Der Artikel erschien auch auf Englisch.
In Timor-Leste ist es relativ einfach, Journalist:in zu werden“, sagt Adroaldo De Almeida, ein osttimoresischer Reporter, der jetzt in Australien lebt. „Die meisten angehenden Journalist:innen machen einfach einen Kurzlehrgang – drei bis sechs Monate – und absolvieren dann ein Praktikum bei einem Medienunternehmen. Viele dieser neu ausgebildeten Reporter:innen, die mit begrenzter formaler Bildung in den Beruf einsteigen, konzentrieren sich in der Regel auf leichte oder unkomplizierte Themen wie Top-Nachrichten, Human-Interest-Geschichten oder soziale Themen.“ Da es jedoch kaum Zugang zu hochwertiger Ausbildung und Fortbildung für Journalisten gibt, sind nur wenige in der Lage, tiefgehende oder investigative Berichterstattung zu leisten.
Selbst für jene, die diesen Beruf bewusst wählen, erweist sich die finanzielle Realität oft als ernüchternd. „Das Gehaltsniveau ist ein ernstes Problem für Journalist:innen in Timor-Leste, insbesondere im privaten Sektor“, so De Almeida. „Staatliche Medien bieten mit etwa 300 bis 500 US-Dollar pro Monat eine etwas bessere Bezahlung. In privaten Medien sind die Gehälter jedoch extrem niedrig und unbeständig. Einige Journalist:innen verdienen nur 150 US-Dollar pro Monat, andere sogar nur 80 bis 100 US-Dollar.“

Verträge haben oft nur eine Laufzeit von einem Jahr. Die Aussicht auf Verlängerung steht und fällt mit der Frage, ob das Medienunternehmen frische Finanzierung erhält, in der Regel über staatliche Gelder oder NGO-Projektförderungen. „Wenn die Finanzierung ausbleibt“, fügte er hinzu, „werden Journalist:innen oft gebeten, ehrenamtlich weiterzuarbeiten.“
Laut De Almeida setzen viele Medienunternehmen zudem weiterhin auf leistungsbezogene Verträge. „Einige Medien bieten einen Einjahresvertrag mit monatlicher Bezahlung – beispielsweise 250 US-Dollar – an, aber das Gehalt hängt von der Erfüllung einer Schreibquote ab, beispielsweise der Produktion von 20 Nachrichtenbeiträgen. Wenn die Quote nicht erfüllt wird, werden Journalist:innen pro Artikel bezahlt, manchmal nur 10 US-Dollar pro Beitrag.“
Eine weitere Herausforderung ist die Sprache: Die meisten arbeiten ausschließlich in Tetum, wodurch es schwierig wird, mit Berichten aus Timor-Leste ein internationales Publikum zu erreichen. „Es gibt immer noch sehr wenige Journalist:innen, die auf Portugiesisch oder Englisch schreiben können, doch diese Sprachen sind für die internationale Berichterstattung und einen breiteren Zugang zu Informationen unerlässlich“, erklärte er.
Die Bedingungen in der Medienbranche werden von David Da Costa, einem Journalisten einer privaten Agentur in Dili, bestätigt. „Viele Medienunternehmen sind auf staatliche Werbung angewiesen. Die journalistischen Kapazitäten bleiben begrenzt – viele Reporter:innen stehen noch am Anfang ihrer Laufbahn, und nicht alle verfügen über eine umfassende professionelle Ausbildung. Außerhalb von der Hauptstadt Dili ist die Infrastruktur nach wie vor sehr schwach. Die Digitalisierung schreitet langsam voran. Online-Medien wachsen, aber die Monetarisierung ist noch minimal“, sagte Da Costa. „Die größte Schwierigkeit ist jedoch das niedrige Gehalt, das den Journalismus zu einem unsicheren Beruf macht.“
In den letzten zwei Jahren hat sich wenig geändert
Die Beschreibungen von De Almeida und Da Costa spiegeln die Ergebnisse des Berichts State of the Media: Timor-Leste 2024 wider, der von The Asia Foundation und ABC International Development veröffentlicht wurde. Einer der Autoren des Berichts, Matthew Abud, betonte, dass nahezu alle Medienunternehmen auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, um überhaupt überleben zu können. „Der Staat ist das Zentrum der Wirtschaft Timors, und staatliche Mittel sind für fast alle Medien von entscheidender Bedeutung – diejenigen, die diese Mittel nicht erhalten, basieren größtenteils auf Freiwilligenarbeit.“
