Desaster Kapitalismus auf den Philippinen: Wie Investoren einen Supertaifun für den Ausbau eines Öko-Tourismus Projekts nutzen

Im November 2013 verwüstete Supertaifun Yolanda (international bekannt unter Haiyan) das Zentrum der Philippinen. Über 6000 Menschen kamen zu Tode. Hunderttausende Menschen mussten von vorne beginnen und hofften auf staatliche Unterstützung. In Kooperation mit staatlichen Behörden machten sich Unternehmen den Wiederaufbau auf Kosten der Bevölkerung zum Nutzen. Ein Beispiel dafür ist Sicogon Island in der Provinz Iloilo.

Seit Jahrzehnten kämpfen auf der kleinen Insel Sicogon, in der philippinischen Provinz Iloilo, rund 1.500 Familien für ihr Recht auf Land, Nahrung und Wasser. Kurz bevor sie ihre Landtitel, unter der nationalen Agrarreform, erhalten sollten, wütete im Jahre 2013 Supertaifun Yolanda (international bekannt als Haiyan) über die Insel. Der Sturm zerstörte nicht nur all ihre Häuser und Fischerboote, sondern begünstigte auch den Ausbau eines Öko-Tourismus Projekts der privaten Firma „Sicogon Development Corporation“ (SIDECO).

Heute bedroht dieses Projekt die traditionelle Lebensweise der Sicogoner*innen als Fischer*innen und Bäuer*innen, denn SIDECO erhebt Anspruch auf ihr Siedlungs- und Ackerland. Zum ersten Mal in der Geschichte wurden private Firmen zu Partnerinnen der Regierung für den Katastrophen-Wiederaufbau. Auf Sicogon leitete „Ayala Land“ (kurz: Ayala), eine der mächtigsten Bau- und Immobilienfirmen des Landes, den Wiederaufbau der Insel. In dieser Position ergriff Ayala die Möglichkeit SIDECOs Öko-Tourismus Projekt, im Zuge einer „Joint Venture“ Partnerschaft der zwei Firmen, auszubauen. Ayala und SIDECO nutzten die Notlage der Sicogoner*innen, um diese, für die Realisierung des Tourismus Projekts, von der Insel zu vertreiben.

Vertreibung: Finanzielle Anreize in Zeiten des Hungers

Sicogons Situation ist beispielhaft dafür, wie sich ein humanitäres Problem in eine langfristige soziale und ökonomische Tragödie verwandeln kann. Naomi Klein, Autorin des Buches „Battle for Paradise“, bezeichnet dieses Phänomen treffend als „Desaster Kapitalismus“, denn die Reichen und Mächtigen, so Klein, würden Katastrophen bewusst verursachen, um anschließend daraus Profite zu erzielen. Nach Taifun Yolanda, verhinderten Ayala und SIDECO, dass jegliche Nothilfe-Leistungen, weder Nahrung noch Baumaterial, die Insel erreichten. Erst auf Drängen eines Dorfvorstands von Sicogon hin stimmte die lokale Regierung einer einmaligen Reislieferung im Dezember 2013 zu. Die zwei Firmen boten den Taifun-Betroffenen nach einem Monat lediglich zwei Optionen an: Entweder nehmen sie eine einmalige Zahlung von 150.000 Pesos (ca. 2.537 Euro) an, verlassen die Insel unverzüglich und kehren nie wieder zurück, oder sie erhalten 5.000 Pesos (ca. 84 Euro) und siedeln willentlich auf das Festland um, sobald Ersatzhäuser fertiggestellt würden.

Anecito Mercurio, Vater von sechs Kindern, sah keine andere Möglichkeit und nahm wie über 300 andere Familien ein Angebot der beiden Firmen an: „Ich wählte die erste Option, weil meine Familie hungerte. Am Festland hatten wir aber keinen Erfolg. Nach fünf Monaten war das Geld aufgebraucht und ich fand keine Arbeit. Hier auf Sicogon kann ich Fische fangen und Muscheln sammeln, also kam ich zurück.“ Sein heutiges Haus besteht aus Straßensteinen, Bambusmatten, leeren Zementsäcken und alten Nothilfeplanen. Zwischen dem vom Meer angeschwemmten Plastikmüll und den Küstensteinen baut Mercurio Gemüse an, und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch.

Raul Ramos, Präsident der lokalen Gemeinschaftsvereinigung „FESIFFA“ („Federation of Sicogon Island Farmers and Fisherfolks Association“), erklärte in einem Interview: „Die Menschen auf Sicogon wurden zu diesen Optionen zu einem Zeitpunkt gezwungen, zu dem sie extremen Hunger ausgesetzt waren.“ Die 784 Familien, die FESIFFA angehören, lehnten das Angebot ab. Sie erhielten keinerlei Unterstützung von Ayala und mussten für über zwei Wochen hungern. Lediglich ein paar engagierte lokale Organisationen konnten vereinzelt Nothilfe-Leistungen auf die Insel bringen. Alle Versuche der Sicgoner*innen ihre Häuser oder Fischerboote zu reparieren, wurden unter Androhung von Waffengewalt durch das Sicherheitspersonal der zwei Firmen verboten. Im März 2014 flohen über 200 Familien aus Angst in den staatlichen Waldteil der Insel, den sie heute stolz „Freedom Land“ nennen, und wo schließlich Hilfstransport-Boote anlegen konnten.

