Frauenrechte in den Philippinen: Zwischen Vorbildfunktion und patriarchalem Rückschlag

Heute, am 08. März 2021 jährt sich der Internationale Frauentag. Im internationalen Vergleich gehören die Philippinen zu den Ländern, die sich einer breiten politischen, sozialen und ökonomischen Teilhabe durch Frauen rühmen. Sexualisierte Gewalt und Diskriminierung sind dennoch weit verbreitet in der philippinischen Gesellschaft.

Sexualisierte Gewalt. Protestierende hinterlassen Schilder an der Universität Ateneo de Manila. © Jim Dasal /’The GUIDON

von Hannah Wolf

Die Philippinen im internationalen Vergleich

Der jährlich erscheinende Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums stufte die Philippinen im Jahre 2020 auf Platz 16 von 153 ein. Frauen sind in Managementpositionen in der Wirtschaft, in der Exekutive, in der akademischen Lehre sowie im sozialen Leben vertreten. Dennoch attestiert der Bericht den Philippinen eine Verschlechterung zum Jahr 2019 um acht Plätze. Ein Grund dafür, ist laut der philippinischen Frauenkommission  vor allem die verringerte politische Repräsentation von Frauen im Kabinett Präsident Rodrigo Dutertes.[1] Präsident Duterte hat spätestens seit seiner Präsidentschaft durch seine wiederholten extrem misogynen Aussagen für einen von oberster staatlicher Stelle beförderten patriarchalen Rückschlag gesorgt. Er verherrlichte und legitimierte sexualisierte Gewalt, unterminierte vorherrschende Gesetze zum Schutz von Frauen und erklärte zuletzt, dass Frauen nicht die emotionale Stabilität besäßen, um das Amt des staatlichen Oberhaupts zu bekleiden. So erscheint es nicht verwunderlich, dass nur zwei von den insgesamt 23 Ministerien von Frauen geführt werden. Begonnen hatte er seine Präsidentschaft 2016 noch mit fünf Ministerinnen. Die Philippinen belegten damals Platz 7 im internationalen Ranking und stellten viele europäische Länder in ihren Schatten, darunter auch Deutschland.

Im Schatten der Zahlen, im Schatten der Pandemie

Nur wenig sagen diese Zahlen jedoch über die alltägliche Situation von Frauen und Mädchen im Land aus. Gewalt und Ungleichbehandlung prägen eine vermeintliche Normalität. Im Angesicht der Pandemie hat sich die Situation der Frauen oftmals verschlechtert. Bereits vor der Pandemie war eine von vier verheirateten oder ehemals verheirateten Frauen von sexualisierter Gewalt betroffen.[2] Eine Studie des United Nations Population Fund (UNFPA) schätzt, dass die Gewalt in intimen Beziehungen im Zuge der Pandemie um 16 Prozent ansteigt.

Die Philippinen haben einen der längsten Lockdowns weltweit umgesetzt. Bereits zuvor trugen die massive Tabuisierung von Sexualität und sexualisierter Gewalt sowie eine weit verbreitete Praxis die Schuld für sexualisierte Gewalt bei den Betroffenen zu suchen (sog. victim-blaming) dazu bei, dass Betroffene davor zurückschreckten den*die Täter*in anzuzeigen bzw. zu melden. Mit der Pandemie sind die Berichte über sexualisierte Gewalt zunächst gesunken. Expert*innen sehen darin jedoch keinen Rückgang der Fälle, sondern einen durch den Lockdown erschwerten Zugang für Betroffene zu Nottelefonen und anderen Hilfsstrukturen. Viele Organisationen und Frauenrechtler*innen setzen sich lautstark mit Online-Kampagnen (z.B. #BabaeAko, #HijaAko, #Everywoman) und Offline Protesten für ihre Rechte, für Gleichberechtigung und die Umsetzung der Gesetzgebung zum Schutz von Frauen und Mädchen vor Gewalt (z.B. Anti-Violence Against Women and Their Children Law von 2004) ein, auch während der Pandemie.

