sich die Ranguner Militärgruppe mit Khun Sa, dem Opiumkönig und Militärführer der Streitkräfte in der früher abtrünnigen Shan-Provinz. Seit dieser Zeit sucht sich das Drogenkapital neue Anlageplätze, und gegenüber der früheren dreckigen Kriegsführung sind sie nun sauber und smart geworden. "Den 'Drug Lords' um Khun Sa, Lo Hsing Han und U Kyaw Nyn gehören nicht nur die neu gegründete innerburmesische Fluglinie Air Mandalay, das Traders Hotel und andere Unternehmen, sondern eben auch rund 40 Illustrierte, Magazine und Zeitschriften", versichert ein Insider. "Zu diesen 40 Zeitschriften gehören auch die erst seit drei Jahren erscheinende Modezeitschrift 'Fashion Image' und die erst in diesem Jahr gegründete 'The Myanmar Times & Business Review' in englischer Sprache", versichert noch einmal der Insider.
Vergleicht man diese beiden Printmedien mit der offiziellen Zeitung "The New Light of Myanmar", dann gleicht das Verhältnis dieser Produkte zueinander dem zwischen dem verstaubten Regierungsfernsehen und dem modernen Militärfernsehen. "Fashion Image" und "The Myanmar Times & Business Review" sind vor allem bunt und zeigen viel Farbe, sie sind bei weitem mit besserer Technik und auf besserem Papier gedruckt, sie zeigen wenig oder gar kein Militär und sie sind voll mit Werbung. "Livestyle" ist als Fremdwort inzwischen auch im burmesischen Englisch zu Hause. Kurz: Die Zeitschriften der "Drug Lords" zeugen von "Livestyle" - die der Regierung von Langeweile. Blättert man das burmesische "Fashion Image" durch, dann stellt man schnell fest, dass rund 80 Prozent der Zeitschrift aus ganzseitiger Werbung besteht. Meist sind es einheimische Unternehmen und Produkte, aber auch Weltmarken wie Nestlé und Triumph International sind mit großen Anzeigen vertreten. "Es ist lediglich eine Frage der Definition, ob man diese Anzeigenseiten Werbung oder Rauschgift-Geldwäsche nennt", meint mein Insider.
Gewiss, es gibt in Burma kaum noch traditionelle Kommunikation, und das alte Puppentheater existiert nur noch als Touristenattraktion. Parallel zu diesem fast unausweichlichen Trend zur Modernisierung tut eine Militärregierung das ihre, um Kommunikation zu kontrollieren. In Burma gibt es keine sozialen Netze und Kommunikation, die nicht von oben kontrolliert würden. Sogar einzelne Wörter sind verboten. Aber - und es gibt immer ein Aber: Keine Kommunikationskontrolle ist total, und Alltag und sogar offizielle Medien zeigen Reste von unkontrollierter Tradition. Neben allerlei militärischem Gehabe legt "The New Light of Myanmar" immer noch Wert auf den Abdruck von Gedichten und in einer mit "Loka Niti" genannten Spalte auf den von buddhistischen Weisheiten. Noch ziehen die meisten burmesischen Frauen die traditionelle Schminke mit dem hellen Tanaka-Puder einem europäischen Rouge vor. Das Werbefernsehen ist einerseits eine typisch westliche Form, sie wird in Burma aber mit traditionellem Inhalt gefüllt, hier überwiegen Gesang und Tanz, und oft ist der Werbebotschafter wichtiger als die Werbebotschaft.
Was das Kaffeehaus im 19. Jahrhundert für das Phänomen Öffentlichkeit in Wien war, ist im gegenwärtigen Rangun die Teestube. Neben der voll befahrenen Straße mit japanischen Pick-Ups, koreanischen PKWs, Fahrrädern mit Beiwagen und vereinzelten Lastern aus den 30-er Jahren sitzt man auf kleinen Plastikhockern und trinkt Tee, "Cho Paw Kya", "Kya Ye Paw" oder "Kya Hseint": Sitzen, schlürfen, schwätzen, rauchen, trinken, sitzen und reden. Das gesprochene Wort lässt sich noch nicht kontrollieren. Und: Auf den Sonnenuntergang folgt immer ein Sonnenaufgang.
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