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China - Regierung reagiert auf Finanzkrise

Die chinesische Regierung hat, obwohl wichtige ökonomische Kennziffern weiter im grünen Bereich liegen, vorsorglich Maßnahmen eingeleitet, um die Wirtschaftsdynamik zu stärken. Hierzu zählen drei Senkungen des Leitzinses, die Verbilligung von Krediten für den Wohnungsbau, eine Stärkung des Exports sowie Infrastrukturprojekte. Aufgrund hoher Lohnsteigerungen sind unterdessen manche Branchen wie die Spielzeug- und die Bekleidungsindustrie, die stark von der Ausfuhr abhängen, in eine Krise geraten, die vor allem im Süden große Sorgen bereitet.
 
Das Wachstum der chinesischen Volkswirtschaft hat sich im 3. Quartal 2008 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf real 9,0 Prozent abgeschwächt. Für die ersten neun Monate gibt das National Bureau of Statistics (NBS) die Steigerungsrate mit 9,9 Prozent an. Ohne die weltweite Finanzkrise wäre dieseVerlangsamung als Erfolg Bremspolitik der letzten Jahre gewertet worden, da in der Vergangenheit eher eine Überhitzung der Konjunktur zu befürchten war. 
 
Unter dem Eindruck der globalen Unsicherheiten hat die Regierung nun in manchen Gebieten eine Kehrtwende eingeleitet. Dies umfasst makroökonomische Maßnahmen wie die Senkung des Leitzinses,
eine stärkere Förderung des Wohnungsbaus, eine höhere Rückerstattung der Umsatzsteuer bei Exporten sowie infrastrukturelle Maßnahmen.
 
Beijing hat damit vorsorglich Eingriffe unternommen, obwohl wichtige ökonomische Kennziffern weiterhin im grünen Bereich sind. So haben beispielsweise die chinesischen Exporte im 3. Quartal 2008 im Vergleich zum Vorjahresquartal um 23,1 Prozent auf 408 Milliarden US-Dollar zugelegt. Dies entspricht dem höchsten jemals ermittelten Ausfuhrwert und gleichzeitig der stärksten Zuwachsrate seit dem 3. Quartal 2007.
 
Weiterhin dynamisch zeigen sich auch die Umsätze im Einzelhandel. In den ersten drei Monaten des Jahres erhöhten sich die Verkäufe im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um nominal 22,0 Prozent auf 7.790 Milliarden RMB, in den Monaten August und September beliefen sich die Zuwachsraten gar auf jeweils 23,2 Prozent. Mit noch höheren Steigerungsraten entwickelten sich die Investitionen in festes Anlagevermögen. So berichtet das NBS ein Wachstum in den ersten acht Monaten um nominal 27,4 Prozent auf 8.490 Milliarden Renminbi (etwa 890 Mrd. Euro, 1 Euro = 9,54 RMB, 3-Monatsmittelkurs), wobei insbesondere der Primärsektor (+63,5%) und der Wohnungsbau (+30,9%) zulegen konnten.
 
Insbesondere zwei Industriesektoren stehen jedoch im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Bekleidung und Spielzeug. Beide Branchen sind arbeitsintensiv und daher von den steigenden Löhnen in Ost- und Südchina stark betroffen. Nach Presseberichten mussten in den ersten sieben Monaten mehr als 3.600 Spielzeughersteller ihre Pforten schließen - das entspricht der Hälfte aller Produzenten in dieser Branche.
 
Die Provinz Guangdong ist von dieser Entwicklung am stärksten betroffen, so dass in Guangzhou überlegt wird, einen Notfonds einzurichten, um die schlimmsten Folgen der Firmenzusammenbrüche abzufedern.
Dass manche Sektoren auch im internationalen Geschäft zusehends unter Druck geraten, zeigt sich geradein arbeitsintensiven Industrien. So erhöhte sich die Ausfuhr von Bekleidung in den ersten acht Monaten im Vergleich zur Vorperiode um nur noch 2,6 Prozent auf 75,1 Milliarden US-Dollar, während im Gesamtjahr 2007 noch ein Plus von 20,8 Prozent gemeldet worden war. Und die Ausfuhr von Spielzeug war mit -1,7 Prozent auf 8,5 Milliarden US-Dollar sogarrückläufig - nach einer Steigerung von 20,3 Prozent im Jahr 2007.
 
