A room of its own: Feminismusdebatten in China und Deutschland

Am 15. Oktober 2021 richteten wir mit der Missionsakademie an der Universität Hamburg und der China Infostelle die Tagung "German and Chinese Perspectives on Feminist Debates" aus. Ein Bericht.

Im ersten Teil der Veranstaltung teilten die vier Referentinnen Xiong Jing, Eva-Maria Schmitz, Chen Qirui, und Ute Hedrich ihre Erfahrungen, Einblicke und Projekte, mit besonderem Fokus auf den jeweils unterschiedlichen Kontext in China und Deutschland.

Auf den ersten Blick erscheint die Situation für Frauen in China sehr viel positiver als in vielen anderen Ländern der Welt: sie sind rechtlich gleichgestellt, stellen sogar den größeren Anteil Studierender an den Universitäten und gehen fast ebenso oft einem Beruf nach wie Männer. Dennoch sind die Herausforderungen bei genauerer Betrachtung groß.

Gewalt gegen Frauen wird bisher kaum in der Öffentlichkeit thematisiert, obwohl Studien zufolge mindestens ein Viertel aller Frauen in China Opfer von häuslicher Gewalt sind. Ein Gesetz zur häuslichen Gewalt wurde nach 20 Jahren des Debattierens und der Überarbeitungen 2015 erst implementiert. In China ist ein tief verwurzeltes traditionelles Familienbild, in dem die Frau dem Mann untergeordnet ist, nach wie vor die Norm.

Viele Frauen trauen sich nicht, offen über Gewalterfahrungen zu sprechen bzw. sind sich ihrer Rechte nicht bewusst. Auch im christlichen Kontext in China führt eine sehr textnahe Auslegung der Bibel dazu, dass die gesellschaftliche Stellung der Frau in der Heiligen Schrift als Teil des Glaubens wahrgenommen wird und somit Unterwürfigkeit und eine größere Gott-Verbundenheit ausdrückt.

Die weitaus größte Herausforderung bei der Stärkung von Frauenrechten stellt mittlerweile aber staatliche Zensur und Unterdrückung im Namen harmonischer gesellschaftlicher Entwicklung dar. Rechtebasierter Aktivismus wird oftmals mit krimineller Unruhestiftung gleichgesetzt. Einem Vergehen, welches mit Freiheitsstrafe geahndet wird. Durch das 2017 implementierte Gesetz zum Management ausländischer NGOs fällt auch immer mehr die so wichtige Unterstützung ausländischer Organisationen weg, da diese keine Erlaubnis für Frauenrechtsarbeit erhalten.

Chinesische Frauenrechtsaktivist:innen versuchen weiterhin, vor allem durch Kampagnen in den sozialen Medien, Flash Mobs und Performance Art mehr Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. Auch die #MeToo-Bewegung hat in China viel Aufmerksamkeit erregt und konnte sich teilweise sogar gegen politische Repressionen behaupten. Die Durchsetzung von strukturellen Veränderungen ist in der aktuellen Situation jedoch besonders schwierig. Jede Form von struktureller Kritik wird im derzeit vorherrschenden Klima als Verrat an der Partei oder dem Land gleichgestellt. In der Kommunistischen Partei Chinas sind Frauen unterrepräsentiert ebenso wie in den Entscheidungspositionen der staatlichen Strukturen.

Öffentlichkeitsarbeit und die Bekämpfung von strukturellem Sexismus ist aber auch in der deutschen Frauenrechtsarbeit nach wie vor ein großes Thema. Ein Schwerpunkt von Aktivist:innen im deutschen christlichen Kontext ist die Diskriminierung und der Missbrauch von Frauen in kirchlichen Positionen. Maria 2.0 ist ein prominentes Beispiel von Frauenrechtler:innen, die sich für mehr Gleichberechtigung in der katholischen Kirche einsetzen und eine umfassende Aufarbeitung von Missbrauchsfällen fordern.

Auch in Deutschland gehen Frauen, die sich offen zu erlebtem Missbrauch oder Diskriminierung äußern, teilweise große Risiken ein, da sie sich gegen den eigenen Arbeitgeber, die kirchlichen Institutionen, wenden müssen und somit ihren Arbeitsplatz riskieren. Trotzdem ist es den Aktivist:innen von Maria 2.0 wie auch den Frauenrechtler:innen in der evangelischen Kirche wichtig, sich weiterhin Gehör zu verschaffen und auf die Missstände und das Machtungleichgewicht hinzuweisen.

Damit die Stimmen von Frauen in der Kirche, aber auch im größeren gesellschaftlichen Kontext gestärkt werden, ist es essentiell Räume zu schaffen, in denen sich Frauen ermutigt fühlen, sich offen zu äußern. In Deutschland gibt es immer mehr solcher Plattformen, sowie ein wachsendes öffentliches Bewusstsein. Auch in China gibt es trotz aller Hürden immer wieder neue, innovative Ideen für Vernetzungsmöglichkeiten. So treffen sich chinesische Aktivist:innen beispielsweise zu inoffiziellen "Bastelstunden für Frauen", um feministische Inhalte zu diskutieren, anstatt sich auf offiziellen Feminismus-Veranstaltungen Überwachung und Zensur aussetzen zu müssen.

Egal ob in Deutschland oder in China, die Veranstaltung zu feministischen Perspektiven in beiden Ländern hat gezeigt, dass es zum Teil unterschiedliche, aber dennoch sehr große Herausforderungen, sowie Lichtblicke in Bezug auf die Gleichstellung von Frauen gibt. Gerade deshalb sind diese und ähnliche Veranstaltungen auch so wichtig um sich zu vernetzen, voneinander zu lernen, oder sich einfach nur Mut zuzusprechen.

Den Impulsen der Referentinnen, die hier nachzulesen sind, folgten tiefer gehende Gruppendiskussionen. Eine Gruppe widmete sich der Rolle der Frau in der Kirche wie auch Feminismus in der Politik. Hier wurden besonders die unterschiedlichen Aufgaben die Frauen und Männern in der Kirche, sowie deren Wertschätzung und Machtnähe betrachtet. Auch die Repräsentation von Frauen in politischen Strukturen und die Inklusion feministischer Themen in der Politik wurden thematisiert. Eine andere Gruppe betrachtete theologische Perspektiven auf die Rolle der Frau in der Bibel. Besonders die Unterscheidung der Eva-Rolle im Alten Testament und der Maria-Rolle im Neuen Testament. Eine Lesung und Übersetzung der Bibel in den aktuellen sozio-kulturellen Kontext war von Interesse ebenso wie eine Auseinandersetzung gemäß feministischer Methodologie.

Die Veranstaltung endete für viele Teilnehmende zu früh und zeigte deutlich den Wunsch wie auch den Bedarf nach mehr transnationaler Auseinandersetzung und Solidarität in diesem Themenbereich auf. 

Clara Groth und Joanna Klabisch

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