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Wie der staatliche indonesische Energiekonzern Desinformation betreibt

Desinformationskampagne auf Facebook
Konten, die zwischen März und Juni 2025 die Desinformationskampagne auf Facebook weiterverbreitet haben (Bild: Forbidden Stories).

Eine Recherche, wie Geothermievorhaben positiv dargestellt und gezielt Narrative über ein unabhängiges Nachrichtenportal verbreitet werden.

In Indonesien ist die Berichterstattung der Nachrichtenseite Floresa über Geothermieprojekte ein Dorn im Auge des staatlichen Energieversorgers. Um den Recherchen des unabhängigen lokalen Mediums entgegenzuwirken, hat Perusahaan Listrik Negara (PLN) Berichten zufolge rund 30 Journalist:innen angeheuert, um auf der Insel Flores gezielt positive Narrative über Geothermie zu verbreiten. Personen aus dem Umfeld von PLN sowie Regierungsanhänger:innen haben darüber hinaus eine Desinformationskampagne auf Facebook unterstützt, die sich gegen Floresa und Gegner:innen der Geothermieprojekte richtet.

Dieser Artikel ist der zweite Teil einer Recherche und wurde vom journalistischen Netzwerk Forbidden Stories mit dem lokalen Nachrichtenportal Floresa in Indonesien durchgeführt. Den ersten Teil "Indonesien: Geothermie um jeden Preis" finden Sie hier, dort wird auch der Hintergrund über die Geothermieprojekte auf Flores genauer erläutert.

  • Interne Dokumente zeigen, dass das staatliche Energieunternehmen PLN Journalist:innen dafür bezahlt, positive Berichterstattung über laufende Geothermieprojekte auf der Insel Flores zu verbreiten. Die Dokumente liegen Forbidden Stories vor.
  • Eine exklusive Aussage eines ehemaligen PLN-Auftragnehmers beschreibt eine systematische Gegenpropaganda mit dem Ziel, das unabhängige Medium Floresa zu diskreditieren.
  • Regierungsnahe Akteur:innen und Personen aus dem Umfeld des Energieunternehmens PLN haben eine Desinformationskampagne unterstützt, die von einem dubiosen Facebook-Account gestartet wurde und Floresa ins Visier genommen hat. Das zeigt eine Analyse von Forbidden Stories.

Gezielte Berichterstattung gegen unabhängiges Medium

Anfang Oktober 2024, an einem sonnigen Tag, vibrierte das Handy von Ryan Dagur. Für den Geschäftsführer des unabhängigen Mediums Floresa war das nichts Ungewöhnliches – doch diese Nachricht riss eine Wunde wieder auf, die sein junges Redaktionsteam kurz zuvor tief erschüttert hatte.

Polizeiwagen in Mataloko (Foto: Floresa)Eine Quelle aus dem Umfeld des staatlichen indonesischen Stromkonzerns Perusahaan Listrik Negara (PLN) warnte ihn vor einer laufenden Desinformationskampagne gegen Floresa. Der Kontakt schickte ihm eine Kopie einer Pressemitteilung, die PLN demnach diskret unter den von ihnen bezahlten Journalist:innen verbreitete.

Der Inhalt richtet sich gegen Gegner:innen von Geothermie-Kraftwerksprojekten auf der Insel Flores. Die Technologie, bei der Wärme aus vulkanischem Erdreich in Strom umgewandelt wird, ist laut nationaler Strategie der indonesischen Regierung ein zentraler Bestandteil der Dekarbonisierungspolitik des Landes.

Die Pressemitteilung beschuldigt Floresa und dessen unabhängige Journalist:innen Teil eines Netzwerks zu sein, das versuche, „bestimmte Einwohner:innen zu mobilisieren“, um Geothermie auf Flores zu sabotieren. Besonders alarmierend für Dagur war ein Absatz, in dem der Chefredakteur von Floresa beschuldigt wird, „im Interesse von Provokation und einseitiger Berichterstattung“ zu handeln.