Die chinesische Zentralbank, die People`s Bank of China, hat nun trotz allgemein noch guter Wirtschaftslage innerhalb von sechs Wochen den Leitzins dreimal gesenkt, um eine weitere Abschwächung der Konjunkturdynamik zu verhindern. Dieser steht aktuell bei 6,66 Prozent. In den vergangenen Jahren hatte die Bank den Leitzins kontinuierlich angehoben.
 
Der chinesische Wohnungsbau ist in den vergangenen Monaten ebenso etwas unter Druck geraten. So stiegen die durchschnittlichen Quadratmeterpreise, die sich im Zeitraum 2000 bis 2007 auf 4.000 RMB verdoppelt hatten, seit Jahresbeginn nicht mehr und gingen teilweise sogar auf knapp über 3.500 RMB zurück. Insbesondere die Wachstumszentren im Osten des Landes sind betroffen. So sollen nach Zeitungsberichten die Quadratmeterpreise in Guangzhou im August im Vergleich zum Vorjahresmonat um 21 Prozent auf 9.078 RMB gesunken sein.
 
Bislang war das Eigenkapital, das ein Käufer beim Erwerb einer Wohnung mitbringen musste, auf 30 Prozent des Preises festgelegt. Die People`s Bank of China hat nun diese Quote auf 20 Prozent gesenkt, um Neukäufe zu erleichtern. Zudem wurden Rabatte erhöht. Bis vor kurzem konnten Wohnungskäufer einen Abschlag von maximal 15 Prozent auf den aktuellen Zinssatz erhalten. Dieser Wert wurde nun auf 30 Prozent erhöht, um zusätzlich zum Kauf von Neubauten zu motivieren.
 
Ferner wurden die Transfersteuern (deed tax), die beim Erwerb einer Immobilie erhoben werden, auf 1 Prozent des Wertes gesenkt. Dies betrifft Erstkäufe mit einer Wohnfläche von maximal 90 Quadratmetern. Schließlich wurde die bislang erhobene Stempelsteuer (stamp tax) auf unbestimmte Zeit komplett abgeschafft.
 
Der letzte große Bereich, dem allgemein eine schwächere Zukunft vorhergesagt wird, ist der Exportsektor. In der Tat ist damit zu rechnen, dass die Ausfuhrdynamik geringer ausfallen wird, als man es bisher gewohnt war. Allerdings wird in der Analyse häufig übersehen, dass beispielsweise im August des Jahres zwar 24,2 Prozent der Auslandslieferungen nach Europa gingen und weitere 17,9 Prozent in die USA, in der Summe aber 45,7 Prozent aller Waren nach Asien (einschließlich Naher und Mittlerer Osten) geliefert wurden.
 
Im Zeitraum Januar bis August erhöhten sich beispielsweise die Exporte in die ASEAN-Staaten um 29,0 Prozent und die nach Indien sogar um 46,1 Prozent.Indien ist damit innerhalb Asiens der viertgrößte Abnehmer von chinesischen Waren nach Hongkong, Japan und Südkorea, aber vor Singapur und Taiwan. China ist daher weniger von den erwarteten Rückgängen in Europa oder in den USA betroffen als beispielsweise Deutschland. 74,5 Prozent der deutschen Exporte gehen nach Europa und 6,8 Prozent in die USA, nach Asien aber nur 12,3 Prozent.
 
Dennoch sorgt sich Beijing um den Exportsektor und erhöhte zum 1. November 2008 die Umsatzsteuerrückerstattung für den Export von 3.486 Waren beziehungsweise Warengruppen (auf Basis des harmonisierten Systems) in unterschiedlichem Ausmaß. Betroffen sind davon 25,8 Prozent der gesamten Ausfuhren, das wären für 2008 etwa 375 Milliarden US-Dollar. In den Genuss einer höheren Erstattung kommen in erster Linie arbeitsintensive Produkte wie Textilien und Bekleidung, Spielzeug, Möbel sowie Keramik und Glaswaren. Betroffen sind aber auch Produkte aus dem Bereich der Elektrotechnik und Maschinenbau oder bestimmte Nahrungsmittel wie Rindfleisch und Fisch.
 
Im Allgemeinen wurden die Sätze um einen, maximal zwei Prozentpunkte erhöht. Beobachter erwarten daher keine allzu großen Auswirkungen auf den Exportsektor. Allerdings könnten sich die Margen erhöhen, so dass manche Firma vor dem Bankrott gerettet werden kann.


Quelle: Asien Kurier vom 1. Dezember 2008
www.asienkurier.com/texte/AK081204.html

Autor:inneninformation

Bernd Schaaf, bfai-Korrespondent in Shanghai

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