Volker S. Stahr in NZZ

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Die lebhafte Osthälfte des Islam
Besprechung in "Neue Zürcher Zeitung", 26. November 2001

Klaus H. Schreiner (Hg.): Islam in Asien. Horlemann-Verlag, Bad Honnef 2001. 265 S., Fr. 29.80.

Nakamura Mitsou u. a. (Hg.): Islam and Civil Society in Southeast Asia. Institute of Southeast Asian Studies, Singapur 2001. 215 S. (in Deutschland zu beziehen über Asia Books Edith Rieger, 0049 6223 6849, DM 63.-).

Symbiosen und Debatten von Zentral- bis Südostasien

Wer in der Vergangenheit an die islamische Welt dachte, verband damit meist auch eine geographische Vorstellung. Die Vorstellung nämlich von einer Weltkultur, die im Herzen Arabiens zu Hause war und rundherum nach Afrika und Asien lediglich ihre mehr oder minder fernen Ausläufer entwickelt hatte. Gespeist wurde das Bild auch von der besonderen Rolle Mekkas, des Ursprungs und bis heute religiösen Zentrums, und von jenen eindrucksvollen Bildern der rund einer Million Muslime, die sich dort Jahr für Jahr in einer gewaltigen Masse um das höchste Heiligtum, die Kaaba, bewegen. Bilder, die für viele Betrachter auch geradezu symbolhaft die Erstarrung des Islam und seine Fixierung auf die Vergangenheit ausdrückten.

Volkreich und volksnah

Dass zumindest das Bild vom islamischen Herzen Arabien nicht mehr stimmt, belegt derzeit das Weltgeschehen rund um Afghanistan - aber auch das unverhofft aktuelle Buch «Islam in Asien», herausgegeben vom Essener Asienhaus unter Federführung von Klaus H. Schreiner. Die Lektüre verdeutlicht die heutigen Relationen in derislamischen Welt. Sicher liegt im Dreieck zwischen Ägypten, der Türkei und Iran das geistige Zentrum des Islam und lebt dort ein Viertel der weltweit 1,2 Milliarden Muslime. Doch 300 Millionen Gläubige leben auch in Pakistan, Indien und Bangladesh. Und welch Gegensatz: Sind im arabischen Raum nicht nur die offiziellen Zentren, sondern ist dort längst auch ein gewisses Bürgertum zu Hause, so steht der übervölkerte und arme Subkontinent fast symbolhaft für die in manchen Medien gerne zitierten muslimischen Massen und auch für einen viel volksnäheren und einfacheren Islam. Irgendwie drängt sich das Bild auf von der linken und der rechten Herzkammer des Islam. Und jene rechte, lange Zeit kaum beachtete Kammer und ihre Ausläufer in Zentralasien, China und Südostasien sind es, die das Buch beschreibt.

In einem grossen Bogen zeichnen Wissenschafter, Journalisten und engagierte Muslime - eine durchaus belebende Mischung - ein vielfältiges Bild jener Osthälfte von Pakistan bis Indonesien. Und dabei entsteht ein anderer Eindruck als jener einer erstarrten Kultur. Es entsteht ein buntes Bild von einem Islam, der an unterschiedlichen Orten unterschiedliche Symbiosen mit anderen Kulturen eingegangen ist und damit auch unterschiedliche Gesellschaften herausgebildet hat. Klar arbeiten die Autoren dabei eine im Westen kaum beachtete Debatte über einen Islam heraus, der viel kompatibler mit der Moderne erscheint als gemeinhin angenommen. Und so vielschichtig und lebendig wie diese Region scheint auch diese Debatte zu sein.

Sowohl Wissenschafter als auch originäre Stimmen verfestigen den Gedanken, dass man sich insbesondere im menschenreichen Südasien sehr wohl Gedanken über ein Zusammenleben der Kulturen und der Menschen macht. Während man in der gegenwärtigen Berichterstattung insbesondere der elektronischen Medien den Eindruck hat, Extremisten und ihre Anhänger beherrschten das Feld, zeigt das Buch, dass es sowohl in traditionell islamischen Kreisen wie unter westlich gesinnten Muslimen eine dezidierte Debatte über den richtigen Weg gibt. Bemerkenswert ist, wie differenzierend die Autoren vorgehen. Sie verweisen einerseits auf die historischen Beispiele grosser synkretistischer Leistungen, wie sie der Islam hier abseits seines Zentrums im Zusammentreffen mit anderen Kulturen hervorgebracht hat, verschweigen anderseits nicht, dass es auch gegenläufige Strömungen hin zu einem abgrenzenden Puritanismus gab, illustriert etwa am Beispiel der Taliban in Afghanistan(noch weit vor den aktuellen Ereignissen). Behandelt wird dabei auch die Rolle ökonomischer und sozialer Gründe für die einzelnen Ausprägungen.

