11.12.2018

Familienplanung: eine große Herausforderung für osttimoresische Frauen

Familienplanung ist ein Menschenrecht. Und das schon seit 50 Jahren. Die UN-Konferenz für Menschenrechte, die am 13. Mai 1968 in Teheran stattfand, beschloss, dass jede Frau (und jedes Paar) Anspruch auf Informationen zu Familienplanung haben soll.

Timor_Bild von © Steffen Kirchner

 

Mit anderen Worten ist jeder politische Entscheidungsträger, jedes Land, und jede Regierung dazu verpflichtet, Beratung und Leistungen zur Familienplanung einzurichten. 50 Jahre nach der Erklärung fällt die Bilanz gemischt aus. Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen hat daher im Rahmen der SDGs 3 und 5 (jeweils Gesundheit und Gleichberechtigung der Geschlechter) mit Fokus auf die Entwicklungsländer unterschiedliche Strategien entwickelt, die darauf abzielen, den Zugang und die Qualität der Leistungen von Familienplanung zu verbessern.

Im Durchschnitt haben Frauen in Timor-Leste 5.7 Kinder. Das ist laut Weltgesundheitsorganisation der höchste Wert Asiens. Aber es ist nicht die einzige außergewöhnliche Erkenntnis: die Fertilitätsrate der Jugendlichen ist auch höher als der regionaler Durchschnitt Südostasiens mit 55 Geburten pro 1.000 Mädchen im Alter von 15-19 Jahren. Diese lässt sich dadurch erklären, dass nur 22 Prozent der Frauen in Timor-Leste Verhütungsmethoden anwenden. In diesem Zusammenhang stellen sich folgenden Fragen: Wie ist der Zugang zu Informationen und Leistungen von Familienplanung in Timor-Leste? Wie lässt sich diese niedrige Zahl erklären? Was beeinflusst die Frauen in der Verwendung von Verhütungsmethoden?

Genau mit diesem Thema hat sich die timoresische Forscherin Angelita Maria de Jesus Gomes auseinandergesetzt. Ihre Arbeit Exploring Women’s Knowledge, Attitudes and Practices about Family Planning in a rural area of Timor-Leste zielt darauf ab, das Wissen, die Haltung und die Anwendung von Familienplanung der Einwohnerinnen Timor-Lestes zu untersuchen und analysieren. Neben dieser wissenschaftlichen Arbeit hat die timoresische NGO La’o Hamutuk auf einer eher ‚Monitoring‘ Ebene sich mit dem Thema befasst. Diese zwei sich ergänzenden Sichten erlauben ein Gesamtbild der Situation in Timor-Leste zu erschaffen. Nachdem über die wissenschaftliche Arbeit berichtet wird, werden die Ergebnisse NGO vorgestellt.

Wie lässt sich überhaupt Familienplanung definieren und welche Vorteile bietet sie an?

Familienplanung könnte als „die bewusste Anwendung aller Maßnahmen mit dem Ziel, Zahl, Zeitpunkt und Abstand der Geburten einer Frau zu planen“ definiert werden. Sie dient der Bekämpfung der Kindersterblichkeit einerseits und durch die Armutsminderung der Entwicklung des Landes andererseits. In der Tat können Frauen dank Familienplanung ihre Schwangerschaften kontrollieren, und entweder weniger Kinder bekommen oder die Geburten besser einplanen. Des Weiteren dienen diese Maßnahmen neben der Verfolgung gesundheitlicher Ziele, wie die Reduzierung von Säuglingssterblichkeit, Kindersterblichkeit und Muttersterblichkeit auch der Emanzipation der Frauen und im Allgemeinen der Entwicklung des Landes.

Zur Durchführung der Studie hat die Autorin Angelita Maria de Jesus Gomes mit einer Gruppe von 25 achtzehn- bis fünfundvierzigjährigen Frauen aus dem Distrikt Suai gearbeitet. Insgesamt hatten 19 mindestens ein Kind und 20 waren christlichen Glaubens. Zudem ist wichtig zu wissen, dass keine der Frauen über ein Einkommen verfügt, was sie von ihrem Ehemann wirtschaftlich abhängig macht. Diese Zahl sagt schon viel über die Emanzipation der Frauen in dieser Region der Welt aus.

Wie sind die Ergebnisse der Studie? Wie sind die Haltungen und Kenntnisse der timoresischen Frauen zu Familienplanung?

Die Haltung der Teilnehmerinnen zur Familienplanung ist im Allgemeinen sehr positiv. Sie sehen die FP-Maßnahmen als eine Möglichkeit, freier und besser über ihre Schwangerschaften entscheiden zu können. „Wenigstens zu warten bis das erste Kind laufen kann, das würde erlauben, dass der Älteste auf den Jüngsten aufpasst, und der Mutter außerdem mehr Zeit für die Arbeit geben[1]”, erklärt eine Teilnehmerin. Im Allgemeinen sind sie sich zum größten Teil einig, dass Familienplanung zur Verbesserung des Gesundheitszustands sowohl der Mutter als auch der Kinder beitragen könnte. Aber wie ausführlich sind die Kenntnisse der Frauen in Bezug auf Familienplanung?

