China Clubhouse

Am Wochenende öffnete sich ein digitales Fenster in die chinesische Zivilgesellschaft. In China verbreitete sich die Audiochat-App Clubhouse rasant. Sie durchbrach die chinesische Firewall und ermöglichte einen direkten Dialog unter Chines*innen auf dem Festland, Hongkong, Taiwan und im Ausland.

Clubhouse Social Media App

Aufmerksamkeit in China zog zunächst ein Chatroom von Freitag zu Samstag auf sich. Chines*innen vom Festland, aus Hongkong und Taiwan diskutierten persönliche Erlebnisse im jeweils anderen Teil Chinas, gesellschaftliche Themen und politische Systeme. Während alle Teilnehmer*innen Mandarin sprachen, wurde sehr offensichtlich was für verschiedene politische Hintergründe, Bildungswege und Informationsniveau unter den Sprecher*innen aufeinanderprallten, so Li Yuan von der New York Times auf Twitter:

Von Samstag zu Sonntag ging ein Chatroom zu den Lagern in Xinjiang online. Mehrere Twitter-Accounts verfolgten die Gespräche live, darunter Kaiser Kuo von SupChina. Er dokumentierte Teile der Diskussion in einem Thread:

Han-Chines*innen reflektierten kritisch ihre eigene instinktive Verteidigungshaltung beim Thema Xinjiang. Uighur*innen aus dem In- und Ausland brachten ihre Erlebnisse mit Unterdrückung und Flucht ein. Han-Chines*innen betonten, dass es bei den Lagern in Xinjiang um Terrorabwehr ginge. Andere schilderten, was sie von uighurisch gelesenen Freund*innen erfahren hatten. Die verbreitete Leugnung der Geschehnisse in Xinjiang durch viele Han-Chines*innen und die diskursive Macht des „Hansplaining“, chin. 汉译, wurde thematisiert. Andere Sprecher*innen sahen im Han-Chauvinismus gegenüber ethnischen Minderheiten ein Produkt der Reform- und Öffnungspolitik Chinas. Han-Chines*innen gestanden die Schuld der Mehrheitsbevölkerung ein. Uighur*innen gingen auf sie zu und betonten die Freundschaft der Ethnien.

Der technische Rahmen dieses digitalen Fensters hat klare Beschränkungen und birgt große Risiken. Clubhouse ist eine Audiochat-App, die derzeit nur für das Betriebssystem iOS ab der Version 13 angeboten wird. Den größten Marktanteil in China haben jedoch Android-Geräte wie von Huawei und Xiaomi. Um den Diskussionen zu zuhören bzw. teilnehmen zu können, benötigt man eine Einladung über die persönliche Telefonnummer. Clubhouse speichert und verarbeitet nicht nur Informationen zu Benutzer*innen und von wem sie eingeladen wurden, sondern auch zu Personen, die die App trotz Einladung nicht nutzen. Es entsteht ein Mapping persönlicher Netzwerke. In Deutschland wurden bereits gegenüber dem Entwickler Alpha Exploration Co. Verstöße gegen die Datenschutz-Grundverordnung bemängelt. Es ist davon auszugehen, dass in China Daten von Benutzer*innen durch die Regierung abgegriffen, analysiert und individuell über die Telefonnummern zugeordnet werden. Hinzukommt, dass Zuhörer*innen Bericht erstatten und Äußerungen später direkt gegen Benutzer*innen der App verwendet werden könnten.

Die Reichweite und Signifikanz von Clubhouse in China ist klein, wie die Neuropolitikwissenschaftlerin Yu Liya festhält. Die Teilnehmer*innen der Gespräche vom Wochenende aus China entspringen einer kleinen sozialen Gruppe: sie sind wahrscheinlich eher jung, urban und vergleichsweise wohlhabend. Nichtsdestotrotz wurde sehr klar, wie schnell und intensiv Dialogräume über die chinesische Firewall hinaus von chinesischen Netizens genutzt werden. Chines*innen wurden als Menschen mit individuellen Meinungen sichtbar und soziale Gruppen, denen ein Austausch über gesellschaftliche und politische Themen wichtig ist, formierten sich.

Clubhouse legte offen wie vielfältig die Meinungslandschaft unter Chines*innen ist. Die Diskussionen bilden ein wichtiges Gegenstück zur Auseinandersetzung politischer Systeme, deren Machthaber*innen den Diskurs über „die Anderen“ gezielt zugespitzt, vereinfacht und homogen steuern wollen. Auch hat sich gezeigt, welche Reichweite globale Konfliktnarrative wie der "Krieg gegen den Terror" haben, wenn sie von Chines*innen hinter der chinesischen Firewall aufgegriffen werden. Mittlerweile haben die chinesischen Sicherheitsbehörden reagiert und die App funktioniert nicht mehr. Fragt sich, ob Clubhouse in China im Nachgang seinen eigenen „Lasst Hundert Blumen blühen“-Moment bekommen wird.

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