| Weiße Geister auf goldenen Booten: Zur Integration der Tourismuserfahrung in lokale Traditionen der Visaya-Region |
Wie sehen eigentlich relativ unbeteiligte Menschen in bereisten Ländern den Tourismus? Wie verbinden sich Bilder der fremden Weißen, die ins Land kommen, mit lokalen Traditionen? Seit mehreren Jahren forsche ich in einem ländlichen Gebiet in der Visaya-Region (südostasien 1 und 2/1998) und erfuhr einiges über die Integration von Erfahrungen mit Fremden in das lokale Weltbild.Bettina Beer
Ethnologin aus Hamburg
In Briefen schilderte mir »meine« Familie, sie sähen immer mehr weiße Touristen, die nach Bohol kämen. Selten kamen auch »Kontakte« zustande. So schrieb meine Freundin Alma: »Gestern waren Joe und ich am Wasserfall in Loboc, um Medizin in den Bergen zu sammeln. Außerdem schossen wir auf unserem Heimweg zwei Leguane. Wir trafen auf ein pumpboat mit zwei Amerikanern. Ich sah sie und begrüßte sie. Ich habe ihnen einen unserer Leguane gezeigt, und sie haben ihn sofort fotografiert.« Auf Pumpboats, Doppelausleger-Kanus mit einem Außenbordmotor, werden Touristen zum Wasserfall von Loboc gebracht, wo sie baden können. Alma schätzt, wie die meisten Filipinos, Touristen (ausgenommen Japaner), egal welcher Herkunft, meist als Amerikaner ein, vor allem in Orten wie Ubay, die vom Tourismus nur am Rande berührt werden. Das kommt durch die lange Zeit der amerikanischen Kolonialverwaltung. Damals waren Fremde fast immer auch Amerikaner. In Ubay sieht man Touristen in Bussen vorbeifahren, hin und wieder kommt auch eine Interaktion zustande, wie Almas Brief zeigt. Im Laufe der Zeit haben sich die Bilder von reichen Touristen mit lokalen Geistergeschichten verbunden. Vor allem mit Geschichten über meist gutartige und reiche Geister, die sogenannten »ingkanto«.
Ingkanto sind grundsätzlich anders als Menschen, auch wenn sie menschlich aussehen. Das unterscheidet sie von anderen Geistern, etwa den wakwak, die sich in Menschen und wieder zurück verwandeln können. Sie gehören in eine andere Zeit und Welt, dennoch bewegen sie sich auch in der Welt der Menschen. Sie durchstreifen die Wälder, baden in Flüssen oder gehen zur baryo fiyesta und tanzen dort. Ingkanto schaden den Menschen nur, wenn diese sie nicht achten. Häufiger helfen sie ihnen, indem sie Dinge verleihen, die arme Menschen sich nicht leisten können. Manche der traditionellen Heiler haben ingkanto als Hilfsgeister.
Die philippinische Anthropologin Alicia Magos untersuchte vierzehn Geschichten über goldene Schiffe von ingkanto, die an den Küsten der Insel Panay gesichtet worden sein sollten und in die Tradition der europäischen Feen ähnlichen, weißen ingkanto passen. Die von Magos untersuchten Geschichten haben folgende Gemeinsamkeiten:
Schiffe von ingkanto werden mit der Passage in eine andere Welt verbunden. Menschen, die mit ihnen fahren, verschwinden für immer oder sterben.
Beschreibungen des Aussehens der Schiffe entstammten kulturellen und historischen Erfahrungen der Küstenbewohner: es sind spanische Galeonen oder englische Fregatten, die Spanier benutzten, um Zuckerrohr von Negros nach Iloilo zu bringen. Auf der Touristeninsel Boracay dagegen werden ingkanto den Umständen entsprechend eher auf modernen Schiffen und Luxusyachten gesichtet.
Die Route der goldenen Schiffe folgt den Migrationsrichtungen der Menschen in diesem Jahrhundert von Masbate, Cebu und Leyte zur Insel Gigantes, wo es in den sechziger Jahren eine größere chinesische Gemeinde gab.
