Des Kaisers neue Kleider. Der Wandel von Patron-Klientenbeziehungen im Rahmen dörflicher Entwicklungsprogramme

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Lurli Teves    

Dr. Lurli B. Teves ist Lehrbeauftragte an der Siliman University, Dumaguete City, in den Philippinen. Sie ist auch als Projektberaterin für dörfliche Entwicklungsprogramme tätig. Überblick über den Inhalt der
Zeitschrift südostasien 2/2001

Ein andauerndes soziales Problem in vielen Entwicklungsländern ist der Mangel an überpersönlichen sozialen Institutionen, die soziale und wirtschaftliche Sicherheit gewährleisten. Fortwährend mit diesem Phänomen konfrontiert, tendieren die Menschen dazu, auf persönliche Beziehungen zu bauen, um mit ihrer Unsicherheit fertig zu werden.

In den Philippinen sind persönliche Beziehungen, die sich über Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen, gewöhnliche Freundschaften, Kameradschaft und andere Formen persönlicher Anhängerschaft erstrecken, relevante Kanäle, in denen Unterstützung und Beistand in Krisenzeiten gesucht werden. Allen diesen Beziehungen wohnt ein tiefsitzendes Gefühl der Dankbarkeit (utang na loob) inne, dass das tagtägliche Leben jedes Filipinos und jeder Filipina beeinflusst.

Reziprozität, angeregt durch eine Dankesschuld, ist durch vertragsfreie Übereinkommen charakterisiert, in denen die Elemente des Austausches nicht vorgeschrieben und die Zeitspannen der Rückzahlung nicht festgelegt sind. Dieser Typ der Reziprozität, an dem die Individuen festhalten, um ihr Leben zu sichern, verbindet Parteien von unterschiedlichem Status - das grundlegende Fundament der Patron -Klienten- Beziehung (PK-Beziehung).

Seinem Wesen nach sind die PK-Beziehungen ein diffuses Modell wechselseitiger Verpflichtungen, das sich mit der Auffassung verträgt, dass der Patron - bis zu einem bestimmten Grade - elterliche Sorge und Verständnis für die Bedürfnisse seiner Klienten an den Tag legen sollte, und dass Letztere ihrem Patron im Gegenzug bis zu einem gewissen Punkt die Loyalität eines Kindes entgegenbringen sollten.

Die Interaktion, auf der PK-Beziehungen aufgebaut sind, stellt einen gleichzeitigen Austausch von verschiedenen Ressourcen dar, vor allem instrumentelle, wirtschaftliche wie auch politische, welche normalerweise durch ein "Gesamtgeschäft" erfolgen. In diese Beziehung sind umfassende und weitgehende Verpflichtungen eingebaut. So erscheint das System der PK- Verpflichtungen traditionell, diffus und informell - das prototypische Beispiel ist die traditionelle Beziehung zwischen Grundbesitzern und Pächtern, wie sie in den meisten Agrarwirtschaften zu finden ist.

Leistung und Gegenleistung

Im Allgemeinen stellt der Patron als Gegenleistung für Hilfsdienste oder die Bereitstellung von Handarbeit in seinen Feldern grundlegende Subsistenzmittel bereit, welche den Zugang zu Land für die Kultivierung, die Bereitstellung von Saatgut, Ausstattung, Marketingdiensten und technischen Ratschlägen für die Klienten beinhalten.

Die Lieferung von Wasser und Feuerholz an den patronalen Haushalt, private Haushaltsarbeiten und Nahrungsgaben stellen einen Teil der Hilfsdienste dar, die von den Klienten bereitgestellt werden. Im Gegenzug liefert der Patron eine Art von Krisenversicherung, wie Kredite in Zeiten ökonomischer Bedrängnis, Hilfe in der Pflege bei Krankheit und Unfall oder den Ausgleich der landwirtschaftlichen Verluste des Klienten in einem schlechten Erntejahr.