Besetzer*innen ihrer eigenen Heimat

Sicogon ist eine 1.163 Hektar große Insel, umgeben von kristallklarem Meer, weißen Sandstränden und einem immergrünen Wald. Die Insel bietet den rund 6.000 Bewohner*innen der drei Dörfer alles, was für eine subsistente Lebensweise notwendig ist: sauberes Quellwasser, fruchtbares Ackerland und ein reiche Fischgründe. Ramos betonte: „Solange wir fischen und Landwirtschaft betreiben, sind wir fähig selbstständig zu überleben.“ Um ihre traditionelle Lebensweise zu erhalten, ist der Erwerb der Landtitel essentiell. Schon vor ungefähr 100 Jahren hatte der oberste Gerichtshof den Sicogoner*innen genügend Platz für ihre Gemeinschaft, d.h. Schule, Friedhof und Straßen, zugesprochen, welche als Grundbedingung für den damaligen Landbesitzer zum Erwerb des Landtitels galt. Jedoch hat die Regieurng diesen Bescheid nie erfüllt. „Deswegen sind die Menschen von Sicogon bis heute, Besetzer*innen ihrer eigenen Heimat“, kritisierte Ramos.

SIDECO trägt einen Landtitel für rund 70% (809 Hektar) der Insel, wovon seit 2004 334.65 Hektar Ackerland durch die nationale Agrarreform auf 256 begünstigte Bäuer*innen aufgeteilt werden sollten. Die restlichen 30% der Insel verteilen sich auf zwei als öffentliches Land ausgewiesenen Parzellen (72 Hektar) sowie öffentlichen Wald (282 Hektar). Die Sicogoner*innen hatten bereits 2008 einen Antrag für den Erwerb von Nutzungsrechten der 72 Hektar gestellt, jedoch hat die Regierung diesen nie bearbeitet. Darüber hinaus haben die Sicogoner*innen seit 2001 eine gemeinschaftliche Bewirtschaftung des öffentlichen Waldes beantragt. SIDECOs aggressiver Widerstand gegen die Landverteilung führte zu einem langwierigen Rechtsstreit mit den Sicogoner*innen.

Taifun Yolanda mischte die Karten für den Landbesitzanspruch nochmals ganz neu. Ein Jahr nach dem Sturm, wurde FESIFFA, welche den Landrechtsdisput der Sicogoner*innen anführt, von hochrangigen Regierungsbeamten zur Unterzeichnung einer Vereinbarung mit Ayala und SIDECO gezwungen. Darin wird den FESIFFA Mitgliedern zwar 30 Hektar Siedlungsland und 40 Hektar Agrarland zugesprochen, jedoch müssen sie ihre bisherigen Landansprüche aufgeben und dürfen keinerlei Geschäfte mit den Tourist*innen machen. Ramos kritisiert: „Die Vereinbarung ist eine reine Manipulation durch Regierung und Kapitalisten, um das [Tourismus]geschäft voranzutreiben. Bis heute wurde davon nichts erfüllt.“

Stattdessen hat die Behörde für Agrarreform („Department of Agrarian Reform“) Ayala und SIDECOs Antrag auf Landumwidmung der knapp 335 Hektar Agrarland im Februar 2016 genehmigt. Als die Vereinbarung mit den zwei Firmen unerfüllt blieb reichte FESIFFA im August 2017 einen Widerrufungsantrag des genehmigten Landumwidmungsantrags ein. Bis zum heutigen Zeitpunkt ist ein Beschluss der Regierung ausständig. Zudem hat die Behörde für Umwelt und Ressourcen („Department of Environment and Natural Resources) 16 Patente für die zwei öffentlichen Landparzellen im Jahre 2010 ausgestellt, jedoch an Personen, die als Nicht-Inselbewohner*innen sowie aufgrund eines fehlenden Besitznachweises auf der Insel für den Erwerb dieser Patente unqualifiziert sind. Außerdem planen die beiden Firmen den öffentlichen Wald unter Naturschutz stellen zu lassen, um die dort lebenden Sicogoner*innen zu vertreiben.