Floresa hebt sich in der lokalen Medienlandschaft auf Flores durch ihre Berichterstattung über bislang wenig beleuchtete Themen hervor. Nur wenige Tage zuvor war der beschuldigte Chefredakteur, Herry Kabut, von Polizeibeamten geschlagen worden, während er über einen Protest gegen die Erweiterung des Geothermiekraftwerks Ulumbu in Poco Leok berichtete. Die Polizei beantwortete die Fragen von Forbidden Stories zu dem Vorfall nicht. Kabut zufolge bezeichnete ihn einer der Polizisten als „Provokateur“ und warf ihm vor, zu viele negative Artikel über den Geothermiesektor zu veröffentlichen. Diese Wortwahl entspricht auffallend genau den Kernaussagen aus der PLN-Pressemitteilung, die lokale Medien wie Pijarflores und Info Pertama – beide reagierten auch nicht auf Anfragen von Forbidden Stories – kurz nach dem Angriff auf Kabut verbreiteten.

Der staatliche Konzern PLN scheint auf Flores erheblichen Einfluss auszuüben. Die Recherche von Forbidden Stories, durchgeführt in Zusammenarbeit mit Floresa, zeigt: Von der Bezahlung von Journalist:innen bis hin zu mutmaßlichen Bestechungsversuchen schreckt PLN nicht davor zurück, Geothermieprojekte durchzusetzen, die von der indonesischen Regierung priorisiert werden.

Befremdliche „Medienkooperationen“ von PLN

Am Abend des 22. Dezember 2024, kurz vor 19 Uhr, betrat Dagur ein stilvoll eingerichtetes Café westlich von Jakarta. Er hatte dieses Treffen bereits zweimal abgelehnt. Ihm gegenüber saßen ein Ingenieur und ein Kommunikationsverantwortlicher von PLN, begleitet von zwei weiteren Personen. An Dagurs Seite war sein Kollege Petrus Dabu.

Nach Dagurs Darstellung kamen die PLN-Repräsentanten rasch auf den Punkt: Sie boten Floresa eine „Zusammenarbeit“ an. Im Gegenzug erwarteten sie, dass die Berichterstattung des Mediums „mit der Darstellung von PLN zu den Geothermieprojekten auf Flores übereinstimmt“, so Dabu.

Links Ryan Dagur, rechts Petrus Dabu (Quelle: Floresa.co / Screenshot Forbidden Stories)Die Vertreter erwähnten zudem, dass „mehrere andere regionale Medien bereits mit ihnen zusammenarbeiten“. Die Journalist:innen lehnten ab. Daraufhin bot PLN laut Dagur sogar an, ihn persönlich für Kommunikationsberatung zu bezahlen. Er lehnte wieder ab.

„Sie stellten Snacks, Kaffee und Mineralwasser bereit, aber wir haben nichts angerührt“, sagte Dagur. „Ich bin Raucher; einer von ihnen kaufte zwei Schachteln Zigaretten, aber ich nahm sie nicht an. Ich bat sie, die Schachteln wieder mitzunehmen.“ Das Treffen endete ohne eine Übereinkunft zwischen den Reportern und PLN. PLN beantwortete die Fragen von Forbidden Stories zu diesem Treffen nicht.

Wenn PLN sich so direkt an die Journalist:innen von Floresa wendet, dann deshalb, weil andere Medien auf der Insel das lukrative Angebot des Unternehmens bereits angenommen haben. Dokumente, die Forbidden Stories und Floresa einsehen konnten, zeigen wie diese „Zusammenarbeit“ mit dem mächtigen Energieunternehmen funktioniert.

Kontoauszüge belegen Überweisungen von einem privaten Konto eines Unternehmensmitarbeiters an einen Journalisten, der die PLN-Narrative in den Medien verbreitete. Rechnungen enthalten monatliche Zusammenfassungen aller dieser Veröffentlichungen als Nachweis für die Zahlung.

Für einen lokalen Journalisten garantiert eine Vereinbarung mit PLN eine erhebliche Einkommenssteigerung – manchmal sogar eine Verdopplung des Gehalts. Für insgesamt neun Millionen indonesische Rupiah (ca. 460 Euro) wurden innerhalb von vier Monaten mehr als 150 Artikel in vier Medien veröffentlicht. Diese Artikel loben PLN, heben dessen erfolgreiche regionale Entwicklung und Kinderinitiativen hervor und stellen Geothermie als „Notwendigkeit für Gesellschaft und heutige Zeit“ dar.

