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Chinas Strategische Partnerschaft mit Timor-Leste

Blick auf die Flaggen von Timor-Leste und China – eine symbolische Darstellung der bilateralen Beziehungen zwischen den beiden Ländern.
Blick auf die Flaggen von Timor-Leste und China – eine symbolische Darstellung der bilateralen Beziehungen zwischen den beiden Ländern.

Die Auswirkungen der Partnerschaft auf die regionale Sicherheit und die bilateralen Beziehungen stehen im Mittelpunkt der Berichterstattung in den internationalen Medien. Die osttimoresische NGO Fundasaun Mahein weitet mit ihrer Analyse den Blick auf die Bedeutung der Außenpolitik von Timor-Leste sowie die Rolle der Länder des Globalen Südens in der sich verändernden politischen Landschaft.

Nach einem Treffen zwischen Chinas Präsident Xi Jinping und Timor-Lestes Premierminister Xanana Gusmão in Hangzhou am 23. September 2023 verkündigten beide Länder offiziell, dass sie ihre bilaterale Beziehung intensivieren und eine umfassende strategische Partnerschaft eingehen werden. Diese Partnerschaft sieht die Ausweitung bilateraler Investitionen und die Zusammenarbeit in Bereichen wie Infrastruktur vor, sowie die Stärkung der militärischen Zusammenarbeit und die gemeinsame Erkundung von Timor-Lestes Öl- und Gasressourcen. Die Kooperation wird als bedeutsamer Schritt für beide Nationen angesehen, insbesondere für Timor-Leste, das seit seiner Unabhängigkeit vor weniger als 25 Jahren vor der nicht unerheblichen Aufgabe steht, sich wirtschaftlich zu entwickeln.  

China: Einflussgewinn und wirtschaftliche Interessen

In den westlichen Medien wird die Aufwertung der bilateralen Beziehungen als ein Schritt Chinas interpretiert, um seinen Einfluss in der Region zu vergrößern. Informationen von ABC/Reuters zufolge sei das Ziel dieser Partnerschaft die Präsenz und Macht Pekings in der Region zu festigen. Auch Parker Novak, Non-Resident Fellow bei der Indo-Pacific Security Initiative und Global China Hub des Atlantic Council, hebt gegenüber The Guardian hervor, dass „die Volksrepublik China […] von einer Ausweitung ihres Einflusses in Timor-Leste profitieren [würde]“. Die geografische Lage des Landes im indonesischen Archipel, nur eine Flugstunde von Australien entfernt, mache zu einem strategisch bedeutenden Partner für China.

Bindung an China: Zwischen Allianzen und wirtschaftlicher Notwendigkeit

Timor-Lestes Interesse an der Vertiefung der Beziehungen mit China geht laut The Guardian über eine bloße politische Zusammenarbeit hinaus. Die Partnerschaft entspreche auch dem Wunsch des Landes seine Verbindungen mit bedeutenden Wirtschaftsmächten zu stärken. Spekulationen zufolge könnte diese Partnerschaft auch eine Strategie sein, um von Australien mehr finanzielle Unterstützung für die Erschließung der lukrativen Öl- und Gasreserven, insbesondere des Feldes Greater Sunrise, zu erhalten. Timor-Leste sucht nach Möglichkeiten, seine Entwicklung voranzutreiben. Dies spiegelt sich in der Erkundung verschiedener Optionen wider, darunter der bereits erfolgte Aufbau von Partnerschaften mit Ländern wie Australien und China, wie von The Diplomat beschrieben.

Die Greater Sunrise Öl- und Gasfelder, deren Wert auf mehr 40 Milliarden US-Dollar geschätzt wird, sind für die Zukunft von Timor-Leste von entscheidender Bedeutung. Timor-Leste plant, das Gas nach an seiner Südküste zu verarbeiten, während Australien im Verbund mit Woodside Energy darauf besteht, es nach Darwin zu transportieren. Das staatliche Öl- und Gasunternehmen Timor Gap betont die wirtschaftliche Machbarkeit in Timor-Leste, während Woodside Energy die finanzielle und regulatorische Sicherheit für eine Entwicklung nach Darwin betont. Die Unstimmigkeiten bezüglich des Raffineriestandorts stellen eine wesentliche Hürde für die Entwicklung des Gasfelds dar. In diesem Zusammenhang wird die Partnerschaft mit China als strategischer Schachzug betrachtet, um alternative Allianzen und Ressourcen für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zu sichern.