Widerstand und rechtliche Klagen der Betroffenen

Ayalas Rolle im „Wiederaufbau“ der Insel nach Taifun Yolanda begünstigte vorrangig den Ausbau des Öko-Tourismus Projekts. So wurden zwei Hotelanlagen bereits fertiggestellt und, wo früher noch Reisfelder lagen, operiert heute ein Flughafen. Öko-Tourismus bezeichnet, laut der “International Ecotourism Society”, eine „verantwortungsvolle Form des Reisens in naturnahe Gebiete, die die Umwelt schützt und zum Wohlergehen der ansässigen Bevölkerung beiträgt“. Dies bedeutet, dass der Tourismus die traditionelle Lebensweise der Sicogoner*innen nicht gefährden, sondern unterstützen sollte. Amelia de la Cruz, FESIFFAs Vize-Präsidentin, ist höchst besorgt: „Wir haben eine gute Wasserquelle, [aber] ich habe Angst, dass Ayala uns diese ganz wegnehmen wird. [Denn] der „Infinity Pool“ des Hotels reduziert bereits erheblich die Trinkwasserzufuhr von einem Dorf. Während der Trockenzeit werden sie dann gar kein Trinkwasser mehr haben.“ Bis dato hat Ayala weder eine Genehmigung für die Wasserabzweigung eingeholt, noch eine Strafe für den Wasserraub erhalten.

Die Sicogoner*innen stellen sich nicht grundsätzlich gegen Tourismus, jedoch gegen einen Tourismus, der ihre grundlegenden Menschenrechte bedroht. Sie verlangen „Freiheit“, wie Ramos bekräftigt, und diese Freiheit basiert auf ihrem Recht auf Land. Im Dezember 2018 hat FESIFFA eine Klage bei der Menschenrechtskommission in Manila gegen die Regierung eingereicht. Im März 2019 hat der Sekretär der Behörde für Agrarreform in Manila schließlich auf FESIFFAs Drängen einen Bescheid („Cease and Desist Order“) ausgestellt, der weitere Bauvorhaben auf Sicogon vorübergehend einstellt.

Obwohl Ayala und SIDECO ihre Vereinbarung mit FESIFFA nach fünf Jahren immer noch nicht erfüllt haben, zögert die Regierung weiterhin den Beschluss zur Sicherung ihres Agrarlands hinaus. Die fehlende Bearbeitung von FESIFFA’s Anträgen auf Nutzungsrechte für das öffentlichen Land und den Wald bedroht ihren dauerhaften Besitzanspruch auf Sicogon. Diese Verzögerungen ermöglichen es Ayala und SIDECO in der Zwischenzeit Zwangsräumungsbescheide gegen die Sicogoner*innen auszustellen, um diese vollständig von der Insel zu vertreiben.

Seit letztem Jahr hat FESIFFA bereits Dialoge mit den zuständigen Regierungsbehörden in Manila initiiert. Anfang März 2019 hat FESIFFA begonnen durch soziale Massenprotestaktionen, auf nationaler und lokaler Ebene, einen intensiveren Druck auf die verantwortlichen Regierungsbehörden auszuüben. Des Weiteren plant FESIFFA Klagen gegen Regierungsbeamte einzureichen, um Strafprozesse wegen Involvierung in regelwidrige Handlungen zu erwirken, welche die Übertragung der Kontrolle über den Landbesitz, von beinahe der ganzen Insel von Sicogon, an private Firmen begünstigte und erlaubte.

Falls FESIFFA keine klaren Antworten erhält, wird sie zur Massendemonstration für soziale Gerechtigkeit aufrufen.

Astrud Lea Beringer studierte Internationale Entwicklung in Wien. Sie arbeitet als leitende Wissenschaftlerin am Rural Poor Institute for Land and Human Rights Services (RIGHTS) in Manila.

In Gedenken an Lory Obal

 

Lory Obal, geb. Reovoca war schon in frühester Jugend in ihrer Gemeinde Tulunan engagiert, studierte nach erfolgreichem Schulabschluss Religionspädagogik am Notre Dame Christian Formation Center in Cotabato City. Der damalige Bischof von Kidapawan und jetzige Kardinal Orlando Quevedo „entdeckte“ die 18 jährige Absolventin und schickte sie als Gemeindereferentin in ihre Heimat-Pfarrei Tulunan. Schon ein Jahr später lernte sie ein Gefängnis von innen kennen und spürte am eigenen Leibe die Menschenrechtssituation der späten Kriegsrechtsjahre unter Diktator Marcos. Auf ihren Wunsch hin versetzte der Bischof Lory Reovoca mit 20 Jahren als Laien- und Jugendkoordinatorin in das Missionsgebiet Columbio. Mit 21 wurde Lory Diözesanreferentin für Ethnische Minderheiten im Bistum Kidapawan und koordinierte von 1986 bis 2009 das „Gemeinde bezogene Alternative Bildungsprogramm“. Währenddessen erwarb sie 1996 den Bachelor in Secondary Education am Notre Dame College, Kidapawan City, das spätere Studium in Erziehungswissenschaft und Bildungsmanagement musste sie jedoch aus Geldmangel vor der abschließenden Masterarbeit abbrechen.

Ein Versuch einer Würdigung, von Dieter Zabel


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