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Lesetipp: Inside Indonesia - Indonesia and Timor-Leste living together

Street art in Dili, artwork by Tony Amaral, Cover Edition 162, Inside Indonesia, Dec. 2025 Foto: Vannessa Hearman

Zum fünfzigsten Jahrestag der indonesischen Invasion in Osttimor beleuchtet das Magazin Geschichte und Gegenwart einer Nachbarschaft.

Die Invasion markierte den Beginn einer 24-jährigen Besatzung durch das Suharto-Regime, die 1999 mit dem Votum für die Unabhängigkeit endete. Es hat das Leben unzähliger Menschen in Osttimor wie auch in Indonesien dramatisch verändert, wie Vannessa Hearman und Tim Mann, das Redaktionsteam dieser Ausgabe, betonen. Sie haben Akteur:innen aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Medien und Kunst zusammengeführt und eine ebenso eindrucksvolle wie hochrelevante Ausgabe geschaffen. Gemeinsam widmen sie sich der Frage, welche Bedeutung dieses Jubiläum für beide Länder und ihre Bevölkerungen hat und wie es gelingen kann, trotz einer von Konflikten und Gewalt geprägten Geschichte ein nachbarschaftliches Zusammenleben zu gestalten.

Während der indonesischen Besatzung wurden mehr als 100.000 Osttimores:innen getötet oder starben infolge von Hunger und hungerbedingten Krankheiten, so die Kommission für Wahrheit, Aufarbeitung und Versöhnung in Osttimor (CAVR). Viele weitere Menschen gelten bis heute als vermisst.

Die noch offene Frage nach dem Verbleib der Verschwundenen

Lia Kent zeigt auf, wie Familien mit dem Verschwinden ihrer Angehörigen umgehen. Dabei beschreibt sie Praktiken, mit denen Familien den ungewissen Status der Vermissten aushandeln und zugleich alltägliche Formen sozialer Wiederherstellung entwickeln.

Die ungelöste Frage der Vermissten betrifft in Timor-Leste auch den Staat selbst, was sich exemplarisch am Fall Nicolau Lobatos zeigt, des ersten Premierministers der 1975 proklamierten Demokratischen Republik Osttimor. Lobato soll 1978 bei einem Hinterhalt indonesischer Spezialeinheiten unter Führung von Prabowo Subianto getötet worden sein; weit verbreitet ist die Annahme, dass das indonesische Militär Informationen über seine sterblichen Überreste zurückhält und diese als Kriegstrophäe nach Indonesien gebracht wurden. Diese anhaltende „abwesende Präsenz“ stellt die politische Führung Timor-Lestes vor das Spannungsfeld zwischen der Pflege bilateraler Beziehungen zu Indonesien und der Pflicht zur angemessenen Würdigung Lobatos. Sein leeres Grab auf dem Friedhof der Helden und Märtyrer des Vaterlandes in Metinaro ist eine eindringliche Mahnung daran, dass die Vergangenheit weiterhin in die Gegenwart hineinwirkt.

Solidarität im Zeichen des Erinnerns

Während des Suharto-Regimes konnte die Bevölkerung in Indonesien in der gleichgeschalteten Presse über die ‚Entwicklungserfolge‘ in Osttimor lesen. Die Menschenrechtsverbrechen, die die Streitkräfte dort verübten, und der Widerstand gegen die Fremdherrschaft blieben ausgespart. Diese „Medienblockade“ fiel mit der Reformasi, dem indonesischen Demokratisierungsprozess, der 1998 mit dem erzwungenen Rücktritt Suhartos einsetzte. Mit Sorge stellte Rita Padawangi fest, dass die Narrative der Neuen Ordnung über Timor-Leste unter indonesischen Jugendlichen bis heute fortbestehen und weiterhin im schulischen Lehrplan verankert sind.

In Zusammenarbeit mit Kolleg:innen aus Indonesien und Timor-Leste entstand die Idee, dem mangelnden Geschichtsbewusstsein mit einem Dokumentarfilm zu begegnen und zugleich den solidarischen Austausch zwischen Jugendlichen beider Länder zu fördern. Das Ergebnis ist der 70-minütige Film Ingatan dari Timor (Erinnerungen an Timor).

 

Solidarität mit West-Papua

Ivo Mateus Gonçalves beleuchtet das solidarische Eintreten der osttimoresischen Zivilgesellschaft für West-Papuas Recht auf Selbstbestimmung. Die Regierung tue sich schwer damit, das Spannungsverhältnis zwischen dem Recht auf freie Meinungsäußerung und den diplomatischen Beziehungen zu Indonesien auszutarieren. Wiederholt kam es zu Verboten von Protesten.