Diese Dynamik prägt alles – von der Unabhängigkeit der Medien bis hin zur Entwicklung und Pflege journalistischer Kompetenzen, so Abud. „Die Kapazitäten sind gering, und die Fluktuation ist hoch. Wegen der niedrigen Gehälter suchen viele Journalist:innen andere Jobs oder arbeiten sogar unbezahlt. Ein Sender berichtete offen, dass junge Mitarbeitende bewusst unterbezahlt werden, bis sie wieder gehen – ein fester Bestandteil ihres Geschäftsmodells.“
Abud erklärte, dass die Studie gezielt die Wahrnehmungen und Praktiken rund um ‚Desinformation‘ untersuchte. Das Verständnis des Begriffs variierte jedoch stark. Sobald das Thema zur Sprache kam, mündete es häufig sofort in Diskussionen über Online-Missbrauch und persönliche Angriffe. Diese Themen waren weitaus bedeutender. „Für mich zeigt dies, dass ‚Desinformation‘ eher von außen – als internationale politische Priorität – gesetzt wurde und nicht von den Osttimores:innen selbst. Zwar stellt Desinformation eine ernsthafte Herausforderung dar, doch in Timor scheint ihre Priorisierung ein Beispiel für einen internationalen Top-down-Ansatz zu sein, der nicht den dringendsten lokalen Bedürfnissen entspricht.“
Unter solchen Bedingungen ist es äußerst schwierig, die Qualität der Medien aufrechtzuerhalten. Der Direktor für Medienanalyse und -überwachung beim Presserat von Timor-Leste, Alberico Junior, beschrieb die Situation klar: „Die Regierung gewährt den Medien über den Minister für soziale Kommunikation Subventionen. Im Gegenzug wird von diesen Medien jedoch erwartet, dass sie Regierungsprogramme verbreiten.“
Viele sprachen über den Einfluss der Kirche, etwa bei der Berichterstattung über den pädophilen Priester Dashbach oder über Skandale im Zusammenhang mit Kircheneigentum. Häufig gab es daraufhin Gegenreaktionen oder es herrschte Angst. Einige Gesetze zeigen starke Wirkung – etwa die Rolle des Presserats bei der Beilegung von Streitigkeiten. Die Gesetze verlangen auch, dass Journalist:innen sich registrieren lassen. Abud wies darauf hin, dass die Gefahr bestehe, Verleumdung künftig als Straftat statt als zivilrechtliche Verletzung zu behandeln. „Einige Politiker:innen sprachen sich dafür aus, auch wenn es bislang nicht umgesetzt wurde.“
Die Rangliste der Pressefreiheit spiegelt diese Realität wider. Timor-Leste lag 2023 unter den Top Ten, fiel 2024 auf die Top 20 zurück und ist in diesem Jahr weiter auf Platz 39 gefallen. „Der Rückgang im Jahr 2025 ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen“, erklärte Junior. „Im April 2024 betrat der Staatssekretär für soziale Kommunikation, Expedito Diaz Ximenes, die Redaktion des öffentlich-rechtlichen Senders RTTL und forderte die Entfernung bestimmter Nachrichteninhalte. Zugleich hat die Politisierung der öffentlichen Medien – RTTL und der staatlichen Nachrichtenagentur Tatoli – zugenommen, da Führungspersonen mit Verbindungen zur Regierungspartei an die Spitze beider Einrichtungen berufen wurden. Dies erleichtert es Regierungsvertreter:innen, direkt in redaktionelle Entscheidungen einzugreifen.“
Ein weiterer Vorfall trug ebenfalls zum Rückstufung bei. Im September 2024, vor dem Besuch von Papst Franziskus in Timor-Leste, nahm die Polizei die Journalistin Antonia Kastono Martins von Diligente Online fest, während sie über die Vertreibung von Straßenverkäufern durch die Regierung in Dili berichtete.
Digitale Medien in Timor-Leste
Aber brachte der Besuch des inzwischen verstorbenen Papstes auch frischen Schwung – vielleicht sogar die Chance auf schnellere Internetgeschwindigkeiten in Timor-Leste, die das Wachstum der Mediendigitalisierung unterstützen könnten? Laut Abud sind abgesehen von einigen traditionellen Printmedien und Community-Radios vor allem kleinere, meist von jungen Menschen betriebene Medien vollständig digital. Dadurch können unterschiedliche Stimmen Gehör finden. Dennoch besteht eine erhebliche digitale Kluft: Internetzugang ist teuer, und außerhalb der Hauptstadt ist die Konnektivität stark eingeschränkt. Das Unterwasser-Internetkabel wurde vor etwa einem Jahr angeschlossen, doch welche Veränderungen sich seitdem tatsächlich ergeben haben, ist noch unklar.
