27.12.2018

Erinnerungs- und Bildungsarbeit zum Osttimor-Konflikt (1975 -1999)

In Timor-Leste rücken in jüngerer Zeit verstärkt gesellschaftspolitische Erinnerungs- und Gedenkarbeit in den Vordergrund. Maßgeblich tragend dazu zivilgesellschaftliche Organisationen bei. Die Bemühungen um Strafverfolgung der Menschenrechtsverbrechen während der Besatzungszeit durch Indonesien gelten gemeinhin als gescheitert.

„Hear our Story – Act to Change“ A Surviver Walking Tour of Baucau © Assosiasaun Chega Ba Ita - ACbit

Im Oktober 2005 übergab die nationale Wahrheitskommission ihren rund 2.500 Seiten umfassenden Abschlussbericht „Chega“ ("Genug!" port.) an den Präsidenten des Landes. Die Kommission wurde eingerichtet, um die während des Konflikts begangenen Menschenrechtsverbrechen zu untersuchen und Versöhnungsprozesse für minderschwere Verbrechen durchzuführen.

Lange schaute die Politik in Timor-Leste geflissentlich an den Empfehlungen von „Chega!“ vorbei, nur einige wenige wurden umgesetzt. 2015 konnte ein Bündnis von Menschenrechtsorganisationen den damaligen Premierminister Rui de Araújo für die Einrichtung einer Institution zur Umsetzung der Empfehlungen gewinnen. 2017 kam es zur Gründung des Centro Nacional Chega! (CNC). Mit dieser Nachfolgeinstitution der Wahrheitskommission wurden die gesellschaftspolitischen Aufarbeitungsprozesse gestärkt und die NGOs haben einen gewichtigen Partner erhalten.

 

Handbuch zu Chega! und Transitional Justice

Ende November 2018 stellte die Organisation AJAR Timor-Leste das Handbuch „Chega no Justisa Tranzisionál: Unterrichtsmaterialien für die Hochschulbildung in Timor-Leste" vor. Es dient dazu, historische Erinnerung an Konflikt und Frieden in Timor-Leste in den Unterricht aufzunehmen. Der jungen Generation sollen die Kämpfe um die Nation erinnert werden, zugleich auch die Verpflichtung zur Einhaltung der Menschenrechte gelehrt werden. Das in der Landessprache Tetum verfasste Handbuch ist modular aufgebaut. Mitherausgeber sind Bildungseinrichtungen und Partner aus der Zivilgesellschaft, darunter die Universidade da Paz, die Universidade Nacional Timor Lorosa'e, das Centro Nacional Chega! und die Asosiasaun Chega! ba ita.

AJAR Timor-Leste: „Chega no Justisa Tranzisionál”: Transitional Justice Manual in Tetun, November 23, 2018

 

Gedenkmarsch in Baucau

Zum 7. Dezember 2018, dem Jahrestag der indonesischen Invasion 1975, lud die Organisation Asosiasaun Chega! ba ita (ACbit) gemeinsam mit anderen NGOs in Baucau zu einen Gedenkmarsch mit Überlebenden von sexualisierter Kriegsgewalt ein. Unter dem Motto „Hear our Story – Act to Change“ fand die Veranstaltung im Rahmen einer landesweiten 16-tägigen Kampagne gegen geschlechterspezifische Gewalt statt. Der Stadtrundgang führte zu ehemaligen Polizei- und Militärstationen sowie zu Folterstätten, wie z.B. das Hotel Flamboayan (heute die Pousada von Baucau), das Uma Lima (heute eine private Klinik) oder das Rumah Merah (heute genutzt von den  Veteranen). Die rund 100 Beteiligten des Rundgangs lernten aus der Geschichte und den Erfahrungen der Frauen. Wenn das indonesische Militär der Widerstandskämpfer*innen in den Bergen nicht habhaft werden konnte, wurden oft die Frauen bestraft. Viele der Opfer wurden vom indonesischen Militär gefoltert und vergewaltigt. "Warum wertet die Regierung unseren Kampf nicht? Wir hatten keine Waffe in der Hand, aber wir gaben Körper und Geist, um unsere Nation zu verteidigen ", entrüstet sich Maria Da Gloria Lemos, eine der Überlebenden, die auf der Tour Zeugnis gab.

ACbit: Survivor Walking Tour of Baucau, 7. Dezember 2018

 

Zum Weiterlesen:

Timor-Leste: Das historische Narrativ ausgleichen. Die Gründung des Institut Centro Nacional Chega! Laura Faludi, Blickwechsel, Juni 2018

Genug! – Ringen um Anerkennung und Gerechtigkeit in Timor-Leste, Maria Tschanz und Monika Schlicher, Blickwechsel, April 2017

AJAR Timor-Leste: Press Release—First-Year Anniversary of the Centro Nacional Chega!: Keeping the Promise for Truth, Justice, and Healing in Timor-Leste, July 17, 2018

Schlagworte: Zivilgesellschaft, Timor-Leste, Osttimor, Transitional Justice, Menschenrechte