Alle Geschichten verdeutlichen die große Bedeutung, die das Meer und die Flüsse für das philippinische Weltbild haben. Das Wasser wird als Quelle des Lebens und als Weg in die Welt der Toten gesehen. Gold dagegen steht für Macht, Reichtum, Schönheit, Dauerhaftigkeit und Gier.
Diese Gemeinsamkeiten zeigen, daß Erzählungen über ingkanto und ihre goldenen Schiffe schon lange durch ihren historischen Kontext und Kontakte mit Fremden geprägt wurden. So auch durch Kontakte zu Touristen.
Ein interessanter Aspekt der ingkanto-Darstellungen, der die Geschichten ebenfalls einer bestimmten historischen Situation zuordnet und zeigt, wie sich nach und nach auch Tourismuserfahrungen in traditionelle Glaubensvorstellungen integrieren lassen, ist die Schilderung des Aussehens der ingkanto. Filipinos beschreiben sie als Weiße oder weiß gekleidete Menschen. Meist sind es Frauen mit langem (blonden) Haar. Immer sind sie wunderschön, tragen schöne lange Kleider oder Blusen und lange Röcke. Lieban faßt Beschreibungen von ingkanto aus Negros Oriental so zusammen: »Normalerweise bleiben ingkanto unsichtbar, aber manchmal sehen Beobachter sie in Träumen oder Visionen.« »In den meisten Fällen, in denen ingkanto gesehen werden, erscheinen sie als attraktive malaiische Filipinos, Mestizos oder Kaukasier, von denen man meist annimmt, sie seien amerikanisch oder spanisch. Die Mehrheit der von Informanten gesehenen ingkanto wurde wenigstens mit einigen kaukasischen Zügen beschrieben. Ingkanto sind nicht nur attraktiv oder schön; sie sind auch sehr reich und mächtig.« (Lieban 1962: 307, Übersetzung v. d. Autorin)
Attraktive ingkanto sind in vielen Geschichten anderen Geschlechts als der Mensch, der sie beobachtet. In Negros erzählt man sich, schreibt Lieban, auch Geschichten über sexuelle Beziehungen zwischen Mensch und ingkanto. Verliebt sich ein ingkanto in einen Menschen, dann versetzt diesen das in die Lage, die ingkanto zu sehen. Es kann jedoch passieren, daß er entführt wird und nie wieder in die Welt der Menschen zurückkehrt. Manche Menschen können nach einer Begegnung mit den ingkanto, die auch in Träumen erscheinen, zu Heilern werden. Ein Zusammentreffen mit oder die Entführung durch ingkanto beschreiben einige der lokalen Heiler (mananambal) als eine Art Initiation.
Häufig spiegeln Erzählungen über ingkanto die Auseinandersetzung mit Eindrücken von weißen Touristen oder Berichten von Migranten über deren wunderbare Welt wieder, an der man selber gerne teilhätte. Der amerikanische Anthropologe Richard Lieban berichtet aus Negros von Fällen, in denen Menschen, ohne es zu wollen, die unsichtbaren ingkanto störten oder mit ihnen in Konflikt gerieten. Sobald jemand krank wird, kann man als Ursache durch die genaue Untersuchung der Ereignisse vor der Krankheit einen solchen Kontakt mit einem ingkanto diagnostizieren. Dabei, vermutet man, habe der ingkanto einen Gegenstand in den menschlichen Körper hineinpraktiziert, den nur ein mananambal entfernen könne. Lieban interpretiert diesen Zusammenhang zwischen Krankheit und dem Kontakt zu ingkanto als soziale Kontrolle, welche die Gier der Menschen an der glitzernden Welt des Reichtums teilhaben zu wollen, im Zaum halten soll. In Bohol übertrifft jedoch der positive den bedrohlichen Aspekt der Begegnungen mit ingkanto. Krankheit und Tod werden eher anderen Wesen zugeschrieben.
Obwohl man sich in Bohol ingkanto nicht als strafende Geister vorstellt, die sich gegen aufstiegsorientierte Mitglieder der Gemeinschaft wenden, wird auch hier das Thema sozialer Ungleichheit bzw. Gleichheit mit ingkanto in Verbindung gebracht. Migration und Tourismus sind Erfahrungen, die so in Form traditioneller Erzählungen diskutiert und verarbeitet werden können.![]()
Stand: 14. Dezember 1998, © Asienhaus Essen / Asia
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