Wahrheitssuche und Versöhnung

In der Gesellschaft Timor-Lestes ist der Umgang mit der gewaltbelasteten Vergangenheit ein präsentes und kontrovers diskutiertes Thema, insbesondere im Hinblick auf unterschiedliche Vorstellungen von Versöhnung. Pat Walsh, ehemaliger Berater der Wahrheitskommission, kritisiert die Haltung der osttimoresischen Regierung zu Gerechtigkeit und Versöhnung mit Indonesien. Hugo Maria Fernandes, Direktor des Centro National Chega (CNC), der Nachfolgeinstitution der Wahrheitskommission, diskutiert die Bedeutung von Versöhnung aus einer innertimoresischen Perspektive, geht der Frage nach, wer daran beteiligt sein sollte, und stellt die gemeindebasierten Prozesse des CNC vor.  In diesem Zusammenhang kann Versöhnung dazu beitragen, den Kreislauf aus Anschuldigungen, Leugnungen und Gegenanschuldigungen zu durchbrechen. Abgeschlossen sind die Prozess jedoch noch nicht.

Zerbrechliches Zusammenleben in Westtimor

Victoria Sakti zeigt auf, wie Osttimores:innen, die in Westtimor leben, mit den Spannungen und Schwierigkeiten des Lebens umgehen. Nach dem Referendum vertrieben die pro-indonesischen Milizen mehr als 240.000 Menschen über die Grenze nach Westtimor, einige flohen auch freiwillig. Die meisten Vertriebenen kehrten zurück, doch bei weitem nicht alle. Zwei Jahrzehnte später haben diejenigen, die geblieben sind, sich hier ein Leben aufgebaut. Für einige ist die Rückkehr unmöglich: Sie haben geheiratet, Kinder großgezogen oder haben Geschichten, die sie an diese Seite der Grenze binden.

Straflosigkeit und die Kosten der Besatzung

Made Supriatma widmet sich den Folgen der Besatzung innerhalb Indonesiens. Die immensen Kosten der Okkupation Osttimors wurden dort kaum je als solche anerkannt – eine Falle imperialen Nationalismus, der sich als kostspielige Selbsttäuschung erwies. Straflosigkeit ist zu einem prägenden Merkmal des indonesischen Staates geworden und wird, abgesehen von wenigen zivilgesellschaftlichen Akteur:innen, nur selten in Frage gestellt. Angehörige der indonesischen Militäreliten wurden weder für schwere Menschenrechtsverletzungen in Osttimor noch für Verbrechen anderswo im Land zur Rechenschaft gezogen. In Timor-Leste hingegen tragen viele Überlebende der Besatzung bis heute die Last von Trauma und Verlust.

Die gemeinsame Vergangenheit im Spiegel von Solidarität, Kunst und Literatur

Naldo Rei und Vannessa Hearman laden zentrale Akteur:innen aus Politik und Zivilgesellschaft dazu ein, den Konflikt und die von ihm geprägten Beziehungen zu reflektieren. Nuno Rodrigues würdigt die verstorbene indonesische Aktivistin Titi Irawati Supardi, die in Timor-Leste ihre Wahlheimat fand und sich solidarisch engagierte.

Abgerundet wird die Ausgabe durch literarische und künstlerische Reflexionen.  Jose da Costas Artikel „Sacred Water” zeigt auf, wie osttimoresische Familien ihr Wissen über Generationen hinweg weitergeben, obwohl sie infolge indonesischer Militäroperationen aus ihrer Heimat vertrieben wurden.  Rogerio Savio‘s Fotoessay zu Überlieferung in Remexio macht die vielschichtige Geschichte sichtbar.

In seinem Gedicht Sepatu Boot Tua reflektiert Ato Lekinawa Costa die Zukunft Timor-Lestes unter der Führung ehemaliger Guerillakämpfer, während der indonesische Dichter Putu Oka Sukanta mit seiner Ballade Pirilampu zugleich die Stimmen osttimoresischer Frauen ehrt, die Gewalt während der Besatzungszeit erfahren haben. So verbinden beide literarischen Beiträge persönliche Reflexion mit der kritischen Auseinandersetzung einer Gesellschaft, die ihre Vergangenheit nicht vergessen darf.

Monika Schlicher

Inside Indonesia, Indonesia and Timor-Leste living together, Edition 162: Oct-Dec 2025

 

 

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