12.07.2018

Fair Trade IT: Afrika, China und WIR?

Am 27.06.2018 lud die Stiftung Asienhaus in Kooperation mit dem Theater am Bauturm, NAGER IT unterstützt durch das bischöfliche Hilfswerk Misereor und die Stadt Köln zur Veranstaltung „Fair Trade IT: Afrika, China und WIR?“ ein.

Das Programm bestand aus einem Screening des Theaterstückes „Coltanfieber“, einem Vortrag zu „Arbeiter*Innenrechten in China“ und einer abschließenden Diskussionsrunde zum Thema „Faire Beschaffung – der Fall Deutschland“. Smartphones, Computer oder Spielkonsolen – in all diesen Geräten befindet sich der Rohstoff „Coltan“. Warum der so wichtig ist? Ohne ihn würden sich unsere elektronischen Geräte aufheizen und folglich schnell kaputt gehen. Im täglichen Umgang mit unseren Endgeräten machen wir uns keine Gedanken darüber, wie dieser Rohstoff zur reibungslosen Funktionalität beiträgt. Dass der Abbau von „Coltan“ allerdings Implikationen für die Bevölkerung in der Demokratischen Republik Kongo hat, das verdeutlichten Laurenz Leky und Christian Hennecke mit Ausschnitten aus ihrem Theaterstück „Coltanfieber“ zu Beginn der Veranstaltung.

"Coltanfieber“ erzählt die Geschichte eines jungen Mannes in der Demokratischen Republik Kongo, welcher als Kind entführt, zum Kindersoldaten ausgebildet und danach für „drei Dollar pro Monat“ in einer „Coltan“-Mine arbeitete. Mit „Coltanfieber“ ist Laurenz Leky weltweit auf Tour, um über die Situation und die Arbeitsbedingungen in der Demokratischen Republik Kongo aufmerksam zu machen. 

„Wir können nicht für alle Rohstoffe garantieren, dass sie aus fairen Kontexten kommen.“

Zu Beginn des daran anschließenden Vortrages stellte Len Abe folgende Frage: „Haben Sie mehr als zwei Mal Produkte aus China gekauft?“ Mehr als die Hälfte der Veranstaltungsteilnehmer hoben die Hände. Anschließend schilderte der Aktivist anhand beispielhafter Fälle die Situation der Arbeitnehmer*innen in chinesischen IT Produktionsstätten. Diese müssten nicht nur lange Schichten arbeiten, sondern auch viele unbezahlte Überstunden leisten. Somit hätten sie auch keine Zeit für soziale Aktivitäten oder die Familie. Im Reich der Mitte sind zwar Gewerkschaftsvertretungen vorhanden, werden allerdings staatlich kontrolliert und sind nicht immer Sympathisanten der Arbeitnehmerschaft. Es ist chinesischen Arbeitnehmer*innen seit 1982 erlaubt zu streiken, was sie auch tun, wenn auch nicht mit derselben Regelmäßigkeit wie hierzulande, aber um wirklich etwas verändern zu können, braucht es starke, unabhängige Gewerkschaften. 

Als Aktivist leistete Len Abe individuelle Unterstützung – er besuchte beispielsweise Arbeiter in Krankenhäusern, veranstaltete Englisch- und Computerkurse, Trainings und gab Betroffenen Ratschläge. Allerdings ist es für ihn mittlerweile durch die verschärfte staatliche Aufsicht in sämtlichen zivilgesellschaftlichen Bereichen nicht mehr möglich, diese Arbeit fortzuführen. Darüber hinaus hat die chinesische Regierung die Anzahl an Nichtregierungsorganisationen (wie beispielsweise AMRC) durch diverse gesetzliche Regularien begrenzt, sodass es mittlerweile zunehmend schwieriger ist, einen Dialog mit Chinas Behörden über faire Produktionsbedingungen anzustoßen oder Hilfsgelder zur Förderung von fairen Produktionsbedingungen einzusetzen.

Wie können wir zu einem „fairen“ Handel beitragen?

