Das "Chinesen-Problem" in Malaysia
Chinesen auf der malaiischen Halbinsel

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Peter Franke

Kaum eine andere Region Südostasiens wurde in den letzten hundert Jahren wohl so stark von den zugewanderten Chinesen geprägt wie die malayische Halbinsel. Heute sind über 40% der Gesamtbevölkerung dort chinesischer Abstammung, wobei sich der größte Teil auf den Stadtstaat Singapur und die Städte an der Westküste der Halbinsel (West-Malaysia) konzentriert. Singapur ist mit einem Anteil von 76% chinesischstämmiger Bevölkerung praktisch ein "chinesischer" Staat außerhalb des eigentlichen Chinas. Mit 33,8% Anteil in West-Malaysia neben 10,2% Indern und 55,3% Malayen kann auch hier nicht mehr von einer chinesischen "Minderheit" gesprochen werden.

Chinesen als billige Lohnarbeiter

Abgesehen von den frühen Kontakten chinesischer Kaufleute und deren Niederlassungen bereits seit dem 15. Jahrhundert, waren es vor allem die Briten, die mit der Kolonialisierung der malayischen Halbinsel und der Ausplünderung ihrer Rohstoffe seit Anfang des 19. Jahrhunderts, die Zuwanderung von Arbeitskräften aus China und Indien betrieben. Viele von ihnen kamen auf Zeit und kehrten dann zurück, aber ebenso viele blieben - gewollt oder ungewollt. 1

Eine Volkszählung ergab bereits für 1921, daß von einer Bevölkerung von 2,9 Mio. auf der malayischen Halbinsel (ohne Singapur) 856 Tsd. chinesischer Abstammung waren d.h. knapp 30%. Nach dem 2. Weltkrieg waren es 1947 mit 1,8 Mio. 38,4% und 1957, zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit und Gründung der Förderation Malaya (ohne Singapur), mit 2,3 Mio. 37,2%. 2

Dieses Zusammenleben war immer wieder mit großen Problemen belastet, deren Ursachen zum einen in der britischen Kolonialherrschaft und ihres Prinzips: "herrsche und teile" zu suchen sind, zum anderen in der Entwicklung und Herausbildung eines "modernen", kapitalistischen Staates nach der Unabhängigkeit.

Wie in den anderen Kolonien, sorgten die Briten von Anfang an dafür, daß die einheimischen und zugewanderten Volksgruppen möglichst von einander getrennt blieben und letzteren nur ökonomische Aktivitäten erlaubt waren, zu denen erstere nicht zu bewegen, bzw. an denen erstere wenig Interesse hatten. Es war Chinesen und Indern nicht gestattet, für landwirtschaftliche Zwecke Land zu erwerben. Die traditionellen Vorrechte der malayischen Fürstenhäuser gegenüber der malayischen Landbevölkerung blieben weitgehend erhalten soweit sie nicht die wirtschaftlichen Interessen der Briten einschränkten. Außerdem durften nur Malayen in der Kolonialverwaltung arbeiten. Es blieben der Masse der zugewanderten Inder und Chinesen lediglich die Möglichkeiten, als Lohnarbeiter auf vorwiegend britischen Plantagen und in Bergwerken, oder als Tagelöhner, Handwerker und Kleinhändler, meist in den Städten, ein Existenz aufzubauen

Trotzdem zeigten sich in den 30er Jahren die malayischen Fürsten besorgt über den großen Zustrom chinesischer und indischer Arbeitskräfte. In einigen Sultanaten war die Anzahl bereits erheblich höher als die der einheimischen, malayischen Bevölkerung. Das führte zu einer restriktiveren Einwanderungspolitik.

Chinesische Identität und 2.Weltkrieg

Wie bereits an anderer Stelle in diesem Heft ausgeführt, gab es unter den eingewanderten Chinesen anfänglich keine Identifikation als "Chinese", sondern mehr als Zugehöriger einer bestimmten Region und Sprachgruppen des Herkunftslandes. Erst als sich in China nach Ende des 1. Weltkrieges ein eigener Nationalismus zu entwickeln begann und Gestalt in der politischen Partei der KMT (Kuo Ming Tang) bekam, entwickelte sich auch unter den Chinesen auf der malayischen Halbinsel eine wachsende Identifikation als Chinese. Insbesondere mit Anfang des Krieges der Japaner gegen China 1937 entstand unter den Chinesen ein größere Identifikation als Chinese, die sich in ideeller und materieller Unterstützung des anti-japanischen Krieges in China ausdrückte.