Abud erklärte, dass selbst beliebte Online-Medien Schwierigkeiten haben, über digitale Plattformen Einnahmen zu erzielen, da viele Unternehmen nicht in Timor-Leste registriert sind und keine lokalen Niederlassungen besitzen. „Hinzu kommt, dass Timors Bankensystem international schlecht vernetzt ist, sodass es schwierig ist, Zahlungen zu erhalten – etwa aus Werbeeinnahmen auf YouTube oder ähnlichen Plattformen.“
Alberico Junior wies darauf hin, dass internetbasierte Medienplattformen mittlerweile eine zentrale Rolle bei der Förderung und Stärkung der noch jungen Demokratie des Landes spielen. „Gleichzeitig stellen Falschinformationen in den sozialen Medien eine große Herausforderung für die Mainstream-Medien dar, insbesondere in Bezug darauf, wie sie das Vertrauen der Öffentlichkeit bewahren und stärken können. Medienfachleute müssen sich durch qualitativ hochwertigen Journalismus deutlich von der Masse abheben.“
Es liegt noch viel Arbeit vor uns
Sowohl De Almeida als auch Da Costa sind sich einig, dass die Arbeitsbedingungen für Journalist:innen verbessert und die berufliche Weiterbildung ausgebaut werden muss, um die Qualität der Medien in Timor-Leste insgesamt zu steigern. Junior vom Presserat hofft, dass trotz aller bestehenden Herausforderungen die journalistische Unabhängigkeit erhalten bleibt und die Journalist:innen weiterhin etablierte ethische Standards einhalten. „Damit die Medien in Timor-Leste Fortschritte machen können, muss die Regierung aufhören, die öffentlichen Medien zu politisieren, und stattdessen ihre Arbeit respektieren sowie die Pressefreiheit gewährleisten.“
"Politische Einflussnahme und Selbstzensur durch politischen Druck stellen große Probleme dar"
Abud ist der Auffassung, dass es keine schnellen Lösungen zur Verbesserung der Medienlandschaft in Timor-Leste gibt. Seiner Ansicht nach sind umfassende Reformen nötig, darunter eine unabhängige öffentliche Finanzierung – wobei er einräumt, dass staatliche Mittel weiterhin unverzichtbar bleiben, während politischer Einfluss und Selbstzensur durch politischen Druck nach wie vor große Probleme darstellen.
„Es ist entscheidend, eine klare Mission zu entwickeln, die die Zielgruppen präzise definiert und ihnen das bietet, was sie wirklich brauchen – nicht nur Informationen über die Regierung. Gleichzeitig muss aufgehört werden, die Regierung als primäre Zielgruppe zu betrachten“, schlägt Abud vor.
Abud betonte die Notwendigkeit gezielter Schulungen für junge Menschen. „Ohne grundlegende Änderungen in der Finanzierung werden diese Maßnahmen jedoch keine langfristige Wirkung entfalten. Ebenso dringend ist eine stärkere Ausrichtung auf die Regionen außerhalb von Dili sowie eine verbesserte Berichterstattung über Frauen- und Geschlechterrechte. Soziale Normen, die geschlechtsspezifische Gewalt begünstigen, müssen kritisch hinterfragt und verändert werden.“
Junior blieb optimistisch und rief alle Beteiligten dazu auf, gemeinsam Medien- und Informationskompetenz zu fördern, um die Pressefreiheit zu sichern und die Öffentlichkeit zuverlässig zu informieren.
Mit der zunehmenden digitalen Vernetzung bietet sich für Timor-Leste eine Chance: die lokalen Medien zu stärken, den Informationszugang auszuweiten und die Demokratie durch kritischen und partizipativen Journalismus zu vertiefen. Ohne das gemeinsame Engagement von Regierung, Medien und Zivilgesellschaft könnten jedoch anhaltende Herausforderungen wie eine fragile Wirtschaft, Desinformation und ungleicher Zugang dieses Potenzial untergraben.
Der Artikel erschien zeitgleich auf Englisch unter: Timor-Leste’s Media at a Crossroads: Key Challenges Ahead

Über die Autorin
Ayu Purwaningsih ist Absolventin der DW Akademie International Media Studies. Ayu ist außerdem international zertifizierte Journalismus-Ausbilderin. und führte 2024 in Zusammenarbeit mit der DW Akademie und mit Unterstützung des Auswärtigen Amts ein Schulungsprogramm für Journalist:innen in Timor-Leste durch.