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Vom Skandal zur Reform: Chinas Social-Media-Proteste

Proteste für mehr Transparenz (KI generiert)
Proteste für mehr Transparenz (KI generiert)

Gesetzliche Reformen einfordern, unabhängige Monitoringorganisationen begründen, diese Dinge erscheinen ausgeschlossen in autoritären Systemen

Am 10. September 2025 kritisierte der Blogger und Unternehmer Luo Yonghao die Restaurantkette Xibei (西北) öffentlich auf der chinesischen Social-Media-Plattform Weibo. Luo warf dem Unternehmen vor, industriell vorgefertigte Speisen als gesunde Küche zu vermarkten und diese zu überhöhten Preisen zu verkaufen. Zugleich forderte er die Regierung auf, Restaurants gesetzlich zu verpflichten, den Einsatz von Fertiggerichten transparent zu kennzeichnen, um Verbraucher:innen besser zu schützen. Aufgrund seiner großen Reichweite – Luo hat rund 1,9 Millionen Follower:innen auf Weibo – griffen nicht nur Konsument:innen, sondern auch Medien und politische Entscheidungsträger seine Kritik auf. Der Vorfall entwickelte sich rasch zu einer breiten gesellschaftlichen Debatte über Lebensmittelsicherheit und Verbrauchertransparenz.

Dieses Thema ist in China spätestens seit dem Babymilchpulver-Skandal von 2008 hochsensibel. Damals führte der massive Vertrauensverlust in staatliche Kontrollmechanismen zu politischen Konsequenzen und verschärften Regulierungen. Lebensmittelskandale besitzen seither nicht nur gesellschaftliche, sondern auch erhebliche politische Relevanz: Der Staat muss sichtbar reagieren, um Legitimität und soziale Stabilität zu wahren. Der Fall Xibei verdeutlicht zugleich, dass auch Einzelpersonen, trotz der Sensibilität des Themas, öffentliche Kritik äußern und politische Diskurse anstoßen können. In seinem Weibo-Beitrag schrieb Luo am 10. September:

„Es ist schon ewig her, dass ich das letzte Mal im Xibei gegessen habe. Heute nach der Landung habe ich dort mit Kolleg:innen gegessen und festgestellt, dass es fast ausschließlich Fertiggerichte waren, die dennoch sehr teuer waren. Es war absolut widerlich. Ich hoffe, dass die Regierung bald Gesetze erlässt, die Restaurants dazu verpflichten, anzugeben, ob sie Fertiggerichte verwenden.“ 

Diese Äußerung löste eine Welle von Reaktionen aus, die das Unternehmens massiv unter Druck setzten. Der Xibei-Gründer Jia Guolong wies die Vorwürfe zunächst zurück und drohte Luo mit rechtlichen Schritten. Zugleich ordnete er an, die Küchen aller Filialen für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, um Transparenz zu demonstrieren. Zusätzlich setzte er eine Belohnung von 100.000 Renminbi für die Person, die den Nachweis erbringt, dass in den Küchen keine Fertigprodukte verwendet würden. Diese Strategie erwies sich jedoch als kontraproduktiv. Bei den Besichtigungen stellten Besucher:innen und Medienvertreter:innen fest, dass Köch:innen tatsächlich auf vorgefertigte Komponenten zurückgriffen. In sozialen Medien entbrannte daraufhin eine intensive Diskussion über irreführende Werbung, Preis-Leistungs-Verhältnisse, Gesetze und Regularien zur Lebensmittelqualität und potenzielle gesundheitliche Risiken industriell vorgefertigter Waren. Zwei Tage später wurden die Küchenbesichtigungen wieder eingestellt. Am selben Tag ging Luo auf mehreren Plattformen live und bekräftigte, dass er grundsätzlich nichts gegen Fertiggerichte habe, und seine Forderungen sich ausschließlich auf Transparenz und Verbraucheraufklärung bezogen. Die Livestreams erreichten innerhalb kurzer Zeit ein Millionenpublikum. 

Am 15. September entschuldigte sich Xibei schließlich öffentlich auf Weibo und räumte ein, den Erwartungen der Kundschaft nicht gerecht geworden zu sein. Das Unternehmen kündigte an, die zentrale industrielle Vorproduktion schrittweise aufzugeben und stattdessen wieder stärker auf die Zubereitung der Speisen vor Ort in den Filialen zu setzen. Parallel dazu entwickelte sich auf Weibo unter dem Hashtag #Ich habe keine Angst vor Fertigprodukten, ich habe nur Angst, dass du es mir nicht sagst# eine breite gesellschaftliche Debatte. Rund 57,5 Millionen Nutzer:innen verfolgten die Diskussion, die sich vor allem um Vertrauensverlust, irreführende Werbeslogans und das Auseinanderklaffen von Preis und wahrgenommener Qualität drehte. Lebensmittelqualität bleibt damit ein Thema von hoher gesellschaftlicher und politischer Relevanz – insbesondere in einem Land, in dem unabhängige Prüfinstanzen wie der deutsche Verbraucherschutz nicht existieren und Korruption in der Lebensmittelindustrie in der Vergangenheit gravierende Folgen hatte.