Bei der Besetzung der malayischen Halbinsel und Singapurs durch die Japaner, gingen dann auch die japanischen Truppen besonders brutal gegen die chinesisch-stämmige Bevölkerung Malayas vor und versuchten, die Malayen für sich zu gewinnen. Es waren daher zum größten Teil Chinesen, die sich der anti-japanischen Untergrundbewegung Malayas (MPAJU) und ihrer Guerrilla-Armee (MPAJA) anschlossen, die von der Kommunistichen Partei Malayas (CPM) angeführt wurde.

Der Weg zur kolonialen Unabhängigkeit

Damit war bereits auch für die Zeit nach dem Krieg der Grundstein für eine Polarisierung auf ethnischer Grundlage zwischen Chinesen und Malayen gegeben. Die überwiegend einfache städtische Bevölkerung, Arbeiter, Handwerker und Kleinhändler, waren chinesischer Abstammung aber bildeten nun auch den größten Teil der Anhänger einer kommunistichen Bewegung, die sich an der 1949 gegründeten VR China orientierte. Die bäuerliche malayische Landbevölkerung orientierte sich eher an ihren traditionellen adeligen Führern, die sowohl z.T. mit den Japaner kollaboriert hatten als auch eine engere Zusammenarbeit mit den britischen Kolonialherren suchten. Versuchte nun die CPM, unterstützt vor allem von der chinesisch-stämmigen Bevölkerung, durch den bewaffneten Kampf gegen die britischen Kolonialherren die Unabhängikeit Malayas zu errreichen, so arbeitete die malayische Elite im mehr oder minder stillschweigendem Einvernehmen mit den chinesischen Großkapitalisten erfolgreich mit den britischen Kolonialherren zusammen.

Die Unabhängikeit wurde schließlich 1957 nach erfolgreicher Niederschlagung der CPM gewährt und die politische Macht in die Hände der malayischea Elite gelegt. Dem einheimischen chinesischen Kapital wurden die ökonomische Position sowie ungehinderte Enwicklungsmöglichkeiten garantiert.

Sozialstruktur des unabhängigen Malayas

Das Erbe des nun formal-politisch unabhängigen Malayas, war ein multiethnisches Staatsvolk, dessen ethnische Zusammensetzung auch die Grundzüge der sozialen Struktur widerspiegelt: städtische Bevölkerung = Chinesen/Inder, Landbevölkerung = Malayen; Lohnabhängige = Chinesen/Inder, Kleinbauern/Fischer = Malayen; Kleinhandel/-handwerk = Chinesen, öffentliche Verwaltung = Malayen; Feudaladel = Malayen, Großkapitalisten und -händler = Chinesen. Bis in die 60er Jahre hinein sicherte noch die britische Armee die junge Regierung gegen Feinde von innen und außen. Britische Firmen kontrollierten die Wirtschaft des Landes. Trotz Unabhägigkeit blieb vorerst die (neo-) kolonial Struktur aufrecht erhalten und damit auch ihre besondere ethnische Ausprägung. Allerdings fehlte die sozusagen darüberstehende absolute Autorität der Kolonialherren mit ihrer Verwaltung. Solange die jeweilige Zuordnung der verschiedenen ethnischen Volksgruppen zu bestimmten sozialen Schichten oder Klassen eine relativ sichere Existenz garantierte, blieben Spannungen begrenzt. Allerdings förderte diese Konstellation auch in keiner Weise einen interethnischen Kontakt, dere über das wirtschaftlich Nowendige hinausging. Die sozio-kulturellen Unterschiede, durch die spezifischen Schichten- /Klassenzugehörigkeiten geprägt, wurden durch die ethnische Herkunft und den damit verbundenen kulturellen Hintergrund verstärkt. Dabei spielten Bildung und Religionszugehörigkeit eine entscheidende Rolle.