Timor-Leste hat die Auseinandersetzung mit Australien um die Seegrenze für sich entscheiden: Ein Sieg der ganzen Nation © Monika Schlicher Die enge Bindung Timor-Lestes an China lässt sich, laut dem Australian Institute of International Affairs (AIIA), auf zwei entscheidende Faktoren zurückführen. Ein wesentlicher Aspekt ist die konsequente Politik des Landes, so viele aktive internationale Beziehungen wie möglich zu unterhalten. Diese Diversifikationsstrategie ist das Ergebnis der historischen Erfahrungen Timor-Lestes, zunächst von einem großen Nachbarn (Indonesien) beherrscht und später in einem gestörten Verhältnis zu einem anderen (Australien) involviert zu sein. In diesem Zusammenhang steht insbesondere die Streitigkeit zwischen Timor-Leste und Australien über die Seegrenze im sogenannten Timor Gap, die Timor-Leste erfolgreich für sich entscheiden konnte. Die Vielfalt der Beziehungen soll sicherstellen, dass das Land keine einseitige Abhängigkeit von einem einzigen Staat entwickelt, wobei China das Gegengewicht zu den Vereinigten Staaten und Australien bildet.

Der zweite Faktor, der diese Nähe zu China beeinflusst, ist die akute Notwendigkeit, Investitionen und Kredite zu sichern, insbesondere vor dem Hintergrund dessen, was der Internationale Währungsfonds (IWF) als die „fiskalische Klippe“ des Landes bezeichnet hat. Mit dem aktuellen Ausgabetempo prognostiziert der IWF, dass Timor-Leste in etwas mehr als einem Jahrzehnt vor finanziellen Herausforderungen stehen wird. Die Suche nach Investitionspartnern, insbesondere die verstärkte Präsenz Chinas in nicht-ölbasierten Wirtschaftsbereichen, wird zu einem zentralen Element bei den Bemühungen Timor-Lestes, seine wirtschaftlichen Probleme zu bewältigen. Dieser internationale Balanceakt könnte jedoch nach Einschätzung des AIIA den wirtschaftlichen Realitäten zum Opfer fallen, wenn nicht rechtzeitig Maßnahmen ergriffen werden.

Australien: Enge Beziehungen und Allianzspekulationen

Timor-Leste unterhält enge Beziehungen zu Australien, das als bedeutender Partner für Entwicklung und Sicherheit des Landes betrachtet wird. Die australische Regierung hat im Haushaltsjahr 2023-24 beträchtliche Mittel in Höhe von 118 Millionen US-Dollar an öffentlicher Entwicklungshilfe zugunsten verschiedener Sektoren in Timor-Leste bereitgestellt, darunter wirtschaftliche Entwicklung, Bildung und Gesundheitswesen.

Launch of R4D Phase II in Same, Manufahi, Timor-Leste © ILO/F. Lim (2017) / Flickr. CC BY-NC-ND 3.0 IGO DEED

Es gibt jedoch Bedenken in der australischen Regierung, Timor-Leste könnte in die Fußstapfen der Salomonen treten, die im Juli letzten Jahres einen Militärpakt mit China geschlossen haben, wie die Jakarta Post berichtet. Diese Skepsis seitens Australiens beruht auf der Besorgnis über mögliche Verschiebungen in den Bündnissen und den potenziellen Auswirkungen auf den Einfluss Australiens im pazifischen Raum. Dies wird insbesondere vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen und strategischen Bedeutung der Öl- und Gasvorkommen in Timor-Leste diskutiert.

Fundasaun Mahein: Analyse und Empfehlungen

„Wachsender internationaler Wettbewerb: Chancen und Risiken“ titelt Fundasaun Mahein ihre Analyse zur strategischen Partnerschaft zwischen China und Timor-Leste, die sie zeitnah zum Abkommen im Oktober 2023 vorgelegt hat. Sie möchte den Umfang der Diskussion zum Abkommen erweitern, indem sie die Partnerschaft innerhalb einer breiteren geopolitischen Dynamik und den sich verschärfenden Wettbewerb um globalen Einfluss verortet.