Darüber diskutierten abschließend Marie-Luise Lämmle (Engagement Global), Peter Pawlitzki (Electronics Watch) und Susanne Jordan (NAGER IT). Eine unmittelbare Veränderung herbeizuführen, sei generell schwierig, weil dafür in Deutschland die Lobby einfach nicht groß genug sei, aber man könne es als kleine Organisation zumindest versuchen. Weltweit gibt es ein Netzwerk von sogenannten Monitoring-Experten, die die Beschäftigten in den jeweiligen Ländern vor Ort zu ihren Arbeitsbedingungen befragen. Zusätzlich kann aber auch das Gespräch mit Managern von Unternehmen vor Ort gesucht werden, um sie über faire Arbeitsbedingungen und Chancen des „Fair Trade“ zu informieren. So hat es beispielsweise vier Jahre gedauert, bis NAGER IT faire Computermäuse unter Berücksichtigung von fairen Lieferanten, guten Arbeitsbedingungen und weitgehender Einsicht der Handelswege produzieren lassen konnte.

Die vergaberechtlichen Regularien zur Beachtung von öko-sozialen Kriterien in der Auftragsvergabe sind mit der Umsetzung der EU-Richtlinie 2014/24/EU in nationales Recht im Jahr 2016 zu Grundprämissen der Auftragsvergabe aufgewertet worden. Damit können Nachweise zu Arbeits- und umweltrechtliche Standards, etwa in der Form von Siegeln oder Initiativen, grundsätzlich verlangt werden. In einigen Bundesländern ist die Forderung von Arbeitsrechtlichen Standards sogar verpflichtend geregelt. Entscheidend für die Wirkung in der Praxis ist jedoch vielmehr, ob die geforderten Nachweise glaubwürdig sind. Hier ist auch der Markt gefragt. Gibt es etwa in der Textilindustrie bereits einige glaubwürdige Nachweise, sieht dies für andere – beispielsweise technische Produkte – noch anders aus. Entsprechend sind andere Belegformen zu entwickeln, die auch die Besonderheiten der Produktherstellung berücksichtigen. Allerdings handelt es sich bei der Herstellung technischer Produkte neben Arbeitsrechtsverletzungen in der Produktion um tieferliegende Probleme der Lieferketten. Hierzu zählen unter anderem mangelnde Informationsvermittlung zu verarbeitenden Betrieben, Rohstoffbörsen oder Rohstoffhändlern. Daran anschließend äußerte Frau Jordan zudem den Wunsch, dass man sich zusammensetzen und diskutieren solle, „was eigentlich fair ist“, „mit welcher Art von Produktion wir alle leben können“ und „wo wir eigentlich hin wollen.“ Frau Lämmle betonte zum Ende der Veranstaltung, dass eine veränderte Nachfrage der öffentlichen Hand durch ihre große Marktmacht großen Einfluss auf Produktionsbedingungen nehmen kann und es hierbei zielführend ist gemeinsam mit Erfahrenen, dem Markt, der Zivilgesellschaft sowie der Verwaltung in den Dialog zu öko-sozialen Beschaffungspraktiken zu treten. Die Stadt Köln hat sich bereits mit der Beschaffung von fairer Arbeitskleidung in Kooperation mit FEMNET zu diesem Thema positioniert und möchte nun als Gewinner des Wettbewerbs „Hauptstadt des Fairen Handels“ diesen Erfolg auch auf andere Abteilungen ausweiten, so Miriam Feldmann, Verantwortliche für Faire Beschaffung bei der Stadtverwaltung.

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion lud die Stiftung Asienhaus noch zu einem Stehempfang im Foyer des Theaters ein. Zivilgesellschaftliche Vertreter, Konsumenten mit einem Bewusstsein für Nachhaltigkeit, Theaterfreunde und Asien/Afrika Interessierte hatten hier noch mal die Gelegenheit das Erlebte im Gespräch miteinander auf sich wirken zu lassen.  

Unterstützt wurde die Veranstaltung durch das bischöfliche Hilfswerk Misereor, der Stadt Köln und Engagement Global.

 

 Bericht: Lena Lachnit

Schlagworte: Fair Trade, Rohstoffe, China

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