Bildung und Religionszugehörigkeit

Die britischen Kolonialherren hatten sich wenig um ein einheitliches Bildungssystem gekümmert. Lediglich um einheimischen Nachwuchs für die Kolonialverwaltung heranzuziehen und um englisch-sprachig vorgebildete Angestellte für britische Firmen auszubilden, gab es eine Reihe von englischen Schulen. Im übrigen überließen sie die Gestaltung der Schulerziehung den Organisationen der jeweiligen Volksgruppen.

Die Chinesen legten auf die Einrichtung von Schulen und einer chinesischsprachigen Ausbildung besonderen Wert. Kamen doch viele von ihnen ursprünglich aus sehr einfachen Verhältnissen und wollten mit der Auswanderung einen wirtschaftlichen wie sozialen Aufstieg erreichen. Wenn sie diese Ziele schon selbst nicht vollständig erreichen konnten, ermöglichte eine gute Ausbildung der Kinder beides und bedeutete auch eine Alterssicherung. Viele scheuten und scheuen deshalb auch keine Ausgaben für die Ausbuildung ihrer Kinder. Überall wo Chinesen leben sind auch chinesische Schulen zu finden. Meist wurden sie von den Landsmannschaften, die sich nach den jeweiligen Herkunftsregionen in China bildeten, gegründet und unterstützt. Solche Landsmannschaften bildeten meist auch eine Brücke zwischen den verschiedenen sozialen Schichten und Klassen und bestärkten eine kulturelle Identität als Chinese.

Die Religionszugehörigkeit war und ist wohl die größte Barriere zu größerem interkulturellen Verständnis zwischen den Volksgruppen Malaysias. Dabei wirkt sich insbesondere die Zugehörigkeit der Malayen zum Islam als größte Hürde interkultureller Beziehungen aus. Je nach Auslegung fördert er eine mehr oder minder starke Ausgrenzung von Nicht-Muslimen. Der zunehmende Einfluß fundamentalistischer Strömungen im Islam verstärkte seit Ende der 70er Jahre die Tendenz einer allgemeinen, strengeren Islamisierung der gesamten Gesellschaft und somit die Ausgrenzung von Nicht-Malayen. Die Chinesen orientieren sich an traditionellen chinesischen religiösen Weltanschauungen wie dem Konfuzianismus, Taoismus und Buddhismus, ohne diese im Zusammenleben jedoch als enges Dogma zu behandeln.3 Große Teile der Inder, vor allem der aus Südindien stammenden Tamilen, sind Hindus.

Eine wesentliche Möglichkeit zur Integration von verschiedenen Volksgruppen untereinander durch Mischehen ist durch die unterschiedliche Relgionszugehörigkeit erheblich erschwert. So erfordert z.B. eine Heirat zwischen Malayen und Chinesen den Übertritt des Chinesen zum Islam. Mischehen zwischen Malayen und Chinesen, die eine Brücke zwischen den beiden Volksgruppen bedeuten könnte, sind daher selten.

Die unterschiedlichen Sprachen erschwerten im wahrsten Sinne des Wortes eine Verständigung erheblich. Während der Kolonialzeit diente Englisch als Verkehrssprache, die für alle Volksgruppen eine Fremdsprache ist. Die Einführung der malayischen Sprache als Nationalsprache bereits in den 60er Jahren gestaltete sich als langwieriger und schwieriger Prozeß. Nicht-Malayen entwickelten hierzu weitgehende Vorbehalte und Ängste, ihre kulturelle Eigenständigkeit zu verlieren.

Ungleichmäßige Entwicklungen - Singapur in Malaysia

Erfolgte während der Kolonialzeit und auch noch in den ersten Jahren danach die Integration in den Weltmarkt über die Briten mit ihrem Commonwealth, so führte die politische Unabhängikeit allmählich auch zu einer zunehmenden wirtschaftlichen Unabhängigkeit von den Briten zugunsten einer eigenständigen Öffnung gegenüber anderen Industrieländern. Einerseits erhielt dadurch das einheimische Kapital die Möglichkeit beim Handel wie auch bei Investitionen sich auszudehnen, andereseits wurden verstärkte Einflußnahme und Investitionen durch andere ausländische Industrieländer, insbesondere den USA und Japan möglich. Einheimisches Kapital in nennenswertem Umfang lag aber in den Händen einiger weniger chinesisch-stämmiger Unternehmen, die nun mit der neuen ausländischen Konkurrenz auf dem Binnenmarkt zu kämpfen hatten oder mit ihr zusammenarbeiteten bzw. sie ergänzten. Solche Prozesse vollzogen sich in den urbanisierten Zentren und führten zu regional ungleichmäßigen Entwicklungen, vor allem gegenüber den kleinbäuerlich, ländlichen Gegenden. An Hand der Entwicklung Singapurs im Verhältnis zur übrigen malayischen Halbinsel wird die Problematik dieser ungleichen Entwicklung deutlich. treten.