Transgender Frauen: ein Leben mit vielen Gefahren

Transgender Frauen bekommen wie nicht-trans Frauen die patriarchalen Strukturen zu spüren. Darüber hinaus werden jedoch ihre Identität und Gender-Zugehörigkeit in Frage gestellt. Sie sind mit Nachteilen bei der Jobsuche, Mobbing, erhöhten Selbstmordraten und offener Gewalt konfrontiert. Aufgrund der dürftigen Datenlage kann das Ausmaß der Gefährdung nur erahnt werden. Transgender Frauen sind im Alltag sichtbar und Teil der Gesellschaft. Bei den Wahlen 2016 wurde die erste Transgender Frau in das Repräsentant*innenhaus gewählt. Von Gleichberechtigung kann jedoch keine Rede sein. Die Kongressabgeordnete Geraldine Roman setzt sich wie viele außerparlamentarische Gruppen und Organisationen für die Verabschiedung der sogenannten SOGIE Bill ein, ein Gesetz zum Schutz von LGBTIQ* vor Diskriminierung. Viele Transgender Frauen fürchten nicht nur die Diskriminierung, sondern auch um ihr Leben. Seit 2010 sind 50 Transgender Frauen bzw. nicht-binäre Personen namentlich bekannt, die aufgrund ihres Genders ermordet wurden.[3] Die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. Ein bekannter Fall war der Mord an Jennifer Laude. Die 26-jährige wurde im Oktober 2014 durch den US-amerikanischen Marine-Soldaten Joseph Scott Pemberton brutal ermordet. Als einer der wenigen Fälle wurde Pemberton im Dezember 2015 verurteilt. Im September 2020 begnadigte ihn Präsident Duterte. Ein Schlag ins Gesicht aller Transgender Frauen und ihrer Angehörigen; und eine verheerende Legitimierung transfeindlicher Gewalt von oberster Stelle.

Philippinische Arbeitsmigrantinnen im Ausland

Im Jahr 2018 betrug der Frauenanteil unter den 10 Millionen philippinischen Arbeitsmigrant*innen weltweit rund 55 Prozent. Sie sind in ca. 200 Ländern tätig. Die philippinische Regierung geht davon aus, dass rund ein Drittel der Arbeitsmigrantinnen im Niedriglohnsektor als Haushaltskräfte und Pflegerinnen tätig sind. Die Arbeitsverhältnisse sind in vielen Fällen ausbeuterisch, prekär und anfällig für verschiedene Formen von

Missbrauch inklusive illegaler Rekrutierung, sexualisierter Gewalt, Nicht-Zahlung von Gehältern, erzwungener sozialer Isolation, Entwendung von Reisedokumenten und Rassismus. In der Pandemie sind die Frauen einmal mehr von Jobverlust, Gehaltskürzungen, aufenthaltsrechtlichen Schwierigkeiten, mangelndem Zugang zu Gesundheitsdiensten und Justiz bis hin zu physischer Gewalt bedroht.[4] Migrant*innen in informellen und prekären Arbeitsverhältnissen werden in den staatlichen

Hilfsmaßnahmen nicht berücksichtigt, obwohl sie in ihrer Arbeit als Haushälterinnen, Pflegerinnen und Reinigungskräfte in erhöhtem Maße dem Virus ausgesetzt sind, berichtet das philippinische Konsortium Kanlungan und die britische Organisation RAPAR. Sie fordern unter anderem, dass alle undokumentierten Arbeitsmigrant*innen, darunter viele Frauen, einen gesicherten Aufenthaltsstatus erhalten, fair und respektvoll behandelten werden und die Chance erhalten, sich gleichberechtigt mit ihren Fähigkeiten in die Gesellschaft einzubringen.

Fazit

Im internationalen Vergleich mögen die Philippinen in bestimmten Bereichen, relativ zu anderen Ländern, was die Gleichstellung von Männern und Frauen angeht führend sein.[5] Nichtsdestotrotz markieren die misogynen Attacken gegen die Gleichwertigkeit von Frauen von oberster Regierungsstelle, die damit einhergehende Förderung patriarchaler Strukturen und die offenen Legimitierung sexualisierter Gewalt gegen Trans*Frauen einen massiven Angriff auf die Errungenschaften von philippinischen Frauenrechtler*innen der letzten Jahrzehnte. Die Pandemie hat die Situation vieler Frauen und Mädchen noch verschlimmert. Und diejenigen, die sich für Frauenrecht einsetzen sind mit Anfeindungen konfrontiert. So soll beispielsweise der Frauenrechtspartei Gabriela der Zugang zu den Wahlen 2022 versperrt werden. Genug Gründe also an diesem Internationalen Frauentag diejenigen Frauen zu feiern, die sich allen Widerständen zum Trotz mutig für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung und Gewalt einsetzen! Genug Gründe, um sich zu solidarisieren und gemeinsam für Frauenrechte einzutreten.

 

 


[1] Im 18 Kongress sind rund 29% der Abgeordneten in beiden Kammern, Senat und Repräsentant*innenhaus, Frauen. Damit erreichte der Frauenanteil im Senat 2019 seinen historischen Rekord.

[2] mb.com.ph/2020/12/14/violence-against-women-and-girls-a-pandemic-we-must-end-now/

[3] https://fullerproject.org/story/im-scared-every-damn-day-in-the-philippines-violence-shadows-trans-lives/

[4] www.theguardian.com/world/2021/jan/27/domestic-workers-philippines-coronavirus-conditions

[5] Kein Land hat bisher eine absolute Gender Parität erreicht.