Im Schnittpunkt von Kulturen

Dass in der islamischen Debatte um Islam und die Moderne Südostasien eine besondere Rolle spielt, scheint in diesem Buch schon durch. Noch sichtbarer wird es in dem Band «Islam and Civil Society in Southeast Asia», das vom renommierten Institute of Southeast Asian Studies in Singapur herausgegeben wurde. Namhafte Wissenschafter und politische Akteure der Region bieten darin ein Porträt einer reichen regionalen Debatte um Staat, Demokratie, Wirtschaft und Menschenrechte. Schon vom Ansatz her ist dies beachtenswert, ist doch Südostasien ein Mikrokosmos dermodernen Welt. Zwei relativ wohlhabenden Ländern, Singapur und Malaysia, steht eine zahlreichere, aber eher ärmere Bevölkerung in Indonesien, Thailand und den Philippinen gegenüber. Muslime sind mal eine Mehrheit (in Indonesien und Malaysia), mal eine Minderheit. Und die ganze Region selbst liegt exakt im Schnittpunkt zwischen einem Schwerpunkt Asiens (China), der östlichen Herzkammer des Islam (dem indischen Subkontinent) und einem der Grundpfeiler des Westens (Australien), ohne dass eine der grossen Kulturen dominieren würde. In diesem Umfeld wiederum zeichnen die Autoren ein Bild des Islam und der muslimischen Gesellschaften in einer ständigen Auseinandersetzung und Symbiose. Gerade hier - fernab von den Zentrender Weltkulturen - scheint sich der Islam durchaus als konstituierendes Element einer multikulturellen Zivilisation zu etablieren. Zwar verhehlen auch diese Autoren nicht Auswüchse extremistischen Islamismus. Doch es wird deutlich,dass es sich dabei um Randerscheinungen handelt, gefördert oft auch durch ökonomische und soziale Probleme.

Deutlicher jedoch wird, dass gerade in diesem nicht islamisch und nicht westlich dominierten Umfeld eine pluralistische Debatte um Begriffe wie Demokratie und Menschenrechte geführt wird. Omar Farouk, ein namhafter Gelehrter aus Malaysia, bringt dabei das Besondere am Islam zum Ausdruck, indem er einerseits auf die Festigkeit der Muslime, in ihrem Glauben zu leben, hinweist, andererseits allerdings auch auf ihren praktischen und undogmatischen Umgang mit Nichtmuslimen. Und in der Tat haben gerade Indonesien und Malaysia bewiesen, dass in sich entwickelnden demokratischen Systemen der Islamseine Rolle spielen kann. Wobei Fehlentwicklungen dort vom Islam ebenso zu verantworten sind wie von anderen - eine durchaus angebrachte Relativierung. Schade allerdings, dass ausgerechnet jüngste Entwicklungen wie der erste islamistische Präsident in Indonesien oder die Inhaftierung des islamistischen Vizepremiers Anwar in Malaysia noch kaum eine Rolle spielen.

Trotzdem: Ob «Islam in Asien» oder «Islam and Civil Society in Southeast Asia» - beide Bücher beschreiben Teile der islamischen Welt, die bisher wenig im Blickpunkt standen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ausgerechnet jene Osthälftedes Islam betrachten, die viel mehr als der islamische Westen - Arabien, weite Teile Afrikas und auch die USA und Europa - von den Massen des Islam beherrscht wird und zugleich doch auch sehr viel mehr als dieser Westen (sieht man vielleicht einmal von Nordafrika und Exilkreisen ab) von einer kritischen und vielschichtigen Debatte um einen Islam in der modernen pluralen Gesellschaft von heute. Sie beleuchten damit eine in doppelter Sicht unbekannte Hälfte des Islam. Ein Aspekt, der sie übrigens auch für manche Muslime lesenswert machen würde.

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Stand: 22. April 2005, © Asienhaus Essen / Asia House Essen