Zur Zeit der Unabhängikeitserklärung Malayas 1957 war Singapur wie Hongkong noch eine Kronkolonie der Briten. Die Stadt wurde 1815 von den Briten als Stützpunkt auf dem Seeweg zwischen Europa und China auf einer fast unbewohnten Insel an der Südspitze der malayischen Halbinsel gegründet. Neben den Briten, wurden vor allem Chinesen angesiedelt, die heute weit über 70% der Bevölkerung ausmachen. Als koloniale Metropole bildeten sich gerade hier am schnellsten einheimisches Kleinhandwerk und - handel aber auch größere Produktions-, Handelsunternehmen und Banken heraus. Sie schufen ein großes Heer von verschiedensten Lohnabhängigen, angefangen bei Hafen-, Transport- und Industriearbeitern, Arbeitern im Kleingewerbe, über Angestellte im Haushalt und Dienstleistungsbereichen, in der Verwaltung ausländischer und einheimischer Firmen sowie der Kolonialverwaltung selbst.

Erst ab 1959 durften die Singapureaner ein eigenes Stadtparlament wählen und die meisten ihrer internen Angelegenheiten selber regeln. Die Außen- und Sicherheitspolitik blieb jedoch noch in den Händen der Briten. Diese zögerten, Singapur in die Unabhängigkeit zu entlassen, da sich hier am stärksten sozialistische und kommunistische Kräfte im anti- kolonialen Kampf in legalen Parteien und den starken, militanten Gewerkschaften profilierten, die möglicherweise die Macht übernehmen könnten. Eine einfache Eingliederung in die Föderation Malaya hätte zur Folge gehabt, daß die Malayen nicht mehr die Mehrheit eines solchen Staates bilden würden, sondern zugewanderte Chinesen und Inder. Darin wurde die Gefahr einer Destabilisierung auf ethnischer wie politischer Ebene gesehen. Erst mit der Zerschlagung der politischen Führung der sozialistischen Parteien und Gewerkschaften und der Einbindung Singapurs in Malaysia 1963 mit Malaya, Sarawak und Britisch Nord- Borneo (heute Sabah), wurde Singapur als Teil einer größeren Föderation unabhängig.

Und doch entwickelten sich innerhalb von nur 2 Jahren scheinbar unüberbrückbare Widersprüche zwischen der "chinesischen" Stadt Singapur und der malayischen Zentralregierung Malaysias, die schließlich 1965 zum Ausschluß Singapurs aus Malaysia und zur Gründung eines eigenen Stadtstaates führte. Die Interessen einer entwickelten einheimischen Kapitalistenklasse im städtischen Handelszentrum Singapur standen immer stärker im Gegensatz zu einer auf Landwirtschaft orientierten Zentralregierung mit z.T. feudalen Wurzeln. Sind darin die eigentlichen Ursachen der Widersprüche zu sehen, so spielt die Tatsache, daß Singapur "chinesisch" und die malaysische Zentralregierung "malayisch" ist, also die ethnische Komponente, jedoch eine zentrale Rolle bei diesem Konflikt, bei dem es letztlich um den politischen Machteinfluß zweier unterschiedlicher Klassen geht.