Fundasaun Mahein ist eine Nichtregierungsorganisation in Timor-Leste, die sich mit Analysen und Politikempfehlungen zur Demokratisierung, der Entwicklung staatlicher Institutionen und dem Sicherheitssektor einbringt. 

Flaggenmeer in Timor-Leste: Internationale Vernetzung ist zentral für die Außenpolitik, die auf Entwicklung und Sicherheit abzielt. © Monika Schlicher

„In der Vergangenheit wurde Timor-Leste zum Opfer der Politik des Kalten Krieges, und dies prägt auch heute noch die politische Entscheidungsfindung“, hält die NGO in ihrer Analyse fest. Die Außenpolitik Timor-Lestes betont daher die Bedeutung von partnerschaftlichen Beziehungen zu benachbarten Ländern und der internationalen Gemeinschaft, um die Entwicklung und Sicherheit des Landes sicherzustellen. Dabei steht die Diversifizierung der Partnerschaften im Zentrum, mit bestehenden Abkommen mit Australien, den Vereinigten Staaten und anderen Ländern in der Region. Von großer Priorität für die Regierung ist die Vollmitgliedschaft in der ASEAN.

Die kürzlich verstärkte Partnerschaft mit China, die sich auf Handel, Infrastruktur und industrielle Entwicklung konzentrieren soll, wird von Fundasaun Mahein als pragmatischer Ansatz zur Bewältigung wirtschaftlicher Herausforderungen betrachtet. Bedenken bestehen hinsichtlich möglicher Risiken wie Korruption und Umweltschäden.

„Die verstärkte Zusammenarbeit mit China hat das Potenzial, Timor-Leste erhebliche materielle Vorteile zu bringen“, betont die NGO, „aber dies ist angesichts der derzeitigen Einschränkungen der wirtschaftlichen und administrativen Kapazitäten von Timor-Leste bei weitem nicht garantiert.“

Fundasaun Mahein empfiehlt ein solides Projektmanagement einzuführen, Kapazitäten in Monitoring und Vertragsverhandlungen aufzubauen und eine umfassende Bewertung sozialer, ökologischer und finanzieller Aspekte sicherzustellen.

Kritiker:innen des chinesischen Engagements in Timor-Leste äußern nicht nur Bedenken darüber, dass viele von China durchgeführte Projekte und der chinesische Handel fragwürdige Vorteile für die Bevölkerung und die Wirtschaft von Timor-Leste gebracht haben, sondern auch Korruption begünstigt und negative Umweltauswirkungen hatten. Diese Kritikpunkte seien berechtigt, gelten jedoch nicht ausschließlich für die chinesische Zusammenarbeit: „Unternehmen aus verschiedenen Ländern haben große Ausschreibungen in Timor-Leste […], die verschwenderischsten Projekte wurden hauptsächlich von innenpolitischen Interessen getrieben." 

Fazit:

Die Organisation plädiert für die Fortsetzung und Erweiterung der internationalen Kooperationsprogramme mit verschiedenen Partnern, ohne sich in Rivalitäten zwischen Großmächten zu verstricken. Die Zusammenarbeit mit den USA und Australien sei für Schlüsselbereiche wie Luftfahrt und maritime Sicherheit unerlässlich. Darüber hinaus werde die Zusammenarbeit mit Partnern wie der Weltbank, der ADB, Korea, Japan, der ASEAN, dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Regierungsführung und sozioökonomische Entwicklung, die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und die Regulierungskapazitäten von Timor-Leste verbessert. Ziel für Timor-Leste müsse sein, durch eine kluge Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern die strategische Haltung der Neutralität beizubehalten, gleichzeitig seine Souveränität zu behaupten, die sozioökonomische Entwicklung sicher zu stellen und zu Frieden und Sicherheit in der Region beizutragen.

Die Autorin

Saskia Loges absolviert derzeit ihren Master in International Political Economy of East Asia an der Ruhr-Universität Bochum. Ihr Schwerpunkt liegt auf dem Einfluss gesellschaftlicher Ideen und Interessen auf die Außenbeziehungen Ostasiens.

 

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