Indem er die Interessen des Patrons unterstützt, erweist sich der Klient als Teil der Gruppe des Patrons, um den Erfolg des Leiters zu sichern und indirekt den eigenen Wohlstand. Zusätzlich, schützt der Klient das hohe Ansehen des Patrons, agiert als seine Augen und Ohren und nutzt generell seine Fähigkeiten und Ressourcen, um seinen Patron über andere Patrone zu stellen.

Als eine einflussreiche Person fungiert der Patron als Makler, der Vorteile von Außen für das Wohl seines Klienten verschafft. Ein erfolgreicher Patron ist in einer Position, in der er (oder sie) Macht über die Anderen ausüben kann, indem er mehr Dienste, Güter, Geld oder andere Formen von Patronage in der Form von Unterstützung zurückgeben kann [ als er erhält - die Red.].

Der Machtvorteil des Patrons gegenüber den Klienten kann von seinen Fähigkeiten, von Ausbildung, militärischen Funktionen, Beamtenstellung oder rituellen Privilegien herrühren, die direkt mit seinem Status verbunden sind. Die Kontrolle über Ressourcen, der relative Einfluss bei der Bestimmung von Entscheidungsergebnissen, von einer Meinung zu überzeugen oder auch eine Meinung vorzugeben, können als Maßstäbe der Macht gesehen werden.

Patrone damals

Menschen tendieren dazu " Jemanden" in der Gemeinschaft zu suchen, auf den sie sich in Krisenzeiten verlassen können. Die Suche der Klienten nach diesem "Jemand"(es kann auch mehr als einer sein) wird Teil ihrer täglichen Beschäftigung. Bei den Einflussreichen der Gemeinschaft hingegen ist der Grad der "Klientensuche" sporadisch und hängt größtenteils vom Typus der Patrone ab. Ein politischer Führer zum Beispiel, intensiviert seine/ ihre Suche nach Klienten während der Wahlperiode, was die Zahl der "Wahlmakler/innen" konsequent erhöht, die dann ebenso als Patrone angesehen werden. Es wurde beobachtet, dass Patrone während Wahlen zugänglicher und aufmerksamer den Bedürfnissen ihren Klienten gegenüber sind.

Abgesehen von den Ortsvorsteher/innen (barangay captains), waren informelle Führer in der Vergangenheit höchst einflussreich; besonders die engen Verwandten des Ortsvorstehers die Kräuter-"Ärzte" oder traditionellen Heilerinnen, Vermittler (go-betweens), Kirchenführer und andere Meinungsführer. Sie waren erreichbar, freundlich und gewillt, ihre Dienste der Gemeinschaft zu erweisen, ohne oder mit sehr geringer Entlohnung.

Das Fehlen von Gesundheitssystemen, Schulen und anderen materiellen und sozialen Garantien machte diese Führer für das Leben der Menschen in den Gemeinschaften sehr nützlich. Grundbesitzer- Pächter - Beziehungen waren auf dem Land sehr verbreitet, besonders in großen Zuckerrohr -Gebieten, wie der Region auf Negros.

Die neuen Patrone

Veränderungen in dem traditionellen Muster der PK-Bindungen wurden zum größten Teil von den politischen, sozialen und ökonomischen Schwingungen beeinflusst, welche aus der Kommerzialisierung der Landwirtschaft und dem fortschreitenden Verschwinden der Landlord-Eliten herrührten. Die Durchführung des Landreformprogramms seit den späten 80er Jahren, das die landwirtschaftlichen und ökonomischen Aktivitäten der Grundbesitzer/innen sehr beeinflusst hat, hat ferner zu dem Verfall der PK -Bindungen beigetragen.

Es existieren Studien die zeigen, wie die traditionellen PK-Fesseln schwanden und sich in unpersönliche Verträge oder pure Zwangsabhängigkeit verwandelten. Ähnliche Studien legen aber auch nahe, dass die Störung des traditionellen Verhaltens -- die Lehnsherr -Bauern oder Grundbesitzer-Pächter-Beziehung-keinen totalen Zusammenbruch seiner Struktur zur Folge hatte.