Während die meisten Frauen über FP-Kenntnisse verfügten, mangelte es ihnen teilweise an bestimmten Informationen über Verhütungsmethoden. Die meisten kannten ein oder zwei moderne Methoden: zumeist die Pille und das injizierbare Verhütungsmittel Progestine. Die Kenntnisse über moderne Verhütungsmethoden waren so sehr eingeschränkt, dass einigen sogar ihr Misstrauen teilten. „Wir haben Angst, insbesondere wenn es in unserem Körper eingesetzt wird[2]“, so eine der Teilnehmerinnen. Auch über natürliche Verhütungsmethoden gibt es unter den Frauen nur sehr wenig Wissen.

Wie lässt sich dieses zum Teil misstrauische Verhalten erklären und welche Hindernisse treten in der Umsetzung von Familienplanung auf?

Es wurden vier unterschiedliche Beeinflussungsfaktoren untersucht: einmal die Haltung der Frauen zu dem Hebammendienst, dann die negativen Effekte von Familienplanung, der Einfluss der Familie, sowie der der Kirche.

Als Erstes ist zu beobachten, dass die überwiegende Mehrheit der Frauen eine sehr gute Erfahrung mit den Hebammen gemacht hat. Laut der Teilnehmerinnen liegt der Mangel an Wissen also nicht an dem Hebammendienst, sondern bei ihnen selbst: „Die Hebammen haben uns von den unterschiedlichen Namen von Verhütungsmethoden erzählt, wir können uns daran nur nicht erinnern[3]. Des Weiteren werden die negativen Effekte von Familienplanung als Hindernis gesehen. In der Tat haben 16 der 25 Teilnehmerinnen berichtet, dass sie schon mit Nebenwirkungen konfrontiert waren, die sich negativ auf ihre Gesundheit auswirkten.

Neben den beiden genannten Einflussfaktoren spielt die Familie auch eine wichtige Rolle. Die Studie zeigt, dass Frauen im Allgemeinen nicht ohne Erlaubnis der Eltern- und/oder des Ehemanns Familienplanung anwenden. Einige Frauen betonten, dass ein gegenseitiges Verständnis und Vertrauen innerhalb des Paars für die Anwendung von Verhütungsmethoden erforderlich sei. Da die Kenntnisse über FP-Maßnahmen nicht sehr verbreitet sind, haben Familienmitglieder nicht immer eine konkrete Vorstellung von den Vorteilen, die diese mit sich bringen können. So sagte beispielsweise eine Teilnehmerin: „Einige Männer denken, dass die Anwendung von Familienplanung uns die Möglichkeit gibt, sie zu betrügen, und deswegen erlauben sie ihrer Frau nicht, Verhütungsmethoden zu benutzen[4]“. Nichtdestotrotz war sich ein großer Teil der Frauen darüber einig, dass eine offene Kommunikation innerhalb der Familie auch positive Ergebnisse mit sich bringen kann.

Erstaunlicher Weise hätten die Glaubensüberzeugungen nur wenig Einfluss auf die Familienplanung. Und das, obwohl die Kirche in Timor-Leste sehr einflussreich ist. „Keine Kirche hat uns jemals etwas verboten[5]“, hob eine Teilnehmerin hervor. Diesem Ergebnis widersprechen andere, in stark religiösen Ländern durchgeführte Studien, die zur Schlussfolgerung kamen, dass Religion einen bedeutenden Einfluss auf der Nutzung von FP-Maßnahmen hätte.

Im Allgemeinen ist diese Studie sehr relevant und sie greift den Stand und die unterschiedlichen Probleme der Familienplanung in Timor-Leste gut auf. Die Bedeutung dieser Maßnahmen als Instrument zur Armutsbekämpfung in Timor-Leste wurde betont, und die im Land vorliegenden Herausforderungen wurden auch sorgsam präsentiert. Für eine nächste Studie wäre vorstellbar, die Ehemänner mit einzuschließen, um ein Gesamtbild zur Familienplanung zu erhalten und eventuelle Vorurteile aus dem Raum zu schaffen. Außerdem könnte die Aufteilung von Teilnehmer*Innen in Altersgruppen interessante Ergebnisse aufweisen.

La'o Hamutuk: Inklusive Familienplanung braucht mehr als nur Wort auf dem Papier

Einer der größten Herausforderung von Familienplanung in Timor-Leste, so La'o Hamutuk, ist der Zugang für alle anzubieten. Obwohl die timoresische Regierung durch die Verfassung verpflichtet ist, alle Bürger zu beschützen und zu versorgen, scheint der universellen Zugang zur Familienplanung noch ein Traum zu sein. In der Tat sind junge, unverheiratete und auf dem Land lebende Frauen oft benachteiligt. Laut dem Demographic and Health Survey (DHS) von 2016 würden ein Drittel der sexuell aktiv und unverheiratete Frauen gerne Verhütungsmethoden anwenden, nur die Hälfte von denen hätte jedoch dazu Zugang. Mit der Einführung des National Family Planning Policy Programmes in 2004 hat sich die Lage etwas verbessert.

