Spenden für die Stiftung Asienhaus

Shanghai im Lockdown: Stimmen des April

Seit dem Ausbruch der Omikron-Variante von COVID-19 in Shanghai befindet sich die Metropole im Ausnahmezustand. Wie in Wuhan 2020 zeigt die Notsituation in einer chinesischen Millionenstadt wie lautstark und aktiv die Menschen in China werden können und müssen, und dass sie sich dabei auf ganz fundamentale, universelle Werte berufen.

Vor einer Woche ging das Video „Stimmen des April“, chin. 四月之声, in den sozialen Medien Chinas viral. Mittlerweile ist es in China nicht mehr verfügbar. Sechs Minuten lang werden schwarz-weiße Stadtansichten von Shanghai gezeigt, die mit O-Tönen der Bevölkerung unterlegt sind.

Die Stadtansichten, auf denen keine Menschen zu sehen sind, lassen die Abgründe, die sich durch die Stimmen der Menschen eröffnen, noch tiefer wirken. Zu dieser Dramatik trägt auch der Einstiegssatz des Videos von einer offiziellen Pressekonferenz am 15. März bei: "Momentan gibt es keinen Lockdown in Shanghai und momentan ist ein Lockdown auch nicht notwendig." Aus deutscher Sicht erinnert er sehr an einen ganz anderen Satz aus dem Juni 1961.

Was folgt sind die verzweifelten Stimmen von Menschen, Bewohner:innen, Freiwilligen, Blockwärter:innen, Beamt:innen und vielen mehr, zu ihrer ausgebliebenen Lebensmittelversorgung, der unmenschlichen Trennung von Eltern und Kindern, der zusammengebrochenen medizinischen Notversorgung für Krebspatient:innen und der präventiven Tötung von Haustieren.

In Mark und Bein gehen die nächtlichen Rufe aus den Häusern einzelner Stadtteile: „Gebt uns Lebensmittel!“, chin. 发物资. Diese Rufe sind es auch, die klarmachen wie brenzlig die Situation für die chinesische Regierung geworden ist: es ist offen die Rede von Hunger in einem Land, dessen Regierung einen Großteil ihrer Legitimation aus der Beseitigung von Hunger und wirtschaftlichem Wachstum bezieht.

Wut findet sich auch in der Stimme eines alten Mannes, der Anfang April vor seinem Wohnkomplex Menschen in Schutzanzügen, chin. 大白, wörtlich "die großen Weißen", Vorwürfe macht. Seine Rede ist bemerkenswert, da sie voller historische Bezüge steckt und in wenigen Minuten den Bezugskosmos der (älteren) Stadtbevölkerung verdeutlicht.

Für SupChina hat Geremie R. Barmé die Wutrede ins Englische übersetzt. Der Mann spricht von den abgründigen Kampagnen und der Kulturrevolution der Vergangenheit, aber auch von seinem gegenwärtigen Wunsch ins Gefängnis zu gehen, um sich einfach "hinzulegen". Unverhohlen fragt er mit Blick auf sein 70 Jahre währendes Leben: "Gibt es noch Menschlichkeit? Gibt es noch Vernunft? Gibt es noch Menschenrechte?"

Seit dem Tod des Arztes Li Wenliang Anfang Februar 2020 gab es derart öffentlichen Unmut in China nicht mehr. In der "Systemrivalität" zu demokratischen Ländern schien die chinesische Regierung in der Pandemiebekämpfung der letzten zwei Jahre die Oberhand zu haben. Dieser Unmut über das aus den Fugen geratene Gleichgewicht zwischen einer geringeren Bedrohung durch die Omikron-Variante und den als bedrohlich wahrgenommenen Lockdownmaßnahmen schlägt sich auch in den viral gegangenen Zeilen "Neuer Sklave", chin. 新奴隶, des Rappers Astro wider.

Astro ist es auch, der klarmacht, dass die Stimmen aus Shanghai nicht einfach wegzensiert werden können: "Wenn die Freiheit und der Wille zum Denken von der Macht gefangen genommen werden." Mittlerweile hat Astro seinen Rap mit einer Erklärung über Eigen- und Fremdintention von Youtube genommen, er ist aber nachwievor auf anderen Accounts zu finden.

Die Lebensmittelversorgung wurde in Shanghai plötzlich zur alles bestimmenden Frage. Dies veranschaulicht auch ein unzählige Male geteilter Beitrag des Accounts „stormzhang“ auf WeChat. Darin wird die mangelhafte Verteilung von Lebensmitteln durch Regierungsstellen, der lokale Verkauf war da bereits zusammengebrochen, kritisiert. "Die überwältigende Mehrheit der Menschen hilft sich selbst, kauft und bestellt in Nachbarschaftsgruppen." Die über WeChat organisierten Haus- und Blockgruppen spielen eine essentielle Rolle und schaffen Solidarität unter den Menschen.

Frustration und unreflektierte Kommunikation können dabei aber auch zu Problemen führen, wie z.B. der US-amerikanische Sportlehrer Jacobie erleben musste. Im Chat seiner Hausgruppe stand auf einmal: "Was werden wir essen? Wie wäre es mit dem Schwarzen im siebten Stock?" Jacobie antwortete: "Esst mich nicht" und der Hashtag #donteatme ging viral. In einem Interview erklärte Jacobie später wie viel Zuspruch er von anderen aus seiner Wohngegend erhielt und er den rassistischen Unterton in der Aussage seines Nachbarn mit diesem ausräumen konnte.

Was gerade in Shanghai passiert und Peking in den nächsten Wochen wahrscheinlich bevorsteht, geht an die Grundfesten der chinesischen Gesellschaft und des Narratives, das die Partei von der chinesischen Geschichte seit ihrer Gründung 1921 und jener der Volksrepublik 1949 erzählt. Ausgehend von der Biographie eines Shanghaiers schreibt Wu Peiyue für Sixthtone darüber, wie die Pandemiebekämpfung durch die Lokalregierung in Shanghai, die Errungenschaften der Reform- und Öffnungspolitik in den Schatten stellt.

Es wird bereits spekuliert, wie sich die bekannte Handlungsstrategie der Regierung, d.h. lokalen Fehlern mit Lösungen aus dem Zentrum zu begegnen, entfalten wird. Der Parteisekretär von Shanghai gilt in jedem Fall als Verbündeter Xi Jinpings und der 20. Parteitag steht vor der Tür. Klar ist, dass die Stimmen des April die geplante (Nicht-)Veränderung im chinesischen Regierungssystem, eine dritte Amtsperiode von Xi, vor große Herausforderungen stellt.

Kategorien China | Digitalisierung | Online-Beiträge | Stiftung Asienhaus | Menschenrechte | Politische Systeme | Zivilgesellschaft

Mehr zu China

Zurück