Inzwischen sind bemerkenswerte Veränderungen in den Positionen und Rollen von Patronen und Klienten sichtbar. Diese Verschiebungen, zustande gekommen durch die Veränderungen in den lokalen Entwicklungsprozessen, der Führerschaft in der Gemeinschaft und der Knappheit an Subsistenz-Ressourcen, sind teils durch das Wachstum in der ländlichen Wirtschaft und teils durch öffentliche Eingriffe verursacht worden.

Aufgrund der gesunkenen öffentlichen Mittel, um Dienstleistungen unmittelbar für die individuellen ländlichen Haushalte bereitzustellen, wird die Regierung gezwungen, sich auf vermittelnde Organisationen zu verlassen, in der Absicht, diese Organisationen als Objekte der Patronage zu benutzen. Mittler- Organisationen sind oft lokale Organisationen, welche zivile, religiöse, ethnische und kulturelle, Bauerngruppen, Frauengruppen und andere Nichtregierungsorgansiationen sein können.

Das hat ein neues Bild von der PK- Beziehung gezeichnet. Über die lokale Patrone als Grundbesitzer/innen hinaus, schließt es ebenso weniger bedeutende Fachmenschen, Bürokraten und Ladenbesitzerinnen sowie Lehrerinnen, Richter, Politiker und Gewerkschaftsführer mit ein.

Im Gegensatz zu den traditionellen Landbesitzer/innen sind wirtschaftlicher Einfluss und Ressourcen der neuen Patrone sehr begrenzt, sie müssen sich auf Ressourcen von außen verlassen, wie auf Mittel aus dörflichen Entwicklungsprojekten (community development projects), welche sowohl materiell, wie zum Beispiel Wasserpumpen oder Bewässerungssysteme, sozial, z.B. Gesundheitsprogramme, als auch ökonomisch, z.B. Kredite und Leihgaben, sein können.

Eine andere Gruppe einflussreicher Führer/innen ist das Projektmitarbeiter/innen ( extension workers), die sowohl in privaten als auch in Regierungsprogrammen tätig sind. Sie sind Mitarbeiter/innen, die mit bestimmten Arbeitsaufgaben in die Gemeinschaften ausschwärmen. Die Mehrzahl von ihnen lebt nicht dauerhaft im Projektgebiet. Sehr beliebte solche Projektmitarbeiter/innen sind Hebammen und andere Gesundheitsarbeiterinnen, die landwirtschaftlichen Techniker und die Grundschullehrerinnen. In den meisten Fällen werden sie von den Einheimischen nicht nur als Quellen technischer Hilfe, sondern gleichwertig als Quellen der Hilfe und Unterstützung in vielen anderen Bereichen angesehen.

Eine Hebamme wird von der örtlichen Bevölkerung oft als Verbindung zum Krankenhaus (oftmals in der Provinzhauptstadt gelegen) benutzt, wenn ein Familienmitglied krank wird. Überdies wird sie wahrscheinlich von der betroffenen Familie gebeten, die Kontakte mit dem Fahrer für den Transport des Patienten zum Krankenhaus, welches Kilometer von der Ortschaft entfernt ist, zu erleichtern. Im Tausch wird die betroffene Familie dafür sorgen, dass ein Teil der Ernte der Hebamme als " Geschenk" gegeben wird. Zusätzlich stellt die Familie sicher, dass ein oder zwei Mitglieder es niemals versäumen werden, an jedem gesundheitsbezogenen Programm teilzunehmen, welches von der besagten Hebamme initiiert wurde. Ein ähnliches Verhalten wurde zwischen den Bauern und den landwirtschaftlichen Technikern und zwischen den Eltern der Schulkinder und den Lehrerinnen beobachtet.

Von dieser neuen Gruppe von Patronen, die Singelmann als " alternative Patrone oder neue Makler" bezeichnet, wird nicht erwartet, dass sie für die Bedürfnisse der Klienten sorgen wie es die Grundbesitzer/innen tun, sondern sie fungieren eher als Vermittler/innen, die passende Beziehungen schaffen können. Sie dienen als Spezialist/innen, die mehr und die weniger Mächtigen in Kontakt zu bringen. Da die Fähigkeit, Ressourcen zu mobilisieren eine Quelle der Macht auf dem Lande ist, nimmt die Zahl solcher "Entwicklungsmakler" zu.