Das Wissen über Verhütungsmethoden sei in Timor-Leste wenig verbreitet. Auch wie in der Forschungsarbeit erscheint das injizierbare Verhütungsmittel Progestine und die Pille die zwei am meisten verwendeten Methoden zu sein. Prominente Aufklärungskampagnen der katholischen Kirche und anderer Institutionen konzentrierten sich ausschließlich auf traditionelle Methoden der Familienplanung. Diese Kampagnen haben jedoch viele Frauen nicht dazu gebracht, diese Methoden anzuwenden. Dies ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass Frauen und ihre Partner in der Lage sein müssen, lesen und rechnen zu können und ihren Körper und ihr Fortpflanzungssystem zu verstehen. Ihre Sexualpartner müssen auch offen, kommunikativ und unterstützend sein, was in den meisten Familien in Timor-Leste leider nicht der Fall ist.

Der Zugang zu Informationen über reproduktive Gesundheit ist noch ziemlich gering. Obwohl Sexualerziehung in den Schulcurricula steht, bleibt dieses Thema sehr tabu und wird oft von den Lehrern ausgelassen. Außerdem haben laut DHS nur 23 Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer Information zu reproduktiver Gesundheit erhalten, und nur die Hälfte der Jugendlichen wissen überhaupt etwas von HIV/AIDS. Im Gegensatz zu den Schlussfolgerungen von Angelita Gomes scheint der Einfluss der Familie, und insbesondere des Ehemanns, ein wichtigeres Hindernis zur Anwendung von FP-Maßnahmen zu sein.

La'o Hamutuk ruft in Erinnerung, dass in 2019 die Regierung von Timor-Leste dem Ausschuß zur Beseitigung der Diskriminierung der Frau (CEDAW) ihren vierten periodischen Bericht vorlegen soll. Der jüngste CEDAW-Bericht, der 2015 veröffentlicht wurde, gab der Regierung folgende Empfehlung: "Stärkung der Maßnahmen, um sicherzustellen, dass alle jungen Frauen, jugendlichen Mädchen und Frauen im ländlichen Raum Zugang zu sexuellen und reproduktiven Gesundheitsdiensten und Notfallversorgung erhalten, und die Qualität der Familienplanungsdienste verbessert wird ... unabhängig vom Familienstand."

Empfehlungen an die Regierung

Ausgehend von dieser Empfehlung fordert die NGO die Regierung auf, die Umsetzung der nationalen Familienplanungspolitik von 2004 zu stärken, damit das Gute auf dem Papier auch in der Praxis entfalten kann. Sie weist drauf hin, dass Familienplanung im Programm der VIII. Regierung nicht erwähnt wird. Diese sei aber eine notwendige Voraussetzung, um die Ziele des Strategieplans für die Entwicklung des Gesundheitswesens 2011-2030 zu erreichen, der darauf abzielt, den Zugang und die Nachfrage nach qualitativ hochwertiger Geburtshilfe, postnataler Betreuung und Familienplanung zu erhöhen.

Das Staatsbudget 2018 stellte 43.000 US-Dollar für die "Mütter- und reproduktiven Gesundheitsdienste einschließlich der Familienplanung" des Gesundheitsministeriums bereit, die gegenüber dem Haushalt 2017 um fast die Hälfte gekürzt wurden. La’o Hamutuk ermutigt die Regierung, diese Mittel im Haushalt 2019 aufzustocken.

Das Bildungs- und das Gesundheitsministerium wird mt der Empfehlung angesprochen, die von ihnen begonnene wichtige Zusammenarbeit fortsetzen, um sicherzustellen, dass reproduktive Gesundheit und Sexualerziehung in Schulen unterrichtet werden.

Nathalie Jobert

Angelita Maria de Jesus Gomes: Exploring Women’s Knowledge, Attitudes and Practices about Family Planning in a rural area of Timor-Lestehttps://aut.researchgateway.ac.nz/bitstream/handle/10292/11686/GomesA.pdf?sequence=4&isAllowed=y, Auckland University of Technology, May 2018

La'o Hamutuk: Inclusive Family Planning Takes More Than Words On Paper 4. November 2018

 


[1] Original quote: „At least to wait until the first one has walked, that would enable the older one to look-after the younger one and also to help and give mother time to work”

[2] Original quote: „We are afraid, particularly when it inserted to our body“

[3] Original quote: „The midwife did tell us about the different names of family planning methods, but we don’t remember their names again”

[4] Original quote: „Some men think when we use family planning is enabling us to cheat behind them, that’s why they refuse their wife to use contraceptive method“

[5] Original quote: „None of the churches had never forbidden us”

Schlagworte: Frauenrechte, Familie, Timor-Leste, Osttimor