Stadt - Land Gegensatz in Malaysia

Der Konflikt mit Singapur zeigt, daß bei ungleichmäßiger Entwicklung von bestimmten sozialen Schichten, die ihrerseits eindeutig einer ethnischen Bevölkerungsgruppe zuzuordnen ist, sich rassistische Vorbehalte entwickeln. Da der Aufbau eines "modernen" kapitalistischen Staates immer erst einmal die Entwicklung der urbanen Regionen zur Folge hat und auch hier für einen Teil der Bevölkerung eine Verbesserung des Lebensstandards sowie der Konsummöglichkeiten bedeutet, bedeutete dies für Malaysia, daß vor allem die Chinesen davon profitierten. Trotz Maßnahmen der von Malayen domminierten Regierung zur Verbesserung der Infrastruktur und des Bildungswesens auf dem Land geriet jedoch die ländlich-kleinbäuerliche, malayische Bevölkerung ins Hintertreffen. Wenn dann auch noch die Rohstoffpreise von Kautschuk, Kakao, Palmöl und anderen Marktfrüchten auf dem Weltmarkt fielen und die Zwischenhändler für diese Produkte wiederum meist chinesischer Abstammung waren, verstärkten sich ethnische Vorurteile schnell.

Andererseits wollten Teile der städtischen Chinesen nicht mehr unwidersprochen die den Malayen zugeordnete Rolle in der Politik und deren Vorrechte akzeptieren. Sie fühlten sich außerdem durch die Förderung einer allein auf malayische Tradition und Kultur beruhenden Nationalkultur Malaysias außen vorgelassen.

Wenn auch die meisten großen Parteien, die in der Regel nur aus einer Volksgruppe Mitglieder rekrutierten, mit einem multiethnischem Programm angetreten waren, so sahen sie sich jetzt einer aufkommenden Unzufriedenheit der ländlichen malayischen Bevölkerung einereseits und der städtischen chinessichen andererseits gegenüber.

Um sich als Partei gegenüber den Wählern auf einfache Weise zu profilieren, versuchte sich jede als die wahre Vertreterin der Interessen der jeweiligen Volksgruppe darzustellen. Parteienpolitik orientierte sich immer stärker an der Verteidigung von vermeintlich gemeinsamen Interessen einer Volksgruppe meist in Abgrenzung zu einer anderen.

13. Mai 1969

Die Spannung zwischen Chinesen und Malayen, erreichte ihren Höhepunkt nach den Parlamentswahlen 1969. Die Parteien der regierenden Koalition hatten starke Verluste zugunsten der, insbesondere von chinesisch ausgerichteten Parteien, erlitten. Jubelveranstaltungen der "chinesischen Gewinner" in der Hauptstadt Kuala Lumpur am 11./12. Mai, die z.T. in anti- malayische Provokationen ausarteten, führten zu einer großen Verunsicherung unter den Malayen. Am 13. Mai 1969 organisierten diese dann Gegendemonstrationen, in deren Verlauf es zu schweren Auseinandersetzungen und Straßenkämpfen zwischen Malayen und Chinesen kam, die erst nach einer Woche durch den Einsatz von Polizei und Militär beendet werden konnten. Nach offiziellen Angaben wurden bei den Auseinandersetzungen knapp 200 Menschen getötet und 440 z.T. durch Schußwaffen verletzt. Zeitungsreporter behaupteten, die Zahlen seien viel höher. Über 9000 Personen wurden verhaftet und ca. 5500 vor Gericht gestellt. Etwa 750 Gebäude wurden durch Feuer beschädigt oder völlig zerstört. Am 14. Mai wurde der Ausnahmzustand über das ganze Land verhängt und damit das Parlament außer Kraft gesetzt.4

Die im vorherigen Abschnitt beschriebene ungleiche Entwicklung zwischen Stadt und Land hatte erneut einen "ethnischen" Charakter angenommen und endete in einer Polarisierung zwischen Malayen und Chinesen. Die alten Absprachen über die "Arbeitsteilung" zwischen der malayischen und chinesischen Elite - der einen die politische und der anderen die ökonomische Macht - waren nicht mehr haltbar. Das Zurückbleiben der ländlichen Bevölkerung wurde zum wirtschaftlichen Zurückbleiben der Malayen zugunsten der städtischen Bevölkerung, der Chinesen.