Lebensmittelsicherheit als politisch sensibles Thema in China

Besonders prägend war der Melamin-Skandal von 2008, bei dem die Industriechemikalie in Säuglingsmilchpulver nachgewiesen wurde. Melamin kann in hohen Dosen Nierenversagen verursachen; Tausende Säuglinge erkrankten, mindestens sechs starben. Zwar verschärfte die chinesische Regierung ab 2009 die gesetzlichen Regelungen zur Lebensmittelsicherheit erheblich und ahndete Verstöße mit hohen Strafen, doch die Umsetzung von Sicherheitsstandards und Informationstransparenz bleibt problematisch. Dies blieb nicht Chinas einziger Milchskandal.

Rechtlich haben Verbraucher:innen laut Artikel 8 des Gesetzes zum Schutz der Verbraucherrechte und -interessen Anspruch auf „wahrheitsgemäße Informationen über die gekauften oder genutzten Waren oder Dienstleistungen“. Dennoch kam es auch in jüngerer Zeit zu Konflikten: 2023 beschwerten sich Eltern in mehreren Städten – darunter Ganzhou (Jiangxi), Shenzhen und Guangzhou – über den Einsatz von Fertiggerichten in Schulen. Diese Bedenken führten zu neuen Standards und verstärkten Kontrollen durch das Bildungsministerium. Vor dem Hintergrund vergangener Industrieskandale gelten Fertiggerichte vielen Verbraucher:innen als qualitativ minderwertiger und potenziell riskanter als frisch zubereitete Speisen.

Die Debatte um Xibei fügt sich somit in eine längere Reihe von Lebensmittelskandalen und darauf folgenden regulatorischen Anpassungen ein. Weitere Reformen wurden bereits angekündigt. Vorgesehen sind strengere Sicherheitsanforderungen sowie klarere rechtliche Grundlagen für deren Durchsetzung. Künftig sollen Restaurants offenlegen müssen, ob und in welchem Umfang sie Fertiggerichte verwenden. Ergänzend baut die Regierung digitale Informationsangebote aus, über die sich die Öffentlichkeit über Produktionslizenzen, Inspektionsergebnisse und Produktrückrufe informieren kann, etwa über die staatliche „Food Safety Information Public Service Platform“. Weitere Regulierungen wurden bereits angekündigt.

Regulatorische Reaktionen und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse

Zugleich organisieren sich Verbraucher:innen zunehmend in lokalen Graswurzelinitiativen wie „Xicheng Grandma“ in Peking oder in Dachverbänden wie der China Consumer Association, die der staatlichen Marktaufsicht angeschlossen ist. Auch Industrie- und Expertennetzwerke wie die Food Quality & Safety Association bündeln Akteur:innen aus Wissenschaft, Medien, Wirtschaft und Verwaltung, um Fragen der Lebensmittelsicherheit zu adressieren.

Trotz dieser Entwicklungen liegt die Hauptverantwortung für Lebensmittelsicherheit weiterhin beim Staat. Gleichzeitig wächst die Lebensmittelindustrie, Konsumgewohnheiten diversifizieren sich, und Risiken werden komplexer. Reformen erfolgen häufig reaktiv, ausgelöst durch Skandale, und gehen mit kurzfristigen Maßnahmen wie unangekündigten Inspektionen oder verschärften Strafen einher. NGOs und Verbraucherverbände tragen ergänzend durch Aufklärungskampagnen, Meldesysteme und Monitoring zur Problembearbeitung bei.

Der Fall Xibei zeigt, dass Lebensmittelsicherheit und Informationstransparenz in China zwar weiterhin sensible Themen sind, zugleich aber ein wachsendes gesellschaftliches Engagement und Rechtsbewusstsein erkennbar wird. Die öffentliche Forderung eines Unternehmers und Influencers nach gesetzlicher Reform widerspricht dem Bild eines vollständig abgeschotteten und ausschließlich top-down gesteuerten Staates. Die Regierung reagiert in ausgewählten Bereichen auf öffentliche Kritik, um Reformen zu erzielen und ihre Legitimität sowie gesellschaftliche Stabilität zu sichern. Eine differenzierte Betrachtung dieser partizipativen Wechselwirkungen zwischen Staat, Gesellschaft und Wirtschaft bleibt daher zentral.

 

Autorin

Enya Spickmann, Master-Studentin der Sinologie und Politikwissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen. Editiert durch das China-Programm der Stiftung Asienhaus.

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