Ein Insider, ein ehemaliger Auftragnehmer von PLN, der anonym bleiben möchte, schildert den Alltag dieses Systems. Anton (Name anonymisiert) war mehrere Monate lang eines der Rädchen im Getriebe. Anton beschrieb Pressemitteilungen, die „ein- bis zweimal täglich“ in einer speziellen WhatsApp-Gruppe von PLN-Führungskräften und „etwa 30“ Journalist:innen aus den umliegenden Bezirken verschickt wurden. Eine weitere WhatsApp-Gruppe mit etwa zehn Journalist:innen war sogar speziell für Nachrichten über Poco Leok vorgesehen.

PLN „hat uns unter Druck gesetzt, ihre Botschaften zu veröffentlichen“ sagte er. Die Vergütung – zwischen 1 Million und 1,5 Millionen indonesischen Rupiah (etwa 50 bis 75 Euro) pro Medienunternehmen und Monat – ist in dieser Region, in der der Mindestlohn bei 2,3 Millionen Rupiah liegt, eine beträchtliche Summe.

Floresa stand besonders im Fokus von PLN, erklärte Anton. „Wenn ein kritischer Artikel bei Floresa erschien, eilten Journalist:innen am nächsten Tag nach Poco Leok und verfassten mehrere PLN-freundliche Artikel, um die Berichterstattung zu verdrängen“, sagte er. Seiner Meinung nach handelte es sich um eine systematische Gegenpropaganda.

Ein zweifelhafter Account und Desinformation

In diesem ohnehin schon von Feindseligkeit geprägten Umfeld wurde Floresa zur Zielscheibe einer weiteren Offensive – diesmal über soziale Medien. Zwischen Anfang März und Anfang Juni 2025 kursierten auf Facebook falsche Informationen, die von einem Nutzer namens Reba Pitak stammten.

Fotos, die vom Facebook-Account Reba Pitak verwendet wurden (Quelle: Facebook / Screenshot von Forbidden Stories)Seine Posts spiegeln die Position von PLN und den Behörden wider und unterstützen den Kampf gegen „strukturelle Armut”. Anstelle persönlicher Inhalte ist Pitaks Account mit Bildern und Illustrationen aus anderen Profilen und Websites gefüllt. Reba Pitak bringt unabhängige Medien und Gegner:innen der Geothermie mit Organisationen in Verbindung, die angeblich von ausländischen Interessen finanziert werden, wie dem amerikanischen Milliardär George Soros und Ölkonzernen wie ExxonMobil und BP.

Ein Beitrag von Reba Pitak vom 13. Mai 2025 stellt Floresa als Teil einer Anti-Geothermie-Kampagne dar, die von fossilen Energieunternehmen finanziert wird, die der Dekarbonisierung feindlich gegenüberstehen. Er zitiert dabei Quellen, die online nicht auffindbar sind. Er beschuldigt Floresa, ein Spielball in einem „Krieg zu sein, der mit schmutzigem Geld von Shell und der fossilen Oligarchie finanziert wird, um Indonesien unter der Herrschaft schmutziger Energie zu halten”.

Um die Motive hinter dieser Desinformationskampagne besser zu verstehen, analysierte Forbidden Stories 25 Beiträge zum Thema Geothermie durch, die zwischen März und Juni 2025 von Account Reba Pitak gepostet wurden.

Insgesamt 13 verschiedene Profile teilten einen oder mehrere dieser Beiträge – entweder auf ihren eigenen Seiten oder in Gruppen – und erreichten damit potenziell 550.000 Facebook-Nutzer:innen. Die genaue Zahl ist jedoch schwer zu ermitteln, da einige Nutzer:innen möglicherweise mehreren Gruppen angehören und mehrfach gezählt werden.

Von den Profilen, die diese Falschinformationen verbreiten, veröffentlicht die Hälfte auch Inhalte, die die Behörden unterstützen. Fast ein Viertel arbeitet direkt oder indirekt für PLN. Weitere Hinweise deuten auf eine koordinierte Aktion hin, um bestimmte Beiträge von Reba Pitak zu verstärken.

Ein Post, der die angeblich von Gegner:innen der Geothermie vertretene „absolute Wahrheit“ attackierte, wurde am 7. Juni 2025 von zwei verschiedenen Accounts erneut gepostet. Auf den ersten Blick scheinen sie keine Verbindung zu haben, abgesehen von diesem fast zeitgleichen Repost im Abstand von zwei Minuten, mehrere Stunden nach der ursprünglichen Veröffentlichung.

