Ein Meilenstein sei der Beitritt von Timor-Leste in die ASEAN, er sollte jedoch von einer bewussten Reflexion über die gewaltsamen Ursprünge der Nation begleitet werden. „Für Timor-Leste und Indonesien ist die Erinnerung an ihre gemeinsame Geschichte entscheidend, um eine regionale Ordnung auf der Grundlage von Gerechtigkeit und gegenseitigem Respekt zu schaffen“, analysiert der osttimoresische Historiker Ivo Mateus Goncalves in seinem Beitrag Timor Leste: Remembering the past to secure the future in Asialink.
Alljährlich am 12. November wird das Massaker auf dem Santa-Cruz Friedhof von 1991 erinnert. Es sei ein Ereignis, das symbolisch für die tiefgreifenden Verluste steht, die den Kampf Osttimors um seine Souveränität geprägt haben.
Das Massaker von Santa Cruz erinnert die Nation – und die Welt – an die Kosten des Schweigens und der Kraft der Solidarität.
Ivo Mateus Goncalves sieht eine zunehmende Herausforderung darin, diese Erinnerung zu bewahren. Eine neue Generation ist in einem unabhängigen Timor-Leste erwachsen geworden, die keine gelebte Erfahrung mit der indonesischen Besatzung hat. „Für sie ist das Massaker ein Kapitel in Lehrbüchern, ein Datum im Kalender und eine Geschichte, die von Ältesten erzählt wird - und nicht eine viszerale Erinnerung an Angst, Widerstand und Verlust. Diese Distanz verwandelt unweigerlich ein zutiefst politisches und moralisches Ereignis in ein symbolisches Ritual, das sich von seiner ursprünglichen Dringlichkeit löst.“ Das Risiko bestehe nicht nur darin, dass das Gedächtnis verblasst, sondern auch, dass seine Bedeutung verwässert oder entpolitisiert wird.
Er sieht Parallelen in Indonesiens, wo sich dieselbe Generation nicht an Suhartos autoritäre Herrschaft oder die Invasion von Timor-Leste erinnert. Als Beispiel führt er die gerade erfolgte Glorifizierung von Suharto als Nationalheld an. Für viele junge Indonesier:innen sei die Besatzung eine Fußnote in der nationalen Geschichte, die von Narrativen des Wirtschaftswachstums und des demokratischen Übergangs überschattet wird.
Gerechtigkeit immer noch unerreichbar
Trotz weltweiter Empörung bleibe die Gerechtigkeit für die vielen Verbrechen, die zwischen 1975 und 1999 begangen wurden, weiterhin unerreicht. Auch Empfehlungen der Wahrheitskommission (CARV) seien nur teilweise umgesetzt worden. "Der fehlende Wille zur Rechenschaft belastet die Überlebenden und ihre Familien weiterhin – mit Trauma, offenen Fragen und dem Gefühl, von nationalen und internationalen Institutionen verlassen worden zu sein."
Im Interesse der Aussöhnung und der regionalen Diplomatie haben osttimoresische Regierungen die bilaterale Zusammenarbeit mit Indonesien priorisiert. Dieser Ansatz habe zwar Vorteile im Handel, in der Sicherheit und für die Aufnahme in die ASEAN gebracht, vielen Opfern jedoch das Gefühl vermittelt, im Abseits zu stehen.
„Zusammenfassend mahnt Ivo Mateus Goncalves, dass die Bewahrung der Erinnerung an die Ereignisse von 1975 und ihre Folgen nicht nur dem Gedenken dient, sondern auch als wichtige Absicherung für die Zukunft. „Historische Amnesie kann zu Selbstzufriedenheit führen, nationale Narrative verzerren und Entscheidungen begünstigen, die sowohl den inneren Zusammenhalt als auch den äußeren Frieden gefährden. Für Timor-Leste ist die Erinnerung an Gewalt, Widerstand und Opfer dieser Jahre entscheidend, um demokratische Werte zu schützen und das Risiko von Autoritarismus oder äußerer Aggression zu verringern.“
Monika Schlicher