Ausgleich durch NEP

Mit der Einführung einer "Neuen Ökonomischen Politik" (NEP) sollte nun über einen Zeitraum von 20 Jahren planmäßig die Armut unter allen Volksgruppen beseitigt und die malaysische Gesellschaft derart umstrukturiert werden, daß die derzeitige Identifikation von ethnischer Zugehörigkeit mit Stellung in der Gesellschaft sowie räumlicher Zuordnung verringert wird bzw. verschwindet. Kernstück der NEP war die Beteiligung der Malayen an der Volkswirtschaft entsprechend ihres Anteils an der Gesamtbevölkerung. Dabei wurde die Verteilung des Kapitalbesitzes als Schlüsselindikator betrachtet. 1970 waren 60,7% des Kapitals in ausländischer Hand, 22,5 % in "chinesischer", 1,9% in malayischer, 1,0% in "indischer" und der Rest in staatlicher bzw. ethnisch nicht zuzuordnender Hand. Für 1990 wurde als Ziel bei einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum des investierten Kapitals von 11,5% folgende Verteilung des Kapitals angestrebt: 29,8% ausländisch, 30,1% Bumiputras (Söhne der Erde)5 und 40,1% Nicht-Malayen (einschl. staatlicher und ethnisch nicht zuzuordner). Ein Reihe von Maßnahmen sollten diese gesellschaftliche Umstrukturierung ermöglichen, die meist auf eine Förderung der Malayen hinauslief6

So wurde beispielsweise eine Quotierung eingeführt, nach der mindestens 40% der Beschäftigten der meisten Industrieunternehmen Bumiputras d.h. praktisch Malayen sein müssen. Um eine Kapitalbeteiligung von Bumiputras bei Investitionen zu ermöglichen, auch wenn diese noch gar nicht über genügend Kapital verfügten, übernahm die Regierung mit der Gründung entsprechender Institutionen treuhänderisch diese Anteile für Bumiputras, bis sie selbst in der Lage sind, diese Anteile selbst zu übernehmen. Ferner sollten Bumiputra-Unternehmen bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen bevorzugt werden. Große Landerschließungsprojekte wurden durchgeführt, um armen Kleinbauern durch Umsiedlung mehr Land zur Verfügung zu stellen. Im Bildungsbereich wurden Malayen besonders gefördert und Quoten zu ihren Gunsten bei der Vergabe von Studienplätzen an Hochschulen eingeführt. Ebenso mußten Stellen in der öffentlichen Verwaltung zu 75% mit Bumiputras besetzt werden. Hinzu kamen verstärkt kulturpolitische Maßnahmen und Gesetze zur Durchsetzung von Malayisch als Umgangs- und Staatssprache.

Erfolge der NEP

Es kann an dieser Stelle nicht eine umfassende Darlegung und Einschätzung der NEP vorgenommen werden. In Malaysia findet hierzu angesichts des Ablaufens der angesetzten 20 Jahre eine breite Diskussion unter Wirtschaftsexperten und der allgemeinen Öffentlichkeit statt.7 Einigkeit besteht allerdings darüber, daß mit der NEP die ethnischen Spannungen zwischen Malayen und Chinesen im politischen Leben kaum abgebaut werden konnten, obwohl sich nachweislich die Sozialstruktur und ihre ethnische Ausprägung verändert hat. Die Bevorzugung und Förderung einer Volksgruppe, also der Malayen, auf den verschiedenen Ebenen der Volkswirtschaft führt notwendigerweise zur Einschränkung der Möglichkeiten der anderen Volksgruppe, also der Chinesen und Inder. Hinzu kommt, daß die horizontale Ungleichheit - ausgedrückt in Schichten oder Klassen - in einer an der kapitalistischen Industrialisierung orientierten Gesellschaft nicht aufgehoben worden ist und auch gar nicht aufgehoben werden sollte.

Die NEP ermöglichte eben nur einem kleinen Teil der Malayen die Teilhabe an wirtschaftlicher Macht und Wohlstand, vor allem denjenigen, die im Regierungs- und Staatsapparat tätig waren und sind. Zwar besitzen 45% der erwachsenen Bumiputras Anteile am nationalen Treuhandunternehmen (ASN), aber allein 75% der Anteile sind im Besitz von 1,3% 8. Wirtschaftskrisen und Korruption führen zu Unzufriedenheit unter der Mehrheit der weniger erfolgreichen Malayen, denen durch die NEP eine schöne Zukunft prophezeit wurde. Sie haben nun zwar eine bessere Ausbildung, aber stehen nicht nur gegenüber den Chinesen sondern auch untereinander in Konkurrenz. Auf der anderen Seite mußten die Chinesen durch die NEP, vor allem die weniger wohlhabenden, eine Reihe von Einschränkungen und Benachteiligungen in ihrer Ausbildung und den beruflichen Chancen in Kauf nehmen.