Das erste Profil ist anonym und begann im Mai 2025 mit der Verbreitung von Informationen über Flores, wobei der Schwerpunkt auf Kontroversen rund um die geothermiekritische Mobilisierung lag. Das zweite ist ein Account, der die Wiederwahlkampagne des Regenten von Manggarai unterstützt, dem Bezirk, zu dem auch Poco Leok gehört. Oberflächlich betrachtet gibt es keine Verbindung zwischen den beiden Profilen, abgesehen von dieser fast zeitgleichen Weiterveröffentlichung.

Als Forbidden Stories Kontakt aufnahm, stellte sich der Account von Reba Pitak in einer schriftlichen Nachricht als Mitglied der indigenen Gemeinschaft von Manggarai vor. Er erklärte, dass er „nicht für PLN arbeitet, kein Auftragnehmer oder Unternehmenssprecher sei und auch kein Berater der Regierung“. In dieser Nachricht bestritt der Account, Desinformationen veröffentlicht zu haben, und stellte stattdessen seine Posts als „Kritik an den Medien und NGOs dar, die Geothermie komplett ablehnen und jeden Dialog mit dem Staat und mit PLN verweigern“ dar. Von den 13 Accounts, die laut Forbidden Stories Pitaks Inhalte geteilt hatten, antwortete nur einer auf die Bitte um Stellungnahme. Dieser schrieb, es sei immer gut, mehr als eine Meinung zu haben.

Analyse der Desinformationskampagne auf Facebook (Bild: Forbidden Stories)

Indonesien: Ein Spielplatz für ‚Buzzer‘

Diese Art von Desinformationskampagne ist in Indonesien kein Einzelfall. Sie gibt einen Einblick in eine regelrechte Industrie, deren Akteure einen Namen haben: Buzzer. Das sind Personen, die bestimmte Meinungen oder Botschaften bzgl. bestimmter Themen online verbreiten, um damit die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

„Es ist eine verschwiegene Welt“, sagte Wijayanto, Politikwissenschaftler an der Universität Diponegoro und Experte auf diesem Gebiet. Er hat bereits mit einigen dieser Klick-Söldner:innen gesprochen weiß, wie solche Kampagnen organisiert werden.

Die Kampagnen werden immer „durch eine:n Vermittler:in, die oder der einer Politiker:in nahesteht“, ausgelöst. „Buzzer sehen nie die Gesichter der Menschen, die ihnen Befehle erteilen; sie kennen nur ihren Koordinator:in“, fuhr er fort. „Manchmal wissen die Koordinator:innen auch nicht, wer der Vermittler:in oder die dahinter stehenden Personen sind und werden nur bezahlt. „Die vermittelnde Person kann dabei ein:e politische:r Berater:in oder eine Person aus dem Umfeld politischer Entscheidungsträger:innen sein.“

Die rund 284 Millionen Einwohner Indonesiens bilden eine der größten Social-Media-Nutzergruppen weltweit, mit mehr als 150 Millionen Konten auf TikTok und 100 Millionen auf Instagram. Das bedeutet ebenso viele Ziele – oder Träger:innen – für Desinformationskampagnen.

Artikel von Alexander Abdelilah und Floresa. Übersetzung von Raphael Göpel/Stiftung Asienhaus.

Bildnachweise: Titelgrafik  – Fordbidden Stories, Foto 1 – Floresa, Foto 2  – Quelle: Floresa.co / Screenshot Forbidden Stories, Foto 3  – Facebook / Screenshot von Forbidden Stories, Bild 4 – Forbidden Stories

Diese Recherche wurde ursprünglich auf Forbidden Stories unter dem Titel "Indonesian energy giant's disinformation strategy“ veröffentlicht. Die Recherche ist Teil der Reihe #GreenCrimes, die sich mit Umweltverbrechen befasst. Forbidden Stories ist eine gemeinnützige Organisation, die bedrohte Journalist:innen schützt und Recherchen von Reporter:innen fortsetzt, die zum Schweigen gebracht wurden.  Die Stiftung Asienhaus hat den Artikel im Rahmen einer Kooperation auf Deutsch übersetzt. Die Stiftung bedankt sich herzlich für die Bereitstellung von Text und Bildern und die gute Zusammenarbeit.

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