Bericht vom 9. Asientag: Chinas Bild in meinem Auge

Beim 9. Asientag 2021 hatte das China-Programm der Stiftung Asienhaus zur Diskussionsrunde "Chinas Bild in meinem Auge: eine kritische Reflexion von China-Bildern in der deutschen Medienlandschaft" geladen. 60 Teilnehmer:innen folgten einer Diskussion mit Georg Fahrion, Xifan Yang und Leonie Weidel. Ein Kurzbericht.

Um sich mit der Entstehung von China-Bildern in der deutschen Medienlandschaft zu beschäftigen, lud das China-Programm drei Referent:innen ein, die sich durch ihre tägliche Arbeit mit dem Thema beschäftigen und Akteur:innen in den dahinterliegenden Prozessen sind. Dabei waren Georg Fahrion, seit 2019 Korrespondent des SPIEGEL in Peking, Xifan Yang, Buchautorin und China-Korrespondentin der ZEIT sowie Leonie Weidel, Übersetzerin für chinesische Literatur und ehemalige Mitarbeiterin des Buchinformationszentrums Peking.

Wiederholt wurde in Studien zur deutschen China-Berichterstattung festgestellt, dass es eine "fortlaufende Verbreitung existierender Stereotypen durch die Medien" gibt und die "Themenagenda insgesamt wenig differenziert und zudem vorwiegend von der Perspektive deutscher Interessen bestimmt" ist. Tatsächlich hat sich aus Sicht der Referent:innen die China-Berichterstattung in Deutschland in den 2010er Jahren merklich verbessert. Gängige Klischees zu China würden mittlerweile weniger bedient. Junge China-Korrespondent:innen bringen sehr viel mehr Sprachkenntnisse und Auslandserfahrung in die Berichterstattung mit. Der Vorwurf der Voreingenommenheit, zumindest bei Journalist:innen vor Ort, hat kaum noch Bestand.

Auf der anderen Seite arbeiten Korrespondent:innen in China aus verschiedenen Gründen unter zunehmend schwierigen Bedingungen. Dies wirkt sich letztlich auf die Qualität der Berichterstattung aus. Zum einen ist da die verschärfte politische Situation in China selbst, die ausländischen Journalist:innen die Recherchearbeit wesentlich erschwert. Nicht nur während der Berichterstattung über sensible Themen wie z.B. den "3 Ts" und Xinjiang stehen Korrespondent:innen unter ständiger Beobachtung. Meist können potentielle Interviewpartner:innen gar nicht mehr angefragt werden. Sie könnten sonst schnell die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich ziehen.

Auch möchten sich Chines:innen zu weniger sensiblen Themen nicht mehr äußern, aus Angst ihre Aussagen könnten im Ausland dazu genutzt werden, China in ein schlechtes Licht zu rücken. Sie befürchten zudem Risiken für die persönliche Karriere. Bei den meisten Journalist:innen vor Ort wäre durchaus der Wille da, ein vielschichtigeres und differenziertes Bild von „China“ zu zeichnen. Wenn „China“ aber immer weniger gewillt ist, in einen Dialog zu treten, ist dieser Anspruch nur bedingt umsetzbar bzw. das Bild fällt unter Umständen negativer aus.

Gleichzeitig wirken sich schwerwiegende Faktoren in Deutschland auf die China-Berichterstattung deutscher Medien aus. Die finanzielle Situation ist durch das Print-Auflagensterben und den damit einhergehenden Ressourcenschwund in den meisten großen deutschen Medienhäusern ausgesprochen ernst. So ging z.B. in den letzten acht Jahren die Auflage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung um 40 Prozent zurück. Bei den anderen großen Tageszeitungen sieht es nicht viel besser aus.

In der Konsequenz werden die teuersten Mitarbeiter:innenstellen zuerst gekürzt. Das sind in der Regel die Außenstellen. Zudem fehlt den Redaktionen in Deutschland das langfristige Bewusstsein dafür, wie wichtig eine qualitativ hochwertige und differenzierte Auslandsberichterstattung für eine offene Gesellschaft ist. Diese ist letztlich auch eine entscheidende Voraussetzung für eine pluralistische Demokratie.

Wenn positive Stimmen und Entwicklungen aus China ignoriert werden, dann meistens in den deutschen Redaktionen und nicht in den chinesischen Außenstellen der deutschen Medien. Die aktuellen Entwicklungen glichen einem Teufelskreis aus schlechterer Berichterstattung und immer weniger Zugang. Aus Sicht der Medienkonsument:innen sollte die Idee des kostenlosen Fastfood-Journalismus abgelegt werden, um gute Berichterstattung und Qualitätsjournalismus zu unterstützen.

Für ein umfassendes und differenziertes China-Bild spielt neben der Berichterstattung aber auch Literatur aus China eine große Rolle. Gerade in Pandemie-Zeiten kann die Literatur einen Zugang zu fremden Ländern und Kulturen ermöglichen. Bücher aus anderen Weltregionen können Empathie und Dialogbereitschaft fördern, zum Reflektieren anregen und Klischees abbauen. Sie wirken so einer sich verengenden Weltsicht entgegen. Damit das gelingt, müssen wir uns aber auch auf eine chinesische Perspektive einlassen. 2020 rangierten aus dem Chinesischen ins Deutsche übertragene Erstauflagen lediglich unter den 5,1 Prozent aus "übrigen Sprachen" übersetzter Titel.

Wir müssen versuchen, die Vielzahl von Informationen, Medien und Literatur aus und über China auch durch eine chinesische Brille zu betrachten. Nur so ist es möglich die vielen kleinen Mosaiksteine zu einem umfassenderen China-Bild zusammenzusetzen.

Clara Groth

 

Schlagworte: Medien, China

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