Unter solchen Bedingungen ist es für beide Seiten nach wie vor das einfachste, die jeweils andere ethnische Gruppe und nicht den gesellschaftlichen Entwicklungsweg Malaysias für die Probleme verantwortlich zu machen, der soziale Ungleichheit weder aufheben kann noch will. Sind einerseits die Vorbehalte der Mehrheit der Chinesen gegenüber den Malayen nicht abgebaut, so wird andererseits stärker als vor 20 Jahren auch unter den Malayen immer deutlicher, daß auch nur wenige von ihnen den wirtschaftlichen Aufstieg schaffen können, da die Konkurrenz, unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit, sie daran hindert. Saßen früher Chinesen in Positionen und verhinderten einen Aufstieg, so sind es heute häufig Leute der eigenen Volksgruppe.

Klassen- nicht Rassenprobleme

Wie aufgezeigt wurde, liegen dem vermeintlichen "Chinesen- Problem" in Malaysia seit der Unabhängigkeit ursächlich soziale Spannungen zwischen verschiedenen Schichten bzw. Klassen zugrunde, sowie der Konkurrenzkampf um wirtschaftliche und politische Macht innerhalb der herrschenden Schichten. Die subjektiv empfundene existentielle Unsicherheit in den verschiedenen Schichten der Volksgruppen Malaysias wird in einer politischen Landschaft wie in Malaysia immer wieder erfolgreich durch Politiker - mehr oder minder direkt - auf eine "Bedrohung" durch die jeweils andere Volksgruppe - also Chinesen oder Malayen - zurückgeführt. Dabei sind die objektive Ursachen vorwiegend in den "natürlichen" Mechanismen der sich wandelnden kolonialen Gesellschaftsstruktur in eine kapitalistische und in den Widersprüchen letzterer zu suchen.

Verschiedene Analysen fortschrittlicher Sozial- und Politik- WissenschaftlerInnen der verschiedenen Volksgruppen in Malaysia kamen immer wieder zu dem Ergebnis, daß eigentlich die objektiven schichten-/klassenspezifischen - also die horizontalen - Gemeinsamkeiten und Interessen der Bevölkerung Malaysias ein zunehmend größeres Gewicht haben als die ethnisch kulturellen und religiösen - also die vertikalen.9 Insbesondere zwischen der herrschenden politischen Elite - der Malayen - und den einheimischen - chinesischen - (Groß-) Kapitalisten bestand ein großes Maß an Einheit. Beide Gruppierungen konnten bisher auch immer eine (Wahlstimmen-) Mehrheit für ihre Parteien als Interessensvertreterin ihrer jeweiligen Bevölkerungsgruppe sichern und so seit über 30 Jahren das Land regieren.

Massive Repressionen gegenüber jeglichen Ansätzen einer sozialistisch/ kommunistischen Politik bereits unter den Briten verhinderte die Entwicklung einer Klassensolidarität unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit und die Formierung einer Zusammenarbeit von entsprechenden politischen Kräften. Die z.T. durch die politische Entwicklung im Land besonders herangezüchtete Hervorhebung der kulturellen und religiösen Unterschiede zwischen den Volksgruppen und ihre räumliche Trennung voneinander im Alltagsleben außerhalb der Arbeitzeit, tragen ebenfalls nicht zur interkulturellen Verständigung bei.

Veränderungen der Sozialstruktur im oben genannten Sinne zeichnen sich aber gerade in den letzten Jahren ab, wenn sie auch die spaltende Wirkung der ethnischen Konflik zwischen Chinesen und Malayen noch nicht aufgehoben haben. Je mehr (malayische) Kleinbauern zu Lohnarbeitern werden oder sogar in den Mittelstand aufsteigen und die malayische politische Elite zu (bürokratischen) Kapitalisten werden, um so stärker wirken die klassen- und schichtenspezifischen Widersprüche auch innerhalb der Volksgruppe der Malayen. Die Spaltung der malayischen Regierungspartei UMNO im letzten Jahr signalisiert Widersprüche unter den Malayen in einem bisher nicht dagewesenen Umfang. Sie drücken die unterschiedlichen Interessen des malayischen städtischen Mittelstandes, der die Staatsbürokratie tragenden Kräfte, der kleinbäuerlichen Landbevölkerung und des an Einfluß verlierenden Feudaladels aus.