Günstlingswirtschaft

Viele Dorfführer/innen, formelle und informelle, die versuchen, ihre Macht zu erhalten und zu sichern, haben die Makler- Strategie übernommen. Bei einem Zugang zu begrenzten Ressourcen werden diese nur an die von ihnen bevorzugten Gruppen verteilt.

Bei der Durchführung von dörflichen Entwicklungsprojekten ist es eine normale Prozedur, Leitung und Management des Projektes lokalen politischen Führer/innen (besonders dem Ortsvorsteher) zuzuweisen, in der Annahme, dass jene am besten die Projektziele mit einer großen Reichweite propagieren können, um alle vorgesehenen Nutznießer/innen abzudecken.

Diese Idee scheint sich aber nicht zu bewähren. In dem Maße, wie diese Führer/innen ihr Amt durch persönliche Gefolgschaft und Dankesschuld gewonnen haben, ist dort eine hohe Tendenz unter ihnen festzustellen, die Nutznießer/innen des Projektes eher nach ihrem persönlichen Belieben auszuwählen als nach den Kriterien der Ziele und Richtungen des Projektes, zum Beispiel empowerment (Stärkung) und mehr Partizipation.

Das führt dazu, dass Projektaktivitäten und andere Ressourcen exklusiv unter den Klienten, Verwandten und anderen persönlichen Gefolgsleuten des besagten Führers aufgeteilt werden. Vor dem offiziellen Beginn der Projektaktivitäten müssen die Mitarbeiter/innen der beteiligten Nichtregierungsorganisationen einer Reihe von Unterverhandlungen nachgehen, wobei sie extra Rücksicht nehmen, dass niemand, der ein "Jemand" in der Gemeinschaft ist, ignoriert wird.

Da die Auswahl der am Projekt zu Beteiligenden von Allianzgruppierungen und Cliquen getroffen wird, werden die persönlichen Gefolgsleute von anderen "Jemanden" in der Gemeinschaft übergangen. Sie werden weder über das Projekt informiert noch in Aktivitäten, die von dem designierten Projektleiter initiiert wurden, mit einbezogen. Daher lautet die unter der Dorfbevölkerung am meisten verbreitete Antwort auf die Frage - "Würden sie es wünschen, an einem dörflichen Entwicklungsprogramm teilzunehmen?" "Das liegt an dem barangay captain."

Nach mindestens vier und höchstens acht Amtsjahren (es ist ihnen nur erlaubt, für zwei Amtszeiten von je vier Jahren zu kandidieren), wird eine andere Reihe von barangay -Beamten gewählt; sie erhalten ähnliche Aufgaben, warten aber mit einer anderen Gruppe der Wählerschaft auf - "ihren" Klienten, Verwandten und persönlichen Gefolgsleuten, denen sie seit langem Gunst und Dankbarkeit schulden. Und das Muster setzt sich fort. Eine große Zahl von Fällen abgebrochener dörflicher Entwicklungsprojekte kann dem steten Wechsel der lokalen politischen Führer zugeschrieben werden.

Die Übertragung der Projektleitung an lokale politische Führer, die ihre Funktion ( als Projektleiter) parallel zu ihren öffentlichen Ämtern wahrnehmen, macht es unwahrscheinlich, dass die Zielgruppen dauerhaft an dörflichen Entwicklungsprogrammen teilnehmen. Als eine mögliche Lösung empfiehlt die Autorin, dass die Projektleitung in die Hände anderer Patrone, wie Landbesitzer, sari-sari Ladeninhaberinnen und Projektmitarbeiter/innen, gelegt werden sollten, um das gegenwärtige Szenario zu verändern.

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Stand: 18. Juli 2001, © Asienhaus Essen / Asia House Essen
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