Solche Entwicklungen beinhalten die Chancen abnehmender ethnischer Konflikte, wenn die objektiven klassen- und schichtenspezifischen Interessen zum Zuge kommen. Erfahrungsgemäß aber wird in Malaysia in solchen Zersetzungsprozessen der inner- ethnischen Solidarität jede Gelegenheit gesucht, um die "eigentlichen" Feinde außerhalb der eigenen Volksgruppe zu suchen. Damit wird der Teufelskreis der gegenseitigen Verunsicherung erneut angeheizt und für Malayen werden die Chinesen zu einer Bedrohung wie auch umgekehrt.

Anmerkungen:
1 vgl. Leopold Friedrich, Die Auslandschinesen in Südostasien, in: Südostasien Informationen 4/1989 S. 5ff
2 vgl. Victor Purcell, The Chinese in Southeast Asia, 2. Auflage 1965, S.223
3 vgl. Francis Wolf, Chinesische Religionen in Südostasien, in Südostasien-Informationen Nr.4/86 S.6-10
4 vgl. Leon Comber, 13 May 1969 - A Historical Survey of Sino- Malay Relations, Kuala Lumpur 1983
5 als "Bumiputra" zählen Malayen von Westmalaysia und alle ursprünglichen Stammesvölker insbesondere in Ost-Malaysias.
6 vgl. Government of Malaysia, Mid-Term Review of the Second Malaysia Plan 1971-1975, Kuala Lumpur 1973, S.61ff
7 vgl. unter anderem:
Jomo K.S., R.J.Wells (Hrsg.), The Fourth Malaysia Plan, Economic Perspectives, Kuala Lumpur 1983 (185 S.)
Jomo (Hrsg.), Malaysia's New Economic Policies - Evaluation of the Mid-Term Review of the Fourth Malaysia Plan, Malaysian Economic Association, Kuala Lumpur 1985
Sukor Kassim, Persistence of Poverty under the New Economic Policy; in: Jomo K.S., Khong How Ling, Shamsulbahriah Ku Ahmad (Hrsg.), Crisis and Response in the Malaysian Economy, Kuala Lumpur 1987, S. 206-239
Suhaini Aznan, Hamish McDonald, Ethnic Economics - After 20 years of NEP, the jury is still out, in: Far Eastern Economic Review v. 22.6.1989, S.28-33
Aliran, The NEP and Unity. A Call for Honesty and Sincerity; in: Aliran Monthly Vol.9, No.3, 1989, S. 2-4
Lim Kit Siang; Replace the NEP; in: The Rocket Vol.22, Issue 5, 1989 S. 10-13
Chandra Muzaffar; An Alternative to the NEP; in: Aliran Monthly Vol.9, No.5, 1989, S. 2-10
8 vgl. Jomo Kwame Sundaram, Malaysia's New Economic Policy and national unity, in: Third World Quarterly, Vol.11, No.4, (1989) S.47
9 vgl. unter anderem :
B.N. Cham, Klasse und kommunaler Konflikt, in: E.Garbe (Hrsg.), Klassen- und Rassenkonflikte in Südostasien, Frankfurt 1981 (Orginal: Class and Communal Conflict in Malaysia, in: Journal of Contemporary Asia, Vol.5, No.4, 1975)
Lim Mah Hui, Ethnic and Class Relations in Malaysia, in Journal of Contemporary Asia, Vol. 10, No.1/2 (1980)
S. Husin Ali, The Malays - Their Problems and Future, Kuala Lumpur 1981 (142 S.)
S. Husin Ali (Hrsg.), Malaysia - Ethnicity, Class and Development, Kuala Lumpur 1984 (382 S.)

aus Südostasien Informationen Nr. 4/1989 S. 28 - 33

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Stand: 12. January 1998, © Asienhaus Essen / Asia House Essen
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